Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 5

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„Laaaaangsam. Entspann Dich. Hörst Du? Lauscht Du wirklich ganz allein dem Ton, den wir dem Raum gemeinsam schenken? Lass locker, lass Dich fallen, dann quietscht nichts, nichts klingt mehr gepresst, wir gleiten … .“

Er fühlt sich glücklich an, mein goldener Jungspund. Eine Welt voller ungeahnter Soundmöglichkeiten und Tonfolgen will er mit mir entdecken.

Mein silberner Haudegen ruht derweil geduldig schmunzelnd in seinem wohl vertrauten Koffer. Er hat so viel gehört und so viel gegeben, verschenkt und getönt mit seinen Menschen, war so oft gutes Team. Die nachgedunkelten, roten Einlagen auf den Klappen leuchten wissend. Sie müssen der Welt nichts mehr beweisen, sie SIND. Und freuen sich, dem jungen und dem alten Newcomer zu lauschen …

Ja, habe mir noch ein brandneues Saxophon zugelegt. Wegen der „Ergonomik“. Oder „Ergonomie?“

Wusste bis vor kurzem auch nicht, was das heißt: Die Anordnung der Tasten so, dass sie optimal zu greifen sind. Die sind auf meinem Veteranen des volkseigenen Betriebs, Marke „Akustik“, tatsächlich für einen Wiederanfänger schwieriger zu bedienen, der Wechsel zwischen den Griffen ist umständlicher.

In einem Saxophonforum stand böswillig, auf ihm zu spielen sei so, wie mit einem Traktor zu fahren.

Stimmt nicht! Habe ich das Wiedererlernen dessen, was man mit der Hand auf dem Metallkörper des Saxophons macht, erst weiter voran getrieben, werde ich mich wieder dieses vollen, dunklen, kraftvollen Klangs erfreuen, den nur mein VEB-Akustik kann und sonst keiner.

Nun ist erst mal Goldie Horn dran. Ja, doof, einmal gedacht, und ich bekomme den Namen nicht mehr aus dem Kopf. Ein wenig wie „A boy named Sue“ von Johnny Cash, das mal wieder zu hören die aktuelle Sexismusdebatte bestimmt bereichern könnte. In welcher Form auch immer.

In einem feministischen Blog wurde sich neulich über den Begriff „Klemmschwester“ empört, was mich im Gegenzug nicht minder empörte. Es gibt eben doch auch Bereiche, wo das Anpissen Schwuler durch Frauen sich nahtlos einreiht in hegemoniale Perspektiven. Das Verhältnis feministischer Perspektiven auf Schwule harrt wohl doch noch der Auseinandersetzung. Ist dieses „Schwester“ doch eine der viele Reaktionen darauf, dass Schwulen diagnostiziert wird, irgendwie „femininer“ zu sein, was immer das auch sein mag. Was auch ein Kompliment sein kann, aber eben das Verhalten zu solchen Zuschreibungen, wo man doch Männer liebt … eine Art des Gender-Trouble als Effekt der heteronormativen Gesellschaft und ihrer binären Codierungen. Ja, kann ich auch nix für, das so was abläuft.

Was in der einst mal zu Teilen antipatriachal orientierten, zum Teil einfach mit dem vermeintlichen „Stigma“ Verweiblichung irgendwie umgehenden schwulen Sub eben zu solchen Begrifflichkeiten führte. Zum Teil aber auch dem Zwang sich verdankte, auf dem Transenstrich den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, weil als Transvestit oder Transsexueller halt keine Karriere gesellschaftlich vorgesehen war und ist. Und da auch jene zu jener Zeit, die diesen Weg nicht gingen und auch nicht gehen wollten und trotzdem Fummel trugen gelegentlich, vor und nach der Legalisierung allerlei zwischen aufoktroyierter Tragik und Kreativität angesiedelte Reaktionen erfanden. Bevor diese Schnurrbärte und die Fitness-Center-Stählung breitenwirksamer wurde. Und sich allerlei „Tuntenfeindlichkeit“ und Cis-Gender-Norm oft als dominant erwiesen.

Für mich so unendlich wichtige Künstlerinnen wie Georgette Dee oder Lilo Wanders stehen noch in der Tradition der Zeit davor. „Schwester“ zitierte dabei nicht zufällig das „Brothers and Sisters“ der Black Community, und doch wurde es oft so gezischt, dass diese tiefe Verachtung, die Schwule füreinander aufgrund all der internalisierten Homophobie empfinden können, tatsächlich als verzerrtes Echo allgegenwärtiger Frauenfeindlichkeit erscheint.

Wobei meinem neuen Gefährten sein neuer Spitzname, Goldie Horn, gefällt. Der steht da gerade neben dem Vertigo und blinzelt mir ein „Spiel mit mir, hey, ich will die Welt der Töne kennen lernen!“ zu. Fabrikneu, in „Dark Gold“-Lackierung mit jadefarbenen Knöpfen. Sieht schick aus, nicht so grell wie dieses gelbliche Messing. Er ist leichter als mein silberner DDR-Kumpane und hat einen vollen und variantenreichen Sound, einmal hinein geblasen, gedacht „Hey, der hat ja einen Super-Wumms!“, und die Ersparnisse waren dahin.

Heute erstmals stolz meinem Lehrer, dem Virtuosen, der 20 Jahre jünger ist als ich, das juvenile Wunderhorn vorgespielt – und mich schon wieder gefühlt wie damals im Sportunterricht. Wo die ganzen Dribbelkünstler, die Passsicheren und jene, die den Korb beim Basketball immer trafen, in Eleganz um mich herum sich aalten und ich mittendrin versuchte, mich abwechselnd zu verstecken oder die Würde zu wahren, obgleich sich mein Körpergefühl in der Seinsweise eines schwitzenden, nassen Sackes plump aufgehoben unwohl fühlte. Nichts führt sicherer dazu, immer noch linkischer zu werden – ich kann ja bis heute trotz Führerschein nicht Auto fahren, weil ich immer dann, wenn ich körperlich etwas nicht ganz beherrsche, und Autofahren, da muss man so viel gleichzeitig tun!, einfach in Gedanken verfalle. Ein absurder Zustand, ich trete dann fast weg und grüble über Entferntes. Im Autoverkehr ist das brisant. Drum lass ich’s sein.

Wenn man nur dadurch sich zu wehren wusste, binnen kurzem Wissensvorsprünge zu erzielen und zu allem und jedem Andere notfalls an die Wand zu schlaumeiern, damit sie einem nichts tun, sind Situationen, in denen es nicht ausreicht, 3 Bücher zu einem Thema gelesen zu haben, damit auch ja keine Unsicherheit aufkommt, schlicht schwierig. Könnte mittlerweile vermutlich theoretische Abhandlungen über das Saxophonspiel schreiben, habe sogar Liebmans „Der persönliche Saxophonsound“ durchgeackert – wenn ich da stehe mit Goldie Horn in der Hand, dann hilft mir das wenig.

„Entspann Dich dich einfach!“ lockt Goldie Horn mich. Und mein neuer Lehrer setzt sich wieder einfach ans Klavier und lässt mich dazu spielen. Keine endlosen Noten wie einst, nein, sogar, als ich meine, ich könnte ja zu Hause irgendwelche Drum-Apps einstarten, um das Zählen – vier Schläge pro Takt – zu erleichtern, fällt er mir ins Wort und meint „Zählen ist doch Quatsch! Du musst es FÜHLEN, den Rhythmus, nicht zählen. Ich will Dir beibringen, dass Du die Rhythmik und die Intervalle nicht weißt, sondern vorab SPÜRST und DEINEN Rhythmus findest!“ Na ja, wörtlich hat er das so nicht gesagt, aber sinngemäß.

Ich bin ernsthaft verblüfft. Vor meinem geistigen Auge steht wieder der Lehrer von einst in Ingrimm rechts von mir und stets bereit, mir in die Seite zu pieksen, wenn ich nicht deutlichst für ihn sichtbar mit dem Fuße ZÄHLE. Ein Orchestermusiker. Blasorchester. Der Dirigent hieß Müller und gab den Takt vor. Der Instrumentalist als Element. Der über die Funktionalität im harmonischen Ganzen als Teil des Arrangements Verortete. Wer den Einsatz verpasst, ist schuldig.

Mein neuer Lehrer sitzt am Klavier und fühlt sich in einen musikalischen Dialog mit mir ein. Checkt, welche Signale ich brauche, um antworten zu können.

Kann mich gar nicht daran erinnern, das in den letzten Jahren mal erlebt zu haben. Aber meistens rede ich ja auch gerade jemanden an die Wand, damit er mir nichts tut.

„Okay, ich mache mal kurz einen auf Beatmachine!“, „Okay, ich mache ein Zeichen beim Akkordwechsel“ – weil ich ja schon wieder in Gedanken verfalle, wenn es nicht gleich klappt und irgendwas drauflos spiele. Er holt mich zurück, läuft immer besser. Er erläutert, warum man im Jazz die Grundtöne des Akkordes, zu dem man spielt, nicht spiele. So was mache man doch nur in der Klassik … er lacht.

Allmählich entspanne ich mich. Goldie Horn freut sich. „Genieße doch einfach den Ton!“ Ich beginne zu erahnen, was das heißen könnte …

Sinniere im Bus auf dem Heimweg, Goldie Horn ruht zufrieden und gut geschützt auf meinem Rücken, über Notationssysteme und diese Arschlöcher, die in Fragen der Ästhetik sich geifernd über das Unmittelbare erheben im Dienst der Macht.

Dann verstehe ich auf einmal, wieso Benjamin und Adorno, meine ich gelesen zu haben, von der Sehnsucht nach der Utopie des Eigennamens schwärmten. Habe das damals, als Philosophiestudent nach dem Allgemeinen strebend, nicht verstanden. So langsam ahne ich, was das meinen könnte. Keine Geschlechtszuordnung, keine „Herkunft“, kein Adel, kein „Müller“ – nein, eine jede und ein jeder und ein jedes hat einfach seinen ganz und gar eigenen Namen, der nur ihr oder ihm oder es entspricht. Der allen die Würde der Einzigartigkeit verleiht.

Ganz so, wie keine Note je bezeichnen könnte, was unsrem gemeinsamen Ton entspricht. Dem von Goldie Horn und mir.

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