Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zwischenruf zum „Hipster“-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die „Rocky Horror Picture Show“, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von „Hipster“.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

„Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?“

Was ist das „N..“ im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers da Erwähnung findet, nun aber gerade in jenen Kontext gestellt wird, der (allerdings vor allem bei Jaspers und solchen) soziale und kulturelle Rahmen hinfort philosophierte wie kaum eine andere: Dem Existentialismus der „Grenzerfahrung“.

Und schlicht ignoriert, worüber Mailer schrieb: Nämlich die Imitation der Haltung insbesondere schwarzer Jazz-Musiker, also jener, die im Gegensatz zu Stan Getz nicht in der 1. Klasse im gleichen Zug mit diesem fuhren. Das war die Generation, die davon geprägt war, Seite an Seite mit ihren weißen „Kameraden“ Europa befreit zu haben – um dann wieder mittemang in der Segration, der „Rassen-„-Trennung zu landen.

Politisch desillusioniert fand man erst im BeBop, dann in Hard Bop und Modalem Jazz, dann im Free Jazz Ausdruckformen. Solche, die gewissermaßen aus der Perspektive schwarzer Traditionen, insbesondere des Blues, die europäische Musik, insbesondere Debussy, aber durchaus auch Schönberg und Strawinsky, erkundete und daraus ganz und gar eigene musikalische Sprachen modellierte.

Das geschah immer auch in Kommunikation mit westafrikanischen Traditionen; als sich der modale Jazz z.B auf dem bahnbrechenden „Kind of Blue“-Album auf den Weg machte, Akkorde zu erkunden anstatt auf Akkordwechsel zu improvisieren, war z.B. der Klang eines „Daumenklaviers“, z.B der Kalimba, Inspiration für das, was man erzeugen wollte. Wegweisend war immer mitten im Zentrum als Visionär Miles Davis, der fand, dass Dizzy Gillespie zu sehr den Clown für Weiße geben würde. An seiner Seite entwickelte John Coltrane seinen genialen Weg, durch den Begriff bzw die Harmonien zu gehen, um ihn bzw. sie aufzulösen und so eine umwerfend expressive Musik entstehen zu lassen.

Eben jene Haltungen wurden von den frühen „Hipstern“ dann kopiert bis in die Outfits – freilich ohne selbst unter der Segregation leiden zu müssen. Darüber schrieb Mailer. Eben dieses Zurückweisen der Zuschreibung, Unterhaltungsclown für Weiße zu sein, das mit dem Rücken zum Publikum spielen, das Coole, auch dem Heroin verdankt, bot sich als Role Model an, das ziemlich risikofrei zu imitieren wäre. Miles Davis WURDE auf offener Straße Opfer von Polizeigewalt, weil er schwarz war – und keiner griff ein. Norman Mailer hätte in so eine Situation gar nicht geraten können.

Man kann das am in der taz Erwähnten Jack Kerouac und dessen „On the road“ hervorragend nachvollziehen, diesem Gründungsdokument weißer „Gegenkultur“. Das ist jüngst auch in der Neu-Übersetzung als Kindle-e-Book erschienen. Habe mir mal den Spaß gemacht, „Jazz“ und „Saxophon“ als Suchbegriffe einzugeben. Sprachlich ist das auch in der Übersetzung teilweise wirklich gewaltig und mitreißend – trotzdem wird eben diese Struktur, sich an dem, was als „wild“ und „expressiv“ empfunden wird, als Konventionsbruch und auch musikalisches Genie, zu weiden, um danach anders als die Jazz-Musiker, weiß Gott keine Großverdiener und eben auch immer „On the road“, weil sie mussten, nach Hause zu gehen.

Das zielt nun auch mitten ins Zentrum der Problematik dieses Blogs hier; dass ich so oft mit schwulen Perspektiven verknüpfe, ist auch der Versuch, solche Methoden nicht bruchlos einfach so zu übernehmen, sondern die eigene Perspektive mit zu denken. Geht bestimmt oft schief; ich wüsste da aktuell keine Alternative. Und es ist schon sehr spannend, indem ich noch einmal Saxophon zu lernen versuche (Privileg), noch ein wenig besser nachvollziehen zu können, was Ornette Coleman meinte, als er sagte „“Das Beste, was Schwarze über ihre Seele gesagt haben, haben sie über das Tenorsaxofon gesagt.“ Nicht etwa, weil ich nun das, was er meint, imitieren könnte, sondern weil es mir aber aus der Perspektive des weißen, schwulen Bildungsbürgers eine Ahnung davon vermittelt, was er meinen könnte und mich dazu bringt, die eigene musikalische Sozialisation vom Kirchengesang über den Blockflötenunterricht in der Grundschule über den Quintenzirkel in der (Privileg) Oberstufe bis hin zum Adorno lesen im Studium (Privileg) und dem Pop- und Black Music-Platten hören und mich beruflich viel mit Musik auseinandersetzen zu dürfen (Privileg) zu reflektieren. Was irgendwann völlig andere Sounds hervor bringen wird und die Hochachtung vor den Heroen der Vergangenheit deutlich steigert. Und auch die eigene literarische Bildung (Privileg) einer Prüfung unterwirft.

Bezeichnend ist einfach, wie die taz diese ganze Zusammenhänge durch das Zitieren des Titels zwar anreißt – um dann eben doch bei Kerouac zu verbleiben und zu James Baldwin gar nicht erst vorzudringen.

Das ist dem Pop-Diskurs, aus dem ich ja komme, in Deutschland anders als in Großbritannien oder den USA so tief eingeschrieben, da nicht weiter zu denken oder sich Wissen anzueignen, dass die Rolling Stones in DIE ZEIT zur Musik Frank-Walter Steinmeyers werden und nicht etwa eine Band, die höchst zwiespältig den Blues nachspielte, den andere besser drauf hatten, die keine Stadien füllen durften.

Es ist auch kein zufälliges Irgendwie, dass „Hippie“ die Verballhornung von Hipster war. Weil diese ganze Geschichte, wie Weiße sich Formen der Black Cultures aneigneten, manche gut und in tiefer Verbeugung und in musikalischer Auseinandersetzung mit Sexismen wie Janis Joplin zum Beispiel, manche wirklich grausam, eben nie erzählt wurde. Weil die Geschichte, daraus ein Mittelschichtsevent für solche zu entwickeln, die bis 25 dann ein bißchen auf wild machen konnten, um letztlich doch auf dem Ticket weißer Privilegien ins traute Heim zu wechseln, überhaupt noch nicht geschrieben wurde. Ja, ich auch, keine Frage, nur dass eben wegen schwul der ganz und gar naheliegende Weg mir doch versperrt blieb.

Der mich am nachhaltigsten beeindruckende Satz in diesem Zusammenhang war halt der einer schwarzen Feministin, die meinte, als die weißen Frauen ihre BHs Ende der 60er öffentlich verbrannten, seien schwarze Frauen froh gewesen, überhaupt mal was anziehen zu dürfen.

Dass solche Fragen komplett ausgeblendet werden in aktuellen „Hipster“-Diskussionen mag daran liegen, dass es da vermeintlich um etwas anderes gehe. Aber ist das so? Läuft das nicht als Verschwiegenes mit?

Liest man z.B. den eher kruden Text in DIE ZEIT aktuell zum Fussball-Hipster, ballen sich da ja Ressentiments (u.a. gegen eine bestimmte Brillen-Form), die das Thema gewissermaßen von den Füßen auf den Kopf stellen.

Einfach, weil Intellektuellenfeindlichkeit nun auch nicht vor Klassismus rettet, sondern z.B. das Bild des „jüdischen Kaffeehausliteraten“ und des „zersetzenden Geistes“ ganz andere Leute zu inspirieren wusste. Und weil die Authentizitätskritik, die da als Nostalgiekritik auftritt, selbst eine Reflexionsform des Pop ist, und da tauchen Hipster sowieso immer auf. DIE ZEIT ist da widersprüchlich in sich.

Weil aber nun wieder die taz damit Recht hat, dass nun den Hipster für die Gentrifzierung verantwortlich zu machen und nicht etwa die Lohnentwicklung, Hartz IV, Machenschaften der Immobilien-Mafiosi und Städteplaner und tatsächlich auch rassistische Strukturen, auch wieder völlig daneben greift. Und die skizzierten Ressentiments nicht zufällig oft Analogien zu homophoben Mustern aufweisen und selbst als authentizistisch auftreten. Indem sie irgendwas Wahres, Echtes behaupten, dem dann Formen der Devianz und des Künstlichen, ggf. Unwerten entgegen imaginiert werden. Was oft zu reaktionären „Heimatschutz“-Modellen führt.

Würde man hingegen, anstatt solchen Unsinn zu reproduzieren, wieder den Blick auf die Verwendung des Begriffs wie im Falle Norman Mailers richten, käme eine ungleich interessantere Diskussion dabei zustande; eine, die in Deutschland unzureichend nur geführt wird, ganz provinziell, wie es hier üblich ist. Hier verteidigt das Feuilleton lieber das N-Wort.

Und diese ist im Falle des Jazz, den zwar kaum noch wer hört, aber wohl eben gerade darum, ganz besonders spannend. Einfach, weil es sich bei dem eh um eine hybride Form handelt, die unter den sozialen Bedingungen der Black Cultures eine ganz andere Bedeutung annimmt als z.B. im deutschen Hochschuljazz. Letzterer setzt oft einfach angelerntes Kalkül an die Stelle jenen Empowerments, das schon ein Louis Armstrong der Welt entgegen schmetterte.

Einst in New Orleans wurde mit „westlichen“ Instrumenten – je nachdem, welchem man da hinterher recherchiert, findet man oft Traditionsstränge, die so gar nicht mehr „westlich“ sind, Ausnahme ist die Orgel -, häufig Militärinstrumenten, in Bordellen Musik gemacht, die zugleich bei Formen des Marsches, der Beerdigung zum Beispiel, ebenfalls gespielt wurde. „Oh when the saints go marching in“ zum Beispiel. Freilich so, dass, Adornons Diktum zum Trotze, das Marschieren dazu schwer fällt.

In Stephen Kings „Es“ findet sich eine eindrucksvolle Passage, da im Nordosten der USA schwarze und weiße Soldaten zugleich stationiert waren. Die schwarzen gingen abends auf der weißen Amüsiermeile von Derry aus, was den Weißen nicht in den Kram passte – auch, weil sie so in Kontakt mit weißen Frauen kamen. Also wiesen sie ihnen eine abbruchreife Hütte am Rande der Kasernen zu: Bleibt mal lieber dort. Diese wurde renoviert, spannendes Essen gebrutzelt, und Jazz befeuerte eine mitreißende Atmosphäre. Das war für die weißen Teenager nun wieder so spannend und attraktiv, dass sie sich sauwohl dort fühlten und die Hütte einrannten. Was deren Eltern ein Dorn im Auge war, also fackelten sie die Hütte ab, und viele Schwarze kamen darin um.

Das ist schon eine ziemlich treffende und auch ergreifende literarische Verdichtung, weil vor dem Rock’n’Roll, der eine ähnlichen Verlauf nahm, tatsächlich rund um den Jazz sich Jugendkulturen und auch Tänze wie der Jitterburg heraus bildeten. Die auch nach Europa, und, wohin wohl, in die Existentialistenkeller wie dem „Tabou“ schwappten – Zeitgenossen nahmen das zum Anlaß, dessen „Gewaltförmigkeit“ und „Roheit“ zu geißeln.

Dem haben Künstler wie Miles Davis und John Coltrane ein Schnippchen geschlagen. Die haben sich einerseits in Gänze und Tiefe und Breite mit dem weißen Kultur- und Bildungsdünkel gefüttert, das freilich durch Skalen aus aller Welt, den Blues und afrikanische Einflüsse, die schon im New Orleans-Jazz aber so was von hörbar waren, angereichert. So gelang es ihnen, das wohl und bestens abgeschottete, weiße Hochkultur-Feld zu entern.

Das Interessante ist, dass da nun doch ein Existentialist wie Sartre etwas dazu zu sagen hat, nicht zufällig hat er z.B. Frantz Fanon nachhaltig beeinflusst.

Im Kern von dessen „Intersubjektivitätstheorie“, also dem philosophischen Nachdenken über Zwischenmenschliches, steht eine besondere Form der Subjekt/Objekt-Dialektik. Einerseits ist der Mensch ein sinnliches, lebendiges, Welt erkundendes Wesen, das im Umgang mit den Dingen ganz im Flow ist und handelt: Subjekt. Andererseits vermag es sich zu „objektivieren“, sich wie eine Sache mit bestimmten Eigenschaften zu betrachten – also Sätze zu formulieren wie „Ich bin ein unzufriedener Mensch“. Dann trifft er auf den Anderen, und auch dieser vermag ihn zu objektivieren – und auf das, was der Andere macht, hat man zwar Einfluss, man weiß jedoch um dessen Freiheit, dass dieser auch Sichtweisen und Perspektiven einnehmen kann, die gänzlich anders objektivieren, als es dem eigenen Selbstbild entspricht. Letzteres ist bei Sartre, dem aus der Zeit von „Das Sein und das Nichts“, „Mauvais Fois“, Selbsttäuschung, da man eh schon immer auf dem Weg zu einem anderen So- oder So-Sein ist. Trotzdem klammern sich alle an solchen Bildern ihrer selbst fest, und endlose Debatten können entbrennen, wenn diese im Blick des Anderen anders aussehen als im eigenen Selbstverständnis. Was nicht zuletzt Diskussionen über tatsächliche Funktionsweise von Rassismus, Sexismus, Homophobie enorm vergiften kann – „Ich bin doch kein Rassist“, „Du hat mich homophob genannt, Du Schwein!“ usw.

Ich denke, dass homophobe, sexistische und rassistische Stereotype, Zerrbilder, kollektive Formen solcher Objektivierungen darstellen, und dass, wer auch immer in der marginaliisierten Position ist, sich ständig zu solchen Bildern verhalten muss – indem sie  z.B. zurück weisen muss, was als Klischee ihr aufgepropft wird. Obwohl sie doch einfach nur Musik machen will, zum Beispiel.

Was ein hervorragend funktionierender Machtmechanismus ist; wenn die CDU fortwährend kolportiert, was für niedere Lebensformen schwule und lesbische Partnerschaften doch seien, können sie sicher sein, Betroffene dadurch zur Abwehr zu bewegen und sie so kontrollieren zu können. So lange man darauf bezogen bleibt, ist man drin im Machtmechanismus.

Das Geniale an der Musik z.B. Coltranes und Miles Davis‘ ist, dass sie das Muster in der Form ihres musikalischen Ausdrucks überstiegen haben, indem sie wieder Subjekt wurden. Die haben sich vermeintliche „Hochkultur“-Mittel aus der Perspektive ihrer sozialen Situation angeeignet, im Falle Miles Davis‘ der eines Zahnarztsohnes, eher gut situiert, und dann kurzerhand mit langer Arbeit überholt, hinter sich gelassen.

Und haben so ein Feld geentert, dass Weiße sich selbst vorbehalten sehen. Und das, indem sie SUBJEKTIVE Ausdrucksmittel fanden, die zwar auf Objektivierungen reagieren, diese aber dadurch, dass sie sich wieder zum Souverän über die Formen aufschwangen, diese umarbeiteten, hinter sich lassen und teil virtuos, teils schon fast ironisch im Gegenzug eben die vermeintliche „Hochkultur“ zugleich objektivieren als auch auflösen. Womit die Perspektive schwindet, die „White Supremacy“ für sich in Anspruch nimmt.

Das ist sozusagen die Gegenbewegung zu jener des Hipsters: Aus der eben nicht privilegierten Position heraus es dieser zu zeigen. Aber so was von.

Und es ist kein Zufall, dass das eher in kulturellen Randzonen statt fand – bei Coltrane mehr als bei Armstrong -, während das, was „Hipster“ einst mal meinte, die Charts dominiert: Von Amy Winehouse bis Adele. Eben die Imitation schwarzer Formen beim zugleich vollzogenen Verschwindenlassen derer Geschichte.

Was einfach die interessantere, wichtigere und erhellendere Diskussion ist als jene, die rund um Hipster aktuell geführt wird. Wäre schön, wenn die taz das alles noch mal recherchieren würde, wenn sie schon Norman Mailer und den Existentialismus erwähnt.

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32 Antworten zu “Zwischenruf zum „Hipster“-Geschwätz – back to Jazz!

  1. ring2 März 21, 2013 um 3:15 pm

    Ich musste bei Deinem Text unwillkürlich an den Film „My Private Idaho“ denken. Und auch bei meiner St. Pauli Sozialisierung haben mir ja weiße reiche Jungs aus Blankense die Gegengerade erst gezeigt, nur um heute darüber zu witzeln, dass man ja so schlecht gutes Personal bekommt.

    Die waren auf einer Entdeckungsreise ohne Risiko. Das Rückfahrt-Ticket in der Tasche Revolution spielen.

  2. Fritz März 21, 2013 um 3:50 pm

    Immerhin wurde das Saxophon von einem weißen Belgier erfunden. Und Ornette Coleman hat es sein ganzes Leben lang nicht gegen die Kalimba eingetauscht, schon komisch.

  3. momorulez März 21, 2013 um 4:05 pm

    Wieso komisch? Zum einen habe ich das oben im Text sogar erwähnt, zum anderen geht das Sax auf die Klarinette zurück, welche eine Weiterentwicklung kleinasiatischer Instrumente ist.

    Ansonsten ist diese Anmerkung hinsichtlich dessen, was ich in dem Text schreibe, wirklich eine ziemlich krude. Die Hybriditätsthese sollte Dir nicht entgangen sein. Coleman hat sogar auf dem Grafton, einem Plastik-Sax, gespielt. Als alter Marxist sehe ich die Produktivkraftentwicklung schon auch weiterhin als Vehikel der Emanzipation, und das Sax setzt ja auch eine bestimmte Materialentwicklung z.B. voraus.

    Viel wichtiger ist doch auch, WAS und WIE sie damit spielten, die großen schwarzen Jazzer. Wenn man sich z.B. diese Aufnahme anguckt:

    übrigens vom SWR aufgezeichnet, dann versteht man das eine oder andere ganz ohne Worte.

    Und sich dann im Gegensatz dazu z.B. Branford Marsalis anzuhören, der sowohl Jazz als auch Klassik spielt. Und die Hochphasen des Jazz einfach als gleichwertig mit der europäischen Klassik bzw. Neuen Musik betrachtet.

    Coleman hingegen hat geradezu einen Gegenentwurf zu den westlich-harmonischen Vorstellungen versucht, und das mit einem recht neuen Instrument, das von Ausnahmen wie dem „Bolero“ – ein spanisch-kubanischer Rhythmus – abgesehen fast nur in Militärkapellen eingesetzt wurde. WIE man mit dem Ding spielen kann, das haben zunächst mal Colemann Hawkins und andere gemacht. Weil sie mit dem Blues, dem Ragtime und so weiter Mittel entwickelt hatten, es zum Erblühen zu bringen.

    Es gibt übrigens mittlerweile Jazz mit traditionell-afrikanischen Instrumenten. Die Musiker mussten halt auch für Geld spielen, und so eine Trompete ist einfach lauter 😉 …

    Du liest da diesmal was rein, was da so nicht steht.

  4. lars März 21, 2013 um 4:44 pm

    Hey, dank für den Text. Deine Auseinandersetzung mit dem Jazz finde ich wirklich grossartig. Und bin zugleich neidisch, weil ich nie die Musse, Disziplin und auch Leidenschaft hatte, mich praktisch daran zu versuchen. Obwohl die sehr grossartige Nina Simone (die eigentlich klassische Pianistin werden wollte aber nicht zugelassen wurde) als junger Teenager für mich eine Offenbarung war.

  5. @_fanne März 21, 2013 um 4:47 pm

    Wir müssen mal wieder einen Kaffee trinken gehen und uns über Jazz und die Welt unterhalten. 😀

  6. momorulez März 21, 2013 um 4:52 pm

    @Lars:

    Danke! Ist auch ganz komisch, dass ich wirklich immer tiefer da rein gerate, trotzdem ich verglichen mit echten Kennern ja noch sehr an der Oberfläche kratze. Und diese Muße, die nehme ich mir jetzt einfach, selbst wieder ins Horn zu blasen 😉 – der Effekt aufs Denken ist schon bei den den I-V-II Arpeggien, die ich mir gerade durch die Dur-Tonleitern hindurch erarbeite, echt groß. Deshalb empfinde ich ja diese Ästhetiker, die immer nur von oben drauf gucken und die künstlerische Praxis und auch subjektive oder Subjekt werdende und Subjektivität dann wieder transzendierende Dimension partout ausklammern wollen, immer mehr als Teil einer Herrschaftstechnologie. Ich kann das echt nur jedem empfehlen, selbst zur Gitarre zu greifen, in die Trompete zu blasen, was auch immer, sich mal mit Ölfarben zu beschäftigen usw., dann versteht man auch die Phänomenologen besser – und es lebt sich auch besser 😉 . Genieße im Moment sehr, sowohl das Hören als auch das mit meinen bescheidenen Möglichkeiten spielen.

  7. momorulez März 21, 2013 um 4:52 pm

    @fanne:

    Immer gerne!!!!

  8. futuretwin März 21, 2013 um 4:58 pm

    In „On the road“ gibt es eine Stelle wo der Protagonist sich wünscht „kein Weißer zu sein“. Ich hab das seinerzeit in meiner Magisterarbeit zitiert, ich kann das mal nachschlagen.
    Es ist natürlich richtig, dass immer viel von dem drin ist, was du „sich weiden an dem was als roh empfunden wird“ beschreibst. Aber vielleicht auch noch etwas anderes.
    Diederichsen hat mal in die Richtung überlegt, dass das, was du „objektiviert werden“ nennst, die Fremdzuschreibungen, das dies etwas ist, was auch Jugendlichen ständig widerfährt. Nenn es Ageism, wie auch immer. Und das (auch) daher die Attraktivität schwarzer Subversivitätsstrategien für Jugendkulturen rührt, stärker vielleicht noch, wenn zu dem Ageism noch Deklassierung kommt.

    Das kann man an englischen Jugendkulturen gut nachvollziehen, etwa am Entwicklungsstrang Mods, Skinheads & Punks. Da gibt es verschiedene Bewegungen: Orientierung an der Mittelklasse (Mods) vs. Arbeiterklassenbewußtsein (Skins), Solidarisierung mit Schwarzen vs. offener Rassismus (beides bei Skins, womöglich sogar in einer Bewegung: schwarze Skins & weiße Skins, die gemeinsam gezielt Pakistanis verdreschen) , Crossdressing (Glamrock) vs. Homophobie…….

  9. lars März 21, 2013 um 5:01 pm

    Ja, die Ölfarben liegen zuhause in Wtal. 😦

  10. lars März 21, 2013 um 5:03 pm

    Und man merkt Dir das „bessere Leben“ auch an. Könnte aber nicht sagen, woran es liegt. Zumal ich ja nur Dein Geschriebens lese…

  11. momorulez März 21, 2013 um 5:08 pm

    @futuretwin:

    Ja, letzteres ist aber ja das Problem: Natürlich kann man als Hete auch mal mit Glam kokettieren, man wird aber nie in der sozialen Situation tatsächlicher Transmenschen landen – und die können halt nicht raus. Und ich sehe das ja als gewaltiges Geschenk, allerdings wohl unfreiwilliges und unter teil unglaublich gemeinen Verhältnissen entstanden, was uns allen die Black Cultures der USA gemacht haben. Das hat ja wirklich nachhaltig befreiend gewirkt, guck Dir mal alte Tanzschulbilder an. Aber es wurde nie wirklich honoriert, gewürdigt, im selben Sinne anerkannt wie irgendein weißer Stargeiger, und es wird immer wieder neu zum Verschwinden gebracht, um weiter dünkeln zu können, dann aber auch noch Kriterien wie „singt wie ein Schwarzer“ zu entwickeln, was dann viele lieber hören, als Schwarze singen zu hören. Das hat ja nicht zuletzt auch gewaltige wirtschaftliche Konsequenzen.

    Wichtig ist doch, das, was Du schreibst, sich als weiße Perspektive und auch Geschichtsschreibung klar zu machen.

    Kerouac habe ich in der Neu-Übersetzung jetzt immer mal wieder quer gelesen und war doch ganz schön verblüfft im Negativen. Während ich Ginsberghs „Howl“ auch deshalb, weil es eine jüdische Perspektive in der Form auch ausarbeitet, sich auf Whitman so wundervoll bezieht usw., eigentlich immer wieder dolle finde, fand ich Kerouac jetzt ganz schön ambivalent beim Lesen. Weil ja auch der Wunsch, kein Weißer zu sein, nun Schwarzen in jenen Jahren herzlich wenig nützte. Das war ja das Problem der frühen Hipster-Schiene.

    Wobei Jazz halt auch durch Lee Konitz, Lennie Tristano und solche eh immer schon komplexer ist, genau darauf wollte ich ja oben hinaus. Deshalb ist Fritz‘ Kommentar ja so am Thema vorbei.

  12. momorulez März 21, 2013 um 5:10 pm

    @Lars:

    Ich geh irgendwie auch gerade anders an die Welt als noch vor zwei Jahren. Hier musste erst mal ganz viel Müll weg gebloggt werden, um überhaupt mal wieder aus der Ferne zu ahnen, was Subjektivität bedeuten könnte 😉 …

  13. lars März 21, 2013 um 5:14 pm

    Den Verweis auf David Sudnows phänomenologischen Bericht über das Jazz-Pianist werden habe ich glaube ich schonmal angebracht, oder? Aber jetzt verweise ich schon wieder nur auf Texte von weissen Männern…

  14. momorulez März 21, 2013 um 5:15 pm

    Interessiert mich aber auch 🙂 … hast Du, glaube ich, noch nicht.

  15. lars März 21, 2013 um 5:20 pm

    „Ways of the Hand“ von David Sudnow. Aus den 70ern. Ist ein an Merleau-Ponty geschulter Selbst-Bericht darüber, wie er zum Jazz-Pianist wurde. Wurde vor ein paar Jahren neu aufgelegt.

  16. momorulez März 21, 2013 um 6:14 pm

    Ah, spannend! Danke!

  17. Trude März 22, 2013 um 11:42 am

    Was ist davon zu halten wenn ein Musiker vorgibt ihn interessiere nicht welche Wurzeln Musik habe. Nicht schwarz nicht weiß nicht Jazz nicht Punk nicht schwul nicht hetero sondern nur ob ansprechend schön oder spannend. Wenn so jemand die Spielweisen Schwarzer Musiker hemmungslos nachäfft weil er es so toll findet und jüdische Klezmermelodien für sein Psytrance verwurstet? Es muss Grenzen geben.

  18. vuvuzela//riotqueer März 22, 2013 um 11:52 pm

    Yo hoo golden One Momo,…als stiller Beobachter deiner Lesart spannender Weise rückwirkend als ich dort gewohnt habe,..finde ich deinen Ansatz sehr, sehr lehrend. Da es in der Club-Kultur des Stadtteils auch immer sehr Körperpolitisch gestreamt wird, was denn Trend der fachwissenden ‚Frickelei‘ an der Musik auch in Zahlen misst, diese akademische Ansatz sich hervorragend dafür eignet ’nem plumben Ansatz von ‚Othering‘ als Quartiers_Ökonomie, sich alles sehr ins visuelle gekehrte mal neu zu formulieren.

    Und gerade eine bewegende Theorie an individuellem Hörvergnügen oder nicht genügen des Jazz ist da sehr International. Für meine emotionale Lesart gegenwärtig gerade von Gewicht.

    Respekt! The Prolo ALF aus dem postfaschistischen Gemeinde-Wesen Bramfeld!

  19. ziggev März 23, 2013 um 7:50 am

    Ja, du schreibst meine Geschichte als gescheiterer Hipster, war das überhaupt in dt.-Land möglich? Wir fuhren da mit dem übergroßen Benz, selbstgebaute gestretched-Limosine, wassergekkühlte Haschischpfeien immer mit, „Schwarzer Afghane“ in Massen dabei, und – die ganze Zeit – immer die frühen Miles Davis Quintett Sachen am Laufen, die mit Mr. Ch Parker, in Endlosschleife, bis an die Nordsee und zurück.

    Wurden wir dadurch zu „Hipstern“ ? Vermutlich nein. Wir mussten erst die Arpeggios üben (bis heute) und „A Night in Tunesa“.

  20. ziggev März 23, 2013 um 7:53 am

    A Night in Tunisia – so heißt´s richtig

  21. ring2 März 23, 2013 um 1:06 pm

    Ich musste beim Lesen spontan an „My private Idaho“ denken, und dass ein Merkmal weißer, bürgerlicher, hetero Jugenderfahrungen ja das Rückfahrticket in die dominante Welt ist.

    Wenn ich mich an meine Anfänge in der Gegengeraden erinnere, dann haben mich ja dahin Blankeneser „Hipster“ mitgenommen, die sich heute darüber unterhalten, wie schwer es ist gutes Personal zu finden.

  22. momorulez März 23, 2013 um 5:30 pm

    Sorry, dass ich gerade gar nicht antworte, ich finde die Kommentare gerade in sich prima und bereichernd, auch und gerade das Bild von „A night in Tunisia“ bis zur Nordsee. Oder der narkoleptische River Phoenix in den Armen von Keanu Reaves im US-Nirgendwo. Und auch der Hinweis auf die Köperpolitiken. Danke, Riotqueer!

  23. dangerousbeans März 23, 2013 um 9:06 pm

    Der Text macht auf jeden Fall Lust, sich tiefer einzulesen. Hat jemand eine Empfehlung? So ein nettes Überblicksbüchlein für den Einstieg (über Jazz meine ich jetzt)?

  24. momorulez März 23, 2013 um 9:36 pm

    Die Überblicksbücher habe ich auch noch nicht gelesen – was sehr spannend ist, ist Ashley Kahns „Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerks“. Das Album ist ja nicht nur eines der größten ever, da wird auch sehr viel über die Perspektiven insbesondere von Miles Davis berichtet, den Übergang vom BeBop zum HardBop zum modalen Jazz. Der Autor versteht zwar nicht, wieso Miles Davis einerseits genervt war, am Konservatorium so viel „weißen Scheiß“ gelehrt zu bekommen und andererseits Coleman Hawkins vorzuwerfen, keine Partituren klassischer und moderner Komponisten zu lesen – das ist aber ja das Spannungsfeld, in dem sich Jazz nach dem Niedergang der Swing-Orchester bewegt hat, und hört man heute Branford Marsalis sich an, ist es das auch immer noch. Auch bei Joshua Redman und anderen.

    Ansonsten halt: Hören, hören, hören 🙂 – es gibt zu den Großen Biographien, von Davis, der einfach zentral ist, auch eine Autobiographie, und einen Überblick von schwarzer Seite müsste ich erst ergoogeln. Die Romane von James Baldwin spielen auch in jener Zeit.

    Aber hörend erkundet man das echt am Besten. Sonny Rollins zum Beispiel, der von vielen als der größte Improvisator und auch Geschichtenerzähler bezeichnet wird (ohne Worte, mit dem Sax) musste Ende der 50er immer auf die Williamsburg-Bridge zum Üben, weil er so einen Ärger mit den Nachbarn hatte. Danach hat er ein Album „The Bridge“ heraus gebracht. Das zu hören, sich dann Konzerte von ihm bei Youtube angucken, es wieder zu hören, da entsteht sooooo viel im eigenen Kopf, was vielleicht mehr vermittelt als Bücher.

    Auch Coltrane hört sich ja nicht mal eben so weg, aber wenn man sich darauf einlässt, spielt das die meisten philosophischen Ästhetiken locker an die Wand.

    Was auch wie eine Lektüre ist, ist, sich bei Youtube durch „Donna Lee“-Interpretationen, Coverversionen, auch von Amateuren und Semi-Profis wie bei Saxophonistisches.de zu klicken und dann das Original von Charly Parker zu hören. Gar nicht, weil das auch nur irgendeinen Adepten verunglimpfen soll, aber man erfährt da wahnsinnig viel über Zeitgeschichte, soziale Positionierungen, Genie und Virtuosität, wenn man sich zugleich die Zeitgeschichte vergegenwärtigt.

    Danach dann „Giant Steps“ von Coltrane, und wenn man richtig zugehört hat, bricht man geradezu zusammen. Im positiven Sinne. Und Welten gehen auf. Ich mag „Giant Steps“ gar nicht, aber wie der da mit fast 300 Beats per Minutes seine Tonfolgen bläst … uff. Wow. Und warum wohl? Gerade der Kontrast zu „Kind of Blue“, das ist ganz kurz nacheinander entstanden, und man braucht gar kein Buch mehr zu lesen, hört man sich da rein. Auch in das von Ziggev Erwähnte.

  25. ziggev März 24, 2013 um 1:17 pm

    Vielleicht ist für den allerersten Einstieg das Buch von Joachim-Ernst Behrendt zu erwähnen. Behrendt hat hier in Schland in der Nachkriegszeit bemerkenswertes geleistet, holte Thelonious Monk hierher, der dann fürs Fernsehen seine „seltsamen“ Akkorde spielte. Und verschiedene andere. Man darf aber Behrendt nicht jedes Wort glauben. Z.B. ist er etwas eng in seiner Definition, was Jazz sei. Insbesondere den (europäischen) Free Jazz rechnet er nicht mehr diesem einzigartigen Stil zu. Aber da ist er m.E. etwas dogmatisch. Zu schnell kommen Leute wie Ornette Coleman aus dem Blick, die fortlaufende Geschichte hat ihn da einfach widerlegt.

    Aber bei Behrendt werden all die Geschichten aus dt. Nachkriegsperspekitve erzählt, soweit ich weiß, nicht alles falsch. Zum Glück haben wir, wie von Momorulez bereis erwähnt, ja die „Autobiographie“ von Davis. Um die Liste der Mitbeteiligten aufzuzählen, braucht es Eineinhalb Seiten, wenn ich mich recht entsinne.

    Man kann, m.E., mit Behrendt anfangen, wenn es dabei nicht aufhört. Ok., er holte Monk nach Schland, aber als seltsamen Clown letztlich präsentiert, dabei war Er es, der als Lehrer, tief in der z.B. Ragtime und Stride-Tradition sitzend und verwurzelt, für die Bebop-Explosion mitverantwortlich war, durch diese Schule ging ein Coltrane, bevor ein Coltrane eine Coltrane wurde.

    Also das Buch von Joachim Ernst Behrendt ist für den Einsteig lesenswert, abzuraten ist aber davon, ihm Wort-für-Wort zu glauben.

    Bei den wirklichen Jazzgrößen handelt es sich um Legenden. Wer kann die am besten erzählen? – Wir sind auf Mr M. Davis angewiesen.

    Es ist bereits etwas her, als ich das Buch las und mich über die Ignoranz gegenüber dem Phänomen des „Free Jazz“ ärgerte, Jazz in ein musikalisch definiertes Korsett einzwängend, aber, as far as I remember, werden die wichtigsten Geschichten erzählt, etwa die von Lester Young und Billie Holiday, dass ein Superstar wie Ella immer noch den Dienstboteneingang benutzten musste, um sich dann ausgiebigst bejubeln zu lassen.

    @ und danke, Momorulez, nochmal für den Tipp, „Donna Lee“ mal durchzuklicken. Kann zwar das Thema auf der Gitarre wie auf dem Bass spielen (nach dem modernem Fingersatz, wie er von Pat Metheny in Kalifornien z.z., soweit ich weiß, gelehrt wird), natürlich nicht annähernd ans Originaltempo heranreichend, es bleibt für mich aber ein endlos Bandwurmsatz-Thema, bei dem ich nie begriffen habe, wie es eigentlich funktioniert, über einem recht primitiven Akkordschema laufend auf der 3 und nicht auf der 1 beginnend, klar könnte ich das analysieren, kein Problem, aber damit, dass da ein Thema auf der 3 anfängt wie auf der 1 habe ich bis heute meine Probleme.

    „Donna Lee“, M. Davis nimmt die Autorenschaft in seiner Autobiographie für sich in Anspruch, beginnt nicht auf der 1, sondern auf der 3. Von dort aus setzt der Endlosbandwurmsatz der Missverständnisse seien Weg fort, bei mir, leider. Jaco Pastorius, Helge Schneider … Dann Mr Ch. Parker – keine schlechte Hörerfahrung 😉 ….

  26. momorulez März 24, 2013 um 5:02 pm

    Ich war halt hierdurch auf „Donna Lee“ gekommen:

    http://saxophonistisches.de/urlaubsgruse-aus-cesena/

    Weil mir das schon sehr imponiert, wie er sich das auswendig drauf geschafft hat, hört sich ja auch prima an, wie er sich da durch groovet, ist auch ganz niedlich, wie er sich bewegt – und das Blog ist eh hochinformativ gerade für Wiedereinsteiger, „alte Säcke“ nennt er solche wie mich 😀 .

    Dann suchte ich halt das Original von Charlie Parker und war richtiggehend verblüfft. Weil Saxophonistisches so viel gerade zieht, alle Lücken füllt, alle Brüche kittet und sich gut und schön anhören will, noch sehr an der Swing-Phrasierung oder auch „Ol’time“ orientiert. Während Parker da passagenweise fast Punk spielt, neben dem Timing liegt, inmitten dieses sehr Dichten und Schnellen aussetzt.

    Das kann man nun Saxophonistisches überhaupt nicht ankreiden, ein Vergleich mit Göttern ist ja auch gemein. Aber das ist schon bei Armstrong so, dass dessen Trompetenspiel das Grelle, Schrille, kratzbürstige nicht scheut, Dir trompetend Ohrfeigen verpasst, Dich auslacht – wo Adepten ohne den gleichen sozialen Background ins Dudeln kommen. Diese ganz frühen Aufnahmen aus den 20ern von dem, was uns durch die Old Merry Tale Jazzband ausgetrieben wurde und den „Dixieland“-Combos in der Fischmarktauktionshalle, hört man sich die an, das ist reinstes Voodoo, da spürst Du eine Nervosität, die unglaublich intensiv ist.

    Bei den Modern Jazz-Saxophonisten hast Du das dann radikalisiert. Während der grandiose Webster mit seinen Subtones oder auch auch Hawkins sich ja dahin schmelzend hammermäßig schön anhören, haben Rollins, Coltrane oder Henderson eine trockenen, harschen, teilweise fast krächzenden Sound, der fast schon auf Distanz zum Material geht, während sie selbst ganz drin stecken. Das ist so eine Gleichzeitigkeit von Verweigerung und Expressivität, von Virtuosität und „Fickt euch mit euren Scheiß-Harmonien“, von „Ich spiel Dir hier Läufe und Tonleiter, die hat Dein Stargeiger im Klassik-Orchester noch nie gehört!“ und „Ihr wollt Schönheit zur Erbauung? Ich spuck euch lieber an!“

    Es gibt so einen unglaublichen Auftritt von Joe Henderson, ich glaub mit Herbie Hancock am Klavier, vor weißen US-Honorationen, u.a. mit Bill Clinton im Publikum. Das ist er schon richtig alt, spielt immer kurz ein Melodie an, um dann zu krächzender, rotzender Virtuosität überzugehen und in Hœchstgeschwindigkeit zu röcheln, und alle applaudieren der Legende, die sich schon fast über das Publikum lustig macht, brav. Das sind so Settings, wo das Soziale, die individuelle Biographie, das musikalische Material in seiner tatsächlichen Historizität sich verdichten, da lernt man echt verdammt viel dabei, wenn man will.

    Und das hast Du kurioserweise sogar bei den Amateuren. Habe neulich ein Video entdeckt von 3 PoC-Jungs, die zusammen Sax spielen, und einer von denen hat sein Horn fast zerlegt vor lauter grandiosem Fiepsen, Ächzen, Hauchen und Kreischen, unglaublich geil. Das kannste nur, wenn Du schön schon kannst. Ich finde das leider nicht wieder, der war vielleicht 17 oder so. Und dann guckst Du Dir danach weiße Bildungsbürgerkinder wie ich eins bin an, und die versuchen, perfekt Careless Whisper zu spielen. Und hast irgendwas Fundamentales verstanden.

  27. ziggev März 24, 2013 um 11:43 pm

    was George Michael hier macht, ist einfach schön. Und ich hätte jeden Musiker, der das nicht anerkennt, einfach ausgelacht. Da triffst Du immer weder Leute: „Klassiker“, sonst nur Schönberg oder Stockhausen gerade noch so halb akzeptierend, die aber ansonsten faustisch ihre Seele, um nur einen Song von den Beatles oder von ABBA komponiert zu haben, ohne Umstände hergegeben hätten.

    Das war jedenfalls einer meiner Musiklehrer.

  28. momorulez März 24, 2013 um 11:52 pm

    Ich hab doch gar nix gegen George Michael, ganz im Gegenteil. Du weißt aber, was ich meinte. Und schon gar nicht gegen ABBA. Natürlich ist auch das Sax in Careless Whisper grandios; das Potenzial des Instruments ist da freilich ebenso wenig ausgeschöpft wie beim nicht minder großartigen „Baker Street“ oder die Soli in „Still crazy after all these years“ oder „I love you just the way you are“. Und da hat Charlie Parker doch weitreichendere Dimensionen erkundet, erkundet ein Yuri Honing oder ein Joshua Redman oder mein Sax-Lehrer eben doch ein anderes Feld von Möglichkeiten. Honing hat sich ja auch mit guten Gründen Pop-Songs gesucht, bei mir wird es vermutlich Musical oder Chanson sein. Irgendwas Schwules halt, vielleicht auch Puccini, und mit 75 dann Wagner 😀 …

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