Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 6

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Ich musste mir einen Hut kaufen. Ein Hauch von Mafia und Al Capone. Ja, auch ein Klischee, Saxophon, Halbwelt, und vielleicht ist ja eine Maschinenpistole im Instrumentenkoffer? – zudem die Großen, die Giganten wie Coleman Hawkins eher so zerknitterte Dinger mit schmaler Krempe trugen und nicht so einen Riesen fast in der Größe von Mountain-Bike-Rädern neuerdings auf meinem Kopf. Na, vielleicht auch denen eines Tretrollers.

Doch es ging nicht anders. Ein Hut musste her. Weil diese Sakko-Schiebermützenvarianten-Kombination mit weiter Hose oder gleich ganz Anzug zu meinem Verblüffen wirklich annähernd ALLE weißen, deutschen Saxophonisten tragen, wie mir scheint. Gleich 2 der Saxophon-Lehrer an der Musikschule (meiner nicht, aber der ist auch kein weißer Deutscher) irgendwelche gehypeten Berliner … alle Kappen zum Sakko und demonstrativ darunter T-Shirt oder Pullover. Wie ich auch. Was bin ich doch ein Klischee. Und so ganz ohne Kopfbedeckung Saxophon spielen geht auch nicht. Also ein Hut.

Bekam heute prompt ein Kompliment für den Hut von dem Virtuosen, der mich in die Kunst dieses so, ja, wie soll ich die Dialoge mit dem Instrument, mit dem ich Schritt für Schritt intimer werde, eigentlich noch in Worte fassen? Müsste sie allmählich blasen.

Lerne es immer näher kennen, stelle fest, wie zart dieses wuchtige Gerät ansprechen kann, wenn ich auf La Voz-Blättchen (eine Marke der Holzblätter, die man ins Mundstück spannt und die den Klang erzeugen) versuche, leise zu spielen. Wie er, mein Goldie Horn, mir in trauter Zweisamkeit Nuancen zeigt, die er verschämt verbirgt, sobald jemand dabei ist – z.B., wenn wir diesen Virtuosen besuchen, und Goldie Horn plötzlich quiekt und sprotzt. Weil ich gerade mit Statusfragen unter Männern beschäftigt bin, anstatt auf mein Instrument und dessen Bedürfnisse einzugehen. Quörks. Füietschiiiiiigrzsz. Blörb.

Mit Arppegien beschäftigten wir uns in der letzten Woche, „Broken Chords“. Die Töne hintereinander spielen, aus denen ein Akkord besteht, zu dem man spielt, damit beides zueinander passt. Er am Klavier, ich mir den wimmernden Dialogpartner umgehängt. Vorsichtshalber noch nicht mit Noten arbeitend, obwohl ich die ällmählich wieder erkenne dank abendlicher Lektürefortbildungsprogramme. Er tippt Akkordnamen in mein iPad und Buchstaben daneben. FACE, FAHD, GEHD. Und spielt die Akkorde an. Ich tröte los. Goldie Horn klingt gequält. Hochgradig sophisticated hingegen die hingeperlten Töne aus dem Klavier. Ich tröte los und bekomme die Akkordwechsel nicht mit. Ein Desaster. Er lässt mich die Bass-Töne auf dem Klavier spielen, immer beim Wechsel, damit ich begreife, was er da spielt. Ich blockiere völlig und verstehe und höre gar nichts mehr. Während er mit einer Leichtigkeit über die Tasten gleitet, dass mir der Atem stockt.

Verstehe auf einmal die Impulse grobschlächtiger Abwehrspieler, die den filigran dribbelnden Gegner kurzerhand umtreten.

Verstehe aber nicht mehr die Buchstabenfolgen, die er mir aufgeschrieben hat. Ist ja nun nicht so, dass ich noch nie in meinem Leben etwas von Dreiklängen, Intervallen, Kadenzen, Tonarten, Dominanten, Tonika, Halbtonschritten und all dem Schmonz gehört hätte. Alles weg, und was soll mir da nun auch noch „mixolydisch“ helfen? Und was macht dieses blöde D da eigentlich? Hatte ich zwar vor kurzem aufgefrischt, diese Kirchentonarten, und bei der Kaossilator-App gibt es die auch – fühle mich gedemütigt, als er aus Mitleid wieder mit mir Saxophon spielt, vortrötet, damit ich nachspielen kann.

Frustriert fahre ich nach Hause. Der Bus ist zu voll. Soll ich es wieder bleiben lassen, das Saxen? Ein leises Tuten aus dem als Rucksack geschulterten Instrumentenkoffer. Fiept Goldie Horn da „Nein!“? Habe ich mir das nur eingebildet? Hätte ich doch ein Maschinengewehr darin … noch trage ich Mütze.

Grummelnd ein Bier am Kiosk gekauft. Ja, stimmt nicht, es waren 3. Klicke bei Amazon herum. Erst mal zwei Bücher über Saxophon-Improvisation bestellen. Mit Playalong, CD zum Mitspielen. Bestimmt alles von schlechteren Musikern als meinem Lehrer eingespielt. Grummel. Vertiefe mich in „Musiktheorie für Dummies“. Goldie Horn blinkt mir traurig von seinem Ständer zu. Er ist so schön …

Sinniere nach, wieso zum Teufel es so schwer fiel, die Akkordwechsel zu hören. Bei so was spürt man ja die eigene, musikalische Sozialisation wie einen Schmerz in den Gelenken. Ja. Die Kirche. Gar nicht die Orgel, da habe ich mit dem Liederbuch in der Hand eh nur die Lippen bewegt und so getan, als würde ich mitsingen. Außer bei „Lobe den Herren“, das mochte ich. Nee, die Gruppen, Kinderfreizeit, Vorkonfirmantenfreizeit, Konfirmantenfreizeit. Die Liedtexte in dem grünen Pappschnellhefter auf buntem Papier.

„Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein …“. „Herr, Deine Liebe“. „Am Tag, als Conny Kramer starb“. „Streets of London“. Im Kindergottesdienst gar „Der Mörder ist immer der Gärtner“ von Reinhard Mey. Dazu eine Predigt über Vorurteile. Echt jetzt! Und „Go down Moses“ oder „He’s got the whole world in his hand“ haben wir auch nicht gesungen wie in der Gospelkirche, sondern eben zu Akkorden wie von der Wandergitarre. Arg begradigt. Nix Soul, eher Juliane Werding. Von mir aus auch folkig. Mit ganz eindeutig rhythmisch geschlagenen Saiten. Nix filigran gezupft, sondern Scheppern an Scheppern gereiht. So Joan Baez-mäßig. Die liebe ich ja nicht zufällig bis heute über alles. Mal ab von der religiösen Indoktrination in den Texten: „Auf der Lüneburger Heide“ oder „Von Luzern nach Wegeszüi trug ich weder Strümpf noch Schüi“ in der Grundschule war schlimmer. Lach nicht, Goldie Horn. Es gab ja nun Formen der musikalischen Prägung, die noch viel gruseliger sind als diese Lagerfeuergesänge im Gemeindehaus in den 70ern. Märsche und so was. Spielmannszüge. Sogar noch Volkstanzgruppen.

Okay, niemand kann aus seiner Haut. Wozu gibt es die Garage-Band-App mit den Smart-Instruments? Wo mehr oder minder ganz von selbst spielend Gitarre, fast baezig, Keyboard und Drumcomputer meinem grobschlächtigen Hörgefühl mehr entgegen kommen als Piano-Feingeister? Baue auf dem iPhone die Akkordfolgen nach. Ab ins Büro, in den Anbau, da stört das keinen, Üben.

Stecke das eher am Rande noch als Telefon genutzte Rechteck in dieses Docking-Ding der Anlage, die dort steht. Starte es ein, tröte los. Goldie Horn verzieht sich spürbar, da passt ja nix zu nix. Ach so, ich spiele ja ein „transponierendes Instrument“. Googel rum, muss das Garage-Band Layout auf B-Dur umstellen, dass ich C-Dur spielen kann. Wunder der Technik. Eine Einstellung, und alles ist anders.

Brauche eine Viertelstunde, bis ich schnalle, was ich gebastelt habe. Dann läuft es auf einmal. Wie wunderbar! Wie unglaublich, in diesen Klängen durch die Welt zu gleiten! Aber erst, nachdem ich auf 60 Beats per Minute herunter reduziert habe 😀 – na, bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Erfinde meine Melodie mit richtig elegantem Finale. Will gar nicht mehr aufhören! Löse mich von den vorgebenen Tönen. Spiele drauflos. Einfach so. Fast eine halbe Stunde lang. Ich fliege! Und Goldie Horn mit mir. Selig. Projekt Kirchengruppenmusikvereinigung geglückt.

Besorge mir einen Lautsprecher, den ich an mein iPhone anschließen kann. Ein hübsches Kügelchen. Passt in meine Jackentasche. Kaufe mir einen Hut. Auf in die Musikschule.

Packe meine Mini-Anlage aus und baue sie auf dem Klavier auf. Lehrer freut sich, weil ich mich tatsächlich mit alledem auseinandersetze. Obwohl mit seinem federleichten Klavierspiel Garage-Band nun wirklich nicht mithalten kann …

„Hast Du das in C-Dur eingespielt und dann einfach drüber geblasen?“ Er grinst belustigt. Ha! „Nein, ich habe es auf B-Dur eingestellt.“ Glühe stolz wie zuletzt ungefähr in dem Alter, als ich Kindergottesdienste besuchte. Ein kleiner Triumph des grobschlächtigen Abwehrspielers angesichts des Dribbelkünstlers … wir spielen zusammen zu meinem Grageband-Layout, er am Klavier, ich mit meinem Goldie Horn. Klappt prima.

Und es läuft! Auf einmal verstehe ich, dass das D die 9 ist und auch, was das mit dem I und II und V zu tun hat. Dabei hatte ich doch darüber gerade in „Musiktheorie für Dummies“ gelesen. Und das Blues-Schema in der Schule gelernt. Jetzt gleitet das Wissen in Goldie hinein. Langsam. Mit 60 beats per minute.

Nun erahne ich, wie ich mit Goldie Horn noch besser plaudern kann. Und liebe das Saxen. Macht Spaß.

Wir überziehen die Stunde. Ich packe meine Sachen zusammen. Lasse auch den kugeligen iPhone-Lautsprecher nicht liegen. Als ich meinen Hut aufsetze, übt der Lehrer bereits Querflöte. Deutlich schneller als 60 beats per Minute. Aber so was von schneller. Fast wie Charlie Parker auf dem Saxophon … flucht „Ich spiele ja heute wie im Kindergarten!“. Und flötet weiter.

Ich gehe hinaus in einen wundervollen Hamburger Winterabend. Rauche die Zigarette danach.

Der Bus ist zu voll. Was soll’s.

Höre ich richtig, dass Goldie Horn auf meinem Rücken „Der Mörder ist immer der Gärtner“ summt und kichert?

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14 Antworten zu “Die Saxophon-Dialoge, Teil 6

  1. Mrs Next Match Februar 13, 2013 um 11:15 pm

    Jetzt verstehe ich, wofür ein „Like“ Button im besten Fall gut sein könnte: Sich merklich für den schönen Beitrag bedanken aber nicht finden, dass ihm etwas hinzugefügt werden sollte.
    Beantrage die Einführung eines von FB entkoppelten „Like“-Buttons, einfach nur damit ankommt, dass ich das mochte.

  2. momorulez Februar 13, 2013 um 11:17 pm

    Dankeschön 🙂 – kann man das bei WordPress installieren? Das freut mich, was Du schreibst!

  3. Ring2 Februar 14, 2013 um 8:47 am

    Was MrsNM sagt. +1 😉
    – nur Deine Sax-Bücher musst Du nach der ARD Reportage gestern bei Thalia.de oder Libri bestellen.

  4. momorulez Februar 14, 2013 um 9:13 am

    Da bin ich mir so sicher nicht, will das aber gar nicht unter diesem Text diskutieren. Der zwar auch politische Implikationen hat, aber auf einer anderen Ebene. Zu diesem Amazon-Thema gibt es einfach zu viel zu sagen, was mir etwas komplexer scheint. Aber wer so lange Thesen der Initiative für die Neue Soziale Marktwirtschaft wie die ARD propagiert hat, sollte sich da vielleicht auch mal an die eigene Nase fassen. Und sich fragen, was das eigene Pfründe sichern und Produzenten dumpen und auch Denis Scheck damit vielleicht zu tun haben.

    Du könntest ja genau so das iPhone, auf dem Du auch rum machst, heraus greifen, was ja gerne geschieht, um Apple eins auf die Nase zu geben – als würden die anders produzieren und auf andere Rohstoffe zurück greifen als ihre Konkurrenz. Oder das Saxophon selbst ist in Taiwan hergestellt, wo es gravierende Probleme mit der Umweltverschmutzung gibt. Ein Selmer kann ich mir aber nicht leisten (und mag mein Goldie Horn eh lieber, will also auch gar nicht). Und den Hut habe ich mir bei Amazon-Marketplace bei einem traditionellen Hutmacher irgendwo in deutscher Provinz bestellt. Wo ich normalerweise nie hin käme, und bei Hamburger Hutmachern habe ich meine Größe noch nie gefunden. Habe auch schon bei New Yorker Antiquariaten und Kleinsthändlern in Meck-Pomm bestellt.

    Dieses „Thor Steinar-Träger drangsalieren Leiharbeiter“ ist AUCH eine Metapher für Hartz IV plus „Einwanderungspolitik“ und Standortkonkurrenz, wie sie brutalstmöglich von Schröder und Merkel forciert wurde und wird. Daran zerbricht gerade halb Europa, während PoC im Mittelmeer absaufen. Und nähert sich dem Modell China an, eben totalitärer Autoritarismus plus Marktwirtschaft pur, flankiert und abgesichert von staatlichen Institutionen, wie der ARD, ist ja schön, mit garantierter Pension und Sabottical-Anspruch unter Weißen sich über Amazon erheben zu können, was immer zu so was führt. Finde es etwas kurz gedacht, da nun Amazon zu highlighten.

    Jetzt habe ich hier doch geantwortet. Wer den Kapitalismus will, darf vom Faschismus nicht schweigen, ganz einfach.

  5. ziggev Februar 14, 2013 um 6:36 pm

    Wundervolle Welt der Apps! Korg Kaossilator – noch nie was von gehört! Also, wenn ich das richtig verstanden habe, lann man da auch nauch eigenem Gusto sich Harmonien raussuchen? – Zum drüber improvisieren Üben? Früher (oder jetzt noch) gibt/gab es da „Band-in -a-Box“, aber eben null intuitiv, und bei mir sowieso schwierig, irgendwas mit Sounddatenbanken und Soundkarte/Arbeitsspeicher sowieso. Da kannst Du aber jede noch so verrückte Harmoniefolge selber eingeben, und es gibt endlosviele Variationen für die Bluesform, wenn ich mich recht erinnere, kannst dann sogar eingeben, Drums gespielt im Stil von Prince, Bass bitte im Stil von … usf. Und dann die vielen unterschiedlichen Typen, was die Rhythmik angeht …. Also, ich hab das Programm nicht kapiert, dazu die unendlichen Möglichkeiten beim Rumprobieren, ich war schnell frustriert. Aber zum Üben, mit dem schnelleren Rechner, wenn man es dann ordentlich zu Laufen bringt, und dann immer klein-klein schrittweise vorwärts, wäre das vielleicht wieder was.

    Das erste Mal, dass ich von einem App höre, das mich auch neugierig macht auf son smart-phone, oder wie die Dinger heißen. Da bin ich halt konservativ, und bin durchaus nicht bereit, mich Zug um Zug den halben Tag lang davon hypnotisieren zu lassen, dass das, was hinter dem Blinden Fleck meiner Mensch/Maschine-Interaktion, denn das, was ich mache mit meinen Wurstfingern auf der touchscteen, sehe ich ja nie und werde es nie sehen, in dieser mir auf diese Weise auf ewig verborgenbleibenden wirtuellen Welt, dass also mein blindes Herumfuchtel auch tasächlich Wirkungen nach sich zieht. Oh, wau! Zauberei! Ich stehe da mehr auf sensomotorische Synchronisation 😉

    Aber egal. Es gibt von David Baker ein gutes Buch, Jazz Improvisation – Eine umfassende Methode für alle Instrumente, das eben mit genau den, wie ich finde, gar nicht so leichten Akkordzerlegungen (auf der Gitarre oder dem Bass) anfängt; es wird allerdings etwas Harmonielehre vorausgesetzt. D.h., es wird nicht erklärt, was Aj bedeutet. Dann kommen die berühmten II-V – Sachen usw.; dazu immer Vorschläge, wie man sich da rantasten kann, um darüber zu improvisieren. Ich glaube, das hat der ganz schön trickreich gemacht. Er bringt einem also nicht mehr oder weniger vorgegebene Phrasenschemata vor, wie sie etwa im Swing möglw. häufig vorkommen, sondern es werden mehr oder weniger systematisch verschiedene Herangehensweisen vorgestellt, und als Beispiele Tonfolgen, die sich nach seiner unerschöpflichen Erfahrung als Jazz-Lehrer als besonders zweckmäßig herausgestellt haben.

    Erfordert freilich Konzentration, aber ich hatte immer das Gefühl, wenn ich mir mehr oder weniger mühevoll ein paar Linien draufgeschafft hatte, als deutete sich ein kleiner Lichtblick an: ah-so, das kann ja klingen ! Bedeutet natürlich auch, dass Du Dir dann ein oder zwei Takte rausknobeln musst, ja, die sind in Noten geschrieben ;-( … Wie das jetzt mit dem Transponieren ist, keine Ahnung. Und zur Harmonielehre; wenn Du n Programm wie Band-in-a-Box hast, brauchst Du dann ja nur noch G moll 7 – C7 (II-V) usf. eingeben (ggf. transponieren) und dann mit seinen Vorschlägen zu experimentieren. In diesem Sinne werden zwar theoretische Kenntsisse vorausgesetzt, wenn Du jetzt in Dein Programm die Töne von G moll 7 eingeben musst, es wird Dir aber nicht erklärt, wie sich die alterierte skala herleiten lässt und warum Du sie verwenden kannst, um bestimmten Akkorden Töne himzuzufügen, WARUM sie klingt, sondern Dir wird vorgeführt, DASS sie klingt. (Standartwerk scheint im Moment Frank Sikora – Die neue Jazzharmonielehre zu sein.)

    Nun gut, das hört sich für „Goldy Horn“ jetzt sicherlich etwas kompliziert an, aber Baker fängt ja offensichtlich genauso an wie Dein Lehrer, der offensichtlich Ahnung hat und sehr gut ist, und wofür ich mich für Dich freue, und dem es auch offensichtlich nichts ausmacht, Dich man n bischn zu überfordern 😉 – und ein Vorteil von Baker ist ja gerade, dass er nicht mit komplizierten Erkärungen der Harmonielehre anfängt – ein paar Grundlagen vorausgesetzt. Klar, hätte ich mir jetzt im Kommentar auch gleich sparen können, kommt schon schnell genug alles dran. Aber ich erinnere mich, wie ich immer meinen Schüler, den ich mal hatte, überfordern musste, und der dann beim letzten Bit zuviel plötzlich auf einmal alles wieder vergessen hatte, was er ja schon konnte, und was ja gar nicht mal so schlecht gewesen war ! Aber Du musst jetzt ja nicht die expressive Harmonik bei Schumann mehr oder weniger rein in der Theorie lernen, sondern hast Wege gefunden, erst mal einfach loszu legen – kann ich alles ganz gut nachfühlen, und ist recht kurzweilig zu lesen 😉

    Aber zu den Spielmannszügen – die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren! Neulich ging ich hier in der Vorstadt echt erstaunt extra vor die Tür, als die vorbeikamen – die hatten, zum Teil alle noch im Grundschulalter, ein echt bemerkenswert gutes und sauberes Timing, diese Jüngelchen und Mädelchens hatte echt Groove. Und das, obwohl sich der Zug über hundert Meter oder so erstreckte und sich dazu noch bewegt; und sie spielten Abba uns solch Zeugs; ich kann nur sagen, Hut ab! Langsam verstehe ich, warum die in Rio drauf so abfahren. Und wer bringt denen das in Norddeutschlad in der Vorstadt Hamburgs bei? keine Ahnung. Die hattes es aber echt drauf.

  6. momorulez Februar 14, 2013 um 7:29 pm

    Das, was Du „Band in a box“ schreibst, gibt es ähnlich als App als „iReal B“. Da muss ich mich rein fuxen. Der Kaossilator ist etwas komplizierter, aber der hat so ein paar Sachen vorgebaut, zu denen man prinzipiell auch improvisieren könnte, das Ganze aber auch den jeweiligen Skalen, Rhythmen usw. anpassen kann. Bauen kann man sich da auch was.

    Und die Methodik, die Du skizzierst auch aus den Büchern, die wendet mein Lehrer auch gerade an. Gestern gab es dann noch einen Vortrag zur allgemeinen Systematik der I, II und V, der 3,5,7,9 – und das Kuriosum ist, dass ich das alles schon diversen Büchern gelesen hatte und auch wusste, aber erst nach diesen Arpeggio-Übungen wirklich verstanden habe. Und ich bin ja so ein Typ, der dann auch besser spielen kann, wenn man mir die Systematik erläutert. Der baut das auch so auf, dass ich daraus dann später Pentatonik, Blues-Tonleitern usw.. ableiten kann, ohne dass er de schon erwähnt hat. Muss mir jetzt vor dem nächsten Üben erst mal G- und F-Dur selbst basteln, was ja prima ist. Der ist definitiv nicht nur ein irrer Instrumentalist – als ich Goldie Horn kaufte, kannte der Verkäufer ihn, kriegte sich gar nicht mehr ein angesichts dieses Musikers und beglückwünschte mich -, sondern auch ein guter Lehrer. Und mich ein bißchen wütend und hilflos machen, auf dass dann der Ehrgeiz einsetzt, das ist bei mir keine schlechte Methode …

    Die Spielmannszüge jn meiner Jugend waren das Grauen. Ist ja cool, wenn sich da was getan hat!

  7. ziggev Februar 14, 2013 um 8:50 pm

    Also bei „Band-in-a-Box“ kannst Du einfach die Bezeichnungen der Akkorde angeben; [: Dm7, Bb7, Gm7, Eb7, Ebm7, Dm7, Cm7, F7b9 :] Dm7 [ Gm, Gmj7 … und musst Dir nicht die Akkordtöne rausfummeln und einzeln angeben. Auf dem Sax oder dem Klavier sind, glaube ich, Arpeggies viel intuitiver und in ihrer Vielseitigkeit schneller anzuwenden … ich wünsche Dir weiter viel Spaß, und erzähl mal wieder was von euren Dialogen!

  8. momorulez Februar 14, 2013 um 9:26 pm

    Für mich ist ja gerade das Herausfummeln der Töne das Problem 🙂 – ich muss sozusagen auswendiglernen oder mir die Prinzipien drauf schaffen, auf Zuruf zu wissen, welche Töne/Läufe/Figuren auf einen Akkord passen. Die reinen Dreiklänge, das hätte ich auch irgendwie hinbekommen im Kopf, aber das zu spielen ist ja noch mal was anderes, weil ich die ganzen Griffe reaktivieren muss. Zudem mir so schlichte Wahrheiten, dass den Grundton nun eh schon die ganze Band spielt und der Sax-Solist darauf verzichten sollte, auch neu waren 😀 – das sei so Klassik, „wir“, er meinte die Jazzer, machen das nicht,

    Zum Beispiel bei „Blue in Green“ auf „Kind of Blue“ wird ewig der gleiche Akkord gespielt, und die improvisieren da allerlei Tonleitern aus aller Welt drüber (das meint, wenn ich es richtig verstehe, „modales System“). Die muss man halt abrufen können. Und eben auch die Arpeggien notwendig nacheinander. Mehrstimmig kann ich nich nicht, mein Lehrer schon 🙂 – das hört sich aber auch sehr schräg an.

    Diese Licks und Phrasen, die Du oben meintest, die gibt es freilich auch als Apps 😀 … z.B. von Greg Fishman. Da wird es dann ja auch erst interessant, da eine eigene Sprache zu finden, da brauch ich noch zwei Jahre, um damit mal anzufangen. Das ist ja wie ein Vokabular, das man erlernt. Dass ich nach Noten vor 25 Jahren auch alles mal gespielt habe, nur das mir der Bezug zu Akkorden oder das Improvisieren nicht gelehrt wurde. Habe dann zu Grover Washington-Platten irgendwas gespielt. Aber eigentlich hat der Lehrer damals mich auf die Alt-Sax-Stimme im Orchester getrimmt, habe damals die meiste Zeit Alt gespielt. Was ich ihm im Nachhinein übel nehme.

    Bei iReal B kann man das so, wie Du meinst, auch abrufen, auch in verschiedenen Rhythmen, Latino, Modern Jazz usw. In Garage-Band baut sich das schnell selbst, das ist dann irgendwo zwischen folkig und poppig, damit komme ich aktuell am besten klar.

  9. ziggev Februar 14, 2013 um 11:59 pm

    mal sehen, vielleicht wäre dieses iReal B was für mich …

    u. bei David Baker geht das so: oder gehen Sie von der b6 zur 5. Stufe, indem Sie vorher den darunterliegenden Halbton spielen oder gehen Sie chromatisch zur b7 …. oder beginnen Sie mit einem akkordfremden Ton (…) … oder spielen Sie die alt. Skala während der ganzen (Blues) Form wie folgt: […, …, …]. (und dann immer Beispiele, meist bloß 2, 3, 4 Takte.) oderoderoder … Und natürlich: spielen Sie das in allen Tonarten!: [Dm, G7; Em, A7; …] dafür wäre n Computer, der das für einen spielt. natürlich nicht schlecht. Wenn Du das aber ausprobierst, macht es irgendwie ‚klick‘, und Du bekommst bei dem, glaube ich, auf diese Weise etwas schneller ein Gefühl für die Skalen, woraus sich ein Vokabular zusammensetzen kann etc., was Du natürlich auch fürs modale Spielen verwenden kannst.

    ich bin ganz froh, dass ich mir diese Kulturtechnik des Musikmachens, allenfalls mittelmäßig talentiert, bewahrt habe. das mit dem Baker war ja auch nur als Anregung gedacht, wenn Du mal ein bisschen streben und an irgendwelchen Notentexten rumdoktern willst. ohne Zweifel bist Du ja bei Deinem Lehrer sehr gut aufgehoben.

    auf der Gitarre hast Du ja immer Muster, die sich in verschiedenen Tonarten wiederholen, dies allerdings auf mindestens 4 verschiedene Weisen; dadurch kannst Du Dir aber das Prinzip zum Herausfinden der Töne in verschiedenen Tonarten schneller merken und schneller den betreffenden Akkord spielen und Dir die betreffende Skala merken; auf der anderen Seite sehen die Arpeggios dafür dem, wie sie klingen, sehr unähnlich aus, „analogisches Musterdenken“ (ich bin eigentlich mehr ein Augenmensch ) lässt sich da für mich nur sehr schwer anwenden, und, wie gesagt, Du kannst (oder musst) dieselbe Akkordbrechung in derselben Tonart auf mindestens 4 Arten und Weisen spielen. Daher erschließen sich bestimmte Prinzipien, wie Melodien aufgebaut sind, einige Dinge, was Umkehrungen oder konkrete, also nicht theoretische Akkordgestalten betrifft, schwerer. – Oder auch, was die Pentatonik und dergleiche betrifft.

    Aber ich glaube auch, jeder hat da seine eigene Methode, sich das am Besten zu merken, n Bekannter von mir hat da immer n chromatisches Konzept im Kopf, spielt also ohne Unterschied, ob es schwarze oder weiße Tasten sind (mit der Harmonielehre ist es dafür allerdings nie so richtig etwas geworden; er hat aber ein exzellentes Gehör und spielt eigentlich zu fast allem ganz leidlich in seinem chromatischem Raster).

    bei der Gitarre geht man eindeutig von den Akkorden aus und etwas mehr theoretisch vor. weniger von Melodie und Akkordbrechungen, daher finde ich, was Du gerade machst, einfach toll, in diesem Sinne, mach das weiter – und für heute, gute Nacht!

  10. momorulez Februar 15, 2013 um 12:19 am

    Dir auch gute Nacht! Und Danke, auch für Herrn Baker, bin ja für jeden Tipp dankbar!

    Dass es mir aktuell irgendwie am meisten bringt, die chromatische Tonleiter zu üben, das fiel mir auch schon auf. Bin, glaube ich, durch viel Black Music hören, eher Soul, Funk, Jazz, bei Disco greift das nicht so, neben diesem Folkigem aus der Kirche auch echt Blue Note-geprägt, obwohl ich richtigen Blues selten gehört habe. Und dagegen kommen mir diese „normalen“ Tonleitern auch trivial vor. Bei dem chromatischen Rauf und Runter ahnt man dann was Bluesiges.

    Im Grunde genommen alles auf den 7 Tönen – ganz plump 1234567 – der zugrunde liegenden Tonart aufzubauen, die „Broken Chords“ dann aber als eine Ebene, die den Kirchentonarten folgt, zu begreifen, während man faktisch die ganze Zeit die Töne der zugrunde liegenden Tonart spielt – das ist ja das II, V, I, wenn ich das richtig verstanden habe -, dieser Ebenenunterschied, den habe ich gestern erst geschnallt (hoffentlich). Und bei Pentatonik lässt man dann bestimmte Nummern weg, bei Bluestonleitern auch, „erniedrigt“ dann aber noch welche und fügt ggf. welche hinzu. Alles in einer Siebener-Logik. So verstehe ich das gerade, obwohl die 9 da die 2 ist 😀 … irgendwie macht das Sinn.

    Immerhin konnte ich gestern schon einwerfen (angelesen), dass doch bei „sus“ die Terz durch die Quarte ersetzt würde 😀 … weil Garage-Band das einfach gespielt hat, und er das raus hörte. Da habe ich einmal kurz verblüfft. Er mich aber auch.

  11. ziggev Februar 15, 2013 um 8:33 am

    ja, diese ewige triviale kinderlidmäßige, kirchenmusikartige, „normale“ reine Durtonart – endlich mal n anderes Idiom! Wobei Chuck Berry – z.B. am Ende von C’est la viehttp://www.youtube.com/watch?feature=endscreen&NR=1&v=d1oyvAMtFsk – augenzwinkernd über längere Zeit reines Dur benutzt, besonders das Klavier (dazu mit Hawaigitarren-Anklängen), was die These vom „traurigen“ Blues an absurdum führt und das Stones-Konzept, dass alles dreckig, und schmutzig sein muss, Blut, Schweiß und Sperma, widerlegt – für dieses ironische Verwenden von Dur, was ein Rock ´n´ Roll Stück über Teenageliebe zu einem lächelnd vorgetragendem Kinderlied macht, dafür liebe ich ihn einfach und kann bis heute davon noch nicht genug kriegen!!!

  12. momorulez Februar 15, 2013 um 3:13 pm

    Das ist aber auch prima. Auch, weil er so wundervoll klar macht, das Musik eben auch Geschichtenerzählen ist, was bei den ganzen Debatten mit den Formfetischisten irgendwie immer unter den Tisch fällt. Die Art, wie er da Pointen setzt, entspringt halt dem Inhalt, nicht nur der Form. Der der mündlichen Überlieferung, nicht des geschlossenen Romanwerkes.

  13. Loellie Februar 27, 2013 um 1:16 pm

    Ich muss peinlicherweise ja gestehen dass, als ich vor ein paar Tagen gelesen habe, dass anfang Februar Donald Byrd gestorben ist, mein erster Gedanke war „Ach, der hat noch gelebt?“ …

    http://www.youtube.com/watch?v=1cMUvR32Wtw

    … und dann fiel mir noch, warum auch immer, diese Kneipe in Kreuzberg ein, die mitte der 80er auseinander genommen wurde, weil dort Cool-Jazz und BeBop gespielt wurde. In der Gneisenauer war die.

  14. momorulez Februar 27, 2013 um 1:38 pm

    Loellie! Frohes Neues 😉 …

    Ich schaffe mir die ja gerade erst alle wieder drauf, eher die Sax-Spieler, bei Donald Byrd bin ich noch gar nicht wieder angekommen – R.i.P.!

    Kneipe auseinander genommen wegen Cool und BeBop ist aber echt hart. Es gab zwar schon in den 80ern diesen Zusammenhang Yuppies – Cool Jazz – Cocktails schlürfen, und Cool ist ja eh insofern ambivalent, dass mit „Kind of Blue“ und „Birth of the Cool“ Miles Davis zwar wie sowieso in fast allen Jazz-Fällen der 50er buchstäblich tonangebend war, das Ganze aber eher von Weißen an der Westküste popularisiert wurde. Und „Jazz“ kann auch irgendwelchen Blöd-Punkern und rummackernden Autonomen als irgendwie unproletarische Intellektuellenscheiße wahr genommen worden sein. Aber deshalb Kneipen auseinander nehmen?????

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