Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

„Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.“

Foto 09.03.13 22 08 19

Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

„der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.“

Ohne „der Rest war“ hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

„Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.“

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen und all den Hass der Frustrierten auf den Teilzeitkomissar richten – an deren Stelle würde ich ja auch grummeln und fluchen. Und natürlich darf man nicht propagieren, dass im Abstiegskampf jedes Mittel Recht sei.

Aber mal ästhetisch betrachtet: Geschlagene Helden, am Boden liegend, während (aus Regensburger Sicht) der Schurke Richtung Tor zieht und der Ball ins Netz geht, das sind schon auch Momente, die in Spielfilmen sehr, sehr groß wirken können. Mit der richtigen Musik unterlegt. Und wenn ich mich an die Spiele gegen die Hertha, gegen Braunschweig und das mutmaßlich mutwillige Hochpfeifen des 1. FC Köln durch Manuel Gräfe erinnere (Köln hat zwei Klassen schlechter gespielt als ihr, liebe Regensburger): Es ist nicht so, dass wir wegen permanenter Bevorteilung durch Schiedsrichter ein wenig Distanz zum Relegationsplatz gewonnen hätten. Das tröstet euch jetzt wenig; aber bevor unsere alten Recken den Platz betraten und das Spiel gewannen, wart ihr klar das bessere Team.
Denn irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die Geschichte des FC St. Pauli in den letzten Jahren auch so erzählt werden könnte: Irgendwelche Leute, werauchimmer, versuchen die ganze Zeit, das alte St. Pauli los zu werden, verdrängen so lange Alteingesessene von der Haupttribüne, bis ganze Blöcke sich leeren, und aus der Mannschaft, bis gar nichts mehr geht – doch es kommt immer wieder zurück und punktet, den Werauchimmers mitten ins Gesicht bruuuuuuuuuuuuuuuuunsend:

Foto 10.03.13 12 47 52 (1)

Auch wenn die Probleme, bis wir über den Boll zum Bruuuuuuuns! fanden, eher bei Kalla und Daube lagen. Ich hab sie trotzdem lieb. Ist mir trotzdem unverständlich, wieso man einen Daube statt Bruns auf die Zehnerposition stellt, wo er zumeist hilflos irrlichterte, damit dafür sorgt, dass Kringe, der ihn unterstützen will, zu weit vorne spielt. Was dazu führt, dass Paddy Funk alleine das nicht packt, wodurch der Druck auf Kalla so stark wird, dass Gyau defensiv gebunden bleibt und die Offensive ganz auf Ginzceks und Gogias Schultern lastet. Mal kurz ganz prosaisch die ersten 60 Minuten zusammen gefasst. Dass Gogia daraus das 1:0 machte ist klasse, ist aber auch dem leider nicht so gut wie der Rest des Teams spielenden Turnvater-(ein übler Nationalist übrigens, der Herr Jahn, der historische)Torhüter zu verdanken.

Ja, aber dann. Was Boll da an Zeichen setzte, sozusagen außersprachlich-performative Metaphern, Poesie der derben Art, unglaublich. Und eben ganz und gar St. Pauli: Nicht der schnieke Flitzer, sondern der getunete, verlebte VW-Bulli, mit dem man sich auf auf Kiffer-Campingplätzen an der Algarve sehen lassen kann (falls es die da noch gibt, aber so was wie den FC St. Pauli gibt es ja sonst auch nirgends mehr). Die Seele brennt ja auch im neuen Gehäuse noch dank des alten Fusels. Wie er mal einfach den Ball ins Aus bolzte, anstatt nun „spielerisch“ immer irgendwo unweit der Eckfahne vor der Gegengeraden rumzutändeln und ihn nicht weg zu bekommen. Wie er grätschte und WOLLTE, anstatt überfordert rumzuwuseln und immer stärker unter Druck zu geraten.

Mag bei Ginzcek wie eine Art Überdosis gewirkt haben; der @kleinertod meinte später, er habe die Rote schon gesehen, als „Ginni“ noch 10 Meter weg vom Spieler am Anlaufen war. Kann aber gut für uns sein; dieses System „Alle gurken rum und der Ginzcek macht schon irgendwie das Tor“ ist nun auch keine Aufbauleistung im Umbruch. Was übrigens gar keine Kritik an Michael Frontzeck ist; der macht aus den Voraussetzungen halt das Machbare, und es wirkt immer so, als würde ihm irgendwer rein quatschen: „Jugendstil, Jugendstil, Jugendstil!“

Da aber die ganz Jungen nicht halb so sexy wie Florian Bruns sind (aber bestimmt noch werden), funzt das nicht. Quod erat demonstrantum.

Es war traurig, dem Flo beim Aufwärmen zuzusehen. Wie die, die spielen sollten, rum hüpften und er am Rande stand und ihnen die Bälle zuspielte. Als die Mannschaftsaufstellung durchgesagt wurde, ging er in Richtung Spielertunnel – bei seinem Blick hätte ich beinahe solidarisch losgeheult. Mir schien, dass da echt was abging in diesem Gesicht, von dessen ausdrucksstarker Mimik all die Fotografen von Afroh bis Gröni schwärmen.

Warum? Warum ihm nicht ein cooles Karrierende am Millerntor gönnen und dann den Übergang in den ökonomischen Sektor gestalten? Das ist nicht St. Pauli-like, weil es wie Machtmissbrauch wirkt bei einem, der spielend mit den anderen Helden die neue Gegengerade überhaupt erst möglich machte. Der war wie Boll schon schon beim Aufstieg in Liga 2 mit dabei. Und bei Schultz und Meggle hat der fließende Übergang doch auch funktioniert.

Wer ist der Werauchimmer, der sich so um „Neuaufbau“ bemüht und die jungen Spieler dabei ganz schön alleine und rücksichtslos hängen lässt?

Gyau und Gogia (mal ab von diesem saublöden, militärischen Gruß) haben ihr Potenzial ja gezeigt, Paddy Funk wirkt schon durch und durch st. paulianisch. Aber die brauchen die alten Recken an ihrer Seite, das hat man doch nun mehrfach gesehen. Auch als Ebbers seine Präsenz demonstrierte und mal nicht beleidigt auf Zuspiele wartete, sondern voller Energie für seinen Konkurrenten auflegte, da hat der wirklich was gerissen. Die wissen einfach besser, wann welches Stilmittel angesagt ist. Wie alte Jazzer, die alles schon gespielt haben und doch immer neue Wege finden, die wissen, wann man musikalisch holzt, um das Publikum zum Kochen zu bringen und dann neue Wege filigraner Virtuosität erkunden. Bruns ist so einer.

Deshalb dieser, also, unaussprechliche, symphonische, filmreife, poetische, dramaturgisch nicht zu toppende und, ja, auch erotische Gegenschlag nach dem 2:2.

Vor mir rief irgendwer entfesselt „Das glaubt uns keiner, wenn wir das erzählen!“, und, also, ich muss ja sagen, die Erlebnisqualität ist aber so was von zurück gekehrt ans Millerntor nach Phasen orthscher Ödnis.

(Kleine Randanmerkung: Es zeugt von Größe der Geschäftsstelle, dass zumindest im Social Media-Kontext als Kritiker des Präsidiums bekannte Blogger und deren Fanclub in der offiziellen Stadionzeitung portraitiert werden. DAS ist nämlich Demokratie: Nicht etwa gekränkt zu reagieren, sondern zu wissen, dass diese nur leben kann, wenn der Opposition Respekt gezollt und zugehört wird. Und Orthsche Ödnis meint ja nicht dessen Persönlichkeit, sondern dass einfach Zeichen und Visionen fehlen, die über „Top 25“ – harhar – hinaus gehen).

Fast spürte man im Schein des Flutlichts einen dieser utopischen Momente im Sinne Herbert Marcuses:

„In der von ihm perspektivisch skizzierten befreiten Gesellschaft wäre die Vereinzelung zwischen den Menschen und die Entfremdung zwischen Mensch und Natur weitestgehend aufgehoben in einer harmonischen, erotischen Beziehung.“

Das ist, noch ein Sidestep, nämlich das exakte Gegenteil von Sexismus. Sexismus verdinglicht, proklamiert das falsche Allgemeine, nimmt Subjektivitäten nicht wahr, wertet ab und fetischisiert Körper, anstatt sie als gelebte Individualität zu begreifen.

Und ganz gegenteilig fühlte sich das an, diese entfesselte Überraschung angesichts der Spuren des wahren Lebens im falschen: Dass nun das ganze Stadion dem huldigte, über den so oft gelästert wurde, dass alle Tribünen, ja, sogar auch die Haupt, in einem „Bruuuuuuuuuuuuuuuuns“ aufgehen, als würden sie dem Eros, dem lebensbejahenden Prinzip, nicht etwa dem Sex, in all seiner Poesie und Dramaturgie selbst huldigen, indem sie Florian Bruns feierten.

Ach, war das schön!!!!!! Denn jede Lust will Ewigkeit …

5 Antworten zu “Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

  1. Pingback: Bruuuns – ein Name hallt durchs Viertel. #FCSP ringt Jahn Regensburg in der Schlußminute nieder | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Pingback: Hicks! » Magischer FC

  3. Trude März 18, 2013 um 6:43 pm

    Was macht dein Saxofon? Es sind ja sogar zwei. Mögen sie dich noch? Magst du uns mal ein kurzes Soundschnipsel lang reinhören lassen? Wenn du dann mit Garageband oder ein paar coolen Apps schnell mal was zusammenimprovisierst das wäre eine schöne Tat. Ich stelle mir vor Momorulez mit Saxofon im verschneiten Blanten un Blomen. Den Winter vertreiben.

    Ich hätte nur ein Huhu schreiben können aber vier Buchstaben waren mir einfach zu wenig.

  4. momorulez März 18, 2013 um 7:31 pm

    Ich übe fleissig 🙂 – deshalb blogge ich ja weniger. Und habe aktuell das Problem, das g“ ständig um eine Oktave zu überblasen und das trotz Lockerlassen nicht weg zu kriegen. Irgendein Tipp?

    Bis ich was hoch lade, noch ein wenig Geduld!

  5. Trude März 18, 2013 um 8:27 pm

    Wenn die Nachbartöne sitzen dann übe die verstärkt dann wird sich das g” ziemlich bald freiwillig dazu gesellen. Entspannungsübungen für Backen und Lippen. Wenn alles nicht klappt dann mach das überblasen zu deinem Markenzeichen und werde ein berühmter Instrumentalist wie Oscar Peterson. Der bekam die rhythmische Koordination zwischen rechter und linker Hand nicht so ganz hin. Das Schwache zur Stärke machen. Sei subversiv.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s