Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ …“

„Da wird schnell mit dem Zerrbild von der „politischen Korrektheit“ gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass „politically correct“ nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.“

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist „Blackface“ eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie „nationale Identität“ gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische „Kulturnation“ fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem „weiß“ an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die „Analyse & Kritik“ und den „Freitag“ als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten „Druckfrisch“-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der „weißen Gegenkulturen“ auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem „weißen „Gegen“kultur“-Konzept von der „Beat Generation“ bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema „Selbstverständnis der weißen „Gegen“kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

„Der ideale Gast für „Druckfrisch“ ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in „Druckfrisch“ zu kommen.“

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von „Eingeborenen“ sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der „Political Correctness“ so viele gleich „1984“ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das „Kommunikative Handeln“ in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

„Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.“

 

Es ist schon eine Groteske, da den „Würgegriff der Politisch Korrekten“ als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie „Konflikt! Konflikt! Konflikt!“ folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im „Or“ tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste „Druckfrisch“-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine „Druckfrisch“-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

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2 Antworten zu “„… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ …“

  1. MelusineB Februar 10, 2013 um 11:06 am

    In den späten 80ern hielt Jürgen Habermas eine Gast-Vorlesung an der Universität in Gießen. Der große Hörsaal war voll und – wie es bei großen Auditorien oft ist – trauten sich am Ende nur wenige Fragen zu stellen. Unter ihnen war aber Heinrich Brinkmann, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der, wie die meisten Student_innen im Saal, aber nicht Habermas, wussten selbst eine Hasenscharte hatte. Er stand auf und stellte eine sehr interessierte, gleichwohl auch kritische Frage zu einem Aspekt des Vortrags. Habermas wurde blass, rang mit sich und verließ dann das Pult. Er glaubte, Heinrich Brinkmann habe ihn nachgeäfft. Und Heinrich Brinkmann, der sich auf die Auseinandersetzung mit dem berühmten Kollegen gefreut hatte, sackte in sich zusammen. Es war ein schrecklicher Moment. Später gelang es, das Missverständnis aufzuklären – und ich hörte, dass die beiden noch ein gute Gespräch am Abend miteinander führten.

    Die Herablassung gegenüber der „Moral“, das Gerede von „moralinsaurer“ Kritik an bös, das dumme und böse Wort „Gutmenschen“ – das alles muss sich eine oder einer schon sehr leisten können – und viele tun es denn auch, wenn sie es können, mit großem Selbstbewusstsein und widerwärtiger Verachtung, weil sie keinen Schutz brauchen oder zumindest glauben, dass sie es nicht brauchen.

    Habermas´ kann eine in vielen Punkten kritisieren. Mich selbst hat vor allem seine Analyse bürgerlicher Öffentlichkeit früher sehr beschäftigt – und ich hatte viele Einwände. Aber ich habe ihn immer ernster genommen, als viele seiner selbstgerechten Kritiker.

  2. momorulez Februar 10, 2013 um 12:05 pm

    Für mich war er auch einer der wichtigsten Einflüsse, auch wenn ich mittlerweile bei sehr vielen Theoremen vermutlich das Gegenteil von ihm behaupten würde. Was die Frage nach der Moral betrifft im Grundsätzlichen aber nicht. Das, was die hehren Ästhetiker des Außermoralischen oft favorisieren ignoriert schon den Ethos künstlerischer Praxis als solcher (wobei ich auch der Unterscheidung zwischen Moral und Ethik Habermas folge) und auch die oft nur von moralischer Ambiguität lebenden Herangehensweisen. Das ist of ein großes Missverständnis, was als „Autonome der Kunst“ auftritt, und mündet zu leicht in einen nur noch selbstreferentiellen Formalismus als narzißtische Befriedigung bildungsbürgerlicher Männer, die sich noch gegen die Eingriffe von Kirchen wehren – nur dass deren Interventionen halt wegen deren illegitimer Machtfülle schlicht unmoralisch waren.

    Ein anrührende „Anekdote“. Denis Scheck würde im Gegenzug mit Harald Schmidt und all den Pseudo-Bernhard-Konsorten wohl das Recht auf den Hasenschartenwitz einfordern. Pack.

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