Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der „Performance“ des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

„Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des „politisch-korrekten“ Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.“

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass „Political Correctness“ von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. „Politcal Correctness“ als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu „Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus“, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie „Besonderes Kennzeichen N …“, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich „gut gemeint“ die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von „Zensur“ krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, „Blackface“ sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die „Druckfrisch“-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von „Sprachexorzismus“ – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als „weiße Hochkultur“ galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen „weißen Scheiß“ gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum „modalen System“, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur „westlicher“ Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie „Kind of Blue“ geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, „Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes“, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo „Zensur“ vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer „Kultur“ wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten „Salpterfahrten“, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

„Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter“ aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung“ des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.“

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst („Les Fauves“, die Masken in Picassos „Demoiselles d’Avignon“), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

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26 Antworten zu “Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

  1. kleinertod Januar 30, 2013 um 11:32 pm

    Das mit Laeisz wußte ich noch gar nicht – womit man sieht, wie wenig Kenntnisse über die Geschichte der eigenen Stadt doch gerade in diesem Bereich schnell mal vorhanden ist, wenn man nicht selber tief gräbt. 😦

    Und was den zitierten Satz am Anfang betrifft – ein unglaublicher Hammer, der zeigt, was für enorme Probleme wir haben, wie weit nach rechts so vieles schon gerückt ist, daß rechte Kampfbegriffe wie allgemeinbekannte Wahrheiten verwendet werden, die weder Rechtfertigung noch näherer Ausführung bedürften. Und nicht nur das, der ganze Satz sowie die Intention der Stellungnahme ist unerträglich. Das Korsett des Grundgesetzes und der Menschenrechte ist für manche hierzulande also bedenklich und unnötig – was sicher keine Probleme mit dem VS bringt, denn wie der das sieht…

  2. momorulez Januar 31, 2013 um 12:14 am

    Den Laiesz – oder die Familie – habe ich schon länger auf dem Zettel und habe nun endlich mal hinterher gegoogelt. Ich wusste immer nur, dass die irgendwas mit den Salpeterminen zu tun hatten, nun habe ich mal weiter geguckt. Sie haben vermutlich einfach das Zeug am Hafen abgeholt, aber die Abbaubedingungen bei der Rohstoffausbeutung gehören halt auch mit dazu. Und das ist keine Struktur von gestern, der Kongo beispielsweise ist seit Jahrzehnten verwüstet wegen der Rohstoffgewinnung, was auch direkt auf den Genozid in Ruanda wirkte. Am heftigsten haben es übrigens die Belgier getrieben. So was erfährt man nicht im Fernsehen, sondern von PoC-Taxifahrern, und googelt dem dann hinterher. Das ist übrigens auch der Grund, aufgrund dessen ich immer wieder auf Tjark Woydt und die „German Shipping“ komme. Man kann nicht Schiffe finanzieren, ohne in Vorgänge wie im Kongo und anderswo in irgendeiner Form involviert zu sein.

    Und sucht man nach den „Salpeterfahrten“, da stockt Dir der Atem. Verbrechen wie jene des Massakers tauchen nicht auf, aber das Profitieren Hamburgs vom Kolonialismus wird ungebrochen als großer, blühender, toller wirtschaftlicher Aufbruch dargestellt, z.B. bei Texten zu jenen, die den „Basler Hof“ gründeten.

    Dass dieser Quatsch mit PC als Instrument des Stalinismus, die 1984-Sprüche und dergleichen derart breitenwirksam wurde, das ist ein in seiner Grauenhaftigkeit kaum zu überbietender Propagandaerfolg der US-Rechtsradikalen, distribuiert über PI, dann Drehscheiben wie die Achse des Guten und DIE WELT, und nun plappern alle nach. Und natürlich dient das dazu, permanent Nebenkriegschauplätze zu eröffnen, um von Bankenkrisen und einem sozialtechnokratischen Umwälzen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, das mehr mit Maos Kulturrevolution zu tun hat als alles andere usw. abzulenken. Beim Umbau der Universitäten, Malus- und Bonuspunkten redet ja seltsamerweise keiner von „Zensur“ oder „1984“, obwohl sich da eine hochmanipulative Bewusstseinsindustrie etabliert hat.

    Und so was wie Abzuschiebende, Abgefackelte und Ersäufte interessiert eh kein Schwein mehr. Hauptsache, sie „dürfen“ ihr N-Wort in Pipi Langstrumpf lesen, wo der Weiße über stereotypisierte und entmündigte PoC gütig herrscht. Da fühlen sie sich zu Hause, die Mogelpackungen wie Denis Scheck.

  3. MartinM Januar 31, 2013 um 7:36 am

    Die „Salpeterfahrten” der Reederei Laiesz habe ich schon lange auf dem Kieker. Zunächst aus reiner Faszination für die „Flying-P-Liner“, die in mancher Hinsicht der technische Höhepunkt des Segelschiffsbaus sind, oder aus Respekt vor der Leistung der Seeleute. Beides ist übrigens ungebrochen, aber da kamen im Laufe der Jahre und der Recherchen so manche Fakten hinzu.
    Gut, die Schiffe haben tatsächlich den Chiliesalpeter nur im Hafen geladen. Aber die Zustände in Chile blieben nicht einmal den einfachen Seeleuten verborgen – und den Vertretern der Reederei erst recht nicht. Massaker wurden – so sehe ich es – seitens der Reederei billigend in Kauf genommen.
    Interessant ist auch das Elitebewusstsein der Besatzungen der „P-Liner“. Der Begriff „Arbeiteraristokratie“ hätte für sie erfunden sein können. Sie traten z. B. bei großen Hafenarbeiterstreik als Streikbrecher auf. Klar, in gewisser Weise waren sie auch „etwas Besonderes“ hinsichtlich ihrer seemännischen Leistungen, und die enge Mannschaftskameradschaft trug dazu bei, dass ihre Loyalität eher „ihrem“ Schiff und indirekt der Reederei galten, als irgendwelchen Hafenarbeitern. Aber es ist auch ganz offensichtlich, dass das Elitebewusstsein absichtlich verstärkt wurde – der „Laiesz-Kult“ gründet meiner Ansicht nach auch in der unternehmensinternen Propaganda. Denn Laiesz sparte sehr wohl am Personal – die Schiffe waren sehr knapp bemannt, was eine erhebliche Arbeitsbelastung bedeutete und erstklassig ausgebildete Leute erforderte. Die im Vergleich zu Dampfermatrosen höhere Heuer war schwer verdientes Geld.
    So viel ich weiß, ist das bekannte Lied vom „Hamborger Veermaster“ ein Spottlied auf die großen Leisz-Segler. Zwar waren diese Schiffe ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was in diesem Spottlied beschrieben wird – schnell, sauber, seetüchtig, gute Verpflegung – aber wirksamer konnte man wahrscheinlich die hochnäsigen, wie „Graf Koks“ auftretenden, von ihrem tollen Schiff und ihren abenteuerlichen Kap-Hoorn-Umrundungen schwadronierenden Leisz-Matrosen nicht zur Weißglut bringen. („Windjammer“, etwa „Windquetsche“, war damals auch nicht als Kompliment gemeint.)

    Sorry für OT, aber das ging mir so gerade durch den Kopf.

  4. momorulez Januar 31, 2013 um 8:55 am

    Nee, nix Off-Topic, das ist superinteressant! Danke für die Infos!

  5. ring2 Januar 31, 2013 um 11:14 am

    @MartinM Das interessiert mich alles sehr. Habe quasi eben erst angefangen meine Familienhistorie ein wenig aufzuarbeiten … und die hat direkt mit der „Priwall“ bspw zu tun … Über Links würde ich mich freuen, denn tatsächlich ist wenig zu finden, wenn man nur nach dem Schiff googelt, oder seinem Kapitän. Dann endet das schnell bei der Rekordfahrt um Kap Hoorn.

    @Momo das ist ein sehr mutiger Text. Respekt!

  6. Skythe Januar 31, 2013 um 11:19 am

    ACHTUNG TRIGGERWARNUNG BEI DIESEM KOMMENTAR! SCHALTE IHN UND DEN DANACH NUR FREI, WEIL ER DIE ÜBLICHEN TEXTBAUSTEINE ENTHÄLT!

    Sorry – du verwechselst, glaube ich, Aktion und Reaktion.

    1. Die PC-Bewegung will die Kunst / Kultur beschneiden, nicht Dennis Scheck oder andere.
    2. Wenn jemand die „PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt“, dann du, Anatol Stefanowitsch & Co. Ihr fordert ja schließlich, dass andere schreiben und reden wie ihr wollt, nicht umgekehrt.
    3. Kritiker in die rechte Ecke zu stellen ist schon ziemlich abstoßend…

  7. Skythe Januar 31, 2013 um 11:22 am

    Political Correctness kann so schnelllebig sein wie Haarmode oder ein Musikstil.

    Sollen wir jetzt alle 6 Monate Goethe und Shakespear umschreiben, nur weil gerade eine andere Strömung das moralische Szepter in der Hand hält?

  8. momorulez Januar 31, 2013 um 1:10 pm

    zu 1: Falsch. Die „PC-Bewegung“ hat die Nase voll von Rassismus, Homophobie und Sexismus und wehrt sich, und weil Leute wie Du oder Dennis Scheck das nicht aushalten, starten sie eine Gegenbewegung und erfinden kontrafaktisch irgendwelchen Unsinn über den Herrschaftswillen an sich Ohnmächtiger. Ob rassistische Werke für sich in Anspruch nehmen können, Kunst zu sein, würde beim „Stürmer“ ja auch keiner behaupten, ist dann ebenso die Anschlussfrage wie auch ein ungeahntes Feld produktiver, künstlerischer Möglichkeiten.

    zu 2: Ich weiß nicht, ob Du jetzt Interesse daran hast, beschimpft, herabgewürdigt und diskreditiert zu werden? Ich brauche da keine Rücksicht drauf zu nehmen, natürlich nicht. Es ist erstaunlich, dass Leute wie Du das so schwierig finden, mal vorrübergehend auf gewalthaltige Sprache zu verzichten. Was Du formulierst, hat nichts mit Kunst zu tun, sondern ist die Rechtfertigung von Gewalttaten, die nachweislich physisch bei Betroffenen Wirkungen erzielen. Du forderst ein Recht auf Körperverletzung.

    zu 3: Die stellen sich da selber hin. Die adaptieren ja US-Rechtsradikale. Abstoßend finde ich Dich auch, übrigens. Was Du machst, hat unter anderem die Atmosphäre geschaffen,dass die NSU ungestört morden konnte. Durch solchen bornierten Unsinn ist die vermeintliche Mitte schon mitten in der radikalen Rechten angekommen „Ich lasse mir doch meinen Rassismus nicht verbieten, wo kämen wir denn da hin?“. Was ist denn das sonst, wenn nicht rechts? Du widersprichst übrigens Punkt 2. Nach den Maßstäben von Scheck und Konsorten ist das eine zensierende Äußerung und zudem impliziert es eine Handlungsaufforderung. Das ist übrigens eine tatsächliche wirksame Tabuisierung, die in Deutschland statt findet: Über rechte Denk- und Handlungsmuster kann hier nicht adäquat geredet oder geschrieben werden. Gilt als irgendwie unanständig. Dabei erhälst Du eine entfernte Ahnung davon, was ein „Schwuchtel“ oder das N-Wort auslöst, wenn Du im Ausland als Nazi beschimpfst wirst und Dir fortwährend „Krauts“-Witze um die Ohren gehauen werden.

    Und wer das „moralische Sezpter“ in der Hand hält, kannst Du auf der ARD, auf der Titelseite von DIE ZEIT, in SpOn-Kolumnen wie auch in der Süddeutschen verfolgen. Bestimmt weder PoC noch Schwule noch Feministinnen. Und die Adaptionen, die Shakespeare erfahren hat, sind derart unzählig, den nun gerade als Beispiel anzuführen zeugt auch wieder von Ahnungslosigkeit und Borniertheit. In dessen Fall weiß man doch nicht mal, wer das nun eigentlich aufgeschrieben hat und ob es ihn als Autor überhaupt gegeben hat. Das war die reine Aufführungspraxis einer Rampensau, und falls Du „Shakespeare in Love“ gesehen hast, sollte Dir auch bekannt sein, das z.B. Frauen nicht auf die Bühne durften. Es ist zudem wahrscheinlich, dass er die Rolle der „Lady Macbeth“ für sich selbst geschrieben hat. Ein Frevel, dass das jetzt von Frauen gespielt wird? Es kommen unzählige Übersetzungen auf die Bühne, von Schlegel bis Erich Fried, es gibt derart viele Umbauten am Text – wie auch bei „Goethes Faust“ -, bevor das auf die Bühne kommt. Es ist eine übliche Praxis von Autoren selbst, überarbeitete und durchgesehene Ausgaben heraus zu bringen. Nur wenn Du nicht mehr Schwarze diskreditieren und herabwürdigen kannst, dann auf einmal geht das Geschrei los.

  9. momorulez Januar 31, 2013 um 1:11 pm

    @ring2:

    Ich fand den auch ganz schön mutig, aber es ging nicht mehr anders.

  10. momorulez Januar 31, 2013 um 1:46 pm

    http://einestages.spiegel.de/s/tb/27261/antisemitismus-opfer-philipp-auerbach-der-verhasste-nazi-jaeger.html

    Das ist übrigens das zeitgeschichtliche Klima, in dem Preußler „Die kleine Hexe“ geschrieben hat. Und exakt das feiert spätestens seit der Walser-Rede ein Revival.

    Erich Kästner – vermute mal, dass man zumindest in „Der 35. Mai“ auch fündig würde, homophobe Gedichte hat er auch geschrieben, „Ragout fin du siécle“, das liest man aber zum Glück nicht Kindern vor – schrub damals nach der Befreiung durch die Alliierten, dass es die große Freiheit nicht geworden wäre, die kleine Freiheit vielleicht. Aber nicht für die KZ-Überlebenden, nicht für die „175“ und auch nicht für schwarze Kinder.

  11. Ludwig Januar 31, 2013 um 7:33 pm

    Hallo,
    zum ersten Kommentar von kleinertod.
    „…
    wie weit nach rechts so vieles schon gerückt ist, daß rechte Kampfbegriffe wie allgemeinbekannte Wahrheiten verwendet werden, die weder Rechtfertigung noch näherer Ausführung bedürften.
    …“

    Bei Jauch gab es eine Sexismus-Debatte und Herr Osterkorn machte ein Bemerkung über „unsere Freunde mit Migrationshintergrund“.

    Zitat Spiegel
    http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-sendung-zum-fall-bruederle-und-sexismus-a-879975.html
    „…
    Osterkorn fiel übrigens noch ganz zwanglos eine besonders sexismusanfällige Bevölkerungsgruppe ein, nämlich „unsere Freunde mit Migrationshintergrund, die immer laut von Ehre sprechen und Respekt für sich einfordern, aber ihn gerade – einige von ihnen jedenfalls – im Umgang mit Frauen vermissen lassen.“ Eine ziemlich diskriminierende Aussage, die sich in diesem Fall jedoch nicht gegen Frauen richtet….“

    Link Ard-Mediathek ab Minute 33.
    http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/8109878_guenther-jauch/13196354_herrenwitz-mit-folgen-hat-deutschland-ein

    Was mich wirklich verblüfft hat, waren die Reaktionen der sonstigen Diskutanten auf seinen kleinen Seitenhieb auf die „Migranten mit Ehre“!
    Wenn man mir als Experiment diese Aussage von Osterkorn vorgespielt hätte und mir die Frage stellen würde: „Wie denken Sie geht die Diskussion weiter nach dieser rassistischen Aussage?“
    Ich hätte gesagt/geschrieben: Da wird jetzt bestimmt die Nazi/PC-Keule gegen den Herrn Osterkorn geschwungen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, NSU, Breivik, Mölln, Sollingen, Wehret den Anfängen, Holocaust, Shoa, die junge Feministin kommt vielleicht sogar mit CW und White Supremacy, und, und, und… Das übliche eben bei einem leisen Zweifel an unserem real existierendem Multikulturalismus und PC-Diktatur…

    Und was war? NIX, Null… Weiter im Programm. Nicht mal eine kleine Anmerkung von irgend jemanden, daß das vielleicht ein bißchen als rassistisch verstanden werden könnte.

  12. vuvuzela//riotqueer Januar 31, 2013 um 9:05 pm

    Mein Respekt,…ich muss ja gestehen, als nach der Statusverhandlungen mit dem Senat Anfang der 1990er um die Rote Flora bzw. der Repräsentanz der Gemeinden durch Traute Möller, die einfach A zu B-Konversationen des damaligen Plenums auch sich ein ‚battle‘ um ‚political correctness‘ und der Überraschung eines ‚Gender Trouble‘ aus der sexuell positiven Phalanx um der Universität von Berkeley durch der Ikonisierung von Judith Butler gleich in mehreren Sprachen einfach traf, ich dein Feuilleton, den ich nur zum Teil verstehen möchte, nur darin teile, …ich weiß ein durch’nen Bong-Zug verursachter Schachtelsatz,…reflektiert durch die prozentuale Menstruations-Schieflage Bramfelds,…und der Neusortierung zum anstehenden Spiel mit den Gästen aus der Lausitz bzw. gesprengter antifaschistischer ’sky‘-Runde…ich mich immer in Bewegung halten muss bezüglich der meiner Familie anhängigen SS-Historie nicht Zurückgekehrter und NPD-Stolz auf St.Pauli zum Ende der 1960er Mütterlich_seits, ich die Rhetorik des Entschuldigen _°_ mag. Ich fühle mich im Ehrgeiz gefordert doch mal die Geschichte in der Mechanik mir neu zu betrachten lernen…Mensch!

    Somit mein zu tiefster Respekt für dich Momo, dass deine Ausführung zu diesem Darsteller erfolgreicher sein wird für die näxten Tage,..und alles erdenklich Gute zur Neufindung der Gegengerade,..oder? Ich weiß warum ich hier steh!! Top1 Momo!

  13. momorulez Februar 1, 2013 um 12:32 am

    @Ludwig:

    Das ist genau das, was man alle Tage erlebt – wie, WEIŚSE heterosexuelle Männer Sexisten? Das sind doch DIE DA. Das ist das übliche kolonial-zivilisatorische Schema – da die Natur, hier die Kultivierten, in der Tat eine rassistische Blaupause, die die Bigotterie dieser ganzen Anzugträger, die ihr Statusbewusstsein einfach privilegierter zum Ausdruck bringen, aber oft eher brutaler, vollends entlarvt. DAS ist die „bürgerliche Mitte“ – aufgeblasen und in verlogener Selbsttäuschung vegetierend.

    Edith: Ich kann zumindest für mich in Anspruch nehmen, über diese „Externalisierungen“ schon vor Jahren gebloggt zu haben.

    @Riotqueer:

    Dankeschön!

  14. momorulez Februar 1, 2013 um 9:28 am

    Hier insbesondere für Skythe noch mal was zur Begriffgeschichte:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Korrektheit

    Dass Konservative und Neocons sich als „normale Mitte“ gegen all die Anormalen, Extremen Zweitklassigen und Unwerten behaupten IST ein Muster der Tarnung des Rechtsradikalen in dem Sinne, dass es dessen Wurzel ist. Diese Hierachisierung von irgendwie „natürlich“ klassifizierten Personengruppen ist halt Kern des Faschismus und seiner Ideologie und unterscheidet ihn von anderen Formen der Diktatur und kann natürlich auch in Demokratien auftreten. Der Paragraph 175, viele Gesetze Frauen betreffend noch in den 60er Jahren, eine an Ethnien orientierte Flüchtlingspolitik sind faschistoide Formen. Der Unterschied zu rein funktional definierten Hierarchien z.B. in einem Unternehmen ist ja offenkundig; betrachtet man sich nun, wer Zugang zu solchen Posten hat und wer nicht, sieht man aber auch in solchen Konstellationen einen strukturell rechten, institutionalisierten Rassismus, Sexismus und auch Homophobie, braucht man nur das Interview mit Ole von Beust in DIE ZEIT aktuell lesen.

    Die Neue Rechte ist das, was der Wikipedia-Artikel als Entwicklung der 90er Jahre beschreibt.

    In der N-Wort-Debatte steckt zudem das „Deutschland den Deutschen“ mit drin, wobei „deutsch“ als „weiß“ verstanden wird. Kinderbücher sind für Weiße! Und schwarze Kinder sollen sich bitte frühzeitig darauf einstellen, stigmatisiert und herab gewürdigt zu werden als Menschen zweiter Klasse, die einen „Südseekönig“ brauchen, der sich um sie kümmert. Das koloniale Setting.

  15. Skythe Februar 1, 2013 um 6:34 pm

    „Die “PC-Bewegung” hat die Nase voll von Rassismus, Homophobie und Sexismus und wehrt sich“

    Das haben Dennis Scheck oder ich auch. Deshalb aber alte Werke umzuschreiben ist unserer Meinung nach überheblich und wirkungslos.

    ———-

    „weil Leute wie Du oder Dennis Scheck das nicht aushalten, starten sie eine Gegenbewegung und erfinden kontrafaktisch irgendwelchen Unsinn über den Herrschaftswillen an sich Ohnmächtiger“

    Wow. „Leute wie Du“. Stellst du mich jetzt auch in irgendeine Nazi-Ecke? Weil mir nicht gefällt, WIE du gegen Rassismus kämpfst?

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    „Ob rassistische Werke für sich in Anspruch nehmen können, Kunst zu sein, würde beim “Stürmer” ja auch keiner behaupten“

    Pippi Langstrumpf und Tim & Struppi sind „rassistische Werke“? Dann verbieten wir sie! Statt drin rum zu schmieren.

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    „Ich weiß nicht, ob Du jetzt Interesse daran hast, beschimpft, herabgewürdigt und diskreditiert zu werden? Ich brauche da keine Rücksicht drauf zu nehmen, natürlich nicht. Es ist erstaunlich, dass Leute wie Du das so schwierig finden, mal vorrübergehend auf gewalthaltige Sprache zu verzichten. Was Du formulierst, hat nichts mit Kunst zu tun, sondern ist die Rechtfertigung von Gewalttaten, die nachweislich physisch bei Betroffenen Wirkungen erzielen. Du forderst ein Recht auf Körperverletzung.“

    Wow. Unsinn ohne Anlass oder Zusammenhang. Vielleicht hast du getrunken? Die anderen Punkte werde ich daher nicht kommentieren.

  16. momorulez Februar 1, 2013 um 6:53 pm

    Ja, weil Du Dir da offenkundig noch nie drüber Gedanken gemacht hast, was das N-Wort bei Schwarzen auslösen kann, da gibt es viel Literatur zu, das ist eine Kombi aus Herabwürdigung, Traumatisierung und der Effekt lebenslangen Mobbings, der da aufbricht.

    Hättest Du das, würdest Du auch nicht glauben, es ändere nichts, wenn man PoC-Kinder nicht schon mit 5 mit Stigmatisierungsvarianten überlädt. Und weiße Kinder muss man auch nicht frei Haus mit der Munition versorgen, andere zu quälen. Irgendwann kriegen sie es zwar eh mit, aber ich glaube nicht, dass das in so einem Raum wie dem Kinderbuch statt finden muss.

    Bücher wie „Pipi Langstrumpf“ oder „Die kleine Hexe“ haben aber – anders als der „Struwwelpeter“ – ja unbestritten auch ihre Qualitäten. Deshalb verstehe ich den Wirbel ja nicht. Das „Taka Tuka“-Land ist zweifelsohne eine koloniales Setting, und annähernd unsere gesamte Trivial- und Hochkultur ist strukturell rassistisch, homophob und sexistisch. Deshalb ist diese Debatte ja so eine produktive Herausforderung, weil man dem auch ohne Moralisierung und Pädagogisierung kreativ begegnen kann. Da wird es doch spannend.

    Und es geht nicht um Nazi oder nicht, sondern darum, dass die weiße „Mitte“ US-Rechtsradikale adaptiert – von mir aus auch Neocon, ich sehe da keinen Unterschied -, nicht etwa Herrmann Göring. Das Spektrum ist nun doch etwas breiter gefächert.

    Denis Scheck nehme ich nicht mehr ab, irgendwas gegen Rassismus unternehmen zu wollen nach dem Auftritt. Der „Hohlkopf“, den er bringt, da geht es ihm halt um weiße Selbstverhältnisse, was man so unter weißen Bildungsbürgern tut, da geht es ihm nicht um PoC. Das hat mit Antirassismus wenig zu tun.

    j

  17. Mrs Next Match Februar 1, 2013 um 10:35 pm

    Auch die ARD selbst findet den Diskurs „unnötig“ und sogar „bedenklich“, das ist schon etwas mehr als unterschwellig antidemokratisch. Könntet Ihr, die Ihr noch nicht vollständig auf den Felgen geht (to whom it may concern), bitte dort hinschreiben, wie krass das eigentlich ist oder sonstwie direkt Richtung ARD und Onlinedokumentation intervenieren ? Ich kann gerade echt nicht mehr. http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/stellungnahme-beitrag-sprache100.html

  18. momorulez Februar 2, 2013 um 12:10 am

    Du brauchst da auch echt nicht mehr. Du hast da schon so Unglaubliches und ja auch Übermenschliches geleistet!

    Versuche hier ja schon immer, eifrig zu flankieren, wobei ich dann auch manchmal nicht weiß, wo ich schief liege. Egal, ich mache daraus auch noch mal einen eigenen Eintrag mit dem Link und versuche mal, ob die reichweitenstärkeren Blogs mit machen. Wobei das selbst bei den Bewussteren oft echt schwierig ist, denen die Brisanz und Reichweite klar zu machen. Kann man ja auch bei Skythe lesen, so denkt ja der Mainstream. Aber ich bleib dran!

  19. Bramfelder Zulu Noisaa Februar 2, 2013 um 9:55 am

    Um diesen tollen ‚Syluum‘-Saucer den tollen Start in den Sommer der sekundär Literatur Farben zu bekennen hier auf ‚MetaLust“‘-SubZero diskurse reloaded für ein kritisches Zusammenkommen gängiger Stadteil-Grammatik Spiegel_bildlicher Büchermärkte,..bleibt echt zu hoffen, das die Pathologie Pedo_oO°Oo_philie des Berkeley, der Zeitfenster Literatour,..ich Euch Allen erst mal ein tollen Start in Analyse und Forschung wünsche. Forza mein geliebtes, by all means socialist men’ss kisses FM‘,..St.Pauli!

    Faust!

  20. Skythe Februar 6, 2013 um 11:14 am

    „Scheck verteidigt damit die Freiräume in der Literatur, die sich nicht den politisch opportunen Zwängen zu beugen hat. Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des „politisch-korrekten“ Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.“

  21. momorulez Februar 6, 2013 um 11:50 am

    Ja, das habe ich nun mehrfach kommentiert, das brauchst Du nicht noch mal posten. Das ist ja auch ein Beleg dafür, dass es einfach nur um Dominanz und nicht etwa um Literatur geht. Das ist ein Schema wie bei dem autoritären Vater, der irgendeine unsinnige Behauptung permanent widerholt, anstatt mal auf irgendein Argument einzugehen.

    Was ist denn bitte von einer Literatur zu halten, die koloniale Muster ungebrochen abbildet und die Kolonisatoren zu Helden erklärt? Man kann das tatsächlich anhand von „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad und Pipi Langstrumpf im Vergleich diskutieren. Welche Auswirkung nun auf das Literarischsein von „Die kleine Hexe“, wenn da da N-wort nicht steht, hat allerdings noch niemand erläutert, sondern stattdessen wird nun ausgerechnet von Literaturkritikern reaktionäres Kampfgeschrei – von mir aus auch anschwellender Bocksgesang – ausgestoßen, den Kant, auch ein Rassist, schon Ende des 18. Jahrhunderts in einer Fussnote in der „Kritik der reinen Vernunft“ zu recht unter Dummheit verbuchte. Weil die Urteilskraft fehlt und stattdessen eine Regel ungeachtet des Gegenstandes einfach nur fortwährend wiederholt wird, nämlich „Weiße haben das Recht, Schwarze herabzuwürdigen, weil sie das immer schon so getan haben“. Bei Denis Scheck variiert als „Weiße haben heute nicht mehr das Recht, die historische Herabwürdigung hat fortwährend reproduziert zu werden.“

    EIn Scherzkeks, wer glaubt, es ging hier um Literatur. Die gleiche Debatte gibt es doch beim „N-Kuss“ und beim „M.. im Hemd“. Auch in der nicht wie im Falle von Prousts Madeleine beschriebenen, literarischen Form. Bei der Diskussion wird ja noch nicht mal mehr erwähnt, dass es sich um ein Kinderbuch handelt und der Verlag völlig zwanglos reagiert hat.

    Es gab neulich einen Film mit Denzel Washington über einen schwarzen Kriegsheimkehrer Ende der 40er Jahre, der mehr oder minder genötigt wurde, als Detektiv sich auf die Suche nach einer weißen Frau zu begeben. Da tauchte das N-Wort ständig auf, es war nur sonnenklar, dass noch in der Selbstbezeichnung sich eine diskreditierende Struktur vollzog. Der Typ war ständig in Gefahr, gelyncht zu werden, wenn er sich mit einer weißen Frau in der Öffentlichkeit zeigte. Das war zwar keine große Gefahr, aber was völlig anderes, als weißen Kindern die vermeintliche „Normalität“ das N-Wortes einzuimpfen.

    Ein anderes Beispiel: Es gibt einen Film von Scorsese mit Jack Nicholson, Matt Damon und Leonardo diCaprio, in dem alle zwei Minuten „Schwuchtel“, Schwanzlutscher“ etc. gepaart mit krassen Gewalttätigkeiten ausgestoßen wurde, während sich Leo da lecker räkelte. Ich war eine ganze Woche verstört, nachdem ich diesen Film gesehen habe. Weil mir zumindest nicht klar wurde, inwiefern sich das in dem Film als künstlerisches Stilmittel verstehen ließ. Da wurde nicht irgendwie latente Homosexualität thematisiert oder übertriebene Bilder von Männlichkeit oder was auch immer, es schien die reine Freude am Kraftausdruck, gepaart mit der Botschaft „Schwule bekommen aufs Maul und werden gelyncht“. Als irgendwie künstlerisch reflektiert habe ich den Film nicht gesehen. Ich wäre nun weder dafür, ihn zu verbieten, noch, ihn nachzusynchronisieren, der war aber einfach schlecht. Und im Kinderprogramm hätte der nichts zu suchen.

    Nächstes Beispiel „Django Unchained“. Spike Lee hat meines WIssens daran kritisiert, dass nun wiederum Schwarze nur mit der Hilfe Weißer, aber nicht aus eigener Kraft sich befreien. Kann man bestimmt auch an der Idolisierung Lincolns kritisieren, der ja meines Wissens zugleich mit den „First Nations“ wenig zimperlich umging.

    Da fängt es dann an, interessant zu werden, falls einem an Kunst wirklich was liegt. Welche Rolle spielen solche Kritik für Literatur, für Film, für Musik?

    Das ist ja das eigentlich Ärgerliche an Denis Scheck, dass er solche Frage wegen eines Wortes in einem Kinderbuch vom Tisch wischt und sich damit als Literaturkritiker schlicht disqualifiziert. Der hat seinen Job verfehlt.

  22. Pingback: #anti-#aufschrei, Teil I « GERMAN ANGST

  23. germanangstblog Februar 16, 2013 um 12:54 am

    Danke für den Artikel, irgendwie hat er uns irgendwo auf unserer Suche nach der German Angst unterstützt und findet im neuen Artikel #anti-#aufschrei Erwähnung!

    http://germanangstblog.wordpress.com/

  24. momorulez Februar 16, 2013 um 11:00 am

    Gerne geschehen! Und Danke für die Verlinkung und Erwähnung!

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