Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mal was ganz anderes (oder auch nicht): Harmonielehre, Klaus Kauker und das „Best of Musikladen“

Im Zuge meiner teilweisen Wiedererinnerung, teilweise auch Neuerwerbs der Aneignung von Harmonielehre und Musiktheorie bin ich auf jemand enorm Spannendes gestoßen: Klaus Kauker. Den vermutlich eh viele schon kennen, er hat bei Youtube ein Portal mit enormer Reichweite aufgebaut und sogar schon den Grimme-Online-Award gewonnen. Zu recht; wenn man sich durch die Videos durchklickt, lernt man ungeheuer viel über Intervalle, Jazz-Akkorde bis hin zur Rhythmik – auch, wieso der Groove eben so wichtig ist. Habe da wirklich gerade noch mal ganz viel gelernt, und da der eine oder andere Musikmachinteressierte hier ja mitliest, kann ich das nur empfehlen, da Wissen wahlweise zu gewinnen oder zu erweitern oder zu erinnern.

Irgendwann begann Klaus Kauker sich der Analyse von Casting-Show-Songs zu widmen. Wie ich finde, auch das ungeheuer lehrreich. Richtig Spaß macht seine symbolische Vernichtung Dieter Bohlens, wozu nicht nur Plagiatsanalysen zählen. Sondern eben auch ein Song, den er nach Bohlen-Mustern gebaut hat: „I can not wait for you“. Am witzigsten und ja auch wieder lehrreichsten finde ich die Remixe, die daraufhin andere Youtube-User davon erstellten. Weil durch die aktive Auseinandersetzung mit der ziemlich lustigen Vorgabe sozusagen schrittweise Einblicke in die aktuellen, nachhaltig demokratisierten Musikproduktionsweisen vom erschwinglichen „Logic Pro 9“ bis hin zur unglaublichen Vielfalt von iPad-Apps hörbar wird.

Keine Ahnung, womit die nun jeweils geremixt haben; was dabei in Ansätzen nachvollzogen werden kann, das ist die Bewegung vom westlich-weißen Harmoniebaukasten zur DJ-Culture, die in Bezügen zum jamaicanischen Dub (King Tubby habe ich mir jetzt auch zugelegt), zu Hip Hop und House und indirekt immer auch die Quellen letzterer Form inmitten des schwulen PoC-Undergrounds der USA führt, symbolisch-gesellschaftlich gesehen. Finde die Remixe jetzt nicht musikalisch dolle, es sind aber Beispiele für eine Social Media-Kommunikation in der Sprache der Musik und schon deshalb gut.

Habe neulich auf dem NDR ein „Best of Musikladen“ gesehen, dieser Pop-Sendung aus den 70ern – das war geradezu verblüffend, wie die erste Hälfte der Ausschnitte aus den 70ern von grauenhaften, weißen Aneignungen von Boogie Woogie, Rock’n’Roll und Blues geprägt war, die annähernd allesamt einst als total avanciert und weiß-gegenkulturell-progressiv galten, aber letztlich überhaupt gar nichts verstanden hatten.

Die hatten sich Bluenotes und Blues-Schema und schnelles Improvisieren, alle gleichzeitig,Piano gegen Gitarre gegen Bass, drauf geschafft, aber ungefähr so viel Gefühl für die Musik entwickelt wie Dieter Bohlen für die schwulen Subkulturen, die er in seinen Sounds manchmal zitierte. Der regt sich ja immer auf, dass zu bestimmten Zeiten der Pop-Diskussion alle die Pet Shop Boys feierten, aber keiner ihn -muss man ja nur hin hören, wer jeweils wie mit den aktuellen Sounds aus den Clubs gearbeitet hat. Bei dem Musikladen-Zusammenschnitt fiel allerdings raus Van Morrison, der auch mit schwarzen Musikern auf der Bühne stand und seinen Weg gefunden hatte, sich mit Black Culture so auseinanderzusetzen, dass etwas Würdevolles und Stimmiges dabei heraus kam und die Referenzen selbst Thema der Songs, musikalisch, wurden. Zumindest in meinen Ohren.

Und dann kamen – zweite Hälfte der 70er – die Disco-Künstler. Parallel zu diesen ganzen Stumpfrockern, die im Musikladen zu sehen waren, hatten ja Curtis Mayfield, Isaac Hayes und andere in den frühen 70ern einen derart stilvollen, eleganten, visionären Soundweg beschritten, der nun zu wirken begann. Das Ergebnis konnte man bewundernd hören – und selbst ein zu Tode gespielter Gassenhauer wie „I will Surwive“ von Gloria Gaynor hörte sich fast wie die musikalische Gegenwehr gegen den ganzen Jahrmarktkapellenmüll, den Post-Hippies sich vorher zusammen gespielt hatten. Als Chic mit „Le Freak“ oder auch die Sisters Slegde mit „Lost in Music“ die Bühne betraten, ging wirklich eine Welt auf, die den ganzen ach so gegenkulturellen Approbiatoren (schreibt man das?) einfach verschlossen geblieben war und in der ganzen weißen Hardrock- und Postpunk-Hörgewohnheit auch weiter verschlossen geblieben ist.

Das Tolle – nun zurück zu Klaus Kauker – ist, dass er so ungemein charmant und nachvollziehbar im Grunde genommen das Ausgangsmaterial eines Teils dieser ganzen Entwicklung aufbereitet. Das ist ja oft schon meine These hier in der Auseinandersetzung mit Ex-Kommentatoren gewesen: Man muss sich schon wirklich auf die künstlerischen PRAKTIKEN einlassen, bevor man großartig über „interne Schlüssigkeit“ eines Werkes referiert.

Zum einen ist die ohne sozialen Bezug gar nicht zu beurteilen, wie bemerkenswerterweise keiner besser  wusste  als Adorno in seinem unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler verfassten Text zu Oldtimejazz und Swing (da bin ich Platz 1 bei Google 😀 – ist der Text, der hier im Blog über Suchmaschinen am häufigsten angesteuert wird)  – den BeBop gab es da gerade mal in den Anfängen, und die ganze sich mit europäischen Musiktheorien intensiv auseinander setzenden Cool Jazzer schon gar nicht. Was einfach faktisch so war, kein Qualitätskriterium als solches darstellt, die hatten auch einen Schönberg als Bezugspunkt, haben mit Kirchentonleitern gespielt usw.

Zum anderen ist das wichtig auch politisch: Die ganzen Musik- und Geschmacksdiskussionen finden zumeist in der Ordnung weißen symbolischen Kapitals statt und eben im Rahmen dessen, was im Sinne bildungsbürgerlicher Abgrenzung als „cool“ oder „credible“ gilt. Zurückgeführt auf die Rafinesse im jeweiligen sozialen Kontext fallen Wertungen aber schnell sehr anders aus.

Kauker nunmehr verleiht dem ganzen didaktisch wirklich toll einen materialen Sinn, freilich im Kontext konventioneller kompositorischer Pop-Traditionen: Die höchste Note im Refrain kommt gut, zum Beispiel. Erläutert er Rumba, bleibt auch er beim Rhythmus stehen und thematisiert nicht den kulturellen Kontext, in dem eine tanzschulfähige (wie Walzer, aber 4 Viertel) Approbiation statt gefunden hat. Diese ist im Kontext der Sklaverei in Lateinamerika und deren Folgen zu verorten, wo die „afrikanische“  (Anführungsstriche wegen Nicht-Einheitlichkeit von „Afrika“) Polyrhythmik sich teilweise anders tradierte als in Nordamerika.

Trotzdem liefert er dabei das Material, über das es reflektieren gilt, wenn alternative Modi einer umfassenderen Rationalität der alles beherrschenden Funktionalität und Instrumentalisierung entgegen zu setzen sind. Diese Lehrtätigkeit über die Harmonielehre ist ja wie – analog gedacht – eine Anleitung zum Ausprobieren von „Schichtenmalerei“ im Sinne der Renaissance oder dem Arbeiten mit Komplementärfarben wie bei den Impressionisten. Und somit das Aktivieren eines anderen Weltbezuges als jenem der Verwertbarkeit. Das ist große These Adornos, an die es immer wieder zu erinnern gilt, und das geht meines Erachtens nur über eine Reflexion der künstlerischen PRAXIS.

Ich denke mittlerweile, dass das an bestimmten Vorstellungen von „Wissenschaft“ oder auch Argumentation alleine orientierte, westliche Rationalitätskonzept einfach völlig unzureichend ist, um die Vernunftthematik zu erhellen. Das ist als Gedanke auch ein alter Hut, hat schon Kants „Kritik der Urteilskraft“ angespornt, war für Merleau-Ponty, Gadamer oder Lyotard auch zentral, um mal nur die alten, weißen Männer zu nennen.

Es bedarf freilich immer wieder der Betonung. Zwar gehört zum Schulbildungskanon auch Tonleiter und Blockflöte, aber welche Rolle spielen eigentlich Kongas und Gitarren, die Herkunft der Tablas oder Maltechniken oder die Mosaike in Nordafrka im späteren Berufsleben?

Die Antwort könnte der Utopie hauchfeine Konturen verleihen.

Und was Klaus Kauker da macht, wenn er Bohlens Songwriting persifliert, das ist ja so was wie eine Anwendung von einigen Motiven aus dem „Kulturindustrie“-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“.

Wenn er dann noch eines Tages aus seiner so ganz und gar eigenen Stimme auch was ganz Eigenes, Musikalisches macht … ich würde noch mehr Fanboy.

 

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3 Antworten zu “Mal was ganz anderes (oder auch nicht): Harmonielehre, Klaus Kauker und das „Best of Musikladen“

  1. lars Dezember 12, 2012 um 5:54 pm

    Apropos Aneignung von Jazz. Habe kürzlich mit Begeisterung das alte Buch von David Sudnow aus den Siebzigern gelesen: „Ways of the Hand“ – darüber, wie man eigentlich Jazz-Musiker wird.

  2. momorulez Dezember 12, 2012 um 6:02 pm

    Ah, kenne ich gar nicht! Was ich hier immer so schreibe, basiert eher auf Interviews mit Musikern.

    Beim Jazz – kommt aber auch immer drauf an, bei welcher Art von Jazz – ist die Approbiationsdebatte auch teilweise anders zu führen als bei Gospel/Soul oder beim Blues. Weil der ganz anders mit den europäischen und klassischen Konzepten und harmonischen Systemen kommunziert hat, sehr früh auch auf Virtuosität der Instrumentalisten setzte und sich auch immer neu zu anderen Zeiten zur Klassik positionierte. Gerade die Cool-Geschichten, die ich am liebsten höre. Coltrane hat sich später z.B. wieder mehr in Richtung Afrika bewegt. Da gab es auch immer sehr maßgebliche, weiße, auch jüdische Akteure wie Lee Konitz oder Lenny Tristano, das war was anderes als im R & B, glaube ich zumindest.

    Umgekehrt, wenn man sich mal mit der Biographie von Louis Armstrong beschäftigt und die frühen Aufnahmen hört, dann ist die „Old Merry Tale Jazz Band“, die in den 50ern ja Hits hatte, einfach nur gruselig. Es gibt einen Auftritt bei „Musik ist Trumpf“, wo Max Greger – kennste vielleicht gar nicht mehr – neben Louis Armstrong steht, der „Hello Dolly“ singt, also, da steckt derart viel drin …

  3. Pingback: Für einen Kommentar bei Momorulez zu lang: Aneignen, Anmaßung und Blues-Idiom « wortanfall

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