Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge – Teil 2

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Die Unterlippe schmerzt wohlig.

Ich habe geübt – gespeicherte Körpererfahrung, dieses Unterlippengefühl, das leicht Wunde, das sich dennoch anfühlt, als habe man an guten Saxophon-Dialogen gearbeitet.

Vom „modernen Ansatz“ habe ich gerade vor Kurzem erstmals gehört! Trotz 4 Jahren Unterrichts. Damals, als es noch kein Internet gab. Und ich Stunden neben dem Festnetztelefon verbrachte, auf Dieters Anruf wartend.

War halt auch Klarinettenlehrer, der meine einst. Immerhin Profi-Musiker, Blasorchester, Big Band. Irgendwo zwischen Swing und Klassik beheimatet. Solche lehrten den „klassischen Ansatz“.

Ein karger Klassenraum in einer Realschule aus den 60ern. Dort fand der Unterricht gleich am Fenster statt. Der Hausmeister züchtete Wellensittiche in einer Voliere. Das Gefühl, durch das kühle, weite Treppenhaus die Treppe hinauf in den 1. Stock zu steigen ist in mir jederzeit reaktivierbar. Diese leicht angstvolle Nervosität des Wissens, wieder nicht genug geübt zu haben. Weil ich lieber „What shall we do with the drunken sailor“ gespielt hatte, statt mich unermüdlich den Intervall-, Triolen- und sonstwie ausgefeilten Reihen von Noten Jimmy Dorseys hinzugeben.

Ich verstand die nicht, wusste nicht, wieso ich so was Kompliziertes spielen sollte. Mittlerweile weiß ich genug über Jazz-Improvisation, um zu begreifen, worauf ich da vorbereitet werden sollte: Sowohl auf das Spielen im Swing-Orchester als auch in die Automatisierung bestimmter Klangfolgen und Rhythmen und somit bestimmter Bewegungsabläufe.

Aber so, wie Wissen Angst haben kann, taugt es nicht dazu, Klänge hervor zu bringen. Da kann ich noch so oft Interviews mit Lee Konitz über das modale System der Jazz-Improvisation lauschen – heute hat er ganz schön gequietscht und geschrien, mein neuer, silberner Weggefährte. „What shall we do with the drunken Sailor“ ging noch lange nicht. Lieber erst mal C-Dur-Tonleiter hoch und runter und mich freuen, wenn ich das tiefe C und den Übergang vom mittleren C zum D“ wenigstens mit Scheppern und Quietschen und Überblasen hin bekomme …

In den Dialog mit einem Saxophon tritt man ja ganz anders als im Falle eines Klavieres, zum Beispiel. Das kann verstimmt sein, man trifft falsche Töne und haut in die Tasten, dass es schmerzt. Aber der Ton als solcher ist eben irgendwie da. Wie auch beim Vibraphon.

Beim Saxophon muss man ihn machen. Mit Zwerchfell, Luft, Zunge, Lippen und einem Holzblatt, auf Plastik fixiert. Und meine ersten Dialoge mit meinem neuen Freund zeigen mir doch, dass wir erst mal eine gemeinsame Sprach finden müssen. Das ist zwischen menschlichen Individuen ja auch so, das merken die meisten nur gar nicht, weil sie vielleicht „das Objektive“ und „das Subjektive“ kennen, aber nicht das Du. Manche schmeißen mit jedem Satz Klaviere auf die Füße Anderer und schreiben dann noch lange Traktate in Feuilletons, dass alles andere ja Zensur sei. So was wie den Anderen erst mal kennen lernen und einen wirklich eigenen Sound im Zweierli kreieren, diese Mühe geben sich wenige.

Der „klassische Ansatz“ ist: Man lege die Unterlippe auf die unteren Schneidezähne und nutze die Lippe dann, gegen das Holzblatt ge-, äh, gepresst wäre schon falsch, an das Holzblatt geschmiegt?, um den Ton zur Entfaltung zu bringen. Nee, eben nicht kontrollieren.

„Modern“: Man nimmt nur die Lippen und knutscht. Letzteres habe ich ja nie gelernt 😀 – also, im Falle des Saxophons. Und es gab ja noch kein Internet. Gerade aktuell fällt mir wieder auf, wie gewaltig der Wandel dank dieses Mediums doch ist. Damals hatte ich meine Saxophon-Schule und ein paar Liederbücher mit rotem Ballon drauf. In einer Band spielen hab ich mir nicht getraut. Für alles weitere hätte ich in die Stadt fahren müssen, und da gab es ein paar Musikgeschäfte … Platten, zu denen man spielen konnte, musste ich lange suchen. Gab kein Amazon. Habe dann meistens zu Grover Washington Junior geübt, „A Secret Place“, glaube ich, hieß das Album.

Vor mir hatte immer Dieter Unterricht. Man grüßte sich … viel später traf ich ihn in Politgruppen wieder. Wuuuuuuuusch! War ich verknallt! Wir trafen uns dann zum gemeinsamen Spielen in der Waschküche des Reihenhauses seiner Eltern. Hoch in Richtung Küche oder Esszimmer durfte man nicht schleichen, die Mutter zog immer Schutzbezüge über alle Sitzkissen und assoziierte Besucher mit Dreck und Unbill.

Wir legten die Crusaders auf, er spielte Tenor, ich Alt. Wie fand ich das lässig, wenn er sich beim Spielen locker anlehnte, die Knöchel über Kreuz. Und was mit juvenilen 17 ein rot-weiß gestreiftes Hemd mit Stehkragen, unfrisierte, dunkle Locken und ein paar Grübchen, eine weiße Bundfaltenhose, ein Lächeln für ein Universum von Gefühlen mit galaktisch weichen Knien auslösen kann …. ich stand er verkrampft daneben und habe ihm erst Jahre später erzählt, was damals in mir vorging. Heute können die Jungschwulen ja bei Gayromeo und Co stöbern … für mich gab es nur solch Begegnungen wie mit Dieter. War aber auch schön, die musikalischen Dialoge zu den Crusaders … jetzt habe ich das ganze Wochenende in Saxophon-Blogs, eBooks und -Foren gelesen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es die damals schon gegeben.

Alle homophoben Klischees internalisiert habend hielt ich allerdings meinen Saxophonlehrer für schwul, weil der immer so kreischend lachte und so tuntig Witze riss. Machte immer einem auf witzig, während ich mich durch Jimmy Dorsey quälte, stolpernd wie ein Rad, das über Geröll fährt – und doch fürchtete ich seine sich zu unterdrücktem Zorn steigernde, unterschwellige Ungeduld, weil er mich wohl für recht talentiert, aber chronisch faul hielt. Zu recht, letzteres zumindest. Was dazu führte, dass ich immer mehr verkrampfte, beim Ansatz presste, die Arme in die Seiten drückte und gar keine Note mehr zu den Griffen auf meinem Instrument korrekt in Relation setzte. Aber wenigstens sabberte er nicht für mich das Mundstück an …

Totzdem: Wie einen späten Widerhall bemerkte ich heute beim Quietschen, wie ich mich immer mehr verkrampfte, wenn ich mich dem Notenständer näherte, je weiter ich mich jedoch von ihm entfernte, desto klarer wurden die Töne …

Dieter hat mir übrigens später Michel Foucault erstmals zugeführt. In einem wundervollen Brief aus Freiburg, in den unter anderem das berühmte Hinterkopf-Porträt dieses Meisteranalytikers der Körperdisziplinierung als Kopie hinein geklebt war … irgendwo habe ich den Brief bestimmt noch. Anders als e-mails bewahrt man die ja auf.

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