Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Januar 7, 2013

Programmatisches zum Neuen Jahr: „Veränderung entsteht durch Reibung“

Nachdem ich das Interview mit Detlef Stoffel schon bei Facebook und Twitter beworben habe (via David Berger/Facebook), sei es auch hier noch mal zitiert. Einfach, weil es aufzeigt, wie viel weiter die Reflexion schon mal war, vergleicht man es mit den heute wahlweise ausschließlich erotisierten oder verbürgerlichten, oft rassistisch konnotierten Verlautbarungen vieler schwuler Aktivisten heute, so weit dieses zumindest für mich wahrnehmbar ist (Volker Beck nehme ich aus):

„Ich vermisse, heute sogar mehr als damals, die Bereitschaft und damit auch Fantasie, sich mit dem allgegenwärtigen heteronormativen Terror der Gesellschaft kämpferisch auseinanderzusetzen. In der Rückschau war dieser schon erwähnte Slogan «Heterosexualität weg. Schwul in die 80er Jahre» großartig. Heute, immerhin doch etwas klüger geworden, würde man vermutlich so etwas wie «Heteronormativität weg – Vielfalt statt Einfalt» formulieren. Darauf, dass so etwas mal als CSD-Parole durchkommt, können wir vermutlich noch lange warten. Denn inzwischen geht es den meisten ja nicht um eine gravierende Veränderung der Gesellschaft, sondern um die «Einbettung» in sie. Grauenhaft!“

Eben.

Auffällig freilich auch und ziemlich übel, dass Lesben so gut wie gar nicht auftauchen, nur in einer Fragestellung finden sie im „Stonewall“-Kontext Erwähnung. Was mich bei einem Vertreter dieser Generation wundert. Ende der 70er war nun sogar ich noch ziemlich jung und meine eine intensive Auseinandersetzung mit feministischen Positionen zu erinnern gerade, wenn es um „Fummel tragen“ und ähnliche Praktiken ging. Was manche ja auch als schlechte Karrikatur von Frauen sahen, hatte für mich immer auch die Symbolik, patriachale Männerrollen zu dekonstruieren. Kein Wunder, dass ich mir das nie getraut habe, so rum zu laufen. Als hätte ich nicht auch eine Lilo Wanders in mir.

Kam dann auch irgendwann zugunsten eines fitnessgestählten Körperkultes aus der Mode; bei den legendären „Tuc Tuc“-Parties in den späten 80ern war es freilich noch üblich, sich dergestalt in Schale zu werfen. Meine Freunde nannten sich Dörte, Beate und Schilda und der Wiener Walzer um 24 Uhr (???) bot Anlass, das gewählte Outfit auch bestmöglich auf der Tanzfläche zu inszenieren.

Ist ja fast schon zynisch, dass in den Räumen des „Tuc Tuc“ in der Oelkersallee heute eine Kita ist und  in der ehemaligen Frauenkneipe an der Stresemannstraße ein Laden für Schwangerschaftsmoden … nix gegen beides, mehr Kitas! Mehr tragbare Schwangerschaftsmode!, aber. Vor dem „Tuc Tuc“ in der Oelkersallee hat sich Überlieferungen zufolge noch Nina Hagen mit Neonazis geprügelt.

Auch für St. Paulianer sind interessante Passagen in dem Interview:

„Die «Brühwarms» waren gute Freunde, und es war nicht selten so, dass nach einer Premiere in Hamburg der nächste Aufführungsort Bielefeld war – vor grundsätzlich ausverkauften Spielstätten. Und wenn ein solcher Aufführungsort z.B. ein städtisches Jungendzentrum war, folgte der öffentliche Skandal auf dem Fuß. So etwas hat mir gefallen und gefällt mir bis heute: Mit einem Theaterstück Grenzen überschreiten und mit der Wahl z.B. des Aufführungsortes die Grenzen der vermeintlich liberalen Öffentlichkeit aufzeigen.“

Ich vermute, dass die meisten Littmann-Kritiker sich mit Brühwarm nie beschäftigt haben werden. Denen kann man auch bei Youtube lauschen. Haut mich zwar weder musikalisch noch textlich vom Hocker, war aber wichtig, dass es sie gab. Und diese Zusammenarbeit mit Ton, Steine Scherben, hat es so was danach eigentlich noch mal gegeben, symmetrische Zusammenarbeit zwischen linken Headlinern und Schwulenbewegten? Eher erscheint mir ja fort geschrieben, was Stoffel in dem Interview auch erwähnt:

„An dieser Liberalität habe ich mich – manchmal zum Erstaunen bis Entsetzen der Anwesenden ‑ intensiv abgearbeitet, vor allem mit einem Credo wie «Akzeptanz statt Toleranz». Da gab es nicht selten Unverständnis dafür, dass ein Schwuler so gar nicht «dankbar» für die Errungenschaften einer sich vermeintlich liberalisierenden Gesellschaft war.“

Eine Struktur, die sich auf andere „Duldungen“ wohl übertragen lässt und seit ca. Mitte der 90er flächendeckend geworden ist bei gleichzeitig fortwährender Zurechtweiserei.

Wo Augstein gerade in aller Munde ist, sei er exemplarisch verlinkt mit einem Text von einst, der als Symptom des Rechtsrucks bei Feld-, Wald- und Wiesenlinken gelten kann und zu der aktuellen Diskussion wohl in Ergänzung zu lesen ist. Immerhin hat die Katholische Kirche auch den Antisemitismus erfunden, Martin Luther eiferte ihnen später wortgewaltig nach.

Die Mehrheitsgesellschaftler sind sich halt viel zu sicher geworden. Aber Augstein ist ja auch der leibliche Sohn von Martin Walser, da scheint sich auch Geistiges tradiert zu haben.

Was zum Thema gehört, da die Versatzstücke und Textbausteine, mit denen Augstein publizistisch verteidigt wird, ja strukturell bei allen Minderheiten- und Dominiertenthemen immer wieder angeführt werden und viele Mehrheitsgesellschaftler inflationären Rassismus in der Regel weniger schlimm finden als „inflationär eingesetzten Rassismusvorwurf“. Da kann man jetzt auch Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie einsetzen. Klassismus ist als Problem gar nicht mehr im Bewusstsein der Leute verankert, das nebenbei.

Und das zeigt, diese austauschbare Schablonenhaftigkeit, prototypsich dieser Text, dass ganz andere Fragen als die der Politik der israelischen Regierung zur Debatte stehen: Es ist der sublimierte Hass auf die Opfer des „3. Reiches“, geboren aus der narzißtischen Kränkung, die die pure Existenz der Opfergruppen, ihr schlichtes Sein, bei vielen Mehrheitsgesellschaftlern auslöst.

Diese ganze Propagandaschlacht, die Homo-Ehe würde die Hetero-Variante irgendwie infrage stellen, zeigt ja die seltsame Faszination durch das Verdrängte, das in Spielfilmlänge erst um 23.30 h im deutschen Fernsehen zu bewundern ist. Einen ähnlichen Reiz scheint Israel auch auf viele auszuüben. Alleine schon, weil es es gibt, muss permanent zurecht gewiesen werden:Weil es die Infragestellung der eigenen  „deutschen Normalität“ bedeutet und somit eine Reflexion auf das „Wer spricht?“. Weil ja jeder weiß, warum der Staat eben zu jenem Zeitpunkt gegründet wurde – und dass ihm als Reaktion prompt die Nachbarn den Krieg erklärten.

Die Generation Stoffels wusste das alles sehr genau und hat drum Dokumentationen über den „Rosa Winkel“ gefertigt. Hat der durchschnittliche 20jährige von heute vermutlich noch nie was von gehört. Noch auf Bronski-Beat-Alben aus den 80ern kann man den sehen. Die Regenbogenflagge kam erst später.

Gestern bei der Lektüre des Interviews schoss mir auch noch durch den Kopf, die Augstein-Debatte immer im Hinterkopf, wie präsent mir allerlei jüdische Kultur von „Donna Donna“ bis zu den „verbrannten Dichtern“ noch in den frühen 80ern war, wie allgegenwärtig sie in der „Eventkultur“ der von Broder später mit so brillianter Polemik sezierten Friedensbewegung damals war. Alles weg. Auch dank Walser.

Auch deshalb erfrischt mich das Interview mit dem Schwulenaktivisten um so mehr. Weil diese ganze Diskussion einst auf einem ganz anderen Niveau statt fand und das Victim-Blaming und Herabwürdigen der Nazi-Opfergruppen zumindest noch lautstark und wirkungsvoll Widerstand erfuhr. In dem Interview spürt man den Atem jener Tage.

Finde das auch interessanter, als fortwährend die Leier von der Kritik am „Identitären“ zu spielen:

„Veränderung entsteht durch Reibung, aber viele missverstehen Reibung mit Wichsen …“

In diesem Sinne!