Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Identitätskrise?

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Okay, vielleicht habe ja auch nur ich eine. Vielleicht sitzt auch zu tief in den multiplen Dimensionen meiner Empfindungsspektren als Schmerz, dass nun auch ein Florian Bruns vom Millerntorrasen vertrieben wird.

Ist zwar nix Neues in diesem Blog, dass ich finde, dass er ein toller Mann mit Stil (!!!) und Aura (und unvergleichlichen Waden!!!) und ein toller Spieler zwischen Genie und Wahnsinn ist; einer, der so wirkt, als würde er Fussball zumindest gelegentlich auch als Kunstform begreifen; einer, der zu fast schon opernhaften Posen auf dem Platz ebenso neigt wie er reflektiert, realistisch und bescheiden in Mikrophone spricht. Einer mit Spielintelligenz, der trotzdem ganz aufgeht im Team. Eben eine Persönlichkeit.

Bei Saxophonen spricht man, haben sie einen eigenen Sound, von Charakter. Eine unvergleiche Klangfarbe. So wie auch Boll sie hat, wie auch Morena und Lechner je unterschiedlich ihren ganz eigenen Ton trafen und man bei Ralph Guneschs Facebook-Postings selbst dann eine individuelle Melodieführung und Intonation hört, wenn er nur Smileys nach einem Sieg gegen Rostock postet.

Klar, hängt auch an der Lebenserfahrung – manch Jungspund glotz ich alter Sack ja auch verstohlen hinterher und weiß doch, das die mich anspringende Erotik schnell verflöge, wenn Kontakt entstünde. Weil so vieles nur erahnt wird so mit 18, 19, was erst ab 25, 26 als Möglichkeit überhaupt wahr genommen werden kann. Erst wenn das, was ab 40 zur Macke und Marotte wird, sich abzuzeichnen beginnt, geht es doch über von der Sexyness zur Erotik, nicht bei allen, aber eben denen, denen man anspürt, dass sie suchend und hungrig bleiben.

Cottbus hatte heute Charakter. Einen üblen, unangenehmen, eklig tönenden. Als wenn eine Kirmeskapelle Trash Metal spielt, damit ein Bierzelt voller gröhlender Grapscher sich leert. Eine rein destruktive Spielweise, so ähnlich wie Frankfurt mit Gekas einst: Drecksackhaftigkeit, die aus dem Mund riecht und Rülpsen total witzig findet. Da kann dieser niedliche Blonde mit der 33 noch so sehr zum Posterboy taugen, es spricht gegen Rudi Bommer, dass der sein Team so einstellt und dann noch nach dem Spiel gegen den durchgängig unterirdischen Schiri wegen einer Einzelszene poltert, der derart gruselig pfiff, dass diese eine Situation kurz vor Schluss nun wirklich nicht zu highlighten wäre. Dieses punktuelle Gemecker machte ja auch deren Spiel aus.

Und die unseren? Eine Halbzeit emsig, fleißig, engagiert, unermüdlich in Richtung Cottbusser Tor und deren Barrikadenbau aus vergammeltem Hausmüll anrennend (die Mannschaft passt sich wohl auch deren Fanlied an), in der zweiten waren die Boys in Brown wohl froh, sich nicht noch ein Tor gefangen zu haben.

Aber vom Klang her war das doch eher ein Spielmannszug, sorry, Liebes Team des FC St. Pauli. Kein Rhythmus, kein Swing, kein Groove, kein Charisma und zu viel Glockenspiel. Ist ja auch nicht leicht gegen so ein Fussballverwesungskommando wie Cottbus. Aber irgendwie wirkt ihr zwar diszipliniert und euch ins Funktionale fügend, aber das Herz von St. Pauli war das nicht. Das auch den Blues lustvoll leben kann, den Samba sehnt, den Punkrock honoriert, aber so ein irgendwie bemüht ausgefüllter Reißbrett-Kadenzen-Fertigsound zum Drumcomputerbeat für Schulorchester aus der Provinz ohne Soul, ohne Jazz, ohne Tiefe, das macht mir Angst.

Das macht mir Angst, weil die Identität aus der Vergangenheit geborgt ist, man höre auch das wundervolle „You’ll never walk alone“. Klar, großartig. Mythos aufgewärmt. Und doch teilverschwunden. Weil man beim Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus bei Facebook nachlesen kann, dass Flyerverteilerinnen mit blöden, frauenfeindlichen, also diese fetischisierenden Sprüchen belegt wurden, ist die Gegenwart des FC St. Pauli ein Brisanzfeld mit viel „früher“ und ambivalentem Hier & Jetzt. Gerade WEIL da jetzt die imposante Gegengerade steht.

Wie ja mittlerweile sogar das Präsidium begriffen hat, konnte man in dem Abendblatt-Interview mit Duve lesen.

Eine neue goldene Generation muss her, ja, klar, wir sind im Übergang. Und ein Haudegen wie Thorandt, ein Liebgewonnener wie Bartels, Tschauner mit seinen Glanzparaden und Paddy Funk, dessen Facebook-Auftritt man anspürt, dass er St. Pauli zu leben bereit ist, das ist ja schon auch Festgewachsenes.

Ich finde es trotzdem gemeingefährlich, wie die sportliche Leitung gerade vorgeht. Trotzdem es gut ist, die Spieler frühzeitig zu informieren, dass Schluss ist.

Habe es selbst erlebt, wie ein Unternehmen sich schlicht auflöste, weil die Altgedienten mit eigenem Kopf als Rost an verchromten Oberflächen behandelt wurden, dass deren Ansprüche und auch Eigenwilligkeiten gegenüber den besser bezahlten Neueinkäufen und unerfahrenen Newcomern, die ohne Widerrede besser und einfach so funktionierten, als Untugend begriffen wurden. Das ging auf die Produktqualität, und die Aufträge blieben aus.

Gibt sogar da eine Analogie bei Saxophonen: Der „Vintagemarkt“, der für ältere Instrumente, blüht, weil die modernen Hörner z.B. von Yamaha oder Yanagisawa zwar eine Topmechanik haben und eine prima Intonation, aber sturzlangweilig und seelenlos klingen können. Klar, hängt auch an jenen, die drauf spielen, aber nun gehen immer mehr Hersteller dazu über, Instrumente herzustellen, die die alten Sounds wieder erlebbar machen. Ich hab so eins 🙂 …

Drum finde ich auch jede Augenfalte von Boll und Bruns magischer und mitreißender als zu viel Jugendstil.

Okay, Kringe, gute Besserung!, doppelter Nasenbruch tut bestimmt höllisch weh, ist ein anderer Akzent.

Trotzdem ist es auch für Sportdirektor und Trainer nicht gut, wenn ihnen ZU VIEL Gewicht zuteil wird, weil die Erfahrung auf dem Platz nicht ausreicht.

Falls (!!!) sie die Machtstrategie fahren sollten, die eigene Stellung zu stärken, indem sie nur die Jungen und Braven holen, wird sich das in Krisenzeiten rächen. Das sind immer die, die einen zuerst im Stich lassen. Keep careful, FC St. Pauli.

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4 Antworten zu “Identitätskrise?

  1. Pingback: It’s my party, and I cry if I want to… » Magischer FC

  2. Pingback: Viel Lärm um die Gegengerade trotz Nullnummer #FCSP – Energie Cottbus « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  3. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Gehtnochmehrgerade (oder: Frau Knesebeck ihr Pelzkragen)

  4. Trude Februar 5, 2013 um 1:02 am

    Immerhin ein Punkt. Das ist eine Saison des Übergangs. St. Pauli fehlt ein richtig guter Stürmer der Kader ist noch nicht richtig rund. Übergänge haben überhaupt ihre Tücken. Als Saxofonexperte kennst du das. Der Übergang von einer Tonart in die nächste ist spannungsreich. Der Wechsel von einer Lebensphase in die nächste ist es auch. Im Übergang machen wir keine großen Schritte sondern wir tasten uns vorwärts. Ein Punkt an Stelle von dreien. Immer noch besser als eine Pleite.

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