Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Manuel Gräfe, die BRD und die Gerechtigkeit

Der gestrige Text über die „Generation Kohl“ war freilich ganz aus westdeutscher Perspektive geschrieben. Für viele ehemalige DDR-Bürger wird ergänzend eine andere Erfahrung maßgeblich gewesen sein. Eben jene, dass die chromglänzende Rhetorik von Rechtsstaat und der Marktwirtschaft, die für alle gut sei, eben eine Mär ist, nicht auf Reales sich bezieht (Ausnahme: Das Bundesverfassungsgericht) und sich wie ein ideologischer Grauschleier dennoch in Feiertagssprüche und Gerichtsturteile schieben kann. Während doch die nackte Macht regiert.

Die Aufarbeitung des DDR-Unrechts wurde noch akribisch nach rechsstaatlichen Maßstäben vollzogen, indem (meines Wissens) der Verstoß gegen DDR-Recht als Kriterium angelegt wurde, also das Wissen um Legalität unter tatsächlich-historischen Bedingungen. Könnte der DFB auch mal drüber grübeln, Recht hat auch die Funktion der Erwartungssicherheit, dass man also Konsequenzen antizipieren kann. Was bei den DFB-Sanktionen schlicht unmöglich ist.

Ansonsten verramschte der Westen auf der Ebene der Ökonomie ein ganzes Land, suggerierte Menschen, ihre Lebensleistung und Biographie sei eh nichts wert, stürzte Privathaushalte, Unwissen ausnutzend, in die Verschuldung und nahm so Millionen in Geiselhaft.

Das Bonmot vom „Besserwessi“ formte sich, diese ganze New Economy-Attitude und Arroganz erlitten viele schmerzlich. Noch heute erlebe ich bei jedem Neu-Kontakt mit ehemaligen „Ossis“ erst mal diesen Check, ob da nun eins von diesen aufgeblasenen, an Marketingssprech überangepassten Medienarschlöchern sitzt und sie dünkelnd empfängt, oder ob man auch halbwegs menschlich miteinander umgehen kann. Meistens bestehe ich den Test, schreib ich mal ganz eitel, klugscheißern tue ich ja auch im wahren Leben oft, nicht immer, nur Klugscheißern gegenüber, und dann entbirgt sich so ein schmunzelnder, anarchischer Witz im Umgang mit übermächtigen Institutionen, wie ihn nur widerständige Ossis haben.

Warum ich das schreibe? Wegen der Prinzen. Die nun nicht unbedingt zu meinen Lieblingsacts gehören, aber mit „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ haben sie ja schon so was wie eine Generationenerfahrung auf den Punkt gebracht (na, vielleicht nicht wegen der in des Mythos in der ersten Strophe, eine wohl eher einer feministische Kritik heraus fordernde Strophe. Aber sonst.).

Während Wessis weit häufiger im „Glauben an eine gerechte Welt“ verharren und sich einbilden, in einer tatsächlich funktionierenden Demokratie samt gerechtem Staat und für alle guten Wirtschaftsordnung zu leben, hat ein ganzer Landstrich die Erfahrung gemacht, auf der Strecke zu bleiben, wenn man sich nicht in die Lügen des Westens einfügt. Und dass man eben nur durch kommt, wenn man vorgibt, Regeln einzuhalten, informell freilich wie ein Schwein agiert, ich zitiere Die Prinzen. Was letztlich einfach ein Analogon zur DDR-Erfahrung ist, wenn auch ohne Mauer für die, die raus wollen, ledglich für die, die rein wollen, und ohne Bautzen.

Was direkt zu dem Freistoß in der 3. Minute des gestrigen Spiel überleitet. Das war nun so was von genau vor meiner Nase, dass ich da keine Fernsehbilder brauche, um die Szene beurteilen zu können. Der operettenhafte Herr Maierhofer lässt sich neben Herrn Thorandt auf die Knie fallen, zu unserem Entsetzen reißt der Linienrichter die Fahne hoch. Wenn ich es richtig gesehen habe, hat Gräfe die Szene gar nicht selbst beobachtet und entscheidet auf Freistoß, zeigt Gelb. Irgendeine Regel wird dazu schon passen, aber in der 3. Minute?

Der Freistoß kam erstaunlich präzise angesichts dessen, was die Kölner Offensive ansonsten zu bieten hatte. Und Tschauner hätte den meines Erachtens halten können. Ich bin aus diversen Gründen dafür, lieber Bene ins Tor zu stellen, Tschauner patzt zu oft.

Die ganze Szene wirkte auf mich surreal, wie einstudiert.

Nun fielen anschließend in schöner Regelmäßigkeit immer an dieser ein und derselben Stelle die Kölner Spieler um. Nicht immer wurde gepfiffen, aber häufig, und es gab dort auch gelb-rot.

Sag mal, Stani, bist Du so tief gesunken, Deine Spieler anzuweisen, an bestimmten Positionen niederzusinken und Freistöße heraus zu holen, die Du dann gezielt im Training übst? Haben die Hoffenheimer und bigotten Kölner Dir jegliches Gefühl für Fairness ausgetrieben? Das war nun nicht zufällig ungefähr 5 Meter vor der Stelle, wo Asamoah sich regelmäßig fallen ließ, was ich auch Scheiße fand – war das etwa auch gar nicht dessen eigene Untugend, sondern Briefing von Dir? Außerdem entschuldigt man sich nach solchen grob verpfiffenen Spielen für ein Sieg und lamentiert nicht noch von „geilem Fussballabend“.

Der es ja sogar war. Das Millerntor lebte, aber so was von, lange nicht so ein gutes Feeling im Stadion verspürt. Die Jungs gaben alles, was sie können, kämpften, rannten an, die schönsten Beine der Liga waren auch wieder auf dem Platz und spielten meines Erachtens richtig gut. What an Man! Seufz.

Michael Frontzeck ging in der Halbzeitpause auf Gräfe los und sagte ihm, falls ich Lippen richtig lese, „Das wird ein Nachspiel haben!“, hoffentlich. Bei jeder verfickten Luftschlange „ermittelt“ ganz staatsanwaltlich der DFB, warum nicht auch gegen Herrn Gräfe? Das ist doch auch schon wieder so ein Analogon zur Polizei, wo dann der Dienstherr selbst die Verfehlungen seiner Schergen untersucht und Verfahren einstellt. Ich sehe das auch anders als die vom Magischen FC – die haben zwar recht, dass wir vor dem Tor zu umständlich agieren, aber das Spiel wäre meines Erachtens 0:0 ohne den Schiri ausgegangen. Und er hat massiv und maßgeblich in den weiteren Saisonverlauf eingegriffen, ob nun intendiert oder nicht, indem er erstmal für eine Spiel unsere gesamte Innenverteidigung auf die Bank setzte.

Und Frontzeck zeigte auch, dass er Diskussionen in der Fanszene offenkundig verfolgt (okay, ging auch bis ins Abendblatt) – gleich am Anfang zwei der Erfahrenen mit auf dem Platz, Kringe und Bruns, und die demonstrative Einwechslung von Ebbers und Boll habe ich auch als Signal verstanden, als sehr Positives, Neues auf dem Gewachsenen zu errichten und nicht einfach nur abzureißen. Was eben nun wirklich sportliche Leitung dazu veranlassen sollte, Fehler einzugestehen und Bruns doch zu halten. Ich fand euch prima, Boys in Brown, und das „You’ll never walk alone“ kam aber so was von aus braunweißem Herzen!

Vom Erlebnis her war das ein toller Abend, einer, der das, was ich mit dem FC St. Pauli verbinde, erfahrbar machte. Und dazu gehört auch Wut über Ungerechtigkeit. Nie verliert man ein Spiel nur wegen des Schiris, aber das gestern war nun schon reichlich merkwürdig. Dieses ewige Freistöße zurück verlegen, die Bereitschaft, gegen uns sofort gelb zu zücken – Köln bekam 3 Gelbe, wir ebenfalls und zwei Mal gelb-rot on top, also 7, obgleich wir kein bißchen mehr foulten als die Kölner. Das ist schon eine mutmaßlich böswillige Regelauslegung, dieses ständige Abpfeifen, wenn wir in der Vorwärtsbewegung waren, das Nicht-Ahnden von Fouls an unseren Spielern, auch ständige Fehlentscheidungen des Linienrichters, der in der ersten Halbzeit vor der Haupttribüne hin und her lief. Das war in Summe schon eine ganze Menge. Das kann auch Psychologie sein, weil es diese Schiedsrichter gibt, die, um sich „Nicht dem Druck der Tribüne zu beugen“ Unsinn pfeifen; im Nachhinein frage ich mich allerdings auch, wieso die Kölner eigentlich ihre Konter in Überzahl so kläglich abschlossen. Das war doch auch völlig surreal.

Was eben wieder zum Thema Gerechtigkeit überleitet. Das geht bis zu den nach vielen Augenzeugenberichten sogar vermummten und mit Quartzhandschuhen bewaffneten Ordner nach dem Spiel, die sich vor der Süd vor denen, denen das Stadion zum Teil als Vereinsmitgliedern mit gehört, aufbauten wie eine Besatzungsmacht.

Ist Herrn Gräfe, Herrn Rauball, Herrn Niersbach, Herrn Neumann, Herrn Wendt, den Ordnern und all den anderen eigentlich klar, was sie mit dem Gerechtigkeitsgefühl einer ganzen Generation anstellen? Gerade dieses Alter von der Pubertät bis Mitte 20, dem viele auf der Süd und bei USP angehören, ist konstitutiv für das Stellen der Weichen hinsichtlich der eigenen Bereitschaft, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Entweder entschließt man sich im Sinne totalisierten Eigeninteresses, dass man ruhig Schwein sein kann in dieser Welt, macht man es im Rahmen mächtiger Institutionen und ökonomisch abgesichert, sind ja keine Sanktionen zu befürchten. Oder aber man hat Erfolgserlebnisse im Kampf für Gerechtigkeit, weiß, dass sich das gut an anfühlt und macht anschließend weiter damit. Es sei daran erinnert, dass es die Grundrechtsartikel in der Verfassung sind, die Gerechtigkeit ausdefinieren, nicht irgendeine linke Spinnerei.

In diesem Sinne kann Herr Gräfe sich ja mal hinterfragen, was sein selbstherrliches Verhalten bei Jüngeren auslösen könnte. Das kann Herr Innensenator Neumann sich fragen, wieso nun gleich zwei Menschen in meinem Umfeld prophylaktisch zur erkennungsdienstlichen Behandlung zitiert wurden, ein Fall wegen falscher Beschuldigung noch vor einem Gerichtsverfahren und im anderen Fall wegen einer Marginalie und weil er nicht weiß ist. DAGEGEN erlässt man Gesetze, nicht dafür. Die Verfassung schützt den Bürger vor dem Staat, nicht umgekehrt. Vielleicht sollten all die „1984!“-Schreihälse von Scheck bis Greiner sich lieber mal eines solchen Themas annehmen anstatt des N-Wortes.

Das kann auch der DFB sich fragen, was seine willkürlichen und übermäßigen Strafenkataloge anrichten in juvenilen Hirnen, während zugleich das eigene Personal allenfalls formal Regeln folgt. Das können sächsische Richter sich fragen, die den Kampf gegen Rechts kriminalisieren. Das kann jeder Polizist sich fragen, der Platzverweise ausspricht. Wollt ihr die nackte Macht oder Gerechtigkeit?

Wollen die aber wahrscheinlich gar nicht, sich so etwas fragen. Sie haben ja die Macht. Und nichts ist unerträglicher als Machtmissbrauch.

5 Antworten zu “Manuel Gräfe, die BRD und die Gerechtigkeit

  1. Pingback: Landgräfe » Magischer FC

  2. Headnut Februar 19, 2013 um 7:18 pm

    Das ist die Überschrift des Jahres.

  3. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Kartenspiel

  4. Pingback: #FCSP irgendwie ergebnisegal gegen Köln – fühlte sich nicht nach einer Niederlage an, sondern einfach nach purer Liebe « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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