Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vom Überwinden der Scham

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So als Kritiker von Leistungs- und Nützlichkeitserwägungen, als Verfechter des freien Spiels der Liebe zum Erlebnis will ich mal den echt niedlichen Schiedsrichter, Christian Leicher, loben. In eben diesem Sinne war es wohl zu deuten, dass er uns dieses Geschenk so kurz vor Schluss machte. Nee, dachte er sich, will man die instrumentelle Vernunft (Horkheimer), die letztlich irrational werdende Zweckrationalität (Max Weber), die funktionalistische Vernunft der Systemimperative, die der Logik des instrumentell über einen Gegenstand Verfügens folgen (Habermas), wirkungsvoll dekonstruieren, dann bleibt nur das: Die klare Aalener Überlegenheit in Halbzeit 2 auszulachen, indem man einen „kann man geben, muss man aber wirklich nicht!“-Elfmeter pfeifft.

Ich muss hier gerade so klugscheißern, damit Publikative auch weiterhin meine Kommentare nicht frei schaltet. Bruttoinlandsprodukt. Ich lach mich kringelig. Weil mir zudem heute ein „Verständlichkeitslauf“ diagnostiziert wurde. Die daraufhin entstandenen Risse im Selbstbild muss ich nun kitten.

Dabei war es wirklich schön, heute in geballter Social Media-Offensive gemeinsam Fussball zu schauen: Mit @kleinertod und @gegengeraden-gerd samt Begleitung und @ring2 bzw. @stpauli.nu gemütlich in der O-Feuer-Bar bei lecker Bier sich ein echtes Scheißspiel schön zu saufen.

So entwickelte ich bierselig vollstes Verständnis dafür, dass Thy, Gogia und Gyau vollauf damit beschäftigt waren, sich mittels Mentaltechniken auf das nächste Spiel vorzubereiten. Sie leuchteten förmlich bei ihren Imaginations- und Visualisierungsübungen von Zuckerpässen, präzisen Flanken und genialen Treffern – wir können uns schon mal freuen! -, blieben so voll und ganz auf eine bessere Zukunft konzentriert. Sich auf die triste Gegenwart zu fokussieren führt ja auch nur dazu, dass sie sich unaufhörlich wiederholt. Und sie konnten auch eine Halbzeit vollkommen darauf vertrauen, dass unsere Defensivspieler die Offensivarbeit gleich mit übernehmen. Das klappte deshalb so gut, weil die Aalener in Halbzeit 1 vor allem mit Umfallen beschäftigt waren. Die mit gelb geahndete Schwalbe des einen Herren in Schwarz-Weiß gestreift war natürlich die im Sinne des Karmas auslösende Ursache für den späteren Elfmeter. Ach, und es ist nicht nett, Herr Frontzeck, dass Sie Florian Bruns nicht eingesetzt haben, nur weil, ganz grober Patzer der sportlichen Leitung, dessen Vertrag nicht verlängert wird. Mit Bruuuuuuuns auf der 10er-Position hätten wir zur Halbzeit souverän 4:0 geführt inmitten wie Kegel kippender „Reichsstädter“.

Aber so halt lieber einen auf spannend machen, na, ich weiß ja nicht.

Und dann kam „der Japaner“. Ja, auch das ist Alltagsrassismus, lieber Herr Sky-Off-Daherquatscher, alle mit Namen zu nennen, aber Takuma Abe immer nur „der Japaner“. Bei Florian Kringe haben Sie ja auch nicht „der Deutsche“ oder bei Gyau „der Amerikaner“ gesagt. Abe war echt gut, der mentale Ausstieg unserer Offensive zeigte ergänzend Wirkung, zeitweise war das reine Abwehrschlacht – und Frontzeck rehagelte, wie @ring2 richtig anmerkte, indem er mit Daube einen dritten Sechser auf den Platz schickte, anstatt die Offensive zu beleben. Als Boll und Ebbers kamen, verschaffte das der Defensive Entlastung und uns so kurz vor Schluß den spielentscheidenden Elfmeter.

Als Aalener Fan wäre ich vermutlich völlig ausgerastet, würde Blogtexte darüber schreiben, dass Christian Leicher, der niedliche Schiri, sich doch mal Gedanken darüber machen solle, was für ein Gerechtigkeitsempfinden junge Menschen, die so was sehen, entwickeln würden.

Doch so … die Gedanken schweiften tatsächlich zurück in die Regionalliga, ein Spiel gegen Neumünster, wo ein entscheidender Elfmeter uns den Arsch rettete und ich mich auf den sooooooooo sehr vermissten Holzbänken der alten Haupttribüne echt schämte.

Aber man wird älter, wird reifer und überwindet die Scham 😀 … schön war’s, zu jubeln, zu lachen, in Arme zu fallen und grienend mit Freunden durch die Stadt, die ich liebe, nach Hause zu gehen!

8 Antworten zu “Vom Überwinden der Scham

  1. astro März 3, 2013 um 9:36 pm

    Um auch mal zu „klugscheißern“: das war ein glasklarer Elfmeter. Nicht der halbe Pressschlag, sondern das Ding davor. Der Aalener macht eine klare Bewegung zum Bein, trifft selbiges und bringt Ginczek aus dem Tritt. Schön, daß Ginczek nicht gleich einen auf sterbenden Schwan gemacht hat.

  2. momorulez März 3, 2013 um 9:38 pm

    Wir hatten eher den Eindruck, dass zwei halbe Fouls zu einem ganzen addiert wurden. Müsste ich mir noch mal angucken, mit Deinem Kommentar im Kopf.

  3. astro März 3, 2013 um 9:59 pm

    Im Forum hat es glaube ich Maks noch besser beschrieben. Jedenfalls dachte der Verteidiger wohl, G. will rechts vorbei. Als der dann links vorbei ist, hat der Verteidiger das Bein nach hinten gestellt und G.s rechtes Schienbein getroffen. Sieht man in der Zeitlupe ganz gut.
    Ob das auch das war, was der Schiri gepfiffen hat, weiß man natürlich nicht.

  4. momorulez März 3, 2013 um 10:12 pm

    Ich glaube übrigens, als Aalener hätte ich mich trotzdem weg geärgert, und dieses „Uff, Glück gehabt!“ und „Irgendwie ungerecht, aber schön!“-Gefühl hatten auch alle rund um mich herum.

    Bin natürlich trotzdem superglücklich über die Punkte!

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  7. Trude März 5, 2013 um 5:38 pm

    Tolle Paraden von Tschauer.

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