Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2013

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der „Performance“ des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

„Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des „politisch-korrekten“ Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.“

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass „Political Correctness“ von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. „Politcal Correctness“ als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu „Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus“, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie „Besonderes Kennzeichen N …“, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich „gut gemeint“ die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von „Zensur“ krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, „Blackface“ sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die „Druckfrisch“-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von „Sprachexorzismus“ – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als „weiße Hochkultur“ galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen „weißen Scheiß“ gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum „modalen System“, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur „westlicher“ Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie „Kind of Blue“ geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, „Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes“, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo „Zensur“ vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer „Kultur“ wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten „Salpterfahrten“, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

„Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter“ aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung“ des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.“

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst („Les Fauves“, die Masken in Picassos „Demoiselles d’Avignon“), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

Zurück auf die Schulbank, Herr Kasten!

Eigentlich ist ja ermüdend, aber das gehört ja zum Spiel, dass DIE die Themen vorgeben, auf die man dann in ständiger Abwehrbereitschaft reagiert – außerdem ist es erstaunlich, wer in Deutschland so alles eine Professur erhält. Ebenso dass, trotzdem allseits der beeindruckende und großartige Brief einer 9-jährigen allerorten kursiert, DIE ZEIT nicht müde wird, alternde weiße Männer zu befragen, was es denn nun mit dem N-Wort auf sich habe.

Herr Professor Kasten konfektioniert und manipuliert aktuell auf der Internetpräsenz dieser nicht mehr kaufbaren weißnationalen Propaganda-Postille außerordentlich fantasielos vor sich hin. Auf die Idee, dass es auch PoC-Kinder geben könnte, kommt er gar nicht, nein, stattdessen predigt er Exotismus für weiße Kinder (Achtung. Trigger-Warnung, N-Wort wie gerade überall in Deutschland in dem Interview):

„Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“

Soll man da jetzt schlucken oder lachen? Bei meinem heutigen Weg in den Park mit Hund am Schulhof vorbei fragte mich eine Gruppe von Mädchen, PoC und weiß, ob sie mir etwas vorsingen dürften. Hörte sich gut an, und, wie das so ist beim Einüben in diese Welt, wollten sie danach eine Spende haben.

Und die kriegen per Kinderbuch das Evergreen geliefert „Einer von diesen Menschen ist nicht wie die anderen“, was als Gewaltakt einbricht in ein trautes und offenkundig einvernehmliches Miteinander.

Die standen da nämlich ganz einträchtig nebeneinander, anders als vermutlich im Walddörfer-Gymnasium oder in Othmarschener Schulen, und man kann sich sicher sein, dass da auch „Chinesen“ auf dem selben Schulhof herum liefen. Was sollen denn solche Aussagen bitte bei einer Diskussion über das N-Wort? Natürlich sind Fantasiereiche toll. Aber wenn sie nur der Stabilisierung eh schon quälender Stereotype dienen bestimmt nicht pädagogisch wertvoll.

Würde Herr Kasten sein Fach adäquat vertreten, hätte er sich vielleicht mal mit der Psychologe der exotisierten „Chinesen“ beschäftigt. Und mit jener der großartigen, 9-jährigen Briefschreiberin. Aber in Deutschland lehrt man wohl Psychologie exklusiv für Weiße und kennt auch nur deren Erleben.

Vielleicht beschäftigt er sich ja auch mal damit, dass es von außerordentlicher Fantasielosigkeit zeugt, dass in Märchen nie zwei Prinzessinnen happy ever after leben? Die Überschrift ist einfach grotesk angesichts dessen, was der redet. Das ist eine brutale Normierung, die in Kinderbüchern oft vorgenommen wird. So ein schwuler Harry Potter hätte mir das Leben tatsächlich erleichtert.

Er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass es sich um Freiheitsberaubung handelt, wenn man mit N-Worten oder ähnlichem Vokabular hantiert, und dass die Erfahrungen einer großen Gruppe möglicher Leser weg zensiert werden. Während er ja von DIE ZEIT befragt wird. Wie wortreich die vermeintlich Zensierten gerade auf allen Kanälen quatschen – hätten sie recht, säßen sie im Knast. Oder würden zumindest nicht von unappetitlichen Gazetten wie DIE ZEIT befragt, wo es immer häufiger braun müffelt.

Freiheitsberaubung, weil der ganz alltägliche Flow des Lebens, Erfahrens, Fühlens von Menschen brutal unterbrochen wird, wenn die diskretierende, entmenschlichende Bemerkung fällt. Weil die Stigmatistierung einschränkt, lähmt, wütend und verzweifelt macht, verletzt und beleidigt und dadurch Handlungsfreiheit einschränkt.

Eine Freundin sprach treffend vom „Überschreiben von Erfahrung“ – das ist so, als würde man (fiel mir eben ein, als ich den Text eines befreundeten Bloggers kommentierte) – ständig in die Küche der Nachbarn platzen und denen einen anderen Radiosender einstellen, aus dem sie beschimpft werden. Es gibt Tage, da schalte ich den Fernseher deshalb nicht ein, weil ich das ewige „Schwanzlutscher“ und „Schwuchtel“ insbesondere in US-Produktionen ausnahmsweise mal NICHT hören will. Achtet mal drauf. Ständig.

Nun also der groß angelegte Kultur-Kampf, dass man möglichst auch da wieder fortwährend dasN-Wort höre, wo die meisten Journalisten noch nicht mal geschnallt haben, dass „farbig“ auch völlig daneben ist.

Mit Psychologen-Expertise.

Vielleicht sollte Herr Kasten seine Professur lieber an eine PoC-Vertreterin abgeben?

 

Edith: Viel besser als mein Text ist dieser hier: Mit den Kindern reden. Das meinte ich.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 4

20130123-213549.jpg

Bilder aus B-Movies steigen in mir auf. In schwarz-weiß. Mit Victoria Lane und Alan Llad. Ein keuchender, relaxt und doch bedrohlich tönender Tenorsaxophon-Soundtrack zu tropfendem Piano und verhalten treibendem, reduzierten Jazz-Schlagwerk kriecht unter Bilder vom Eingang eines Detektivbüros mit Schrift auf einer Scheibe … ein Malteserfalke krächzt.

Ein paar Töne hatte ich rauchig gespielt heute morgen, fast wie Subtones. Hörte sich vermutlich an, als würde man durch ein umgedrehtes Fernrohr dem Sound von Ben Webster lauschen. Eben sehr weit weg davon. Ich mag es trotzdem, mein Instrument kennen zu lernen. Heißt ja hier Dialoge, weil diese Texte auf jene mit meinem silbernen Wunderhorn anspielen. Nonverbale. Es antwortet ja – mit Quietschen und Kreischen beim tiefen C zum Beispiel. Dabei hat mein Lehrer mir doch heute gesagt, ich bräuchte eigentlich nichts machen als hinein zu blasen. Jeder Zwang, jeder Druck erzeuge nur Misstöne; das Saxophon mache eigentlich alles ganz von selbst. Ich müsse es nur lassen.

Wieder einen Lehrer haben. Ich, der ich mir eh nie was sagen lassen konnte und schon im Hort Plakate gegen die Hortnerin aufgehängt hatte. Frau Schreiber hieß sie. Sie wollte unsere Stadt aus Bauklötzen für den Elternabend stehen lassen als Zeugnis ihrer pädagogischen Fähigkeiten. Wir wollten lieber eine neue bauen, die noch viel schöner wäre. Sie verbot es, und wir malten dagegen an und hängten die Zettel in beiden Räumen auf. Und mussten zur Strafe ins Kabuff. „Ich kriege euch schon noch klein!“ Wir wollten, sie zu beglückwünschen, ihr eine Clopapierrolle überreichen. Davon lagen welche rum im Kabuff. Haben es dann bleiben lassen.

Und nun ein Lehrer. Spiele schon so lange Chef, und nun ein Lehrer. 20 Jahre jünger als ich. Virtuos, wenn er auf seinem Instrument mehrstimmig spielt. Ich schwitze und habe Probleme, meine Handlungen zu koordinieren. Werde tollpatschig. Kriege das Saxophon kaum ausgepackt und wühle in der falschen Seitentasche nach dem Gurt, mit dem man sich das Horn um den Hals hängt..

Er erzählt mir von Techniken der „Neuen Musik“ und macht sie vor. Nur mit den Klappen spielen, ohne in das Rohr zu blasen. Jede Art von Geräusch als Material nutzen. Etwa jene „Neue Musik“, deren Altern Adorno diagnostizierte? Werde kurz cooler. Will schon zum Vortrag ansetzen, so unter Männern. „Hey, ich weiß was! Ich bin der Schlauste!“ Irgendwie muss ich die Situation doch in den Griff kriegen. Er ignoriert es. Zum Glück! Ich will ja was lernen. Verdammt, fällt mir das schwer. Loslassen! Einlassen! Nein, Du musst hier jetzt keine Deutungshoheit anstreben! Boah, ist das SCHWIERIG! Zudem ich die „Neue Musik“ – er meint tatsächlich jene, deren Altern Adorno diagnostizierte – ja nie gehört habe, nur darüber gelesen …

Etwas machen, das ich nicht kann. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gemacht habe, das ich nicht konnte. Schreiben fiel mir schon in der Grundschule leicht, Philosophie schon in der Oberstufe, und meinen jetzigen Job, da fand ich immer nur schwierig, dass man mit so vielen fremden Leuten kommunizieren muss und überall Politics lauern. Aber schon als Klassensprecher hatte ich den Vorteil, dass der Schulleiter Parteifreund meines Vaters war … „Können wir das noch mal langsamer probieren?“ frage ich den Virtuosen.

Er setzt sich ans Klavier. „Spiel mal was!“ Wie? Einfach so? Erinnere mich an den Unterricht von einst, in dem Realschulraum. Endlose Reihen von Achtel-Noten, deren Abfolge ich nicht verstand. „Diese Bleiwüste bitte bis nächste Woche üben“. Oje. Das alles? Wage nicht zu opponieren. Ich konnte ja auch damals kein Saxophon spielen. Er schon, der Lehrer, der immer rechts von mir in frisch gebügelten, hellblauen Hemden den Takt mitzählte. Scheiße, jede dritte Note meint was anderes, als ich es gerade spiele. Dieses Zusammenzucken bei den falschen Tönen, meines, seines, „‚tschuldigung“, neu ansetzen, wieder stolpern, hat sich tief in meinen Körperpanzer eingeschrieben.

Wieso entschuldigt man sich eigentlich bei einem Lehrer, wenn man falsche Töne spielt? Habe damals im Grunde genommen nicht verstanden, dass ich das Instrument als Ausdrucksmittel FÜR MICH lernte, ganz ausgeliefert an das Urteil der Anderen … und da waren diese Noten, deren Namen ich zwar wusste, die aber fast drohend in endlosen Reihen ihre Köpfe über die Linien streckten und unterschwellig höhnisch in Regelmäßigkeit die Blätter füllten …

Mein jetziger Lehrer sitzt am Klavier und spielt traumhafte Akkorde an. Hey, Musik als Kommunikation mit Anderen, nicht mit der Angst vor dem Urteil dessen, der neben mir steht und mir das Zeichen der Unzulänglichkeit des Faulen in die Schulter brennt mit seinem Blick!

Ich spiele ein paar Tonfolgen. Vergesse völlig, auf das Klavier zu hören, bin kurz in diesem Flow, den ich vom Schreiben und Malen kenne. Hört sich gar nicht so schlecht an, wenn man nicht auf Noten guckt und Angst hat, sie zu verfehlen … einfach sein. Und tröten.

Er gibt Hinweise, was man Spannenderes spielen könnte. Höre neugierig zu. Cool. Hört sich gut an! Ach, all der Alkohol in all den Jahren, verdammt, fällt mir immer schwerer, mir was zu merken. Trotzdem, er erklärt mir dje Arpeggios, broken chords. Erinnere mich dunkel, dass das über diesen gemein mal noch oben, mal nach unten sich wellenden Achtel- und Sechzehntelnotenschlangen meiner alten Saxophonschule auch stand.

Macht Spaß. Höre zu. Will gar nichts deuten. Will nur spielen.

Stunde vorbei. Die Zigarette danach, mein Saxophon geschultert, blicke die Straße entlang … statt B-Movies gar keine Bilder mehr. Nur Töne. Solche, die ich spielen werde … die Stadt leuchtet. Ich fühl mich gut.

Mal kurz was zu „Zensur“

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

„Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der „Französische Artikel“ (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.“

Es ließen sich andere „Vorgänge“ aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die „Grünen Elefanten“ – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime „Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam“.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter „Zensur“ zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der „Gedankenpolizei“ gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

„Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.“

„Sprachhygiene“, „Ende der Literatur“: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit „Grünen Elefanten“ arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als „Feminazis“ angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte „Randgruppen“ zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen „Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht“, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser „Sprachpolizei“ zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten „Rheinlandbastarde“ unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch „Rassenschande“. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. „Die schwarze Schmach“ war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von „schwul“ eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von „schwul“ wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – „weiß“ -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, „Othering“. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für „Schwuchtel“, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße „Scheißhete“ schimpfen hören. Die sagen „F …“. Oder „Schwuchtel“.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor „Die kleine Hexe“ vorgelesen bekam. Dessen „Schwarze Haut, weiße Masken“ wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und „Dekolonisierung“ höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – „wo kämen wir denn da hin?“ – kommen immer mit dem „dann kann man ja gar nichts mehr sagen“ um die Ecke, wenn sie z.B. von „Hirnamputierten“ schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 3 (mit Bezügen zur „Kleine Hexe“-Diskussion)

Foto 19.01.13 22 34 53

 

 

Ist es eine Entsolidarisierung, wenn ich vorschlage, doch lieber Jazz zu hören, als Fleischauer die Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er sein Geld verdient? Weil er ja so lustig „provoziert“, wie neulich ein Freund beim Mittagessen behauptete? Linke ärgern, darauf ist er ja fixiert, der Herr, der „Unter Linken“ schrieb, wie auch Broder, diLorenzo und all die anderen Journalistendarsteller, die Meinung mit Recherche verwechseln.

Natürlich gehört das zum Schema, dass eine Diskussion über rassistisches, gewalthaltiges Vokabular wieder unter und im Bezug auf Weiße geführt wird und damit das, worum es auch geht, gekonnt ignoriert wird: Dass eben dieses Vokabular auch bei POC-Kindern sehr viel bewirkt diesen beibringt, wie sie fortan behandelt werden – ganz wie jedes „Schwuchtel“ auf dem Schulhof mich lehrte, was ich zu erwarten habe, auf dass ich mich lieber versteckte. Ich konnte das. Ein Privileg.

Neulich guckte ich mit meinem schwarzen Kompagnon mal wieder nebenbei Fussball – ein kleiner PoC-Spieler erwies sich als irrwitzig schneller Flügelsprinter. Mein Kompagnon lachte bitter,

Mehr von diesem Beitrag lesen

Auch noch mal hier: Hört lieber Jazz, als in DIE ZEIT oder bei SpOn zu lesen!

Ich meinerseits habe aktuell echt ein Problem, mich noch mit diesen ganzen „meinungsführenden“ Heinis irgendwie schriftlich auseinanderzusetzen. Solche, die sich reihenweise als auch nur welche, an denen man sich produktiv abarbeiten kann, disqualifizieren. Solche, die einfach nur mächtig und machtbewusst Unsinn daher schwadronieren, um Andere ganz im Sinne des Sadismus des Autoritären Charakters herabwürdigen zu können.

Es kann mir auch keiner erzählen, dass die diLorenzos, die Massen durchgeknallter Antifa-Kids, Ex-Autonomer, Tsianos, Roenicke, Außenminister des Vatikan nicht selbst genau wissen, dass ihre ganzen Rassismus- und Homophobie-Legitimationsdiskurse obsolet sind und sie die Gegenargumente nicht in und auswendig kennen würden.

Das mag vielleicht bei irgendwelchen hirngewaschenen, vermeintlich Unpolitischen in Fankurven noch so sein, dass ihnen keiner Angebote machte, mal ein klein wenig vom eigenen Erfahrungshorizont zu abstrahieren und zu respektieren, dass Andere auch andere Erfahrungen machen als sie selbst.

Aber nicht bei diLorenzo, Fleischhauer oder Hacke. Das sind einfach solche, die es schon auf dem Schulhof witzig fanden, den Dicken oder den Brillenträger zu hänseln, weil die so lustig heulten, wenn sie ordentlich gemein wurden, und die wider besseren Wissens dann diese ganzen boshaften und erniedrigenden Pamphlete auch noch als „kritischen Journalismus“ behaupten.

Gedankenlosigkeit, die totale Befreiung von jeglicher Emphatie, als „Humor“ getarnter, menschenverachtender Zynismus – eben alles sehr, sehr deutsch. Shehadistan hatte Recht, auf den Faschismushintergrund zu verweisen.

Um so großartiger die nicht verebbende Mühe des Mädchenmannschafts-Teams, sich damit auseinanderzusetzen. Danke!!!

Ich freue mich meinerseits über das Zeitungssterben, wünsche SpOn den baldigen Konkurs und diLorenzo die Notwendigkeit, irgendwann Friede Springer allsonntäglich vollschleimen zu müssen.

Gestraft genug ist ja eh schon; wer so denkt und so lebt wie diese Typen hat eben auch nicht viel vom Leben, sondern simuliert es allenfalls. Weil es in diesen Biographien den Anderen nicht gibt, sondern nur den Rekurs auf Sätze, Regeln und Auflagen. Arme Schweine halt.

Das Banjo! Kleine, musikhistorische Nebenbemerkung …

… die so nebensächlich aber vielleicht gar nicht: Was auch mir neu war, ist, dass das Banjo, ja zumeist aus US-Folk- und Country bekannt, kein Abkömmling der Laute, sondern eines westafrikanischen Instruments ist, des Akonting. Wie so oft in Pop- und Musikkultur ist mal wieder eine Vorgeschichte verschwunden worden – und zudem ein deutlicher Hinweis darauf gefunden, dass auch ich es mal unterlassen sollte, ständig „afrikanische“ Polyrhythmik und westliche Melodieführung und Harmonien gegeneinander auszuspielen. Kann da auch zu meiner Verteidigung immer nur DeeDee Bridgewater anführen, von der ich das zumindest teilweise habe. Und rhythmisch ist die europäische Tradition weniger spannend, weil oft Tänze, auch volkstümliche, verkünstelt wurden. Die „afrikanischen“ Harmonie- und Melodieinstrumente sind mir aber tatsächlich neu, während ich die Sitar kannte. Was eben auch mit „westlichen“ Perspektiven, was als „Hochkultur“ anerkannt wurde – Indien ja –  und was nicht, zu tun hat.

Um so mehr freut es mich, dass Instrumente wie Kora mitten in Hamburg gelehrt werden, ebenso Saz und Oud – und das auch nicht von weißen Adepten. Was nun auch allerlei Okkupierungs-, Exotisierungs- und Enteignungsgefahren in sich birgt, aber immer auch die Möglichkeit, durch Perspektiven auf Musik jenseits der „westlichen“ Tradition seinen Horizont zu erweitern und vom Hochkultur-Ross abzusteigen – stattdessen zu lernen.

Wo habe ich neulich noch gelesen, dass sich jemand darüber ärgerte, dass irgendwo Tablas gespielt wurden, aber mal wieder keiner sich damit beschäftigt hat, woher die Dinger kommen und was für eine Bedeutung sie hatten? Zumindest die App DrumJam gibt sich Mühe, in kurzen Erklärungen die dort simulierten Percussion-Instrumente mal kurz zu erläutern in einer Art Tutorial – wobei der animierte Conga-Spieler im Feld unten ziemlich albern ist. Und auch da eine Schweizer Fortentwicklung der Steeldrums als „Hang“ auftaucht, wenn ich es richtig lese – dabei ist auch in deren Fall die Vorgeschichte eine, die zur Kenntnis zu nehmen so gar nicht schaden kann:

„Das Instrument wurde in den 1930er Jahren auf Trinidad erfunden und ist dort das Nationalinstrument.[1] Die britischen Kolonialherren verboten den Einheimischen das Trommeln auf afrikanischen Schlaginstrumenten. Deshalb suchte die Unterschicht Trinidads nach neuen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. In diesem Inselstaat spielt die Erdölproduktion eine wichtige Rolle und hat erheblich zur Industrialisierung von Trinidad beigetragen. Somit entstanden die ersten Steel Pans aus ausrangierten Ölfässern, die es in Trinidad aufgrund der Ölindustrie im Überfluss gab.“

Ganz egal, ob man nun den großen Saxophonisten, Coleman Hawkins, Ben Webster zum Beispiel – immerhin ist das Saxophon die Erfindung eines Belgiers, basierend freilich auf der Klarinette, deren Vorläufer aus dem iranisch-türkischen Raum stammten – hinterher googelt oder dem Banjo, man findet immer dermaßen vieles, was so völlig neben „westlichen“ Hochkulturselbstbildern angesiedelt ist, dass es sich lohnt! Wenn man denn neugierig statt selbstgefällig bleiben will.

Die Saxophon-Dialoge – Teil 2

20130114-223142.jpg

Die Unterlippe schmerzt wohlig.

Ich habe geübt – gespeicherte Körpererfahrung, dieses Unterlippengefühl, das leicht Wunde, das sich dennoch anfühlt, als habe man an guten Saxophon-Dialogen gearbeitet.

Vom „modernen Ansatz“ habe ich gerade vor Kurzem erstmals gehört! Trotz 4 Jahren Unterrichts. Damals, als es noch kein Internet gab. Und ich Stunden neben dem Festnetztelefon verbrachte, auf Dieters Anruf wartend.

War halt auch Klarinettenlehrer, der meine einst. Immerhin Profi-Musiker, Blasorchester, Big Band. Irgendwo zwischen Swing und Klassik beheimatet. Solche lehrten den „klassischen Ansatz“.

Ein karger Klassenraum in einer Realschule aus den 60ern. Dort fand der Unterricht gleich am Fenster statt. Der Hausmeister züchtete Wellensittiche in einer Voliere. Das Gefühl, durch das kühle, weite Treppenhaus die Treppe hinauf in den 1. Stock zu steigen ist in mir jederzeit reaktivierbar. Diese leicht angstvolle Nervosität des Wissens, wieder nicht genug geübt zu haben. Weil ich lieber „What shall we do with the drunken sailor“ gespielt hatte, statt mich unermüdlich den Intervall-, Triolen- und sonstwie ausgefeilten Reihen von Noten Jimmy Dorseys hinzugeben.

Ich verstand die nicht, wusste nicht, wieso ich so was Kompliziertes spielen sollte. Mittlerweile weiß ich genug über Jazz-Improvisation, um zu begreifen, worauf ich da vorbereitet werden sollte: Sowohl auf das Spielen im Swing-Orchester als auch in die Automatisierung bestimmter Klangfolgen und Rhythmen und somit bestimmter Bewegungsabläufe.

Aber so, wie Wissen Angst haben kann, taugt es nicht dazu, Klänge hervor zu bringen. Da kann ich noch so oft Interviews mit Lee Konitz über das modale System der Jazz-Improvisation lauschen – heute hat er ganz schön gequietscht und geschrien, mein neuer, silberner Weggefährte. „What shall we do with the drunken Sailor“ ging noch lange nicht. Lieber erst mal C-Dur-Tonleiter hoch und runter und mich freuen, wenn ich das tiefe C und den Übergang vom mittleren C zum D“ wenigstens mit Scheppern und Quietschen und Überblasen hin bekomme …

In den Dialog mit einem Saxophon tritt man ja ganz anders als im Falle eines Klavieres, zum Beispiel. Das kann verstimmt sein, man trifft falsche Töne und haut in die Tasten, dass es schmerzt. Aber der Ton als solcher ist eben irgendwie da. Wie auch beim Vibraphon.

Beim Saxophon muss man ihn machen. Mit Zwerchfell, Luft, Zunge, Lippen und einem Holzblatt, auf Plastik fixiert. Und meine ersten Dialoge mit meinem neuen Freund zeigen mir doch, dass wir erst mal eine gemeinsame Sprach finden müssen. Das ist zwischen menschlichen Individuen ja auch so, das merken die meisten nur gar nicht, weil sie vielleicht „das Objektive“ und „das Subjektive“ kennen, aber nicht das Du. Manche schmeißen mit jedem Satz Klaviere auf die Füße Anderer und schreiben dann noch lange Traktate in Feuilletons, dass alles andere ja Zensur sei. So was wie den Anderen erst mal kennen lernen und einen wirklich eigenen Sound im Zweierli kreieren, diese Mühe geben sich wenige.

Der „klassische Ansatz“ ist: Man lege die Unterlippe auf die unteren Schneidezähne und nutze die Lippe dann, gegen das Holzblatt ge-, äh, gepresst wäre schon falsch, an das Holzblatt geschmiegt?, um den Ton zur Entfaltung zu bringen. Nee, eben nicht kontrollieren.

„Modern“: Man nimmt nur die Lippen und knutscht. Letzteres habe ich ja nie gelernt 😀 – also, im Falle des Saxophons. Und es gab ja noch kein Internet. Gerade aktuell fällt mir wieder auf, wie gewaltig der Wandel dank dieses Mediums doch ist. Damals hatte ich meine Saxophon-Schule und ein paar Liederbücher mit rotem Ballon drauf. In einer Band spielen hab ich mir nicht getraut. Für alles weitere hätte ich in die Stadt fahren müssen, und da gab es ein paar Musikgeschäfte … Platten, zu denen man spielen konnte, musste ich lange suchen. Gab kein Amazon. Habe dann meistens zu Grover Washington Junior geübt, „A Secret Place“, glaube ich, hieß das Album.

Vor mir hatte immer Dieter Unterricht. Man grüßte sich … viel später traf ich ihn in Politgruppen wieder. Wuuuuuuuusch! War ich verknallt! Wir trafen uns dann zum gemeinsamen Spielen in der Waschküche des Reihenhauses seiner Eltern. Hoch in Richtung Küche oder Esszimmer durfte man nicht schleichen, die Mutter zog immer Schutzbezüge über alle Sitzkissen und assoziierte Besucher mit Dreck und Unbill.

Wir legten die Crusaders auf, er spielte Tenor, ich Alt. Wie fand ich das lässig, wenn er sich beim Spielen locker anlehnte, die Knöchel über Kreuz. Und was mit juvenilen 17 ein rot-weiß gestreiftes Hemd mit Stehkragen, unfrisierte, dunkle Locken und ein paar Grübchen, eine weiße Bundfaltenhose, ein Lächeln für ein Universum von Gefühlen mit galaktisch weichen Knien auslösen kann …. ich stand er verkrampft daneben und habe ihm erst Jahre später erzählt, was damals in mir vorging. Heute können die Jungschwulen ja bei Gayromeo und Co stöbern … für mich gab es nur solch Begegnungen wie mit Dieter. War aber auch schön, die musikalischen Dialoge zu den Crusaders … jetzt habe ich das ganze Wochenende in Saxophon-Blogs, eBooks und -Foren gelesen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es die damals schon gegeben.

Alle homophoben Klischees internalisiert habend hielt ich allerdings meinen Saxophonlehrer für schwul, weil der immer so kreischend lachte und so tuntig Witze riss. Machte immer einem auf witzig, während ich mich durch Jimmy Dorsey quälte, stolpernd wie ein Rad, das über Geröll fährt – und doch fürchtete ich seine sich zu unterdrücktem Zorn steigernde, unterschwellige Ungeduld, weil er mich wohl für recht talentiert, aber chronisch faul hielt. Zu recht, letzteres zumindest. Was dazu führte, dass ich immer mehr verkrampfte, beim Ansatz presste, die Arme in die Seiten drückte und gar keine Note mehr zu den Griffen auf meinem Instrument korrekt in Relation setzte. Aber wenigstens sabberte er nicht für mich das Mundstück an …

Totzdem: Wie einen späten Widerhall bemerkte ich heute beim Quietschen, wie ich mich immer mehr verkrampfte, wenn ich mich dem Notenständer näherte, je weiter ich mich jedoch von ihm entfernte, desto klarer wurden die Töne …

Dieter hat mir übrigens später Michel Foucault erstmals zugeführt. In einem wundervollen Brief aus Freiburg, in den unter anderem das berühmte Hinterkopf-Porträt dieses Meisteranalytikers der Körperdisziplinierung als Kopie hinein geklebt war … irgendwo habe ich den Brief bestimmt noch. Anders als e-mails bewahrt man die ja auf.

„Die Ehe als Gefahr für die Familie“

Um auch auf Mails zu reagieren, die ich zu dem Eintrag von heute mittag bekommen habe: Somlu hatte vor geraumer Zeit ein Modell ausgebuddelt, an dem unter anderem deutlich wird, wie unglaublich fantasielos und eben rein gar nicht „universell“ oder „natürlich“ diese Vater-Mutter-Kind-Nummer als Lebensform ist.

Daraus lässt sich halt entnehmen, dass das, was der Papst predigt, nicht Gottes Wille sein kann – sondern Freiheit, Erotik, Kreativität, Vielfalt und so viel Wunderbares, das man leben kann, weil es glücklich macht, dem entspricht 🙂 ! Ganz unabhängig davon, ob man an Göttliches glaubt oder auch nicht.

Somlu über die Moso:

 

„Ihre wichtigen Bezüge definieren sich über die mütterliche Linie und die wichtigen männlichen Bezugpersonen für Kinder sind die Brüder der Mütter. Meist leben mehrere Generationen von Frauen, Brüdern, Onkel in einem Haus. Liebe zwischen den Geschlechtern leben sie auch und ausführlich, aber diese Beziehungen haben keinen Einfluß auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen, da sie die Ehe nicht kennen, sondern leben, was die Anthropologie Besuchsbeziehungen nennen. Dies bedeutet, dass die Männer nachts die Frauen besuchen und morgens als Brüder und Onkel in ihre Familie zurückkehren, wo sie ihr sonstiges emotionales und ökonomisches Zentrum haben. Die Liebhaber spielen für das ökonomische Überleben der Frauen keine Rolle. Kinder kennen heutzutage zwar ihren Vater aber es hat keine weitergehende Bedeutung für sie.“

Das ist schon eine exquisite Lösung – die romantische Liebe wird intensiv gelebt, die Kinder wachsen in einem konstanten Familienverband auf, und auch die Scharnierposition im kapitalistischen Wirtschaften, die die christlich-bürgerliche Konzeption von Familie innehat, also ordentlich zum Schuften gezwungen sein, um die überteuerte Vierzimmerwohnung bezahlen zu können, wird anders definiert:

Aber wenn die Gesellschaft der Moso auch kein Matriarchat ist, bemerkenswert ist sie dennoch. In vielen sogar patriarchalischen Gesellschaften sind Frauen häufig weit mächtiger, als die sozialen Konventionen glauben machen möchten. Frauen können Hosen anhaben, die Macht hinter dem Thron dastellen oder wie die Redensarten alle heißen; mit anderen Worten: sie können die Authorität an sich reißen, die idealerweise den Männern zusteht. Aber Mosofrauen tun nichts dergleichen. Sie sind die legitimen Trägerinnen der Familienauthorität, die Verwalterinnen des Reichtums der Familie, Miteigntümerinnen des Familienbesitzes und Herrinnen über ihren Stammbaum. Und nicht zuletzt besitzen sie auf dem Gebiet der sexuellen Beziehungen persönliche Rechte und Freiheiten, die im Rest der Welt unvorstellbar sind. Tatsächlich ist die Gesellschaft der Moso, abgesehen von den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, einzigartig wegen ihrer Institution der Besuchsbeziehungen. Die Moso können mit Fug und Recht den Anspruch erheben, ein unsiverselles Problem der menschlichen Existenz gelöst zu haben, de Zweispalt zwischen Sehnsucht nach Sex unhd Liebe und den Anforderungen der Familienkontinuität und -ökonomie.

Wie der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss gezeigt hat, stellt die Ehe einen Mechanismus dar, durch den Blutlinien, Familiennamen, Reichtum nd andere Formen von Privilegien und gesellschaftlichen Status ins Werk gesetzt und legitimiert werden, Mit anderen Worten, die Ehe ist der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält.

Wenn andererseits die Ehe auf den Idealen romantischer Liebe, sexueller Harmonie und der Gleichheit zweier Individuen basiert, statt auf der Sorge um Erblinien und Eigentum, gerät die ökonomische Stabilität, ja die Einheit der Familie selbst in Gefahr. Wie unsere gegenwärtigen Scheidungsraten zeigen, ist die Liebe zwar ein hehres Ideal, aber eine schwache Basis für eine stabile Ehe.“

(Yang Erche Namu; Christine Mathieu: Das Land der Töchter, Ullstein: 2005, S. 273ff.)

Was auch noch mal den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsordnung, Privilegienabsicherung und Rechtsinsititution erläutert. Wer was zu vererben hat, braucht auch Erben …

Wollen wir das rund um den FC St. Pauli einfach mal einführen?

 

Das wächst zusammen, was zusammen gehört …

„Zur Demonstration aufgerufen hatte insbesondere die katholische Kirche, aber auch evangelikale und muslimische Organisationen schlossen sich den Protesten an. Der katholische Kardinal André Vingt-Trois traf sich vor der Demo mit Organisatoren der Protestaktion. Auch dutzende Politiker der konservativen UMP und des rechtspopulistischen Front National marschierten zur Protestaktion an den Eifelturm.“

Wie heißt der Fortpflanzer und Ernährer vom BVB noch, der meinte, gegen Homophobie z.B. in Fussballmannschaften könne man doch schon deshalb nicht ohne weiteres anstinken, weil da ja „andere Kulturen“ anwesend seien?

Mal ab davon, dass es sich bei der Schwulenfeindlichkeit um eine jüdisch-christliche Erfindung handelt (dieses ist wohl der einzige Fall, in dem diese „jüdisch-christlich“-Formulierung Sinn macht, die neben den marcionitischen Paulus-Briefen am häuftigsten zitierte Formel ist aus dem Buch Leviticus des „Alten Testaments“; dass bei der Story rund um „Sodom und Gomorrah“, kann ja jeder nachlesen, nie Vergewaltigung als Problem erkannt wird, spricht für die Dominanz der „Rape Culture“) und „Homosexualität“ als Konzept eh von der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde – das ist das, wovor ich schon häufiger bloggend warnte. Dass eben die Konservativen unter den Muslimen sich mit Rechtsradikalen aus der CDU und der Katholischen Kirche, sächsischen Evangelikalen, Opus Dei-Juristen aus Sachsen-Anhalt und Nazis zusammen sich auch hierzulande zu einer neofaschistischen Einheitsfront formieren. Ja, Zwangsheterosexualität IST konstitutiv für Faschismen und dient auch der Absicherung des Patriachats.

Wie stark Gegenwehr längst bröckelt (und notfalls der Kampf gegen Homophobie einem falsch verstandenen Antirassismus geopfert werden kann), zeigt sich daran, dass mittlerweile neben jeden Schwulen und jede Lesbe mindestens 1, meistens mehrere Schwulenhasser in Talkshows im Sinne „ausgewogener Berichterstattung“ gesetzt werden. Glasklarer Rechtsruck. Dass es ergänzend auf der Wieauchimmerlinken mittlerweile auch kein Interesse mehr gibt, sich bei diesem Thema zu engagieren, konnte man in der Kommentarsektion dieses Blogs ja auch nachvollziehen. Da bündelte man auch lieber mit Katholiken; gerade der Hetzer in Rom bedient dieses Kalkül vortrefflich, indem er ständig suggeriert, dass die salbungsvollen Worte seiner manipulativen Traktate irgendwas mit „Kapitalismuskritik“ zu tun hätten. Der Bundestag jubelte ihm prompt auch zu, als er seine schwulen- und lesbenfeindliche Naturrechtsbegründung – ohne Lesben und Schwule einmal zu erwähnen – dort referierte und Typen wie Augstein und auch Herr Thierse die Kritiker nieder brüllten. So ist ja eh vieles, was aktuell „links“ sich labelt, einfach eine Variante des christlichen Konservatismus.

Die Strategie der CDU ist, seitdem sie bei der Klage gegen die Homo-Ehe von Karlsruhe abgewatscht wurde, weil ihr das Grundgesetz ja ganz wie der SPD eh zumeist am Arsch vorbei geht, ebenfalls darauf ausgelegt, mit konservativen Muslimen zu bündeln. Zum Glück gibt es Stimmen wie Lamya Kaddor, die dagegen anstinken – die ganze Diskussion rund um die Aufnahme des Diskriminierungsschutzes für „sexuelle Identitäten“ ins Grundgesetz war von Seiten der Rechten darauf angelegt, dass nachwachsende und demographisch relevanter werdende Muslime sich auf ihre Seite Seite schlagen könnten in Zukunft. Die menschenverachtende Propaganda der christlichen Partei ging – auch da ist wieder ein Bezug zu dem Herren vom BVB herzustellen – perfide so weit, dass eine solche Festlegung ja ein „Integrationshindernis“ sein könne. Es wäre zu wünschen, da allmählich mal lautstark Unterstützung aus dem PoC und Antira-Lager zu erfahren, um den entgegen zu wirken. Alleine schon, um auch nicht-weiße und muslimische Lesben und Schwule, als Mehrfachdiskriminierte, zu unterstützen. Judith Butler hat ja gezeigt, dass das geht, darauf hinzuweisen. Weil auch das Rassimusproblem in schwulen Szenen etwas ist, woegegn anzugehen ist und der systematische Zusammenhang zwischen Rassismus, Homophobie, Sexismus und Klassismus nun mal ganz real besteht.

Zwei weitere Punkte werden bei der Diskussion überdeutlich: Zum einen, dass der vielgescholtene Privilegienansatz völlig richtig ist. Was in Paris und rechtsradikalen CDU-Hirnen vor sich geht IST ja nichts anderes als die Verteidigung eines in diesem Fall rechtlich abgesicherten Privilegs zur Aufrechterhaltung der Supremacy-Haltung: MEINE Lebensform ist die überlegene und verdient deshalb eine positive, rechtliche Sanktionierung, die der Arschficker und Schwanzlutscher aber nicht. Ist auch so was ähnliches wie „Deutschland den Deutschen“. Um die rechtliche Gleichstellung der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es auch solche Kämpfe, by the way, die sich im modernen Antisemitismus pseudowissenschaftlich bündelten und diskursiv die Shoah vorbereiteten. Die katholischen und protestantischen Kirchen haben erst Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts von den Begründungen für die Nicht-Gleichstellung mal allmählich abzulassen.

Zum anderen wird deutlich, wie grundfalsch diese Fokussierung auf die „Homo-Ehe“ auch von LSVD und Co war. Sachliche Gründe wie jene, dass man kranke Lebenspartner auch im Krankenhaus besuchen können möchte etc. – wieso das nun weiterhin in diesem Anachronismus „Ehe“ nun unbedingt nur rechtlich möglich sein soll oder nicht vielmehr die Vertragsfreiheit da ausnahmsweise mal ernst genommen werden könnte, das war mir immer schon ein Rätsel.

Ich finde die Position weit konsistenter, die Ehe als Rechtsinstitut abzuschaffen und dafür jene, die Kinder haben, steuerlich zu privilegieren – und dann sollen doch die Katholiken ihre vermeintlich heiligen Sakramente abfeiern, bis sie am Weihrauch ersticken. Ganz, wie sie sonst auch einst zumindest teilweise intelligente, spirituelle Schriften  ja verdrehen und verbiegen bis zur Unkenntlichkeit. Diese Blasphemie will ihnen ja auch keiner verbieten.

Das kann von mir aus auch unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes stehen.

Ansonsten ist diese Anbiederei an Fortpflanzer und Ernährer doch auch gar nicht notwendig. Die Solidarität mit alleinerziehenden Müttern wäre viel wichtiger. Sollen sich die anderen doch einbilden, da irgendwas Höheres zu pflegen, während sie Neurosen produzieren, Kinder verziehen und reglementieren, den Kapitalismus am Laufen halten, manche ihre Töchter befingern und diese vielleicht das Glück haben, dass es auch noch Nachbarn, Freunde und Lehrerinnen gibt.

Irgendwie war die Debatte, als „Autorität und Familie“ erschien, schon mal weiter … cool finde ich hingegen in vielen „migrantischen Communities“, wie Arbeiten und Großfamilie (!!!) zusammen wachsen, zum Beispiel. Das wäre dann eine Diskussion, in der man mal wieder darüber reden könnte, was man so alles lernen kann von nicht-weißen Nachbarn, was über „Vater, Mutter, Kind“ hinaus weist.

Dessen können sich dann ja auch jene St. Paulianer, die inflationär Hochzeitsbilder verbreiten, mal annehmen 😉 … es lebe die Utopie!