Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Give us a goal!

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So gaben sie uns gleich 4. Die Gegner. Vielleicht Effekt dessen, dass ich mich an eine Choreographie, die Politisches jenseits von Fankultur, DFB-Bashing und ACAB-Varianten thematisierte, auch kaum noch erinnern kann. Während selbst Werder mit „Football has no gender“ vorlegt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich noch keine „Gegenkultur“ erlebt habe, die sich denen auf den teureren Plätzen so brav und bieder erklärt und an sie ranschmeißt wie jüngst die BASCH. Und sich danach dann vermutlich in die Welt des heterosexuellen Hochzeitsfotos verabschiedet hat, nachdem dieser um sich werbende Text mit ach so hübschen, wohl und formvollendet formulierten Worten von vielen sogar auf den Sitzen liegen gelassen wurde.

Ja, ich mache mich gerne unbeliebt. Ich verbringe meine Freizeit auch nicht dem Fertigen imposanter Chorographien und lasse mich gerne dafür verachten – wenn sie es denn wenigstens täten!!! Ey, Scheiß-Haupttribünensitzer! Wenigstens das!

Und bin heute auch nicht tausende Kilometer gefahren, um wie 2500 andere St. Paulianer die Mannschaft zu supporten. Ich habe das Spiel noch nicht einmal geguckt.

Weil ich tatsächlich keine Lust hatte und auch nicht bei der Sache gewesen wäre. Ein wenig auch, weil wir Spiele, die ich lediglich am Liveticker verfolge, weil ich mit Hund nicht in die Kneipe will, eh verlieren. Aber auch, weil ich immer gar nicht mehr weiß, ob das auf dem Platz die Mannschaft des FC St. Pauli ist oder die feuchte Fantasie irgendwelcher Hinterzimmer-Strategen vom Charisma eines Stefan Orth – die Mannschaft scheint ja heute so gespielt zu haben, wie der Reden hält.

Nein, ich habe ihm sein repressives Toleranzgeschwätz nicht verziehen, das er so billig und tatsächlich Diskriminierte entwürdigend mit der Kritik an ihm und Gernot Stenger verknüpfte. Und ja, ich habe einen Hass auf die „Mitte“, die sich so bieder gibt und solche Anzüge zur Schau stellt, wie er sie trägt. Und ja, ich nehme übel, dass all die Gehässigkeiten, Gemeinheiten und Gnadenlosigkeiten, die einer Persönlichkeit wie Corny entgegen gebracht wurden, angesichts dieser Langweiler im Präsidium zumeist verstummen (Ausnahme Spies, der hat wenigstens Unterhaltungswert), wohl, weil die holpernde Ausstrahlungslosigkeit der Protagonisten vom Küchentisch im Einfamilienhaus her, da, wo Mann aufwuchs, so vertraut ist.

Fällt eigentlich niemandem auf, dass die Mannschaft spielt, wie das Präsidium spricht und die BASCH schreibt? Während unter Corny das, was man „Typen“ nennt, Stani als Trainer, Boll, hinsichtlich seiner Spielweise auch Bruns, auch Lechner, Schultz, Eger groß wurden?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass irgendwelche fixen Ideen von „Jugendstil“ und „Ausbildungsverein“ zum völlig verbockten Rückrundenauftakt beigetragen haben im Zuge des Machtausbaus neuen Personals. Dass die Eremitrierung von Bruns und Ebbers als ein vorletzter Gnadenstoß – Boll ist ja noch da -, irgendwie analog zu LED-Bannern und Catering für Business-Seat-Sitzer, gelesen werden kann. Dass NICHTS, aber auch GAR NICHTS bisher an die Stelle getreten ist, so dass es sogar Michael Meeske aufgefallen ist.

Und dass es für neue Spieler auch schwierig ist, weil sie ja in so einer coolen Stadt bei einem coolen Verein sind, aber warum ist der eigentlich cool?, zu wissen, WOMIT sie sich eigentlich identifizieren sollen, wenn selbst der Präsident glaubt, zwischen der Diskrimierungserfahrung von PoC und einem seiner Ansicht nach missglückten Stil bei der Kritik an ihm bestünde eine Beziehung?

Wenn ich an lokale Single-Hits wie „Pokalfinale“ zurück denke, da war das klarer, worum es geht. Und jetzt kriege ich von St. Paulianern diagnostiziert, dieses Antidiskriminierungsthema sei mein „Steckenpferd“.

Der Underdog-Nimbus ist weg, und was kommt jetzt? Die Ratlosigkeit in der Spielweise und das Vertrauen in einen Kader, der für den Abstiegskampf charakterlich nicht gebaut scheint, ich hoffe, ich irre, dem die sportliche Leitung aber ihr Vertrauen geschenkt hat.

Ich war ja erst rein intuitiv gegen Michael Frontzeck. Fand dann alles, was er machte nachvollziehbar, wirkte richtig, er ruhig und sympathisch. Nachdem ich zunächst befürchtete, er entspräche einfach nur einem Bild von „Männlichkeit im Fussball“, wie es in Präsidiumsköpfen repräsentiert sein könnte, dachte ich „ein aufrechter, kluger, gut strukturierter Typ, der es nicht nötig hat, irgendwen unnötig vollzuschleimen und der nichts unnötig verkompliziert.“ Also alles prima.

Jetzt mache ich mir doch Sorgen – wie gesagt, ohne das Spiel überhaupt gesehen zu haben. Weil im Falle Gladbachs zum Niedergang unter seiner Leitung offenkundig beigetragen hat, dass er den Kader falsch eingeschätzt hat. Es wird ja oft betont, dass Lefavre aufrüsten durfte und insofern Frontzeck die Spieler gar nicht zur Verfügung gehabt habe. Es könnte zumindest sein, dass sich das bei uns als Problem abzeichnet, dass er dagegen nichts unternahm.

Wenn dann noch hinzu tritt, ist, dass wohl kein Verein seine Jungspieler noch mehr zu Unrecht „Young Rebels“ nennt – nicht wegen der Spieler, sondern weil trotz aller DFB-Kritiken und Goliathwachenprotesten ich einfach nicht mehr weiß, was das bei uns eigentlich noch heißt -, wird es schwer, jene Wucht zu entfalten, die wir jetzt im Kampf gegen den Abstieg brauchen.

Die „Benimm Dich“-Fraktion, die Biedermänner, die in Mopo-Kommentarspalten und Facebook-Sektionen bei Kassenrollenwürfen taten, als sei gemordet und gebrandschatzt worden, DIE sind es, die zu jener Atmosphäre beitrugen, die jetzt als mangelnder Widerstand auf dem Platz sich eben auch zeigt. Weil sie so brutal „Seid brav!“ proklamierten. So was wirkt. Atmosphärisch. Magisch. Wie auch immer.

Ich liebe Dich. Ich träum von Dir. In meinen Träumen bist Du kein weißer, heterosexueller, männerdominierter Mittelstandsverein mit Punkrock-Museum, sondern ein Feuerwerk, ja, Pyro, der Hybridität, des Schrägen und Windschiefen, das sich überlegt, was Rebellion unter Bedingungen des Jahres 2013 sinnvoll heißen kann und das den Style dazu erfindet.

Stattdessen verlieren wir orthisch. Armer FC St. Pauli.

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16 Antworten zu “Give us a goal!

  1. Ring2 Februar 10, 2013 um 6:21 pm

    … und lieb hab ich sie doch 😉

  2. momorulez Februar 10, 2013 um 6:23 pm

    Ach, das hilft jetzt aber auch nicht weiter.

  3. Thilo Wetzel Februar 10, 2013 um 6:36 pm

    …und dazu noch Dich ❤

  4. pauliane Februar 10, 2013 um 10:41 pm

    auch wenn´s nicht weiterhilft: ich hab euch alle lieb …(muss ja auch mal gesacht werden dürfen)

  5. momorulez Februar 10, 2013 um 10:50 pm

    Doch, das hilft! Und wir Dich auch!

    (zudem ja gesagt werden muss, dass es nach den Spielen vor der Domschänke nun wirklich allerlei „Typen“ im allerpositivsten Sinne gibt! Das allein ist ja Grund, um ins Stadion zu gehen 🙂 )

  6. Pingback: Right Time, Right Place - Right Poeple | Boys in BrownSt. Pauli *NU

  7. goodsoul Februar 11, 2013 um 11:45 am

    Wie schon des Öfteren, das Beste was man zum Spiel lesen konnte.

    Danke dafür & keep the faith!

  8. Trude Februar 11, 2013 um 12:50 pm

    Volltreffer: Papst weg.

  9. Pingback: Egal, ist ja Karneval. #FCSP in Sandhausen – da hilft nur Humor « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  10. LeDucdeStPaul Februar 11, 2013 um 1:12 pm

    Drückt all die schwelenden und anschwellenden Zweifel an unserer Liebe des Lebens aus. Und nichts und niemand steht mehr für diese Zweifel als Präsident Stefan Orth. Kein Charisma, kein St. Pauli Gefühl, nicht mal Autorität. Stattdessen ein Vakuum, das immer mehr auch den Verein bedroht. Was ist dieser FC St. Pauli noch? Wo ist das Profil zwischen dem mittlerweile abgelegten Claim „not established“ und upsolutem Merchandising-Meister in Liga 2? Zum sympathischen Underdog taugt der FCSP allenfalls noch in der 1. Bundesliga. Das Leihspieler-Prinzip mag kaufmännisch-kurzfristig sinnhaft erscheinen, doch genau das macht diesen einstmals faszinierenden Klub zur beliebig austauschbaren Bühne für Profis. Wer auf dem Platz Charakter-Köpfe haben will, sollte vielleicht darüber nachdenken, ob man da nicht bei der Vereinsführung beginnen sollte.

  11. momorulez Februar 11, 2013 um 1:15 pm

    @Trude:

    Ja, der hat mein Blog gelesen und sich einsichtig gezeigt 😉 …

    @LeDucdeStPauli:

    Sehe ich exakt und ganz genau so.

  12. Trude Februar 11, 2013 um 1:22 pm

    Es fehlt ein zweiter guter Stürmer. Die nächste Saison wird besser.

  13. momorulez Februar 11, 2013 um 2:49 pm

    Es fehlt eher auf der 6er-Position und den Außenbahnen, würde ich mal sagen. Es klaff eine Riesenlücke im MIttelfeld, und durch Kreativität zeichnet es sich auch nicht aus. Und ansonsten hoffen, dass wir noch in Liga 2 spielen in der nächsten Saison.

  14. Trude Februar 11, 2013 um 3:37 pm

    An Abstieg glaube ich nicht. Der neu zusammen gestellte Kader wird sich besser einspielen. Kringe wird stärker Gonther kommt zurück. Das sehr junge Mittelfeld wird sich entwickeln Gogia wird noch viel Freude machen. Eine kleine Serie und es sieht dann schon viel besser aus. Die nächsten vier Gegner sind alle machbar. Ich weiß nur nicht ob Frontze der richtige Trainer für junge Spieler ist.

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