Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Januar 9, 2013

Die Saxophon-Dialoge – Folge 1

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Da liegt er nun. Silbern. Massiv. Schwer. Voller Klang. Einer, der ordentlich röhren kann, doch auch in den Tiefen dieses rauchige Hauchen hervor bringt, das ein Tenor-Saxophon zu schenken vermag. Eines, das an schummerige Bars mit knackigen Keepern in steifen Hemden mit Weste erinnert, das den Geschmack von Gin oder Scotch oder Martini auf Lippen und Zungen zaubert. In dem die Melancholie der Wissenden wohnt, die Sehnsucht derer, die alles schon erlebt zu haben glauben und deren Wollen nur mehr einem Glimmen gleicht, das doch so stetig leuchtet wie kein Strohfeuer juveniler Intensitätshoffnungen dieses jemals zustande brächte. Dieses lauernde Trotzdem in der Resignation, das sich Tönen, so geschmeidig und variantenreich wie jenen der menschlichen Stimme, hingibt, die locken, auch in die Distanz schubsen, röcheln und schmeicheln.

Er hat rote Knöpfe, mein neuer Freund. Selbstverständlich ist ein Saxophon für mich männlich, gerade der Tenor. Er lag in einem Keller in Klein-Borstel zusammen mit schicken, teureren, neuen Instrumenten und hat auf mich gewartet. Gerade neulich so ein Billig-China-Instrument getestet im Weltkriegsbunker unweit des Millerntores; das flatterte, klang blechern, stieß weg. Ein Alt der selben Marke hatte einen schönen Klang, aber ich liebe doch Tenöre …

Da lockte mich, im Internet und auch im Preis halbiert, mein neuer Weggefährte. Ganz unsexy als VEB belabelt. Hatte einst auch ein DDR-Instrument, ein Tenor, das ich liebte. Einem Freund geliehen, nie wieder bekommen. So hat er mich verlassen: Durchgebrannt mit einem Anderen.

Die Saxophonbauerin schloss die Stahltür hinter mir. Einem, der seit 20 Jahren kaum einen Ton auf so einem Rohr spielte, will man nicht lauschen. Er strahlte mich mit starker Aura an; Gebrauchsspuren zeigten: Er wurde geliebt. Die Lackierung auf Dis- und C-Klappe weg gespielt, er strahlt die Erfahrung derer aus, die mit Anderen viel erlebt, sich eingelassen haben. Ich setze an, leicht zitternd, fürchte mich vor dem Quietschen, das nun folgen würde.

Es bleibt aus. Sanft, samtig, liebevoll dringen die stockend angespielten Laute aus dem Horn. Später, vor Publikum, da bleibt es aus, klingt schief. Wir müssen uns noch ein wenig kennen lernen, ohne, dass störende Blicke und Ohren uns ihre Label aufkleben. Dialoge müssen her.

VEB. Ich googel herum, das frisch erworbene Instrument, das mir gleich vertrauensvoll Einblicke in die Welt seiner Sounds und somit Gefühle gewährte, ist älter, als sie in der Werkstatt dachten. Irgendwann zwischen 1950 und 1952 muss es in einem verstaatlichten Instrumentenbauerbetrieb gebaut worden sein. In Klingenthal im Vogtland, gar nicht weit entfernt vom Angstgegner Aue. Dort haben Einheimische 1994 laut Wikipedia eine Gedenkstätte für Nazi-Opfer abreißen lassen. Und nennen sich „Musikstadt“. Sehr musikalisch, Erinnerungen tilgen, ist das nicht. Drum trendy.

Im 19. Jahrhundert war Klingenthal wohl eine der wichtigsten Produktionsstätten für die Vorläufer des Akkordeons.

Mein neuer Freund: Also noch zu Zeiten des Terrors Stalins gebaut. Nach dem Vorbild von US-Instrumenten, den Conn-Saxophonen. Hoffe, dass auf ihm keine Militärmusik gespielt wurde, sondern sich tarnender Swing und Rock’nRoll. Wurde ja in Orchestern so gemacht, „See you later, Alligator“ einspielen, es aber anders nennen, damit keiner es merkt in Einstufungskommissionen und anderen Vorläufern öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und sonstigen Casting-Shows.

Überhaupt war der Jazz das Gegenbild zum sozialistischen Realismus (das ist das, was jene fordern, die mir sagen, ich solle mal knackiger und weniger verschwurbelt schreiben) und deshalb als widerständige Form auch in der CSSR und Polen sehr beliebt. Vielleicht wurde auf meinem Instrument der Marke „Akustik“ ja auch so was gespielt?

Ich werde es vielleicht erfahren, wenn wir uns jetzt näher kennen lernen. Und berichten. Von dem FC St. Pauli-Bläsersatz, der sich heute bei Twitter schon fast formte und eines Tages bei Spielen supporten wird. Vom Wiederentdecken John Coltranes. Von all den Erfahrungen, die ich mit meinem neuen Gefährten sammeln werde, den Geschichten und Assoziationen, die unsere Entdeckungsreise weckt, herauf beschwört, im kreativen Raum des Nichts entstehen lässt.

Ich bin frisch verliebt in einen echten Tenor-Kerl, wahrscheinlich
Jahrgang 1952, aus dem sächsischen Vogtland. Wenn mir das wer vor einer Woche erzählt hätte …

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