Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 4

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Bilder aus B-Movies steigen in mir auf. In schwarz-weiß. Mit Victoria Lane und Alan Llad. Ein keuchender, relaxt und doch bedrohlich tönender Tenorsaxophon-Soundtrack zu tropfendem Piano und verhalten treibendem, reduzierten Jazz-Schlagwerk kriecht unter Bilder vom Eingang eines Detektivbüros mit Schrift auf einer Scheibe … ein Malteserfalke krächzt.

Ein paar Töne hatte ich rauchig gespielt heute morgen, fast wie Subtones. Hörte sich vermutlich an, als würde man durch ein umgedrehtes Fernrohr dem Sound von Ben Webster lauschen. Eben sehr weit weg davon. Ich mag es trotzdem, mein Instrument kennen zu lernen. Heißt ja hier Dialoge, weil diese Texte auf jene mit meinem silbernen Wunderhorn anspielen. Nonverbale. Es antwortet ja – mit Quietschen und Kreischen beim tiefen C zum Beispiel. Dabei hat mein Lehrer mir doch heute gesagt, ich bräuchte eigentlich nichts machen als hinein zu blasen. Jeder Zwang, jeder Druck erzeuge nur Misstöne; das Saxophon mache eigentlich alles ganz von selbst. Ich müsse es nur lassen.

Wieder einen Lehrer haben. Ich, der ich mir eh nie was sagen lassen konnte und schon im Hort Plakate gegen die Hortnerin aufgehängt hatte. Frau Schreiber hieß sie. Sie wollte unsere Stadt aus Bauklötzen für den Elternabend stehen lassen als Zeugnis ihrer pädagogischen Fähigkeiten. Wir wollten lieber eine neue bauen, die noch viel schöner wäre. Sie verbot es, und wir malten dagegen an und hängten die Zettel in beiden Räumen auf. Und mussten zur Strafe ins Kabuff. „Ich kriege euch schon noch klein!“ Wir wollten, sie zu beglückwünschen, ihr eine Clopapierrolle überreichen. Davon lagen welche rum im Kabuff. Haben es dann bleiben lassen.

Und nun ein Lehrer. Spiele schon so lange Chef, und nun ein Lehrer. 20 Jahre jünger als ich. Virtuos, wenn er auf seinem Instrument mehrstimmig spielt. Ich schwitze und habe Probleme, meine Handlungen zu koordinieren. Werde tollpatschig. Kriege das Saxophon kaum ausgepackt und wühle in der falschen Seitentasche nach dem Gurt, mit dem man sich das Horn um den Hals hängt..

Er erzählt mir von Techniken der „Neuen Musik“ und macht sie vor. Nur mit den Klappen spielen, ohne in das Rohr zu blasen. Jede Art von Geräusch als Material nutzen. Etwa jene „Neue Musik“, deren Altern Adorno diagnostizierte? Werde kurz cooler. Will schon zum Vortrag ansetzen, so unter Männern. „Hey, ich weiß was! Ich bin der Schlauste!“ Irgendwie muss ich die Situation doch in den Griff kriegen. Er ignoriert es. Zum Glück! Ich will ja was lernen. Verdammt, fällt mir das schwer. Loslassen! Einlassen! Nein, Du musst hier jetzt keine Deutungshoheit anstreben! Boah, ist das SCHWIERIG! Zudem ich die „Neue Musik“ – er meint tatsächlich jene, deren Altern Adorno diagnostizierte – ja nie gehört habe, nur darüber gelesen …

Etwas machen, das ich nicht kann. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gemacht habe, das ich nicht konnte. Schreiben fiel mir schon in der Grundschule leicht, Philosophie schon in der Oberstufe, und meinen jetzigen Job, da fand ich immer nur schwierig, dass man mit so vielen fremden Leuten kommunizieren muss und überall Politics lauern. Aber schon als Klassensprecher hatte ich den Vorteil, dass der Schulleiter Parteifreund meines Vaters war … „Können wir das noch mal langsamer probieren?“ frage ich den Virtuosen.

Er setzt sich ans Klavier. „Spiel mal was!“ Wie? Einfach so? Erinnere mich an den Unterricht von einst, in dem Realschulraum. Endlose Reihen von Achtel-Noten, deren Abfolge ich nicht verstand. „Diese Bleiwüste bitte bis nächste Woche üben“. Oje. Das alles? Wage nicht zu opponieren. Ich konnte ja auch damals kein Saxophon spielen. Er schon, der Lehrer, der immer rechts von mir in frisch gebügelten, hellblauen Hemden den Takt mitzählte. Scheiße, jede dritte Note meint was anderes, als ich es gerade spiele. Dieses Zusammenzucken bei den falschen Tönen, meines, seines, „‚tschuldigung“, neu ansetzen, wieder stolpern, hat sich tief in meinen Körperpanzer eingeschrieben.

Wieso entschuldigt man sich eigentlich bei einem Lehrer, wenn man falsche Töne spielt? Habe damals im Grunde genommen nicht verstanden, dass ich das Instrument als Ausdrucksmittel FÜR MICH lernte, ganz ausgeliefert an das Urteil der Anderen … und da waren diese Noten, deren Namen ich zwar wusste, die aber fast drohend in endlosen Reihen ihre Köpfe über die Linien streckten und unterschwellig höhnisch in Regelmäßigkeit die Blätter füllten …

Mein jetziger Lehrer sitzt am Klavier und spielt traumhafte Akkorde an. Hey, Musik als Kommunikation mit Anderen, nicht mit der Angst vor dem Urteil dessen, der neben mir steht und mir das Zeichen der Unzulänglichkeit des Faulen in die Schulter brennt mit seinem Blick!

Ich spiele ein paar Tonfolgen. Vergesse völlig, auf das Klavier zu hören, bin kurz in diesem Flow, den ich vom Schreiben und Malen kenne. Hört sich gar nicht so schlecht an, wenn man nicht auf Noten guckt und Angst hat, sie zu verfehlen … einfach sein. Und tröten.

Er gibt Hinweise, was man Spannenderes spielen könnte. Höre neugierig zu. Cool. Hört sich gut an! Ach, all der Alkohol in all den Jahren, verdammt, fällt mir immer schwerer, mir was zu merken. Trotzdem, er erklärt mir dje Arpeggios, broken chords. Erinnere mich dunkel, dass das über diesen gemein mal noch oben, mal nach unten sich wellenden Achtel- und Sechzehntelnotenschlangen meiner alten Saxophonschule auch stand.

Macht Spaß. Höre zu. Will gar nichts deuten. Will nur spielen.

Stunde vorbei. Die Zigarette danach, mein Saxophon geschultert, blicke die Straße entlang … statt B-Movies gar keine Bilder mehr. Nur Töne. Solche, die ich spielen werde … die Stadt leuchtet. Ich fühl mich gut.

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4 Antworten zu “Die Saxophon-Dialoge, Teil 4

  1. Mrs Next Match Januar 24, 2013 um 1:18 am

    Juhuu!

  2. distelfliege Januar 24, 2013 um 3:26 am

    Das hat mir jetzt auch wieder gefallen… danke!

  3. momorulez Januar 24, 2013 um 8:52 am

    @Mrs. Next Match:

    😉 – was einmal kurz rein tuten so alles bewirken kann 🙂 …

    @Distelfliege:

    Dank zurück!

  4. Pingback: Emotionale Betroffenheitsbefindlichkeit: “Wem sollen wir denn glauben?” | Anarchistelfliege

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