Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Januar 15, 2013

Das Banjo! Kleine, musikhistorische Nebenbemerkung …

… die so nebensächlich aber vielleicht gar nicht: Was auch mir neu war, ist, dass das Banjo, ja zumeist aus US-Folk- und Country bekannt, kein Abkömmling der Laute, sondern eines westafrikanischen Instruments ist, des Akonting. Wie so oft in Pop- und Musikkultur ist mal wieder eine Vorgeschichte verschwunden worden – und zudem ein deutlicher Hinweis darauf gefunden, dass auch ich es mal unterlassen sollte, ständig „afrikanische“ Polyrhythmik und westliche Melodieführung und Harmonien gegeneinander auszuspielen. Kann da auch zu meiner Verteidigung immer nur DeeDee Bridgewater anführen, von der ich das zumindest teilweise habe. Und rhythmisch ist die europäische Tradition weniger spannend, weil oft Tänze, auch volkstümliche, verkünstelt wurden. Die „afrikanischen“ Harmonie- und Melodieinstrumente sind mir aber tatsächlich neu, während ich die Sitar kannte. Was eben auch mit „westlichen“ Perspektiven, was als „Hochkultur“ anerkannt wurde – Indien ja –  und was nicht, zu tun hat.

Um so mehr freut es mich, dass Instrumente wie Kora mitten in Hamburg gelehrt werden, ebenso Saz und Oud – und das auch nicht von weißen Adepten. Was nun auch allerlei Okkupierungs-, Exotisierungs- und Enteignungsgefahren in sich birgt, aber immer auch die Möglichkeit, durch Perspektiven auf Musik jenseits der „westlichen“ Tradition seinen Horizont zu erweitern und vom Hochkultur-Ross abzusteigen – stattdessen zu lernen.

Wo habe ich neulich noch gelesen, dass sich jemand darüber ärgerte, dass irgendwo Tablas gespielt wurden, aber mal wieder keiner sich damit beschäftigt hat, woher die Dinger kommen und was für eine Bedeutung sie hatten? Zumindest die App DrumJam gibt sich Mühe, in kurzen Erklärungen die dort simulierten Percussion-Instrumente mal kurz zu erläutern in einer Art Tutorial – wobei der animierte Conga-Spieler im Feld unten ziemlich albern ist. Und auch da eine Schweizer Fortentwicklung der Steeldrums als „Hang“ auftaucht, wenn ich es richtig lese – dabei ist auch in deren Fall die Vorgeschichte eine, die zur Kenntnis zu nehmen so gar nicht schaden kann:

„Das Instrument wurde in den 1930er Jahren auf Trinidad erfunden und ist dort das Nationalinstrument.[1] Die britischen Kolonialherren verboten den Einheimischen das Trommeln auf afrikanischen Schlaginstrumenten. Deshalb suchte die Unterschicht Trinidads nach neuen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. In diesem Inselstaat spielt die Erdölproduktion eine wichtige Rolle und hat erheblich zur Industrialisierung von Trinidad beigetragen. Somit entstanden die ersten Steel Pans aus ausrangierten Ölfässern, die es in Trinidad aufgrund der Ölindustrie im Überfluss gab.“

Ganz egal, ob man nun den großen Saxophonisten, Coleman Hawkins, Ben Webster zum Beispiel – immerhin ist das Saxophon die Erfindung eines Belgiers, basierend freilich auf der Klarinette, deren Vorläufer aus dem iranisch-türkischen Raum stammten – hinterher googelt oder dem Banjo, man findet immer dermaßen vieles, was so völlig neben „westlichen“ Hochkulturselbstbildern angesiedelt ist, dass es sich lohnt! Wenn man denn neugierig statt selbstgefällig bleiben will.

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