Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2013

„Jazz handelt vom Mutigsein“: Über Risiko, Vertrauen, Fussball und die Problematik eines Begriffs

saxflirt

 

Nach Hause!

Im SPEX-Kosmos der 80er weich gekocht und danach im Flirt mit der BRAVO bei gleichzeitigem Sträuben dagegen mit den Mitteln der Philosophie wurde mein Denken geformt, irgendwann habe ich mich durch die Rolling Stone-Phase gefolkt (ich ließ das Lesen dessen bleiben, als Stuckrad-Barre dort schrub), entdecke ich nun im fort geschrittenen Alter: Es gibt richtig coole Jazz-Zeitschriften!

So z.B. die JAZZthetik. Die berichtet von Menschen, die musikalisch besser machen, was ich hier manchmal bloggend versuche – und wohl, weil trotz Giganten wie Joe Lavano, Wayne Shorter und anderen sich kein der bildenden Kunst, der Klassik oder dem Pop adäquates Starsystem heraus bildete (Sonny Rollins, Herbie Hancock und Tomasz Stanko live übertragen von der Waldbühne um 22.30 h im ZDF zur Eröffnung irgendeines Sport-Events ist schwer nur vorstellbar), denken die Autoren und spielen die Musiker crossovernd vor sich hin.

So erschließen sie sich sinnlich und reflektierend Welt, dass es eine Freude ist.

Da verjazzen im Wagner-Jahr reihenweise Künstler (Eric Schaefer und Dieter Ilg zum Beispiel) das olle, politisch niederträchtige und künstlerisch doch so überragende Genie, Ruth Wilhelmine Meyer und Helge Lien umschmeicheln die Figuren Ibsens ohne Text, weil Sprache ja einen Schlusspunkt habe, an dem es nicht mehr weiter ginge – und der Altsaxophonist Christian Weidner musiziert jungianisch seine Träume:

„Die Wesen, die dort anzutreffen sind, haben eine bestimmte Energie und einen bestimmten Gestus und leben weiter, auch wenn ich nicht mehr schlafe. Ich gehe gerne bewusst zurück in die Träume und erinnere mich an sie. Ich tue so, als wären sie im wachen Zustand lebendig, indem ich mit Figuren spreche und ihrer Energie nachspüre. In diesen Energien und dem Nachspüren taucht dann die Musik auf.“

Christian Weidner in: Traummusik im Wachzustand, JAZZthetik März/April 2013, Ausgabe 251, S. 22

Wundervoll. Das sollte ich mal als Konzept an meine Kunden verkaufen, die Chancen stünden schlecht, dass sie zu begeistern wären – aber genau deshalb ist diese jazzige Welt ja so wunderbar. Kommerziell kann man da eh nicht viel reißen, drum gibt sich programmatisch die Formenvielfalt ganz der nun mal wirklich tabufreien Imagination hin.

Diese ganze angeblich „Tabus brechenden“ Feuilleton-Schmierfinken in ihrer formalen Öde, die „Zensur“-Schreihälse mit ihren Textbausteinen machen ja gerade das NICHT, was auch nur in Nischen sich findet, doch solchen, wo das Abenteuer der Form noch gesucht wird .

Don Byron auf S. 46 weiß so zu berichten, wie schwarze Musiker in den USA dazu gedrängt werden, doch lieber Saxophon statt Klarinette zu spielen und begibt sich als Antwort in die Gospelkirche, die Historizität des Materials erkunden. Chris Potter zwei Seiten weiter hat sich als Urformel aller Heldenreisen Homers Odyssee gekrallt – nicht zufällig auch dramaturgischer Höhepunkt in Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, die Nummer mit den Sirenen und dem Mast, an dem fest gebunden der alte Grieche dem Trieb entsagt, da er ihn zerstören könnte. Naturbeherrschung. Und das Drama nahm seinen Lauf …

Mehr Inspiration in einem Heft als in 20 Jahren Abo von DIE ZEIT. Nach Hause! In Ben Zabo muss ich mich noch mal separat einarbeiten.

Und, hach, auf S. 60 dann ein Essays zu, na, was wohl: Jazz und Fussball! Autor Mehr von diesem Beitrag lesen

Advertisements

Ich hab geträumt heut nacht, die ganze Nacht heut nacht …

20130329-164640.jpg

… von Meeren trauter Wunderkerzen und von Menschen, die sich freuen.

Und doch, die DFB-Kampagnen und Gerichtsbarkeitssuggestionen gegen Mündigkeit und Selbstbestimmung handlungs- und urteilsfähiger Individuen reihen sich nahtlos ein in Bonus- und Maluspunktsysteme an Universitäten, Rauchergesetzgebungen und ähnlichen Kladderadatsch. Erdacht ist dieser von Menschen in Großorganisationen.

Das sind jene Orte und Strukturen, wo sich verselbstständigende Kommunikationserzeugungen irgendwann eine Eigendynamik entfalten, die notwendig Unsinn hervor bringt. Weil sie an irgendeinem Punkt Gesetzmäßigkeiten folgt, die überhaupt nur noch in diesen Organisationen selbst verständlich bleiben, ansonsten entkoppelt von jedem Weltbezug einen Terror ganz eigener Art entfalten. Ob nun in der Katholischen Kirche, Polizei- und Verwaltungsapparaten oder auch politischen Parteien. Diese kuriosen Kommunikationswolken, mit Donner und Blitz bewehrt, weisen Personen Positionen in den Großorganisationen zu und erdenken ein zu beherrschendes Außen. Und nach oben in ihnen wird gespült, wer am bravsten offenkundigen Unsinn verbreitet und sich am wenigsten von Realitäten dabei irritieren lässt. (das war jetzt alles Niklas Kuhmann light). Zumindest nach Außen. Um im Hinterzimmer ganz anderes zu behaupten; man wird da nur was, wenn man um die Lüge weiß, wie jeder Jurist mir bestätigen wird.

Meine Verwandten in der DDR einst, konfrontiert mit den Gedankenwelten des Psychonalytikerzweiges meiner Familie, referierten oft über die doch bestimmt mit Begriflichkeiten aus der Psychopathologie nur zu begreifenden „zwei Wahrheiten“, die in dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ Alltag waren. All die offiziellen Doktrinen, die in Schule, FDJ und überhaupt Öffentlichkeiten nachgebetet wurden – während zu Hause am Küchentisch das Gegenteil gesagt wurde.

Will man wissen, wie das funktioniert, muss man nur die Verlautbarungen des FC St. Pauli-Sicherheitsbeauftragten Sven Brux im St. Pauli-Forum lesen. Nachdem ich das tat,, möchte ich gar keine Aktionen gegen Homophobie mehr von ihm unterstûtzt sehen, die er gegen Wunderkerzenverbotsproteste ins Feld führt. Was mich wahnsinnig ärgert, diese Instrumentalisierung des Themas auf dem Rücken Betroffener.

Dann würde er nämlich über diese perfide Taktik nachdenken, die die Apparatschiks vom DFB fahren, die ja verblüffende Parallelen zu denen der Homophoben, der Rassisten, der Sexisten usw. aufweisen in weniger ganze Leben umgreifendem Sinne. Schreibe gerade am iPad und bin zu doof, das hier zu verlinken.

1.) Man halte die Unterworfenen durch ein „ihr steht unter Beobachtung!“ im eigenen System gefangen. Z.B. im Falle des Schwulenhasses hat das eine gewaltige und höchst gewalttätige Tradition: Seitdem irgendwelche Psychiater „Homosexualität“ als klinisches Phänomen erfanden, wuchs die beobachtende Literatur drumherum ins Unermessliche. In der Ethnologie wurde vermeintliches Wissen über die „Wilden“ angehäuft. Bücher über die „hysterische Frau“ füllten Bibliotheken. (ich bin gerade zu Michel Foucault gewechselt).

Mache Dich zum Bobachter, erfinde Zwangsmittel, rüste Dich mit den Sanktionsbefugnissen einer Großorganisation aus und sorge dafür, dass die Leute sich dazu verhalten.

So funktioniert Macht, und was das mit Menschen macht, kann man dann bei Sven Brux nachlesen. Diese Struktur „doppelter Wahrheit“ schreit einen da ja geradezu an, im Forum heißt se „Taktik“; sie wird auch öffentlich-rechtlichen Journalisten, Blattmachern, Arbeitsagenturmitarbeitern und Versicherungsgutachtern bestens vertraut sein.

2.) Operiere mit unsäglichen Behauptungen, auf dass alle sich damit beschäftigen und nur noch darauf beziehen, in Abwehr in argumentativen Zurückweisungen aufgerieben sind. Da mögen Wunderkerzen noch ein relativ harmloses Beispiel sein; aber wie ein Sven Brux auf einmal Argumentationen zum Thema „Wunderkerzen“ auffächert, getrieben von den Kommunikationswolken poststalinistischer Organisationen wie dem DFB – poststalinistisch meint hier, dass sie gelernt haben, dass Einsperren teurer ist als Aussperren, insofern ist die „Festung Europa“ poststalinistisch, der industrielle Gefängniskomplex in den USA nicht -, das verblüfft. Ebenso, dass Blogger in Reaktion lange Argumentationen auffächern, die darauf reagieren. Damit hat der DFB schon gewonnen, weil er durch die Diskursvorgabe die Kommunikationswolken strukturiert, in denen sich Individuen positionieren.

Das nun zu den Antidiskriminierungsdiskussionen in Relation zu setzen ist nicht zu konstruiert. Die Geschichte der Marginalisierung ist immer die von unsinnigen Behauptungen über Marginalisierte – und immer mit dem Effekt, dass deren Verhalten dadurch geformt wird, diese zurück weisen zu wollen. In der Homo-Ehe belegen wollen, dass man gar nicht schrill, promisk, pervers, krank, unnatürlich und „unanständig“ ist usw. – das kann man jetzt durch alle Felder durchdeklinieren, in denen es eine Rolle spielt.

Auch ein Sarrazin und ein Buschowsky haben das gelernt, durch vermeintliche „Wissens“anhäufungen Diskussionen zu steuern – wer glaubt, eine argumentative Zurückweisung mache da Sinn, ist schon drin.

Ich hab geträumt heute nacht. Geträumt davon, dass man sich auf die Vorgaben einfach nicht mehr bezieht. Klar, sie sind mächtiger – dann sollte man aber auch über nackte Macht und deren Missbrauch reden und nicht so tun, als gäbe es da irgendwas zu diskutieren. Dass man stattdessen Gegenbilder, so starke, erzeugt, dass all die menschen- und freiheitsfeindlichen Apparatschiks als das da stehen, was sie sind: Wilhelminische Piefkes, geil auf strukturelle Gewalt, weil sie mit ihrem Leben offenkundig nichts Besseres anzufangen wissen.

Vielleicht schreibt Christian Wulff über all das ja gerade ein Buch.

Zwischenruf zum „Hipster“-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die „Rocky Horror Picture Show“, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von „Hipster“.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

„Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?“

Was ist das „N..“ im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Beitrag lesen

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

„Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.“

Foto 09.03.13 22 08 19

Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

„der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.“

Ohne „der Rest war“ hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

„Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.“

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen Mehr von diesem Beitrag lesen

Lesen! Dann hören!

Vom Überwinden der Scham

20130303-202334.jpg

So als Kritiker von Leistungs- und Nützlichkeitserwägungen, als Verfechter des freien Spiels der Liebe zum Erlebnis will ich mal den echt niedlichen Schiedsrichter, Christian Leicher, loben. In eben diesem Sinne war es wohl zu deuten, dass er uns dieses Geschenk so kurz vor Schluss machte. Nee, dachte er sich, will man die instrumentelle Vernunft (Horkheimer), die letztlich irrational werdende Zweckrationalität (Max Weber), die funktionalistische Vernunft der Systemimperative, die der Logik des instrumentell über einen Gegenstand Verfügens folgen (Habermas), wirkungsvoll dekonstruieren, dann bleibt nur das: Die klare Aalener Überlegenheit in Halbzeit 2 auszulachen, indem man einen „kann man geben, muss man aber wirklich nicht!“-Elfmeter pfeifft.

Ich muss hier gerade so klugscheißern, damit Publikative auch weiterhin meine Kommentare nicht frei schaltet. Bruttoinlandsprodukt. Ich lach mich kringelig. Weil mir zudem heute ein „Verständlichkeitslauf“ diagnostiziert wurde. Die daraufhin entstandenen Risse im Selbstbild muss ich nun kitten.

Dabei war es wirklich schön, heute in geballter Social Media-Offensive gemeinsam Fussball zu schauen: Mit @kleinertod und @gegengeraden-gerd samt Begleitung und @ring2 bzw. @stpauli.nu gemütlich in der O-Feuer-Bar bei lecker Bier sich ein echtes Scheißspiel schön zu saufen.

So entwickelte ich bierselig vollstes Verständnis dafür, dass Thy, Gogia und Gyau vollauf damit beschäftigt waren, sich mittels Mentaltechniken auf das nächste Spiel vorzubereiten. Sie leuchteten förmlich bei ihren Imaginations- und Visualisierungsübungen von Zuckerpässen, präzisen Flanken und genialen Treffern – wir können uns schon mal freuen! -, blieben so voll und ganz auf eine bessere Zukunft konzentriert. Sich auf die triste Gegenwart zu fokussieren führt ja auch nur dazu, dass sie sich unaufhörlich wiederholt. Und sie konnten auch eine Halbzeit vollkommen darauf vertrauen, dass unsere Defensivspieler die Offensivarbeit gleich mit übernehmen. Das klappte deshalb so gut, weil die Aalener in Halbzeit 1 vor allem mit Umfallen beschäftigt waren. Die mit gelb geahndete Schwalbe des einen Herren in Schwarz-Weiß gestreift war natürlich die im Sinne des Karmas auslösende Ursache für den späteren Elfmeter. Ach, und es ist nicht nett, Herr Frontzeck, dass Sie Florian Bruns nicht eingesetzt haben, nur weil, ganz grober Patzer der sportlichen Leitung, dessen Vertrag nicht verlängert wird. Mit Bruuuuuuuns auf der 10er-Position hätten wir zur Halbzeit souverän 4:0 geführt inmitten wie Kegel kippender „Reichsstädter“.

Aber so halt lieber einen auf spannend machen, na, ich weiß ja nicht.

Und dann kam „der Japaner“. Ja, auch das ist Alltagsrassismus, lieber Herr Sky-Off-Daherquatscher, alle mit Namen zu nennen, aber Takuma Abe immer nur „der Japaner“. Bei Florian Kringe haben Sie ja auch nicht „der Deutsche“ oder bei Gyau „der Amerikaner“ gesagt. Abe war echt gut, der mentale Ausstieg unserer Offensive zeigte ergänzend Wirkung, zeitweise war das reine Abwehrschlacht – und Frontzeck rehagelte, wie @ring2 richtig anmerkte, indem er mit Daube einen dritten Sechser auf den Platz schickte, anstatt die Offensive zu beleben. Als Boll und Ebbers kamen, verschaffte das der Defensive Entlastung und uns so kurz vor Schluß den spielentscheidenden Elfmeter.

Als Aalener Fan wäre ich vermutlich völlig ausgerastet, würde Blogtexte darüber schreiben, dass Christian Leicher, der niedliche Schiri, sich doch mal Gedanken darüber machen solle, was für ein Gerechtigkeitsempfinden junge Menschen, die so was sehen, entwickeln würden.

Doch so … die Gedanken schweiften tatsächlich zurück in die Regionalliga, ein Spiel gegen Neumünster, wo ein entscheidender Elfmeter uns den Arsch rettete und ich mich auf den sooooooooo sehr vermissten Holzbänken der alten Haupttribüne echt schämte.

Aber man wird älter, wird reifer und überwindet die Scham 😀 … schön war’s, zu jubeln, zu lachen, in Arme zu fallen und grienend mit Freunden durch die Stadt, die ich liebe, nach Hause zu gehen!

„Jongliere mit Deinen Zielen!“

20130302-215449.jpg

Ich habe geleuchtet, ich habe geschwelgt, ich habe geliebt. Und leuchte, schwelge und liebe. Es haben so viele so tolle Worte gefunden, da wäre jedes von mir nur Aufguss gewesen. Und ich merkte zudem, still will ich nicht genießen, aber doch nonverbal.

Klar, es geht um den wundervollen Abend letzte Woche Freitag am Millerntor, als Chöre auf allen Flächen, den neuen, den alten, rund um das heilige Grün erschallten und frohlockten, die neue Gegengerade zeigte, zu was sie fähig sein würde – und die Jungs auf dem Platz erst! Was haben die ein Spiel auf den Rasen gezaubert, ja, nicht umsonst ist vom Magischen FC die Rede nicht nur im Falle eines befreundeten Blogs.

In welchem Hotel irgendwo im süddeutschen Nichts sie wohl gerade mit der Playstation spielen, Musik hören und sich eingrooven auf den heißen Tanz morgen? Vor dem letzten Spiel waren sie meine Nachbarn fast, zwischen Musikhalle und Oper einquartiert, gegenüber des Gängeviertels, und genossen nicht nur den Anblick meines Hundes beim morgendlichen Lauf, sondern auch den Weg durch Wallanlagen und Planten & Blomen wohl – erlebe ich ja als meinen luxuriösen Vorgarten, heißgeliebt, mein Lebensraum, wenn nur der Knast mit Parkblick da nicht wäre. Da liefen sie mir nämlich über den Weg.

Das Leuchten des Freitags hielt an, das Bier schmeckte wohlig herb nach und das Wundervolle des Erfahrens beseelte sogar die Übe-Sessions mit dem Saxophon. Es ist so dermaßen cool, in Tönen zu schwelgen und all die Notenkämpfe von einst durch das freie Tröten zu ersetzen und ganz und gar eins mit dem Sound, den ich gestalte, inmitten des Lebens zu stehen, zu wippen, zu tröten und in Hingabe ans Geräusch den eigenen Rhythmus zu finden! Eines Tages werden hier Sax-Improvisationen als Spielberichte erscheinen. Das „Huhu“ aus Song2 übe ich schon 😀 …

Um mich von all dem Bewerten – „Gott, spielst Du lahm, hör Dir mal lieber „Giant Steps“ von Coltrane an!“ – und ähnlichem Spuk im eigenen Hirn zu lösen hat mir das Leben mal wieder wundervolle Bücher geschickt. Richtig, richtig gut ist „Der Mozart in uns“ von Barry Green und W. Timothy Gellway. Der offene Brief an die Mannschaft war unter anderem von diesem Werk inspiriert, die Überschrift dieses Eintrages gerade ist daraus eine Kapitelüberschrift (Frauenfeld 2000, S. 73). Es ist die Übertragung der Gedanken eines Buchs über das Tennisspielen auf das Musizieren und darüber hinaus auch ein wenig eine Anleitung zum Glücklichsein – wie man sich von all den inneren Kritikern und ständig quatschenden Stimmen löst, um zu seinem inneren Spiel zu finden.

Gestern habe ich die Passagen zu verschiedenen Arten der Zielsetzung gelesen und wurde verblüfft. Weil einem das so schön erläutert, wie zugenagelt und verbrettert man wird im staatlich reglementierten, realkapitalistischen Alltag. Bonus- und Maluspunkte gibt es ja nicht nur in Studiengängen, und passt man nicht auf, erwacht man eines Tages zwar nicht als Käfer, aber als Maluspunkt.

Die Autoren unterscheiden zwischen Lernzielen, Ausführungszielen und Erlebniszielen. Ausführungsziele: Bezogen auf die Musik also z.B.: „Giant Steps“ von Coltrane fehlerfrei nachspielen. Ich meine, wer sich solche Ziele setzt, hat echt selbst schuld 😀 … oder halt „Donna Lee“ vom Blatt mit all den richtigen pp und ff < und so.

Lernziel wäre, selbst so grandiose Improvisationen hinzukriegen – nur eben solche, die dem eigenen, inneren Spiel entsprechen.

Erlebnisziele, das kann sein, sich einfach wohlzufühlen, wenn man doch nur "House of the rising sun" zum Playalong spielt – zugleich aber, die Musik selbst zu erleben mit allen Erfahrungsdimensionen, die möglich sind. Die sind bei "Tristan und Isolde" halt etwas komplexer.

Ich behaupte mal, dass in dieser bundesdeutschen Apparatschik-Kultur zu 80% Ausführungsziele Beachtung finden, zu 15% Lernziele, die politisch noch nicht mal gewollt sind, und vielleicht zu 5% Erlebnisziele. Die nur dann erlaubt sind, wenn dafür bezahlt wird, dass man zugleich etwas konsumiert. Musicalwochenende in HH. Sonst gibt es Platzverweis, oder Strom und Wasser werden abgestellt.

Das hat viel mit dem zu tun, was Karl Marx "entfremdete Arbeit" nannte. Weil irgendwann ALLES zur Arbeit im Sinne gelungener Ausführung wird, wenn man nicht aufpasst. Und sonst nichts bleibt.

Dabei klappt die Ausführung doch viel besser, wenn das Erlebnis stimmt. Genau darin liegt doch der Hauch der Utopie bei Spielen wie jenem am letzten Freitag. Allein der Gesichtsausdruck von Kalla, als er nach dem Spiel einer ausgewählten Person im Publikum sein Trikot überreichte nach dieser so unglaublich souveränen Rockerei in der Innenverteidigung!

Hey, Erlebnisqualität IST Zentrum gelingenden Lebens, nicht das total gewordene Funktionieren des Regelauslegens und -befolgens, bei dem man nichts lernt und das doch wie eine Zwangsjacke all die Möglichkeiten abschnürt, die Erfahrung erst zur Erfahrung macht.

Bin mir aber sicher, dass die Boys in Brown morgen in Aalen wieder das Erlebnis suchen werden, dass wie wir auf den Rängen sie sich ganz in das Spiel verleben und die Magie leben wollen, die Passspiel, Kampf und Tore entfesseln können. Als Erlebnis, nicht Ausführen eines Plans.

Auf dass wir wieder danach alle leuchten … alle zusammen und jeder für sich, der beim Nippen am Bier aus dem Florian Bruns-Becher abends auf dem Sofa das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt … an dem Rahmen für die Bruuuuuuuuuuuuuuns"-Sax -Impovisation erlebe ich schon herum und lern was dabei. Dann klappt auch das mit der Ausführung irgendwann wie von selbst.