Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den „Neuen Sozialen Bewegungen“ identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den „Black Panthers“ war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als „Alternativbewegung“ zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem „Null Bock“ des Punk, manche mutierten später zu „Gothics“ oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der „Arbeiterbewegungsmarxismus“ auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des „Club of Rome“ hatten die „Grenzen des Wachstums“ und „Endlichkeit der Ressourcen“ aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der „Antideutschen“ hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie „Amerika“ von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die „Dialektik der Aufklärung“ nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche „Kultur!“-Geschrei in „McWorld“ und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die „Iran-Contra“-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung in der DDR. Die war mit der „Umweltbibliothek“ zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als „Birne“ Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen „Öko“ geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der „Gnade der späten Geburt“, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die „Wieder“vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem „Familienduell“, der brachiale Ökonomismus von „Glücksrad“ und „Der Preis ist heiß“ wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des „Sozialismus“ genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan „Nie wieder Deutschland!“ ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes „antideutsches“ Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf „antideutsche“ Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für „Ökonomie“ halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas‘ „Faktiziät und Geltung“ sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was „Rechtsstaat“ meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der „Gnade der späten Geburt“ halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur „Migranten“, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was „Moral“ so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die „Moralisierung der Politik“ oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das „N-Wort“ verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei „Rock around the Clock“ Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als „Prekäre“ gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

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22 Antworten zu “Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

  1. Trude Februar 18, 2013 um 1:53 pm

    Kohl ist in kein Generationenbegründer kein Generationenerzeuger. Seine spezifische Herrschafttechnik verbarg Machtinteressen hinter einer Mauer von Konfliktvermeidung und geheuchelter Banalität. Seine politischen Zöglinge bedienen sich dieser Techniken und sie bestimmen die Gegenwart des politischen Herrschaftsapparates in Berlin. Tatsächlich geherrscht wird jedoch in Konzernzentralen in Brüssel in Finanzinstitutionen und Bankenvorständen. Im mehrdimensionalen gesellschaftlichen Kräftefeld wurde der nationale politische Apparat an den Rand geschoben. Die wahrgenommene Bedeutung und Beeinflussbarkeit von Politik nimmt ab.

    Die Jungen von heute sind eine von Hoffnungen und Illusionen beraubte Generation die weder auf Karriere und Wohlstand setzen können weil sie ohnehin von den Mechanismen der Wirtschaft unterworfen werden und hier oft nur Prekariatsaussichten haben. Noch existieren für sie bedeutende politische Gegenentwürfe oder eine starke Gegenkultur welche Hoffnung auf ein Neues verspricht.

    Das Komasaufen der Jugend ist eine angemessene Antwort darauf. Die Flucht in Facebookwelten vermeintlicher sozialer Bedeutung eine andere.

  2. momorulez Februar 18, 2013 um 2:58 pm

    Na ja, als Generationenbegründer sehe ich den auch nicht, aber schon als jemand, der auf eine Art Erfolg hatte, die stilprägend wurde in negativer Hinsicht und in einen rein formalen Funktionalismus und die absolute Inhaltsleere bei der Orientierung an dem, was man als Konsens oder mehrheitsfähig antizipiert (was das aber gar nicht sein muss). Ein Glattbügeln, eine Formelhaftigkeit. Was, das hätte ich ausdrücklich schreiben muss, vor allem weiße Deutsche betrifft, da aber die Frauen übrigens oft noch viel heftiger, wohl, weil die mehr Aufwand betreiben müssen, um sich in männerdominierten Domänen durchzusetzen.

    Und unterschätz mal nicht den wahnsinnigen Einfluss, den Beamte in diesem Land haben.

  3. Pingback: Modedroge Moralin - Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt

  4. vuvuzela//riotqueer Februar 18, 2013 um 11:19 pm

    Nach dem Spiel ist vor dem Spiel,…ich muss ja sagen, dass ich in den 1980ern weitest gehend verschont wurde von der Einflussnahme der CDU, da der Hamburger SPD-Senat und aufkommende ‚Alternative Liste‘ die politischen Gespräche unter den Schülern stark, bewegende Momente hinterließ. Mein pakistanischer Vater kam auch ganz gut mit den Beamten im Bieberhaus aus, und die zunehmende Neo-Nazi-Gewalt in den Stadtteilen hatte für mich als pubertierender Junge auch ein hohen Grad der Selbst-Organisierung der jugendlichen Cliquen. Wenn es was zu mosern gab, dann bei Familien-Zusammenkünften der ‚Neu-Rechte‘-Diskurs des segmentarischen Erinnerns und des auch mal sagen dürfen, als Mentalitäts-Ausdruck der zunehmenden Internationalisierung der konservativen Medien.

    Und wenn dann mal neben dem grummeln am ‚Amiga 500‘ dann auch Zeit blieb für den Stadtteil-Verein und erste Ausgeh-Erfahrungen auf’m Kiez der Hafenstraßen-Revolten und Rote Flora-Debatte mit dem Bezirk,..dann war auch immer mal wieder der ‚Deutschland halt’s Maul‘-Ansatz hervorragend dafür geeignet ‚Identitätsstiftend‘ die absolute Inhalts leere der konservativen Medien auf’s Korn zu nehmen. Da waren die Erfahrungen als Steilshooper auf dem St.Pauli der 1980er absolut ‚Mythenbildend‘ und so was wie ein ‚Untergrund des Kreativen‘ entstand.

    Mensch sollte auch nicht vergessen, dass die zentralen Einheitsfeier 1990 am Hamburger Rathausmarkt stattfand.

    Wie habe ich die ’stone washed Röhrenjeans-Invasion‘ wahr genommen??? Keine Ahnung, aber irgendwie waren mir die Menschen aus den Neuen Bundesländern fremd in Ihrem ‚Dialekt‘ und auch gerade wegen der Haltung ‚als Deutsche Opfer‘ durch die Wiedervereinigung einen Eintrag in die Geschichte zu haben, ..die Geschichte der CDU-Schreibung! Ging für mich gar nicht….dann das Ausmaß um ‚anti_…‘ als Grundhaltung der zunehmenden Politisierung in Hamburg-Mitte,..denn andere Stadtteile wehrten sich massivst gegen linksradikale Jugendkultur,..so auch die stete ‚Feuerwehr_politik‘ als Antifaschist in den Wochen nach den Anschlägen, da sich ja die ersten Toten für uns Jugendlichen sich ja schon in den 1980ern zeigten. Nun gut, das ‚Label‘ anti_deutsch ist für mich erst mal ein guter Begriff, der Erinnerungskultur der Bonner/Berliner Republik den Mittelfinger zu zeigen. Auch bin ich bedingungslos solidarisch mit dem Staat der Juden ‚Israel‘, denn eine Erfahrung mit politisierten Moslems in Hamburg war immer das Gute herauszuarbeiten an Nazi-Deutschland, das was die Deutschen mit den Juden gemacht haben [für ein wenig mehr Anerkennung, wer weiß?]. Geht gar nicht,…gegenwärtig trauen sich die meisten Pakistanis, die ich durch meinen Vater kenne, gar nicht ran an das Thema,..aber durch die Anschläge vom 11. September 2001 wurde auch der Internationale Zion_Ismus als Grund für die Anschläge heran gezogen,..und ja,…es wurden die ‚cultural wars‘ gegen Israel und der USA als Zwilling heran gezogen…somit meine ich die Intention des ‚anti_deutsch‘-seins gut nachvollziehen zu können.

    Denn ich musste mich gerade letzten Donnerstag daran erinnern, wie ich in meinem ‚Sturm und Drang‘ an der Hamburger Universität mich heran machte, meine ersten Proseminare zu vollenden und als ‚verkannter Genie‘ dann vollends die Welt zu verändern,..hehehehe,..wer wollte das nicht….wichtig ist und bleibt zumindest die ‚Debatte‘ und da gibt es noch Unmengen an Tabus die es zu brechen gilt.

    Gruß aus Bramfeld!

  5. momorulez Februar 19, 2013 um 12:09 am

    Danke für die Erfahrungsberichte! Das liest sich sehr spannend!

    Ich bin im Grundsätzlichen auch voll und ganz solidarisch mit Israel, und Bedingungen habe ich eh nicht zu formulieren. Das nehme ich aber ehrlich gesagt den mir bekannten „Antideutschen“ einfach nicht ab, dass die auch nur irgendein Interesse am realen Israel oder gar jüdischem Leben haben. Dann würde eine viel ernstzunehmendere Auseinandersetzung mit den Traditionen statt finden, die ich noch bei keinem von denen gelesen habe. Noch nicht mal deren Adorno-Verdrehung schnallt, was dessen Denken mit negativer Theologie und jüdischen Traditionslinien zu tun hat. Namen wie Scholem nehmen die doch gar nicht zur Kenntnis. Und das Schlimme an diesem Mist ist halt die manipulative Kontamierung jeglicher Kapitalismuskritik mit Antisemitismus bei gleichzeitiger Affirmation antisemitischer Stereotype. Das absurdeste Statement war mal hier im Blog, die Nazis hätten in Auschwitz den nicht verstandenen Kapitalismus vergast. Dass da Juden vergast wurden, interessierte nicht sonderlich.

  6. vuvuzela//riotqueer Februar 19, 2013 um 12:34 pm

    Ich finde ja auch erschreckend, dass die linksradikale Szene in Hamburg sich zwar mit Theodor Wiesengrund Adorno beschäftigen mag, aber gelesen habe ich die Veröffentlichungen von Ihm nicht. Ich finde, aus meiner Abneigung heraus zu zitieren mit etlichen Querverweisen, den Autoren gegenüber als Mensch nicht angebracht. Tja, da gibt es die ‚Theorien über das beschädigte Leben‘ mit einem stellvertretendem Vorwort von Moshe Zuckermann,..und ja,…auch Judith Butler schrieb über ‚Gefährdetes Leben‘ als Abhandlung stellvertretend als Jüdin den Staat in seiner Mannigfaltigkeit zu kritisieren, und ich finde das auch erst mal gar nicht schlecht,..aber das große ‚Aber‘ ist doch, das im Bereich der Soziologie, wofür sich viele linksradikale Autonome in meiner Zeit vor Ort, sich entschieden zu studieren, die abstrakten Abhandlungen eigentlich verdeutlichen sollten, dass die Elementar-Kritik als solche erst mal ‚ein Werkzeug‘ ist – und ich finde, dies auch so bleiben soll.

    Trotz dem ‚Claude Lanzmann‘-Skandal auf St.Pauli als Zuspitzung des Konflikts dogmatischer Strömungen in Hamburg-Mitte, hat sich doch die Kritik als solche nicht darin gezeigt, das Mensch sich erst mal überlegen sollte woher dieser kommt und wohin es gehen sollte….

    Anderes Beispiel meiner ‚Sturm und Drang‘-Episode auf’m Kiez war, dass ich mich in den DIY-Volksküchen organisierte und vegane Ernährung ausprobierte,..einfach aus dem Kanon heraus, das wenn gekocht wird, auch wirklich ‚Alle‘ das zubereitete Gericht essen können. Du merkst Momo, die propagierte Formel: Haupt- und Nebenwidersprüche als Konglomerat des linksradikalen Aufbegehrens als Werkzeug hetero_doxisch_ökonomosierter Genoss_innen [?],..nun da kam dann irgendwann aus dem Englisch_sprachigen Raum die Abhandlung ‚unity of oppression‘ als Kritik zur gängigen Körperpolitischen Befindlichkeiten, wie: able_Ism, age_Ism, sex ’n gender, class, color, religion etc. pp….erst später wurde daraus das jetzt gegenwärtige ’spezisism‘ als Werkzeug für die eigene Reflektion als Treugang für ‚Tierrechte und ‚Liberation‘,..nun gut, nach einem Knastaufenhalt, wo ich die zwei Wochen nix gegessen habe, wurde das in der stationären Psychiatrie dann über’n Haufen geworfen, nachdem, trotz ‚einem‘ Anruf beim linksradikalen Szene-Anwalt bla, bla…ich meine so Ähnlich geht es dir mit dem ‚Label‘ anti_deutsch,…es gab und gibt keine Meta-Solidarität, und nur aus einem Prekarisierten-Statut heraus sich mit allen soziologischen Phänomenen zu streiten ist schon echt hart.

    Gerade die, die in Hamburg stellvertretend für ‚Tierrechte‘ stehen, haben da aber ein Bewusstsein entwickelt, der diese Strömung gemeinsam mit der sog. anti_Imperialistischen Basis in Hamburg gegen ‚Israel‘ wettern lässt und sich dabei, ganz nach der oben genannten Formel auf die Butlers und Zuckermann//Adornos, als jüdische Kritiker_innen des Staates Israel beziehen.

    Du Momo,…und bei diesem Punkt bin auch total ratlos,..habe da echt keine Ahnung mehr was das soll und wohin diese Debatte, die säkular geführt wird, hinführen soll. Da finde ich Deinen Ansatz schon treffender, wenn es um eine Kapitalismuskritik gehen soll, einfach mal Werkzeug gegen den Kopf ist nicht. Das ein Kopf mal glühen kann schon eher….

    Ich finde deinen Blog echt spannend,…kurzer Brainstorm aus….

    Gruß aus Bramfeld!

  7. momorulez Februar 19, 2013 um 12:59 pm

    Gruß zurück und Danke!

    „es gab und gibt keine Meta-Solidarität, und nur aus einem Prekarisierten-Statut heraus sich mit allen soziologischen Phänomenen zu streiten ist schon echt hart.“

    Das kann ich mir aber so was von vorstellen!

    Ich war ja nur zu Hafenstraßen-Zeiten, als z.B. die Tierrechte-Diskussion für mich noch gar nicht wahrnehmbar war, ganz an der Peripherie, eben beim dem Häufchen der Ahoii-Post-Punk-Schwulen, mit dabei. Das, was später so in der Flora z.B. abging, habe ich mit Schrecken und Erstaunen eher über Freunde und Kollegen mit bekommen, das war ich ja auch einer von denen, die sich in Überanpassung in Institutionen aufhielten, da ist der Text oben auch Selbstkritik, hätte ich deutlicher machen müssen. Wobei ich schon noch vieles der Vor-Kohl-Orientierungen einschmuggeln konnte und Distanz wahrte.

    Dass man Butler und Zuckermann so lesen kann als nicht-jüdsucher Deutscher, dass tatsächlich Antisemtismus dabei raus kommt, und dass diese B 5-Leute da ziemlich in die Scheiße griffen, das war auch hier im Blog schon Thema. Trotzdem muss man beide ernst nehmen, und da macht Jüdsichsein oder nicht auch einen Unterschied ums Ganze. Es ist einfach nicht das gleiche, ob man Vernichtungsdrohungen selbst ausgesetzt ist oder das aus der Ferne theoretisch diskutiert bei gleichzeitiger Ausblendung des tatsächlichen, historisch in die Shoah mündenden Antisemitismus. Die „Antideutschen“ lassen ja einfach die Hälfte weg – der Hass auf linke Kaffeehausliteraten, die Archaisierung und Orientalisierung, der Hass auf „Ostjuden“ als spezieller Hass auf sozial Deklassierte, auch die vielfältigen Vernetzungen mit Sinti und Roma, die Vorstellung der „verjudeten Bolschewiken“. Das ist auch Geschichtsklitterei. Während die „Antiimps“ völlig ignorieren, dass eine weltweit marginalisierte Kultur es geschafft hat, hegemonial zu werden und das auch nicht aufgeben will, warum auch? Die schreien im Grunde genommen „zurück in die Diaspora, komm, das bißchen Pogrom, was eure Leute so erlebt haben …“, was auch hanbüchen ist. Und auch die Reflektion in Israel selbst wird nur sehr selektiv gelesen. Sätze wie Kishons „Wen Gott strafen will, macht er zum Verbündeten der USA“ darf man ja nicht einfach ignorieren.

  8. Marrah Februar 23, 2013 um 7:00 pm

    Ich stimme Trude grundsätzlich zu, wenn sie schreibt: „Die Jungen von heute sind eine von Hoffnungen und Illusionen beraubte Generation die weder auf Karriere und Wohlstand setzen können weil sie ohnehin von den Mechanismen der Wirtschaft unterworfen werden und hier oft nur Prekariatsaussichten haben. Noch existieren für sie bedeutende politische Gegenentwürfe oder eine starke Gegenkultur welche Hoffnung auf ein Neues verspricht.“

    Allerdings sehe ich die Situation doch nicht ganz so pessimistisch. Deutschland hat sich innerhalb der EU zu einer konservativen Ordnungszelle entwickelt, so wie Russland im 19. Jahrhundert in Europa. Es ist unwahrscheinlich, dass hier Alternativen – sowohl ökonomischer als auch kultureller Art – zum neoliberalen Mainstream entstehen.

    Es kann allerdings sein, dass untere Kanzlerin mit ihren Diktaten in Südeuropa den Bogen überspannt hat. Wenn es in Griechenland oder Spanien zu einer erfolgreichen Revolution kommt, sieht auch in Deutschland die Lage wieder ganz anders aus.

  9. ziggev Februar 24, 2013 um 12:40 am

    Ich glaube, dass Dein kurzer historische Abriss so ungefähr hinkommt. Doch da ich im „medialen-kreativen“ Bereich, wenn, dann im nicht immer so ganz sauberen Sphäre der Rock-Musik zu tun habe, kann ich Deinem Bericht, u. was Deine Anmerkungen zu den Kohl-Ära-Sozialisierten betrifft, nicht aus eigener Erfahrung bestätigen. Meine Jobs waren fast immer (abgesehen von freiberuflichen Sachen, Übersetzungen usw.) Proletenjobs, aber da hatte ich ja immer noch Wittgenstein, Russel, Proust und Quine … Und mein Instrument, auf dem sich mit ein bisschen Mühe Coltrane nachspielen ließ.

    Oder Monk bzw. Holiday. Aber da Du es jetzt so schonungslos aussprichst, wäre meine Frage: zählst Du zu diesen Kohl-Ära-Wichtigtuern solche Leute wie Katrin Rönicke? Mir dämmert es jetzt erst langsam, unterbeschäftigt, wie ich bin, dass jetzt eine Generation tonangebend werden könnte, die sich in erster Linie durch eine unfassbare Unwissenheit auszeichnet.

  10. momorulez Februar 24, 2013 um 12:53 am

    Der Hinweis, dass ich vermutlich Mittelschichtspezifika meine, ist schon mal komplett richtig; auch der, dass konkrete Anlass, das zu schreiben, sich Debatten unter Medienmachern verdankte. Wobei zumindest mein Freundeskreis bis Mitte der Nuller-Jahre gar nicht so medienspezifisch war, komplett entkoppelt war ich da eigentlich nicht – in letzter Zeit eher mehr.

    Ich weiß jetzt gar nicht, was für ein Jahrgang diese Roenicke ist, aber diese Mischung aus Dummheit, Borniertheit, Anmaßung, Anspruchshaltung – „Mach es mir konsumierbar!“ -, die zeigt sich der der schon auch, ebenso wie das „Ich doch nicht!“. Und diese Immunisierungsstrategien, die sind schon auch kohlsch. Der war ja auch Meister dessen, seine biedere Überheblichkeit gegen alles auch nur entfernt nach Intellektualität Riechende in Stellung zu bringen. Da sind Leute wie DiLorenzo dessen Erben, und natürlich bringt das auch eine Allergie gegen Wissen, das sperrig ist, mit sich, über die sich Kohl erhob wie Roenicke, ja.

  11. ziggev Februar 24, 2013 um 2:01 am

    … wobei ich mit meinem übriggebliebenem Mittelklassestolz noch anmerken möchte, dass ich durchaus aus einer bildungsbürgerlichen im besten Sinne Mittelklasse-Familie stamme, Tradierung der unerlässlichen Bibel-Lektüre durch das atheistische Familienoberhaupt, Dante-Zitate, die Abwesenheit jeglicher Kraftausdrücke und druckreifes, ausgesuchtes Hochdeutsch, Chopin, Schubert waren Standard. Nur, shit happens, mit meiner Biographie ist es dann etwas dumm gelaufen … 😉

  12. momorulez Februar 24, 2013 um 9:22 am

    Siehst Du das selbst als „dumm gelaufen“? Du bist doch ein so vielseitig interessierter Mensch mit eigenem Kopf und eigener Sprache und so viel spannenden Erfahrungen, das ist doch viel cooler, als einen bildungsbürgerlichen Kanon nachzubeten …

  13. futuretwin Februar 25, 2013 um 9:42 am

    Passt ziemlich genau auf mich, muss ich zugeben. 😉

    Wo ich mich schwer mit meiner Klassenverortung tue, da das ja grade Thema ist. Mein Vater war Schreinergeselle, meine Mutter Kindergärtnerin, aber mein Großväter waren (zumindest der eine) das, was man im Arbeiterbewegungsmarxismus noch als Fabrikbesitzer bezeichnet hätte. Es war relativ klar, dass ich aufs Gymnasium gehe (es war sogar ein Bischöfliches), aber mein Bruder etwa hat einen Hauptschulabschluss und zwei abgebrochenen Lehren…….

    Was die politische Verortung angeht, war ich da sicher stark durch Kohl geprägt, einfach insofern, dass der Name Kohl zum Titel Bundeskanzler quasi dazugehörte: wenig Bewegung.
    Bei meiner ersten Wahl habe ich glaub ich die Naturgesetzpartei gewählt. (Hingegangen bin ich immer.) Später wurden es dann die Grünen. Mit 17-18 war ich natürlich diffus links, da war auch grade wieder ein Punkrevival (Green Day, Offspring) und da ging man dann auch mal auf linke Demos. Aber was dann da für verschiedene Strömungen schon auf einen einbrachen: das war dann doch zu kompliziert, wer hatte denn da jetzt Recht?
    Da ich selbst niemand im Freundeskreis hatte, der irgendwie richtig engagiert war, wurde ich es auch nicht. Auch im Studium war dann eher Party angesagt. Ich erinner mich daran, dass ich mit einem Freund der (auch) eher konservativ sozialisiert worden war und sogar deutlich anti-links (etwa Anti-Grüne) eingestellt war, dass ich mit dem zusammen einen Typen (diskursiv!) bashen wollte der in der SAV organisiert war. Das hatte aber eher damit zu tun, dass das der Ex-Freund von der Frau war, hinter der ich her war und ist dann sowieso aufgrund eines Alkoholabsturzes ausgeblieben. (Mein Freund ist übrigens mittlerweile auch durch einen linken Philosophie-Professor „bekehrt“ worden. 😉 )
    Aber das war so der Eindruck: Politik ist unsexy. Das war ja der Ex(!)Freund der Lady und die hatte sich auch mal beschwert, dass der vom feschen Skaterpunk zum trotzkistischen Laberkopf mutiert war. Meine Lektion war also: als Kommunist landest du nicht bei den heißen Blondinen. (Um es mal ganz platt zu formulieren).
    Meine linke (Re-)Politisierung kam dann durch die „Cultural Studies“. Insofern passt das auch mit dem Popkulturinteresse, was du geschrieben hattest. Dort ging es dann auch um Gender, um Postkolonialismus, um Poststrukturalismus usw. Und dass das Ganze zumindest in der Frühzeit irgendwas mit Marx zu tun hatte konnte man auch nachlesen.
    Hinzu kam halt, dass das ökonomische Geschehen zunehmend darauf hindeutete, dass es so vielleicht nicht ewig weitergehen konnte. Als Konsequenz habe ich mich dann später mit Freigeldtheorien (Silvio Gesell und so’n Scheiss) beschäftigt. Da kam es dann, dass ich mich mit dem Großen Ganzen beschäftigen wollte, dass in den „Cultural Studies“ in der Tat kaum thematisiert wurde.
    Nach der Finanzkrise 2008 war es mir dann relativ klar, dass da was ganz massiv faul ist und
    in der Kombi „Großes Ganzes“ hier und „Cultural Studies“ hier landet man doch irgendwann bei Marx. (Wobei ich der Anarchismus dann auch noch ganz spannend fand, aber der hat wenig Ökonomisches). Irgendwann hab ich so ein paar Antideutsche kennengelernt. Das konnte es auch irgendwie nicht sein, hat mich aber stark beschäftigt und so bin ich auf Robert Kurz, Roswitha Scholz und die Wertkritik gestoßen.
    Aus dem ganzen Kram versuche ich mir momentan so mein Weltbild zu zimmern. 🙂
    War ein langer Weg. Schwierig das: „Die Linke in den Zeiten der Kohl-Ära“

  14. futuretwin Februar 25, 2013 um 10:11 am

    Aber in den 90ern war es wahrscheinlich das Hauptproblem Linkssein mit Coolness vereinen zu können. Eine starke Strömung war der Meinung, dass das gar nicht möglich sei und blieb unpolitisch.
    Eine kleinere Strömung schnappte sich die „Cultural Studies“: Hey, da gings um „coole Themen“ und links war’s auch noch, perfekt!
    Eine wieder kleinere Gruppe wollte radikaler sein und fand gleichzeitig gender usw. doof. Das war noch zu nah an der uncoolen Elterngeneration (68er, Männergruppen der 70er etc.) gegen die wollte man rebellieren. Ästhetisch ging das mit Punk oder noch besser mit Techno, aber politisch? Hier entstanden m.E. die Antideutschen: antilinks aber sich eigentlich als die wahren Linken verstehend und vor allem : cool!

  15. momorulez Februar 25, 2013 um 11:15 am

    Es gab noch dieses Sich-Entziehen á la Tocotronic, das war halt sehr randständig, verglichen mit diesem ganzen achsocoolen New Economy-Geschwätz. Und die „Cultural Studies“, die haben halt auf sozioökonomische Fundierungen verzichtet, mit Wirtschaft hat sich da ja niemand wirklich beschäftigt. Ich ja auch eher unfreiwillig 😀 – weil ich halt in einem Unternehmen angestellt war mit im Grunde genommen 70er-Jahre-Sponti-Chef einerseits, Seidenhaar-Pseudo-Yuppie-Hansel-Chef andererseits, in der einerseits alle Hypes bis zum Börsengang mit gespielt wurden, durch den Sponti aber ganz andere Leute in der Firma rum liefen als sonst so in der Branche. Was einen dauerhaften Zwiespalt im Unternehmen selbst bedeutete, und als die Finanzinvestoren kamen und alles zerstörten, durfte man halt nicht vollblöd sein.

    Danke aber für die Illustration des oben Geschriebenen anhand Deiner Biographie!

  16. futuretwin Februar 25, 2013 um 11:43 am

    Mit Wirtschaft haben die sich vielleicht schon beschäftigt, aber nie mit dem „Großen Ganzen“.

    Eine Alternative zum Kapitalismus war irgendwie gar nicht denkbar. Zizek hat da ganz Recht wenn er schreibt, dass sich das „Ende der Welt“ leichter vorstellen läßt als das „Ende des Kapitalismus“. Das hat auch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu tun.

    Ein Szene aus den Simpsons bringt das Verhältnis der meisten 90er-Kids zum Kommunismus am Besten zum Ausdruck:
    Fidel Castro eröffnet seinem Stab: „Ich rufe die USA an, dass sie gewonnen haben.Der Kommunismus ist gescheitert.“ Daraufhin alle: „Oooohh!“ Castro darauf: „Ja, ich weiß, aber mal ehrlich: wir wußten alle von Anfang an, dass dieser Quatsch nicht funktioniert.“

    Und man fand Harald Schmidt cool und daher PC doof. Das ist ja heute immer noch so.

  17. momorulez Februar 25, 2013 um 11:52 am

    Ja, leider. Und was unter „Wirtschaft“ verstanden wurde, waren halt die Claims der Lügner und Weltverdreher aus der neoliberalen Ecke. Dabei kann man mit Marx den Zusammenbruch des „Ostblocks“ immer noch am besten verstehen – u.a. funzte da die Produktivkraftentwicklung nicht, die haben die Digitalisierung verschlafen, und drum änderten sich die Produktionsverhältnisse. Und totgerüstet wurden sie auch. Und Kommunismus war das auch nicht. Was wir doch alle wussten, als die Mauer fiel, aber da hörte dann schon keiner mehr zu, um sich das falsche Ganze schön reden zu können.

  18. futuretwin Februar 25, 2013 um 11:56 am

    Natürlich war das kein Kommunismus. Aber sobald man das Wort in den Mund nimmt, wird man ja auf den Ostblock verwiesen: „Das hat schonmal nicht geklappt!“ und Ende.

  19. futuretwin Februar 25, 2013 um 12:10 pm

    Und gerade führe ich auch eine Online-Diskussion mit einer Freundin, die meint PC als Heuchlerei abtun zu können, dass nur in der Sprache verschleiert, was im Handeln nicht beachtet wird. Wobei sie ja in Teilen recht hat, aber das Kind mit dem Bade ausschüttet, was zu einem großen Teil auf diesen 90er-Harald-Schmid-Anti-PC-Wir-sind-die-Coolsten-Kontext zurückzuführen ist.

  20. momorulez Februar 25, 2013 um 1:48 pm

    Das mit dieser „Heuchelei“ ist ja auch immer so ein Argument, das nur dann funzt, wenn man sich offen zu Rassismus bekennen möchte. Deine Freundin kann sich mal in die Bronx stellen und abwarten, was passiert, wenn sie nicht „heuchelt“. Und sich vorstellen, wie das wäre, wenn in Kinderbüchern statt Frau durchgängig „Fotze“ stünde. Mit allen Konnotationen, die dabei mit laufen, automatisch. Nur zum Ficken da, kein Mund zum Sprechen. Solche multiplen Grammatiken hat das N-Wort halt auch. Worte sind Handlungen, das hat Butler doch in „Hass spricht“ super auf den Punkt gebracht. Das hat einen Effekt wie lebenslanges, schweres Mobbing, diese rassistische Sprache.

    Und statt „Deutsche“ soll sich dann auch darauf einlassen, dass Nazi-Säue in allen Kinderbüchern steht. Als solche kann sie sich dann ja auch bezeichnen lassen, alles andere wäre ja Heuchelei. Harald Schmidt hat einfach den Minderheitenwitz perfektioniert, was nichts anderes heißt, als dass der Faschismushintergrund, den man als Deutscher hat (danke, Shehadistan), da voll durchschlägt.

    Der Punkt ist doch, dass es bei Fragen wie dem N-Wort zwar auch um Moral geht – verletze und degradiere niemanden, dass es aber auch eine tatsächliche Ebene gibt. So, wie nicht alle Deutschen Nazis sind, sind Schwarze eben auch keine N … hinsichtlich all der herabwürdigenden Konnotationen:

    http://neu.isdonline.de/die-anwalte-des-teufels-oder-rettet-das-schimpfwort/

    Und natürlich sind Frauen keine F… . Habe das oben nur ausnahmsweise ausgeschrieben.

    Und: Als würde der Kapitalismus klappen. Als hätte der Antikommunismus geklappt – in Deutschland vielleicht, aber Chile? Die Verwüstungen auf dem afrikanischen Kontinent?

  21. ziggev Februar 25, 2013 um 11:10 pm

    interessanter Link!. Danke für die Verlinkung.

  22. Pingback: Abschliessende Worte III – Alle Links, erster Teil | ...Und So Zeug

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