Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2013

Liebe Mannschaft des FC St. Pauli, …

… hier ein paar Affirmationen und Übungen für das nächste Spiel:

 

– Grübelt nicht über das, was schief ging, stellt euch stattdessen bildlich vor, was ihr wollt! Den Weg dahin zeigt euch das Leben, ihr müsst nur aufmerksam und achtsam sein und könnt vertrauensvoll folgen.

– Der Verstand und quälende innere Stimmen sind wie kleine Kinder, die vor sich hin brabbeln. Ignoriert sie und genießt eure pure Körperlichkeit selbst dann, wenn die Gelenke kreischen und die Wade zwickt! Ihr habt die Power!

– Ignoriert Angstschreie und Empörungslaute auf Tribünen, befürchtet niemals, euch zu blamieren, denkt nicht über Kritik nach und schon gar nicht darüber, was Trainer, Journalisten, das Publikum oder irgendwelche Talentscouts von euch halten könntet!

– Fühlt euch ein in die Vorstellung ein, wie gigantisch es sich anfühlt, ein Tor zu schießen! Spürt es, erlebt es, morgens nach dem Aufstehen, abends vor dem Einschlafen, spielt es durch und empfindet dabei Triumph und Freude! Und dass ihr das immer wieder erleben wollt!

– Stellt euch den gigantischen Jubel nach einem Heimsieg über Frankfurt bildlich vor und auch, was ihr dabei empfinden werdet!

Geht davon aus, dass der Ball sowieso rein geht in das gegnerische Tor und ihr von daher jederzeit einfach so abschließen könnt!

– Imaginiert den direkt verwandelten Freistoß, den genialen Pass in die Gasse, den Ball in den hohen Winkel, aber folgt eurem INNEREN SPIEL und nicht dem, was Andere sehen könnten! Bleibt ganz bei euch selbst!

– Genießt die ungeheure Präzision eurer Pässe auch dann, wenn gerade einer daneben geht, weil der nächste ja zum Tor führen wird, das euren Vorsprung noch ausbaut! Einem Tor für den FC St. PaulI!!! Der Gegner schießt eh nur daneben.

– Seid euch sicher, dass ihr so oder so geliebt werdet, komme, was da wolle!

– Denkt an die tollsten Geschenke, die ihr in eurem Leben erhalten habt, und wie gut man sich fühlen würde, wenn man Anderen auch so ein Geschenk bereiten könnte – und schenkt es dem Publikum!

– Konzentriert euch auf das Spiel, nicht das Ergebnis. Wie cool es sich anfühlt, über den Rasen zu laufen, wie großartig es ist, im Team etwas auf die Beine zu stellen!  Was für einen Hammerspaß dieses Spiel macht, wie geil es ist, ganz und gar solidarisch mit den Mitspielern an einem Strang zu ziehen, wie Emotionen Purzelbäume schlagen können, wenn jeder jedem hilft und dass deshalb kein Fehler schlimm ist, weil dieser jederzeit aufgefangen wird!

– Beabsichtigt einfach, zu gewinnen, um das Wie kümmert sich das Leben selbst und schickt euch einen unerschöpflichen Vorrat an Ideen und Inspirationen, aus dem ihr 90 Minuten schöpfen könnt!

 

Dann dürfte am Freitag eigentlich nichts schief gehen 😉 …

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Manuel Gräfe, die BRD und die Gerechtigkeit

Der gestrige Text über die „Generation Kohl“ war freilich ganz aus westdeutscher Perspektive geschrieben. Für viele ehemalige DDR-Bürger wird ergänzend eine andere Erfahrung maßgeblich gewesen sein. Eben jene, dass die chromglänzende Rhetorik von Rechtsstaat und der Marktwirtschaft, die für alle gut sei, eben eine Mär ist, nicht auf Reales sich bezieht (Ausnahme: Das Bundesverfassungsgericht) und sich wie ein ideologischer Grauschleier dennoch in Feiertagssprüche und Gerichtsturteile schieben kann. Während doch die nackte Macht regiert.

Die Aufarbeitung des DDR-Unrechts wurde noch akribisch nach rechsstaatlichen Maßstäben vollzogen, indem (meines Wissens) der Verstoß gegen DDR-Recht als Kriterium angelegt wurde, also das Wissen um Legalität unter tatsächlich-historischen Bedingungen. Könnte der DFB auch mal drüber grübeln, Recht hat auch die Funktion der Erwartungssicherheit, dass man also Konsequenzen antizipieren kann. Was bei den DFB-Sanktionen schlicht unmöglich ist.

Ansonsten verramschte der Westen auf der Ebene der Ökonomie ein ganzes Land, suggerierte Menschen, ihre Lebensleistung und Biographie sei eh nichts wert, stürzte Privathaushalte, Unwissen ausnutzend, in die Verschuldung und nahm so Millionen in Geiselhaft.

Das Bonmot vom „Besserwessi“ formte sich, diese ganze New Economy-Attitude und Arroganz erlitten viele schmerzlich. Noch heute erlebe ich bei jedem Neu-Kontakt mit ehemaligen „Ossis“ erst mal diesen Check, ob da nun eins von diesen aufgeblasenen, an Marketingssprech überangepassten Medienarschlöchern sitzt und sie dünkelnd empfängt, oder ob man auch halbwegs menschlich miteinander umgehen kann. Meistens bestehe ich den Test, schreib ich mal ganz eitel, klugscheißern tue ich ja auch im wahren Leben oft, nicht immer, nur Klugscheißern gegenüber, und dann entbirgt sich so ein schmunzelnder, anarchischer Witz im Umgang mit übermächtigen Institutionen, wie ihn nur widerständige Ossis haben.

Warum ich das schreibe? Wegen der Prinzen. Die nun nicht unbedingt zu meinen Lieblingsacts gehören, aber mit „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ haben sie ja schon so was wie eine Generationenerfahrung auf den Punkt gebracht (na, vielleicht nicht wegen der in des Mythos in der ersten Strophe, eine wohl eher einer feministische Kritik heraus fordernde Strophe. Aber sonst.).

Während Wessis weit häufiger im „Glauben an eine gerechte Welt“ verharren und sich einbilden, in einer tatsächlich funktionierenden Demokratie samt gerechtem Staat und für alle guten Wirtschaftsordnung zu leben, hat ein ganzer Landstrich die Erfahrung gemacht, auf der Strecke zu bleiben, wenn man sich nicht in die Lügen des Westens einfügt. Und dass man eben nur durch kommt, wenn man vorgibt, Regeln einzuhalten, informell freilich wie ein Schwein agiert, ich zitiere Die Prinzen. Was letztlich einfach ein Analogon zur DDR-Erfahrung ist, wenn auch ohne Mauer für die, die raus wollen, ledglich für die, die rein wollen, und ohne Bautzen.

Was direkt zu dem Freistoß in der 3. Minute des gestrigen Spiel überleitet. Das war nun so was von genau vor meiner Nase, dass ich da keine Fernsehbilder brauche, um die Szene beurteilen zu können. Der operettenhafte Herr Maierhofer lässt sich neben Herrn Thorandt auf die Knie fallen, zu unserem Entsetzen reißt der Linienrichter die Fahne hoch. Wenn ich es richtig gesehen habe, hat Gräfe die Szene gar nicht selbst beobachtet und entscheidet auf Freistoß, zeigt Gelb. Irgendeine Regel wird dazu schon passen, aber in der 3. Minute?

Der Freistoß kam erstaunlich präzise angesichts dessen, was die Kölner Offensive ansonsten zu bieten hatte. Und Tschauner hätte den meines Erachtens halten können. Ich bin aus diversen Gründen dafür, lieber Bene ins Tor zu stellen, Tschauner patzt zu oft.

Die ganze Szene wirkte auf mich surreal, wie einstudiert.

Nun fielen anschließend in schöner Regelmäßigkeit immer an dieser ein und derselben Stelle die Kölner Spieler um. Nicht immer wurde gepfiffen, aber häufig, und es gab dort auch gelb-rot.

Sag mal, Stani, bist Du so tief gesunken, Deine Spieler anzuweisen, an bestimmten Positionen niederzusinken und Freistöße heraus zu holen, die Du dann gezielt im Training übst? Haben die Hoffenheimer und bigotten Kölner Dir jegliches Gefühl für Fairness ausgetrieben? Das war nun nicht zufällig ungefähr 5 Meter vor der Stelle, wo Asamoah sich regelmäßig fallen ließ, was ich auch Scheiße fand – war das etwa auch gar nicht dessen eigene Untugend, sondern Briefing von Dir? Außerdem entschuldigt man sich nach solchen grob verpfiffenen Spielen für ein Sieg und lamentiert nicht noch von „geilem Fussballabend“.

Der es ja sogar war. Das Millerntor lebte, aber so was von, lange nicht so ein gutes Feeling im Stadion verspürt. Die Jungs gaben alles, was sie können, kämpften, rannten an, die schönsten Beine der Liga waren auch wieder auf dem Platz und spielten meines Erachtens richtig gut. What an Man! Seufz.

Michael Frontzeck ging in der Halbzeitpause auf Gräfe los und sagte ihm, falls ich Lippen richtig lese, „Das wird ein Nachspiel haben!“, hoffentlich. Bei jeder verfickten Luftschlange „ermittelt“ ganz staatsanwaltlich der DFB, warum nicht auch gegen Herrn Gräfe? Das ist doch auch schon wieder so ein Analogon zur Polizei, wo dann der Dienstherr selbst die Verfehlungen seiner Schergen untersucht und Verfahren einstellt. Ich sehe das auch anders als die vom Magischen FC – die haben zwar recht, dass wir vor dem Tor zu umständlich agieren, aber das Spiel wäre meines Erachtens 0:0 ohne den Schiri ausgegangen. Und er hat massiv und maßgeblich in den weiteren Saisonverlauf eingegriffen, ob nun intendiert oder nicht, indem er erstmal für eine Spiel unsere gesamte Innenverteidigung auf die Bank setzte.

Und Frontzeck zeigte auch, dass er Diskussionen in der Fanszene offenkundig verfolgt (okay, ging auch bis ins Abendblatt) – gleich am Anfang zwei der Erfahrenen mit auf dem Platz, Kringe und Bruns, und die demonstrative Einwechslung von Ebbers und Boll habe ich auch als Signal verstanden, als sehr Positives, Neues auf dem Gewachsenen zu errichten und nicht einfach nur abzureißen. Was eben nun wirklich sportliche Leitung dazu veranlassen sollte, Fehler einzugestehen und Bruns doch zu halten. Ich fand euch prima, Boys in Brown, und das „You’ll never walk alone“ kam aber so was von aus braunweißem Herzen!

Vom Erlebnis her war das ein toller Abend, einer, der das, was ich mit dem FC St. Pauli verbinde, erfahrbar machte. Und dazu gehört auch Wut über Ungerechtigkeit. Nie verliert man ein Spiel nur wegen des Schiris, aber das gestern war nun schon reichlich merkwürdig. Dieses ewige Freistöße zurück verlegen, die Bereitschaft, gegen uns sofort gelb zu zücken – Köln bekam 3 Gelbe, wir ebenfalls und zwei Mal gelb-rot on top, also 7, obgleich wir kein bißchen mehr foulten als die Kölner. Das ist schon eine mutmaßlich böswillige Regelauslegung, dieses ständige Abpfeifen, wenn wir in der Vorwärtsbewegung waren, das Nicht-Ahnden von Fouls an unseren Spielern, auch ständige Fehlentscheidungen des Linienrichters, der in der ersten Halbzeit vor der Haupttribüne hin und her lief. Das war in Summe schon eine ganze Menge. Das kann auch Psychologie sein, weil es diese Schiedsrichter gibt, die, um sich „Nicht dem Druck der Tribüne zu beugen“ Unsinn pfeifen; im Nachhinein frage ich mich allerdings auch, wieso die Kölner eigentlich ihre Konter in Überzahl so kläglich abschlossen. Das war doch auch völlig surreal.

Was eben wieder zum Thema Gerechtigkeit überleitet. Das geht bis zu den nach vielen Augenzeugenberichten sogar vermummten und mit Quartzhandschuhen bewaffneten Ordner nach dem Spiel, die sich vor der Süd vor denen, denen das Stadion zum Teil als Vereinsmitgliedern mit gehört, aufbauten wie eine Besatzungsmacht.

Ist Herrn Gräfe, Herrn Rauball, Herrn Niersbach, Herrn Neumann, Herrn Wendt, den Ordnern und all den anderen eigentlich klar, was sie mit dem Gerechtigkeitsgefühl einer ganzen Generation anstellen? Gerade dieses Alter von der Pubertät bis Mitte 20, dem viele auf der Süd und bei USP angehören, ist konstitutiv für das Stellen der Weichen hinsichtlich der eigenen Bereitschaft, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Entweder entschließt man sich im Sinne totalisierten Eigeninteresses, dass man ruhig Schwein sein kann in dieser Welt, macht man es im Rahmen mächtiger Institutionen und ökonomisch abgesichert, sind ja keine Sanktionen zu befürchten. Oder aber man hat Erfolgserlebnisse im Kampf für Gerechtigkeit, weiß, dass sich das gut an anfühlt und macht anschließend weiter damit. Es sei daran erinnert, dass es die Grundrechtsartikel in der Verfassung sind, die Gerechtigkeit ausdefinieren, nicht irgendeine linke Spinnerei.

In diesem Sinne kann Herr Gräfe sich ja mal hinterfragen, was sein selbstherrliches Verhalten bei Jüngeren auslösen könnte. Das kann Herr Innensenator Neumann sich fragen, wieso nun gleich zwei Menschen in meinem Umfeld prophylaktisch zur erkennungsdienstlichen Behandlung zitiert wurden, ein Fall wegen falscher Beschuldigung noch vor einem Gerichtsverfahren und im anderen Fall wegen einer Marginalie und weil er nicht weiß ist. DAGEGEN erlässt man Gesetze, nicht dafür. Die Verfassung schützt den Bürger vor dem Staat, nicht umgekehrt. Vielleicht sollten all die „1984!“-Schreihälse von Scheck bis Greiner sich lieber mal eines solchen Themas annehmen anstatt des N-Wortes.

Das kann auch der DFB sich fragen, was seine willkürlichen und übermäßigen Strafenkataloge anrichten in juvenilen Hirnen, während zugleich das eigene Personal allenfalls formal Regeln folgt. Das können sächsische Richter sich fragen, die den Kampf gegen Rechts kriminalisieren. Das kann jeder Polizist sich fragen, der Platzverweise ausspricht. Wollt ihr die nackte Macht oder Gerechtigkeit?

Wollen die aber wahrscheinlich gar nicht, sich so etwas fragen. Sie haben ja die Macht. Und nichts ist unerträglicher als Machtmissbrauch.

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den „Neuen Sozialen Bewegungen“ identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den „Black Panthers“ war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als „Alternativbewegung“ zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem „Null Bock“ des Punk, manche mutierten später zu „Gothics“ oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der „Arbeiterbewegungsmarxismus“ auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des „Club of Rome“ hatten die „Grenzen des Wachstums“ und „Endlichkeit der Ressourcen“ aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der „Antideutschen“ hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie „Amerika“ von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die „Dialektik der Aufklärung“ nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche „Kultur!“-Geschrei in „McWorld“ und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die „Iran-Contra“-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung in der DDR. Die war mit der „Umweltbibliothek“ zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als „Birne“ Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen „Öko“ geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der „Gnade der späten Geburt“, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die „Wieder“vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem „Familienduell“, der brachiale Ökonomismus von „Glücksrad“ und „Der Preis ist heiß“ wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des „Sozialismus“ genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan „Nie wieder Deutschland!“ ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes „antideutsches“ Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf „antideutsche“ Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für „Ökonomie“ halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas‘ „Faktiziät und Geltung“ sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was „Rechtsstaat“ meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der „Gnade der späten Geburt“ halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur „Migranten“, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was „Moral“ so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die „Moralisierung der Politik“ oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das „N-Wort“ verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei „Rock around the Clock“ Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als „Prekäre“ gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

Na, stolz darauf, Genosse Schröder? Jubeln Sie, Herr Bundespräsident Gauck, und schreien laut „Freiheit!“?

HARHARHAR, liebe FAZ.

 

„In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.“

In was für einem Wolkenkuckucksheim neoliberaler (im ursprünglichen Sinne, also auch ordoliberal) Lehrbücher lebt ihr denn eigentlich? Mal was von Empirie gehört? Das, was seit der „Wieder“vereinigung als „soziale Marktwirtschaft“ auftrumpft, Sozialsysteme den Deutschen, „Asylanten raus!“, und Gängelung, Entmündigung, Entrechtung, Erpressung und Nötigung mittels Hartz IV für die, die den Herren Steinbrück, Müntefering, Fischer und Frau Merkel nicht den Gefallen tun, einfach zu verrecken, obwohl die keiner braucht in der der durchfunktionalisierten Republik, bringt dergleichen geradezu notwendig hervor. Und jeder, der die SPD, die Grünen, die CDU und die FDP und natürlich auch die NPD gewählt hat, die als systemstabilisierender Faktor dazu gehört, hat dazu beigetragen und ist mitverantwortlich.

Was treibt denn wohl spanische „Wanderarbeiter“ hierher? Bestimmt nicht die ach so hehre „deutsche Kultur“. Vielleicht eine späte Prägung mancher derer durch Francos Klerikalfaschismus, okay. Aber vor allem eine mittels Hartz IV forcierte Niedriglohnpolitik mit nach unten offener Skala, da braucht man doch nur den Artikel lesen, da wird es deutlich.

Das neoliberale Programm ist ja Ludwig Erhardt in der Hinsicht treu geblieben, dass der Staat als Möglichkeitsbedingung kapitalistischer Schweinereien fungiert. Was eben das Gegenteil von Demokratie und Grundrechten ist. Und die Lohnverzicht proklamierende und die ehemalige Sozialhilfe mit Arbeitslosenhilfe zusammen legende Politik hat so Verhältnisse geschaffen, dass die Produktivität so hoch und Lohnstückkosten in Deutschland so niedrig sind, dass südeuropäische Länder nicht mehr konkurrenzfähig sind.

So zwingt man die „Wanderarbeiter“ in solche Situationen. Und es kann mir auch keiner erzählen, dass das aus Versehen passiert, das weiß doch jeder, dass im Sinne des Modells China im Sinne des Kapitals Politik gemacht wird. Dass Rechtsextreme das Ganze flankieren und absichern, das war auch schon vor 33 und ist immer so: Es sind immer die Kirchen und die Rechten, die je unterschiedlich flankieren. Die einen, indem sie karitative Kompensationen entern und betreiben, die anderen, um die Besitzstände des zugleich bedrohten Bürgertums abzusichern.

Das haben Propagandisten wie die Bertelsmann-Stiftung und Akteure in der Exekutive wie die zuvor genannten zu verantworten, was da in Bad Hersfeld abgeht. Interessant übrigens auch das Warten auf die „unbefristeten Verträge“. Genau diese „Hire & Fire“-Möglichkeit wurde gezielt forciert und wird so übrigens auch und gerade von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten betrieben: Besteht die Gefahr, eine Festanstellung einklagen zu können, gibt es keine Aufträge mehr für die „Fest-Freien“, wenn ich richtig informiert bin. Also mal an die eigene Nase fassen, liebe ARD.

Nun bin ich doch noch Marxist genug, um der These, dass die Produktivkraftentwicklung treibende Kraft der gesellschaftlichen Dynamik ist, doch ein wenig zu  vertrauen. Auch durch Distributoren wie Amazon, Youtube usw. verändern die sich nämlich schon. Weil es neben dem Zentrallager (der ARD zufolge ja im buchstäblichen Sinne) eben auch noch den „Amazon-Marketplace“ gibt, der kleineren Akteuren neue Verkaufsflächen bietet. Weil z.B. der eBook-Markt für den  kleinen Buchhändler um die Ecke zwar Scheiße ist, aber eine bis dato unbekannte Autonomie der Werkgestaltung bietet und eben auch die Möglichkeit, nicht unerheblich mitzuverdienen. Weil ich tatsächlich über diese Plattform schon häufig in Antiquariaten eingekauft habe, zu denen ich auf normalem Verkehrswege nie käme. Und die meisten Buchläden meine Special-Interest-Bedürfnisse oft nicht bedienen können.

Das ist ein wenig wie bei Apple: Einerseits stehen die Produktionsbedingungen zu recht unter Beschuß. Andererseits ermöglichen Apps und „Logic“  tatsächlich eine Demokratisierung der Musikproduktion. Was denen, die unter schlimmsten Bedingungen die Rohstoffe abbauen, auch nicht weiter hilft. Insofern kann ein Bad-Hersfeld gleich um die Ecke zwar schockieren; jene Länder, die gezielt destabilsiert werden, um Bodenschätze bestmöglich sich unter den Nagel reißen zu können auf dem afrikanischen Kontinent, seien dabei nicht vergessen. Weil alles mit allem zusammen hängt in der Ökonomie.

Mit erstaunt dennoch das Erstaunen. Wer gegen Hartzi IV nix macht, erntet Bad Hersfeld. Ganz einfach.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 6

20130213-211119.jpg

Ich musste mir einen Hut kaufen. Ein Hauch von Mafia und Al Capone. Ja, auch ein Klischee, Saxophon, Halbwelt, und vielleicht ist ja eine Maschinenpistole im Instrumentenkoffer? – zudem die Großen, die Giganten wie Coleman Hawkins eher so zerknitterte Dinger mit schmaler Krempe trugen und nicht so einen Riesen fast in der Größe von Mountain-Bike-Rädern neuerdings auf meinem Kopf. Na, vielleicht auch denen eines Tretrollers.

Doch es ging nicht anders. Ein Hut musste her. Weil diese Sakko-Schiebermützenvarianten-Kombination mit weiter Hose oder gleich ganz Anzug zu meinem Verblüffen wirklich annähernd ALLE weißen, deutschen Saxophonisten tragen, wie mir scheint. Gleich 2 der Saxophon-Lehrer an der Musikschule (meiner nicht, aber der ist auch kein weißer Deutscher) irgendwelche gehypeten Berliner … alle Kappen zum Sakko und demonstrativ darunter T-Shirt oder Pullover. Wie ich auch. Was bin ich doch ein Klischee. Und so ganz ohne Kopfbedeckung Saxophon spielen geht auch nicht. Also ein Hut.

Bekam heute prompt ein Kompliment für den Hut von dem Virtuosen, der mich in die Kunst dieses so, ja, wie soll ich die Dialoge mit dem Instrument, mit dem ich Schritt für Schritt intimer werde, eigentlich noch in Worte fassen? Müsste sie allmählich blasen.

Lerne es immer näher kennen, stelle fest, wie zart dieses wuchtige Gerät ansprechen kann, wenn ich auf La Voz-Blättchen (eine Marke der Holzblätter, die man ins Mundstück spannt und die den Klang erzeugen) versuche, leise zu spielen. Wie er, mein Goldie Horn, mir in trauter Zweisamkeit Nuancen zeigt, die er verschämt verbirgt, sobald jemand dabei ist – z.B., wenn wir diesen Virtuosen besuchen, und Goldie Horn plötzlich quiekt und sprotzt. Weil ich gerade mit Statusfragen unter Männern beschäftigt bin, anstatt auf mein Instrument und dessen Bedürfnisse einzugehen. Quörks. Füietschiiiiiigrzsz. Blörb.

Mit Arppegien beschäftigten wir uns in der letzten Woche, „Broken Chords“. Die Töne hintereinander spielen, aus denen ein Akkord besteht, zu dem man spielt, damit beides zueinander passt. Er am Klavier, ich mir den wimmernden Dialogpartner umgehängt. Vorsichtshalber noch nicht mit Noten arbeitend, obwohl ich die ällmählich wieder erkenne dank abendlicher Lektürefortbildungsprogramme. Er tippt Akkordnamen in mein iPad und Buchstaben daneben. FACE, FAHD, GEHD. Und spielt die Akkorde an. Ich tröte los. Goldie Horn klingt gequält. Hochgradig sophisticated hingegen die hingeperlten Töne aus dem Klavier. Ich tröte los und bekomme die Akkordwechsel nicht mit. Ein Desaster. Er lässt mich die Bass-Töne auf dem Klavier spielen, immer beim Wechsel, damit ich begreife, was er da spielt. Ich blockiere völlig und verstehe und höre gar nichts mehr. Während er mit einer Leichtigkeit über die Tasten gleitet, dass mir der Atem stockt.

Verstehe auf einmal die Impulse grobschlächtiger Abwehrspieler, die den filigran dribbelnden Gegner kurzerhand umtreten.

Verstehe aber nicht mehr die Buchstabenfolgen, die er mir aufgeschrieben hat. Ist ja nun nicht so, dass ich noch nie in meinem Leben etwas von Dreiklängen, Intervallen, Kadenzen, Tonarten, Dominanten, Tonika, Halbtonschritten und all dem Schmonz gehört hätte. Alles weg, und was soll mir da nun auch noch „mixolydisch“ helfen? Und was macht dieses blöde D da eigentlich? Hatte ich zwar vor kurzem aufgefrischt, diese Kirchentonarten, und bei der Kaossilator-App gibt es die auch – fühle mich gedemütigt, als er aus Mitleid wieder mit mir Saxophon spielt, vortrötet, damit ich nachspielen kann.

Frustriert fahre ich nach Hause. Der Bus ist zu voll. Soll ich es wieder bleiben lassen, das Saxen? Ein leises Tuten aus dem als Rucksack geschulterten Instrumentenkoffer. Fiept Goldie Horn da „Nein!“? Habe ich mir das nur eingebildet? Hätte ich doch ein Maschinengewehr darin … noch trage ich Mütze.

Grummelnd ein Bier am Kiosk gekauft. Ja, stimmt nicht, es waren 3. Klicke bei Amazon herum. Erst mal zwei Bücher über Saxophon-Improvisation bestellen. Mit Playalong, CD zum Mitspielen. Bestimmt alles von schlechteren Musikern als meinem Lehrer eingespielt. Grummel. Vertiefe mich in „Musiktheorie für Dummies“. Goldie Horn blinkt mir traurig von seinem Ständer zu. Er ist so schön …

Sinniere nach, wieso zum Teufel es so schwer fiel, die Akkordwechsel zu hören. Bei so was spürt man ja die eigene, musikalische Sozialisation wie einen Schmerz in den Gelenken. Ja. Die Kirche. Gar nicht die Orgel, da habe ich mit dem Liederbuch in der Hand eh nur die Lippen bewegt und so getan, als würde ich mitsingen. Außer bei „Lobe den Herren“, das mochte ich. Nee, die Gruppen, Kinderfreizeit, Vorkonfirmantenfreizeit, Konfirmantenfreizeit. Die Liedtexte in dem grünen Pappschnellhefter auf buntem Papier.

„Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein …“. „Herr, Deine Liebe“. „Am Tag, als Conny Kramer starb“. „Streets of London“. Im Kindergottesdienst gar „Der Mörder ist immer der Gärtner“ von Reinhard Mey. Dazu eine Predigt über Vorurteile. Echt jetzt! Und „Go down Moses“ oder „He’s got the whole world in his hand“ haben wir auch nicht gesungen wie in der Gospelkirche, sondern eben zu Akkorden wie von der Wandergitarre. Arg begradigt. Nix Soul, eher Juliane Werding. Von mir aus auch folkig. Mit ganz eindeutig rhythmisch geschlagenen Saiten. Nix filigran gezupft, sondern Scheppern an Scheppern gereiht. So Joan Baez-mäßig. Die liebe ich ja nicht zufällig bis heute über alles. Mal ab von der religiösen Indoktrination in den Texten: „Auf der Lüneburger Heide“ oder „Von Luzern nach Wegeszüi trug ich weder Strümpf noch Schüi“ in der Grundschule war schlimmer. Lach nicht, Goldie Horn. Es gab ja nun Formen der musikalischen Prägung, die noch viel gruseliger sind als diese Lagerfeuergesänge im Gemeindehaus in den 70ern. Märsche und so was. Spielmannszüge. Sogar noch Volkstanzgruppen.

Okay, niemand kann aus seiner Haut. Wozu gibt es die Garage-Band-App mit den Smart-Instruments? Wo mehr oder minder ganz von selbst spielend Gitarre, fast baezig, Keyboard und Drumcomputer meinem grobschlächtigen Hörgefühl mehr entgegen kommen als Piano-Feingeister? Baue auf dem iPhone die Akkordfolgen nach. Ab ins Büro, in den Anbau, da stört das keinen, Üben.

Stecke das eher am Rande noch als Telefon genutzte Rechteck in dieses Docking-Ding der Anlage, die dort steht. Starte es ein, tröte los. Goldie Horn verzieht sich spürbar, da passt ja nix zu nix. Ach so, ich spiele ja ein „transponierendes Instrument“. Googel rum, muss das Garage-Band Layout auf B-Dur umstellen, dass ich C-Dur spielen kann. Wunder der Technik. Eine Einstellung, und alles ist anders.

Brauche eine Viertelstunde, bis ich schnalle, was ich gebastelt habe. Dann läuft es auf einmal. Wie wunderbar! Wie unglaublich, in diesen Klängen durch die Welt zu gleiten! Aber erst, nachdem ich auf 60 Beats per Minute herunter reduziert habe 😀 – na, bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Erfinde meine Melodie mit richtig elegantem Finale. Will gar nicht mehr aufhören! Löse mich von den vorgebenen Tönen. Spiele drauflos. Einfach so. Fast eine halbe Stunde lang. Ich fliege! Und Goldie Horn mit mir. Selig. Projekt Kirchengruppenmusikvereinigung geglückt.

Besorge mir einen Lautsprecher, den ich an mein iPhone anschließen kann. Ein hübsches Kügelchen. Passt in meine Jackentasche. Kaufe mir einen Hut. Auf in die Musikschule.

Packe meine Mini-Anlage aus und baue sie auf dem Klavier auf. Lehrer freut sich, weil ich mich tatsächlich mit alledem auseinandersetze. Obwohl mit seinem federleichten Klavierspiel Garage-Band nun wirklich nicht mithalten kann …

„Hast Du das in C-Dur eingespielt und dann einfach drüber geblasen?“ Er grinst belustigt. Ha! „Nein, ich habe es auf B-Dur eingestellt.“ Glühe stolz wie zuletzt ungefähr in dem Alter, als ich Kindergottesdienste besuchte. Ein kleiner Triumph des grobschlächtigen Abwehrspielers angesichts des Dribbelkünstlers … wir spielen zusammen zu meinem Grageband-Layout, er am Klavier, ich mit meinem Goldie Horn. Klappt prima.

Und es läuft! Auf einmal verstehe ich, dass das D die 9 ist und auch, was das mit dem I und II und V zu tun hat. Dabei hatte ich doch darüber gerade in „Musiktheorie für Dummies“ gelesen. Und das Blues-Schema in der Schule gelernt. Jetzt gleitet das Wissen in Goldie hinein. Langsam. Mit 60 beats per minute.

Nun erahne ich, wie ich mit Goldie Horn noch besser plaudern kann. Und liebe das Saxen. Macht Spaß.

Wir überziehen die Stunde. Ich packe meine Sachen zusammen. Lasse auch den kugeligen iPhone-Lautsprecher nicht liegen. Als ich meinen Hut aufsetze, übt der Lehrer bereits Querflöte. Deutlich schneller als 60 beats per Minute. Aber so was von schneller. Fast wie Charlie Parker auf dem Saxophon … flucht „Ich spiele ja heute wie im Kindergarten!“. Und flötet weiter.

Ich gehe hinaus in einen wundervollen Hamburger Winterabend. Rauche die Zigarette danach.

Der Bus ist zu voll. Was soll’s.

Höre ich richtig, dass Goldie Horn auf meinem Rücken „Der Mörder ist immer der Gärtner“ summt und kichert?

Give us a goal!

20130210-164811.jpg

So gaben sie uns gleich 4. Die Gegner. Vielleicht Effekt dessen, dass ich mich an eine Choreographie, die Politisches jenseits von Fankultur, DFB-Bashing und ACAB-Varianten thematisierte, auch kaum noch erinnern kann. Während selbst Werder mit „Football has no gender“ vorlegt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich noch keine „Gegenkultur“ erlebt habe, die sich denen auf den teureren Plätzen so brav und bieder erklärt und an sie ranschmeißt wie jüngst die BASCH. Und sich danach dann vermutlich in die Welt des heterosexuellen Hochzeitsfotos verabschiedet hat, nachdem dieser um sich werbende Text mit ach so hübschen, wohl und formvollendet formulierten Worten von vielen sogar auf den Sitzen liegen gelassen wurde.

Ja, ich mache mich gerne unbeliebt. Ich verbringe meine Freizeit auch nicht dem Fertigen imposanter Chorographien und lasse mich gerne dafür verachten – wenn sie es denn wenigstens täten!!! Ey, Scheiß-Haupttribünensitzer! Wenigstens das!

Und bin heute auch nicht tausende Kilometer gefahren, um wie 2500 andere St. Paulianer die Mannschaft zu supporten. Ich habe das Spiel noch nicht einmal geguckt.

Weil ich tatsächlich keine Lust hatte und auch nicht bei der Sache gewesen wäre. Ein wenig auch, weil wir Spiele, die ich lediglich am Liveticker verfolge, weil ich mit Hund nicht in die Kneipe will, eh verlieren. Aber auch, weil ich immer gar nicht mehr weiß, ob das auf dem Platz die Mannschaft des FC St. Pauli ist oder die feuchte Fantasie irgendwelcher Hinterzimmer-Strategen vom Charisma eines Stefan Orth – die Mannschaft scheint ja heute so gespielt zu haben, wie der Reden hält.

Nein, ich habe ihm sein repressives Toleranzgeschwätz nicht verziehen, das er so billig und tatsächlich Diskriminierte entwürdigend mit der Kritik an ihm und Gernot Stenger verknüpfte. Und ja, ich habe einen Hass auf die „Mitte“, die sich so bieder gibt und solche Anzüge zur Schau stellt, wie er sie trägt. Und ja, ich nehme übel, dass all die Gehässigkeiten, Gemeinheiten und Gnadenlosigkeiten, die einer Persönlichkeit wie Corny entgegen gebracht wurden, angesichts dieser Langweiler im Präsidium zumeist verstummen (Ausnahme Spies, der hat wenigstens Unterhaltungswert), wohl, weil die holpernde Ausstrahlungslosigkeit der Protagonisten vom Küchentisch im Einfamilienhaus her, da, wo Mann aufwuchs, so vertraut ist.

Fällt eigentlich niemandem auf, dass die Mannschaft spielt, wie das Präsidium spricht und die BASCH schreibt? Während unter Corny das, was man „Typen“ nennt, Stani als Trainer, Boll, hinsichtlich seiner Spielweise auch Bruns, auch Lechner, Schultz, Eger groß wurden?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass irgendwelche fixen Ideen von „Jugendstil“ und „Ausbildungsverein“ zum völlig verbockten Rückrundenauftakt beigetragen haben im Zuge des Machtausbaus neuen Personals. Dass die Eremitrierung von Bruns und Ebbers als ein vorletzter Gnadenstoß – Boll ist ja noch da -, irgendwie analog zu LED-Bannern und Catering für Business-Seat-Sitzer, gelesen werden kann. Dass NICHTS, aber auch GAR NICHTS bisher an die Stelle getreten ist, so dass es sogar Michael Meeske aufgefallen ist.

Und dass es für neue Spieler auch schwierig ist, weil sie ja in so einer coolen Stadt bei einem coolen Verein sind, aber warum ist der eigentlich cool?, zu wissen, WOMIT sie sich eigentlich identifizieren sollen, wenn selbst der Präsident glaubt, zwischen der Diskrimierungserfahrung von PoC und einem seiner Ansicht nach missglückten Stil bei der Kritik an ihm bestünde eine Beziehung?

Wenn ich an lokale Single-Hits wie „Pokalfinale“ zurück denke, da war das klarer, worum es geht. Und jetzt kriege ich von St. Paulianern diagnostiziert, dieses Antidiskriminierungsthema sei mein „Steckenpferd“.

Der Underdog-Nimbus ist weg, und was kommt jetzt? Die Ratlosigkeit in der Spielweise und das Vertrauen in einen Kader, der für den Abstiegskampf charakterlich nicht gebaut scheint, ich hoffe, ich irre, dem die sportliche Leitung aber ihr Vertrauen geschenkt hat.

Ich war ja erst rein intuitiv gegen Michael Frontzeck. Fand dann alles, was er machte nachvollziehbar, wirkte richtig, er ruhig und sympathisch. Nachdem ich zunächst befürchtete, er entspräche einfach nur einem Bild von „Männlichkeit im Fussball“, wie es in Präsidiumsköpfen repräsentiert sein könnte, dachte ich „ein aufrechter, kluger, gut strukturierter Typ, der es nicht nötig hat, irgendwen unnötig vollzuschleimen und der nichts unnötig verkompliziert.“ Also alles prima.

Jetzt mache ich mir doch Sorgen – wie gesagt, ohne das Spiel überhaupt gesehen zu haben. Weil im Falle Gladbachs zum Niedergang unter seiner Leitung offenkundig beigetragen hat, dass er den Kader falsch eingeschätzt hat. Es wird ja oft betont, dass Lefavre aufrüsten durfte und insofern Frontzeck die Spieler gar nicht zur Verfügung gehabt habe. Es könnte zumindest sein, dass sich das bei uns als Problem abzeichnet, dass er dagegen nichts unternahm.

Wenn dann noch hinzu tritt, ist, dass wohl kein Verein seine Jungspieler noch mehr zu Unrecht „Young Rebels“ nennt – nicht wegen der Spieler, sondern weil trotz aller DFB-Kritiken und Goliathwachenprotesten ich einfach nicht mehr weiß, was das bei uns eigentlich noch heißt -, wird es schwer, jene Wucht zu entfalten, die wir jetzt im Kampf gegen den Abstieg brauchen.

Die „Benimm Dich“-Fraktion, die Biedermänner, die in Mopo-Kommentarspalten und Facebook-Sektionen bei Kassenrollenwürfen taten, als sei gemordet und gebrandschatzt worden, DIE sind es, die zu jener Atmosphäre beitrugen, die jetzt als mangelnder Widerstand auf dem Platz sich eben auch zeigt. Weil sie so brutal „Seid brav!“ proklamierten. So was wirkt. Atmosphärisch. Magisch. Wie auch immer.

Ich liebe Dich. Ich träum von Dir. In meinen Träumen bist Du kein weißer, heterosexueller, männerdominierter Mittelstandsverein mit Punkrock-Museum, sondern ein Feuerwerk, ja, Pyro, der Hybridität, des Schrägen und Windschiefen, das sich überlegt, was Rebellion unter Bedingungen des Jahres 2013 sinnvoll heißen kann und das den Style dazu erfindet.

Stattdessen verlieren wir orthisch. Armer FC St. Pauli.

„… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ …“

„Da wird schnell mit dem Zerrbild von der „politischen Korrektheit“ gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass „politically correct“ nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.“

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist „Blackface“ eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie „nationale Identität“ gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische „Kulturnation“ fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem „weiß“ an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die „Analyse & Kritik“ und den „Freitag“ als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten „Druckfrisch“-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der „weißen Gegenkulturen“ auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem „weißen „Gegen“kultur“-Konzept von der „Beat Generation“ bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema „Selbstverständnis der weißen „Gegen“kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

„Der ideale Gast für „Druckfrisch“ ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in „Druckfrisch“ zu kommen.“

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von „Eingeborenen“ sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der „Political Correctness“ so viele gleich „1984“ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das „Kommunikative Handeln“ in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

„Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.“

 

Es ist schon eine Groteske, da den „Würgegriff der Politisch Korrekten“ als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie „Konflikt! Konflikt! Konflikt!“ folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im „Or“ tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste „Druckfrisch“-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine „Druckfrisch“-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Identitätskrise?

20130203-211037.jpg

Okay, vielleicht habe ja auch nur ich eine. Vielleicht sitzt auch zu tief in den multiplen Dimensionen meiner Empfindungsspektren als Schmerz, dass nun auch ein Florian Bruns vom Millerntorrasen vertrieben wird.

Ist zwar nix Neues in diesem Blog, dass ich finde, dass er ein toller Mann mit Stil (!!!) und Aura (und unvergleichlichen Waden!!!) und ein toller Spieler zwischen Genie und Wahnsinn ist; einer, der so wirkt, als würde er Fussball zumindest gelegentlich auch als Kunstform begreifen; einer, der zu fast schon opernhaften Posen auf dem Platz ebenso neigt wie er reflektiert, realistisch und bescheiden in Mikrophone spricht. Einer mit Spielintelligenz, der trotzdem ganz aufgeht im Team. Eben eine Persönlichkeit.

Bei Saxophonen spricht man, haben sie einen eigenen Sound, von Charakter. Eine unvergleiche Klangfarbe. So wie auch Boll sie hat, wie auch Morena und Lechner je unterschiedlich ihren ganz eigenen Ton trafen und man bei Ralph Guneschs Facebook-Postings selbst dann eine individuelle Melodieführung und Intonation hört, wenn er nur Smileys nach einem Sieg gegen Rostock postet.

Klar, hängt auch an der Lebenserfahrung – manch Jungspund glotz ich alter Sack ja auch verstohlen hinterher und weiß doch, das die mich anspringende Erotik schnell verflöge, wenn Kontakt entstünde. Weil so vieles nur erahnt wird so mit 18, 19, was erst ab 25, 26 als Möglichkeit überhaupt wahr genommen werden kann. Erst wenn das, was ab 40 zur Macke und Marotte wird, sich abzuzeichnen beginnt, geht es doch über von der Sexyness zur Erotik, nicht bei allen, aber eben denen, denen man anspürt, dass sie suchend und hungrig bleiben.

Cottbus hatte heute Charakter. Einen üblen, unangenehmen, eklig tönenden. Als wenn eine Kirmeskapelle Trash Metal spielt, damit ein Bierzelt voller gröhlender Grapscher sich leert. Eine rein destruktive Spielweise, so ähnlich wie Frankfurt mit Gekas einst: Drecksackhaftigkeit, die aus dem Mund riecht und Rülpsen total witzig findet. Da kann dieser niedliche Blonde mit der 33 noch so sehr zum Posterboy taugen, es spricht gegen Rudi Bommer, dass der sein Team so einstellt und dann noch nach dem Spiel gegen den durchgängig unterirdischen Schiri wegen einer Einzelszene poltert, der derart gruselig pfiff, dass diese eine Situation kurz vor Schluss nun wirklich nicht zu highlighten wäre. Dieses punktuelle Gemecker machte ja auch deren Spiel aus.

Und die unseren? Eine Halbzeit emsig, fleißig, engagiert, unermüdlich in Richtung Cottbusser Tor und deren Barrikadenbau aus vergammeltem Hausmüll anrennend (die Mannschaft passt sich wohl auch deren Fanlied an), in der zweiten waren die Boys in Brown wohl froh, sich nicht noch ein Tor gefangen zu haben.

Aber vom Klang her war das doch eher ein Spielmannszug, sorry, Liebes Team des FC St. Pauli. Kein Rhythmus, kein Swing, kein Groove, kein Charisma und zu viel Glockenspiel. Ist ja auch nicht leicht gegen so ein Fussballverwesungskommando wie Cottbus. Aber irgendwie wirkt ihr zwar diszipliniert und euch ins Funktionale fügend, aber das Herz von St. Pauli war das nicht. Das auch den Blues lustvoll leben kann, den Samba sehnt, den Punkrock honoriert, aber so ein irgendwie bemüht ausgefüllter Reißbrett-Kadenzen-Fertigsound zum Drumcomputerbeat für Schulorchester aus der Provinz ohne Soul, ohne Jazz, ohne Tiefe, das macht mir Angst.

Das macht mir Angst, weil die Identität aus der Vergangenheit geborgt ist, man höre auch das wundervolle „You’ll never walk alone“. Klar, großartig. Mythos aufgewärmt. Und doch teilverschwunden. Weil man beim Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus bei Facebook nachlesen kann, dass Flyerverteilerinnen mit blöden, frauenfeindlichen, also diese fetischisierenden Sprüchen belegt wurden, ist die Gegenwart des FC St. Pauli ein Brisanzfeld mit viel „früher“ und ambivalentem Hier & Jetzt. Gerade WEIL da jetzt die imposante Gegengerade steht.

Wie ja mittlerweile sogar das Präsidium begriffen hat, konnte man in dem Abendblatt-Interview mit Duve lesen.

Eine neue goldene Generation muss her, ja, klar, wir sind im Übergang. Und ein Haudegen wie Thorandt, ein Liebgewonnener wie Bartels, Tschauner mit seinen Glanzparaden und Paddy Funk, dessen Facebook-Auftritt man anspürt, dass er St. Pauli zu leben bereit ist, das ist ja schon auch Festgewachsenes.

Ich finde es trotzdem gemeingefährlich, wie die sportliche Leitung gerade vorgeht. Trotzdem es gut ist, die Spieler frühzeitig zu informieren, dass Schluss ist.

Habe es selbst erlebt, wie ein Unternehmen sich schlicht auflöste, weil die Altgedienten mit eigenem Kopf als Rost an verchromten Oberflächen behandelt wurden, dass deren Ansprüche und auch Eigenwilligkeiten gegenüber den besser bezahlten Neueinkäufen und unerfahrenen Newcomern, die ohne Widerrede besser und einfach so funktionierten, als Untugend begriffen wurden. Das ging auf die Produktqualität, und die Aufträge blieben aus.

Gibt sogar da eine Analogie bei Saxophonen: Der „Vintagemarkt“, der für ältere Instrumente, blüht, weil die modernen Hörner z.B. von Yamaha oder Yanagisawa zwar eine Topmechanik haben und eine prima Intonation, aber sturzlangweilig und seelenlos klingen können. Klar, hängt auch an jenen, die drauf spielen, aber nun gehen immer mehr Hersteller dazu über, Instrumente herzustellen, die die alten Sounds wieder erlebbar machen. Ich hab so eins 🙂 …

Drum finde ich auch jede Augenfalte von Boll und Bruns magischer und mitreißender als zu viel Jugendstil.

Okay, Kringe, gute Besserung!, doppelter Nasenbruch tut bestimmt höllisch weh, ist ein anderer Akzent.

Trotzdem ist es auch für Sportdirektor und Trainer nicht gut, wenn ihnen ZU VIEL Gewicht zuteil wird, weil die Erfahrung auf dem Platz nicht ausreicht.

Falls (!!!) sie die Machtstrategie fahren sollten, die eigene Stellung zu stärken, indem sie nur die Jungen und Braven holen, wird sich das in Krisenzeiten rächen. Das sind immer die, die einen zuerst im Stich lassen. Keep careful, FC St. Pauli.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 5

20130201-215701.jpg

„Laaaaangsam. Entspann Dich. Hörst Du? Lauscht Du wirklich ganz allein dem Ton, den wir dem Raum gemeinsam schenken? Lass locker, lass Dich fallen, dann quietscht nichts, nichts klingt mehr gepresst, wir gleiten … .“

Er fühlt sich glücklich an, mein goldener Jungspund. Eine Welt voller ungeahnter Soundmöglichkeiten und Tonfolgen will er mit mir entdecken.

Mein silberner Haudegen ruht derweil geduldig schmunzelnd in seinem wohl vertrauten Koffer. Er hat so viel gehört und so viel gegeben, verschenkt und getönt mit seinen Menschen, war so oft gutes Team. Die nachgedunkelten, roten Einlagen auf den Klappen leuchten wissend. Sie müssen der Welt nichts mehr beweisen, sie SIND. Und freuen sich, dem jungen und dem alten Newcomer zu lauschen …

Ja, habe mir noch ein brandneues Saxophon zugelegt. Wegen der „Ergonomik“. Oder „Ergonomie?“

Wusste bis vor kurzem auch nicht, was das heißt: Die Anordnung der Tasten so, dass sie optimal zu greifen sind. Die sind auf meinem Veteranen des volkseigenen Betriebs, Marke „Akustik“, tatsächlich für einen Wiederanfänger schwieriger zu bedienen, der Wechsel zwischen den Griffen ist umständlicher.

In einem Saxophonforum stand böswillig, auf ihm zu spielen sei so, wie mit einem Traktor zu fahren.

Stimmt nicht! Habe ich das Wiedererlernen dessen, was man mit der Hand auf dem Metallkörper des Saxophons macht, erst weiter voran getrieben, werde ich mich wieder dieses vollen, dunklen, kraftvollen Klangs erfreuen, den nur mein VEB-Akustik kann und sonst keiner.

Nun ist erst mal Goldie Horn dran. Ja, doof, einmal gedacht, und ich bekomme den Namen nicht mehr aus dem Kopf. Ein wenig wie „A boy named Sue“ von Johnny Cash, das mal wieder zu hören die aktuelle Sexismusdebatte bestimmt bereichern könnte. In welcher Form auch immer.

In einem feministischen Blog wurde sich neulich über den Begriff „Klemmschwester“ empört, was mich im Gegenzug nicht minder empörte. Es gibt eben doch auch Bereiche, wo das Anpissen Schwuler durch Frauen sich nahtlos einreiht in hegemoniale Perspektiven. Das Verhältnis feministischer Perspektiven auf Schwule harrt wohl doch noch der Auseinandersetzung. Ist dieses „Schwester“ doch eine der viele Reaktionen darauf, dass Schwulen diagnostiziert wird, irgendwie „femininer“ zu sein, was immer das auch sein mag. Was auch ein Kompliment sein kann, aber eben das Verhalten zu solchen Zuschreibungen, wo man doch Männer liebt … eine Art des Gender-Trouble als Effekt der heteronormativen Gesellschaft und ihrer binären Codierungen. Ja, kann ich auch nix für, das so was abläuft.

Was in der einst mal zu Teilen antipatriachal orientierten, zum Teil einfach mit dem vermeintlichen „Stigma“ Verweiblichung irgendwie umgehenden schwulen Sub eben zu solchen Begrifflichkeiten führte. Zum Teil aber auch dem Zwang sich verdankte, auf dem Transenstrich den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, weil als Transvestit oder Transsexueller halt keine Karriere gesellschaftlich vorgesehen war und ist. Und da auch jene zu jener Zeit, die diesen Weg nicht gingen und auch nicht gehen wollten und trotzdem Fummel trugen gelegentlich, vor und nach der Legalisierung allerlei zwischen aufoktroyierter Tragik und Kreativität angesiedelte Reaktionen erfanden. Bevor diese Schnurrbärte und die Fitness-Center-Stählung breitenwirksamer wurde. Und sich allerlei „Tuntenfeindlichkeit“ und Cis-Gender-Norm oft als dominant erwiesen.

Für mich so unendlich wichtige Künstlerinnen wie Georgette Dee oder Lilo Wanders stehen noch in der Tradition der Zeit davor. „Schwester“ zitierte dabei nicht zufällig das „Brothers and Sisters“ der Black Community, und doch wurde es oft so gezischt, dass diese tiefe Verachtung, die Schwule füreinander aufgrund all der internalisierten Homophobie empfinden können, tatsächlich als verzerrtes Echo allgegenwärtiger Frauenfeindlichkeit erscheint.

Wobei meinem neuen Gefährten sein neuer Spitzname, Goldie Horn, gefällt. Der steht da gerade neben dem Vertigo und blinzelt mir ein „Spiel mit mir, hey, ich will die Welt der Töne kennen lernen!“ zu. Fabrikneu, in „Dark Gold“-Lackierung mit jadefarbenen Knöpfen. Sieht schick aus, nicht so grell wie dieses gelbliche Messing. Er ist leichter als mein silberner DDR-Kumpane und hat einen vollen und variantenreichen Sound, einmal hinein geblasen, gedacht „Hey, der hat ja einen Super-Wumms!“, und die Ersparnisse waren dahin.

Heute erstmals stolz meinem Lehrer, dem Virtuosen, der 20 Jahre jünger ist als ich, das juvenile Wunderhorn vorgespielt – und mich schon wieder gefühlt wie damals im Sportunterricht. Wo die ganzen Dribbelkünstler, die Passsicheren und jene, die den Korb beim Basketball immer trafen, in Eleganz um mich herum sich aalten und ich mittendrin versuchte, mich abwechselnd zu verstecken oder die Würde zu wahren, obgleich sich mein Körpergefühl in der Seinsweise eines schwitzenden, nassen Sackes plump aufgehoben unwohl fühlte. Nichts führt sicherer dazu, immer noch linkischer zu werden – ich kann ja bis heute trotz Führerschein nicht Auto fahren, weil ich immer dann, wenn ich körperlich etwas nicht ganz beherrsche, und Autofahren, da muss man so viel gleichzeitig tun!, einfach in Gedanken verfalle. Ein absurder Zustand, ich trete dann fast weg und grüble über Entferntes. Im Autoverkehr ist das brisant. Drum lass ich’s sein.

Wenn man nur dadurch sich zu wehren wusste, binnen kurzem Wissensvorsprünge zu erzielen und zu allem und jedem Andere notfalls an die Wand zu schlaumeiern, damit sie einem nichts tun, sind Situationen, in denen es nicht ausreicht, 3 Bücher zu einem Thema gelesen zu haben, damit auch ja keine Unsicherheit aufkommt, schlicht schwierig. Könnte mittlerweile vermutlich theoretische Abhandlungen über das Saxophonspiel schreiben, habe sogar Liebmans „Der persönliche Saxophonsound“ durchgeackert – wenn ich da stehe mit Goldie Horn in der Hand, dann hilft mir das wenig.

„Entspann Dich dich einfach!“ lockt Goldie Horn mich. Und mein neuer Lehrer setzt sich wieder einfach ans Klavier und lässt mich dazu spielen. Keine endlosen Noten wie einst, nein, sogar, als ich meine, ich könnte ja zu Hause irgendwelche Drum-Apps einstarten, um das Zählen – vier Schläge pro Takt – zu erleichtern, fällt er mir ins Wort und meint „Zählen ist doch Quatsch! Du musst es FÜHLEN, den Rhythmus, nicht zählen. Ich will Dir beibringen, dass Du die Rhythmik und die Intervalle nicht weißt, sondern vorab SPÜRST und DEINEN Rhythmus findest!“ Na ja, wörtlich hat er das so nicht gesagt, aber sinngemäß.

Ich bin ernsthaft verblüfft. Vor meinem geistigen Auge steht wieder der Lehrer von einst in Ingrimm rechts von mir und stets bereit, mir in die Seite zu pieksen, wenn ich nicht deutlichst für ihn sichtbar mit dem Fuße ZÄHLE. Ein Orchestermusiker. Blasorchester. Der Dirigent hieß Müller und gab den Takt vor. Der Instrumentalist als Element. Der über die Funktionalität im harmonischen Ganzen als Teil des Arrangements Verortete. Wer den Einsatz verpasst, ist schuldig.

Mein neuer Lehrer sitzt am Klavier und fühlt sich in einen musikalischen Dialog mit mir ein. Checkt, welche Signale ich brauche, um antworten zu können.

Kann mich gar nicht daran erinnern, das in den letzten Jahren mal erlebt zu haben. Aber meistens rede ich ja auch gerade jemanden an die Wand, damit er mir nichts tut.

„Okay, ich mache mal kurz einen auf Beatmachine!“, „Okay, ich mache ein Zeichen beim Akkordwechsel“ – weil ich ja schon wieder in Gedanken verfalle, wenn es nicht gleich klappt und irgendwas drauflos spiele. Er holt mich zurück, läuft immer besser. Er erläutert, warum man im Jazz die Grundtöne des Akkordes, zu dem man spielt, nicht spiele. So was mache man doch nur in der Klassik … er lacht.

Allmählich entspanne ich mich. Goldie Horn freut sich. „Genieße doch einfach den Ton!“ Ich beginne zu erahnen, was das heißen könnte …

Sinniere im Bus auf dem Heimweg, Goldie Horn ruht zufrieden und gut geschützt auf meinem Rücken, über Notationssysteme und diese Arschlöcher, die in Fragen der Ästhetik sich geifernd über das Unmittelbare erheben im Dienst der Macht.

Dann verstehe ich auf einmal, wieso Benjamin und Adorno, meine ich gelesen zu haben, von der Sehnsucht nach der Utopie des Eigennamens schwärmten. Habe das damals, als Philosophiestudent nach dem Allgemeinen strebend, nicht verstanden. So langsam ahne ich, was das meinen könnte. Keine Geschlechtszuordnung, keine „Herkunft“, kein Adel, kein „Müller“ – nein, eine jede und ein jeder und ein jedes hat einfach seinen ganz und gar eigenen Namen, der nur ihr oder ihm oder es entspricht. Der allen die Würde der Einzigartigkeit verleiht.

Ganz so, wie keine Note je bezeichnen könnte, was unsrem gemeinsamen Ton entspricht. Dem von Goldie Horn und mir.