Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Januar 8, 2013

Latente und manifeste, strukturelle Gewalt und die psychischen Folgen für Betroffene

Ein wichtiges Interview in der taz. Selbst bei dem Fragenden schimmert der Zweifel daran durch, dass Menschen erleben könnten, was sie tatsächlich erleben. Das ist eine brutale Technik ist, dieses Absprechen von tatsächlich Erlebtem. Erzieht man Kinder so, werden die buchstäblich verrückt.

Vergleiche mit Handtaschenraub – man lese den Text – mögen zwar Erklärungswert haben, an Betroffene gestellt ließe die Analogie diese freilich erst mal nach Luft schnappen.

Hierzulande ist ein mehrgesellschaftlicher Diskurs allgegenwärtig und dominant, was auch immer für „gar nicht rassistisch, gar nicht homophob, gar nicht sexistisch, gar nicht antisemitisch“ zu erklären und völlig verdreht mit gänzlich anders gelagerten Erfahrungen von Mehrheitsgesellschaftlern zu verknüpfen, dass schon darin ein Gewaltverhältnis sich zeigt. Auch in den Fragestellungen, die aber vermutlich einfach der Aufklärung eben dessen dienen, hoffentlich.

Die Dynamiken im Falle manifester, körperlicher Gewalt skizziert das Interview vortrefflich:

„Ja. Oft versuchen die Opfer das zu überwinden, indem sie begründen, warum sie nicht Opfer hätten werden dürfen: Sie sind doch integriert, sie haben Deutsch gelernt, sie haben niemandem etwas getan – sie sind nicht wie die, die der Täter eigentlich meint. Sie versuchen sich von der Zielgruppe des Täters abzuheben – und identifizieren sich so mit dessen Motiven. Das ist ähnlich wie bei Beziehungstaten.“

Und macht eben deutlich, wie in dieser Gesellschaft Dominanz fortwährend aufrecht erhalten wird. Die Auswirkungen im Falle von körperlich Attackierten sind ungleich krasser; derartige Gewalttäter agieren jedoch nur aus, was als Latenz permanent wirkt, in manchen Fällen gar päpstlichen Segen erfährt und so Subjektivitäten Betroffener formt:

„Wir verlassen uns bei der Einschätzung von Gefahr auf unsere Instinkte. Jetzt ist der Glaube, dass man sich darauf verlassen kann, zerstört worden. Man weiß nicht mehr, wem man vertrauen kann, wer gefährlich ist und wer nicht. Dass kann zu der Reaktion führen, dass man alle Menschen für potenzielle Täter hält. Es gibt aber auch Opfer, bei denen das zu Schamempfinden führt.“

Gerade diese chronische Unsicherheit ist abgeschwächt auch in jeder mir bekannten schwulen oder lesbischen Sozialisation zu finden – Mensch weiß nicht, wer wie reagiert, outet man sich. Es gibt kein Grundvertrauen unbekannten Menschen gegenüber außer in als schwul und lesbisch ausgewiesenen Räumen, da die Reaktionen sehr überraschend ausfallen können – sogar in langjährig gewachsenen Beziehungen. Das ist der Grund, aus dem es – wiederum in Analogie – Frauencafés und -Kneipen gibt, weil eine latente Gewaltandrohung gegen Frauen eben auch den Alltag auf den Straßen prägt und da ebenfalls die Masche, den Spieß umzudrehen und die weibliche Perspektive erst mal unter Rechtfertigungsdruck zu stellen, den Diskurs prägt.

Es ist Freunden von mir passiert, dass sie nach körperlichen, offenkundig rassistisch motivierten Angriffen erst mal eine generelle Rassismusdebatte, den es in Deutschland ja gar nicht wirklich gäbe, aufgenötigt bekamen – Emphatie wurde ihnen vollständig verwehrt.

Und der Unterschied ums Ganze (!!!) zu schwuler Sozialisation liegt eben darin, dass man entscheiden kann, wann man sich zeigt und wann nicht und dann, wenn man es bleiben lässt, alle männlichen und ggf. auch weißen Privilegien ja leben kann.

Eine Freundin hat die auch im Interview im Fall manifester Gewalt skizzierten Mechanismen treffend als „Überschreiben von Erfahrung“ bezeichnet. Anstatt ein der Situation angemessenes Selbstgefühl zu entwickeln, ist man in die Reaktion auf Zuschreibungen verfangen. Das ist par excellence das, was Jean-Paul Sartre in „Das Sein und das Nichts“ als Dynamik des „Für-Andere-Seins“ beschrieben hat: Statt als Subjekt selbstbestimmt zu agieren, verfängt Mensch sich in Perspektiven – oft diskreditierenden – Anderer und ist genötigt, sich zu ihnen zu verhalten. Es macht Sinn, den Begriff „Entfremdung“ hier zu verwenden. Und das findet ganz alltäglich immer und überall statt.

Deshalb ist die Schlussfolgerung in dem Interview so wichtig:

„Wir können aber die Angst verringern und das Gefühl von Minderwertigkeit – zugunsten des Gefühls, wieder selbst bestimmen zu können, wer man ist. Dann kann auch die Wand zwischen dem Opfer und anderen Menschen wieder durchlässiger werden in der Erwartung, auch wieder positive Erfahrungen zu machen.“

All das sind Lehren aus der Traumatisierungsforschung – latente Gefahren als manifeste wahr nehmen als Effekt der Traumatisierung -, und das ist nichts anderes als das auch hier von Kommentatoren oft wüst und aggressiv bekämpfte Empowerment. Wieder andere anderswo meinten, es würde beschämen, wenn man darüber schreibt und fordern damit das folgende ein – Reviktimisierung:

„Sie müssen beschreiben, was passiert ist, wiederholen, was zu ihnen gesagt wurde. Das ist eine Reviktimisierung, oft durch weiße deutsche Männer, die eventuell den Tätern ähneln.“

Das ist auch weißen Frauen gegenüber außerhalb der Konfrontation mit der Staatsmacht mutmaßlich nicht ganz so schlimm, aber eben trotzdem grausam auch bei nicht ganz so schlimmen Erfahrungen wie dem Erleben körperlicher Gewalt. Da dann noch Ansprüche zu erheben, WIE denn nun bitte die eigene Erfahrung zu artikulieren sei, ist einfach nur eine Stabilisierung der Dominanzverhältnisse.

Aber das weiße Deutschland ist halt zu weiten Teilen verwalsert, seit geraumer Zeit auch und gerade bei Menschen mit linkem Selbstverständnis. Die Rede hatte ich ja gestern schon am Wickel; in ihr tauchen prototypisch all die Muster auf, die heute bei der „Leftist Elite“ und anderen Derailingprofis Anwendung finden:

„Immer wieder das altmodische Wort „Schande“. Das ist auffällig, und Ignatz Bubis ist es aufgefallen: „Viermal spricht Walser von der Schande. Aber nicht ein einziges Mal von den Verbrechen.“

Empfehle noch einmal dringlichst die Lektüre des verlinkten Textes. Das steckt wirklich alles drin, was quält.

Andere formulieren das heute dergestalt, dass man den Leser nicht beschämen solle.

Darauf noch einmal zurück zu kommen ist nicht abwegig; als ich das taz-Interview eben gelesen habe, packte mich einfach noch einmal die nackte Wut auf genau diese Art des Diskurses, die alles dafür tut, die Stimmen der Opfer zum Verstummen zu bringen oder sie gar zu Tätern zu stilisieren.

Es ist der taz zu danken, dass sie, was in der Tat auffällig selten statt findet, und sei es auch nur die über Therapeuten als legitimierende Instanz vermittelte Erfahrungen der anderen Seite zu veröffentlichen.

 

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