Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Allerlei Stänkern und Besserwissern – von der Disziplinargesellschaft, dem Kampf gegen „Unterschichten“ und einem Spiel gegen Aue

TEIL 1: Zum Spiel

Soll ich zu dem Spiel noch was schreiben, dem gegen Aue?

Auf dem Hinweg zwei Mal nass geworden bei der Hundelandverschickung auf die Hoheluft und mich über einen überdachten Sitzplatz gefreut. Ein Spiel auf einer versumpften Wiese gesehen, das meines Erachtens verloren wurde, weil der Gegner in den Augen der Mannschaft „nur“ eine Art Holzmicheltruppe sei, der man erst mal die eigene, individuelle technische Überlegenheit demonstrieren wollte. Die Auer kicherten sich daraufhin einen und schossen uns ab. Mal sehr kurz gefasst. Hochverdient gewonnen haben sie.

Man verstehe mich nicht falsch, im Gegensatz zu anderen im Forum habe ich, seitdem Frontzeck da ist, keinerlei Identifikationsproblem mit der Mannschaft. Zwar fehlt mir der Florian Bruns auf dem Platz doch schmerzlich, schnief, wann werden wir uns wieder sehen?, aber vom Einsatz und der Energie her kann man bei den Jungs da echt nicht meckern. Und man hat schon das Gefühl, dass sie selbst dann, wenn sie sich für ihren Erstligaverein empfehlen wollen sollten, in steter Kommunikation mit denen auf den Rängen und somit dem Gesamtphänomen FC ST. Pauli spielen,. Weil man ihnen auch nachlassenden Support deutlichst anspürt. Wobei ein Buchtmann ja so was von ackerte, dass sein so gar nicht mehr weißes Trikot Twitter-Freunde glatt zu Soccer-Kit-Fetisch-Parties inspirierte. Hut ab. Auch Gogia in Halbzeit 1 war schon prima; dass die rote Karte für Bartels auch zur Niederlage beitrug, weil er halt für schnelle Vorstöße und Flügelspiel nicht da war, zeigte nur, dass der Kader einfach nicht optimal zusammen gestellt ist. Wenn das nur einer kann und Gyau noch lernt.

An dieser anfänglichen Überheblichkeit sind nun kurioserweise unsere Mannschaften immer wieder gescheitert, seitdem ich ins Stadion gehe. Ist vermutlich einfach eine allgemeine Männermacke, die sich ebenso bei anderen Mannschaften zeigt. Und die sich nicht zeigt gegen die Hertha oder die Region.

Trotzdem war das wieder ein echtes Präsidiums-„Top 18 im Profifussball-Spiel“, die verliert man nämlich

gerade gegen solche Gegner. Da verlassen auch die Leute vor Abpfiff die Tribüne, weil sie diesen Anspruchswahn inhaliert haben wie schlechte Drogen. Wobei ich diese „Ihr seid Scheiße wie der HSV“-Gesänge von den Grünschnäbeln auf der Süd Scheiße wie den HSV fand. Da sind Leute gegangen, die so was von mit St. Pauli verwachsen sind, wie die meisten da das nie sein werden, weil sie als Möchtegernrevoluzzer sowieso mit 30 und Frau und Kind in die Vorstadt ziehen und dann Benimmregeln bloggen, wenn die Kinder groß genug geworden sind (am Ende dieses Textes habe ich mich wieder bei allen gleichermaßen unbeliebt gemacht 😀 ).

Aber zurück zum Präsidium: Der Fussballfachphilosoph Stefan Orth hat sich nach dem 1:0 gegen die Region ja dafür begeistert, wie viele Jungspieler dieses erreicht hatten. Ich wittere da Vorgaben in den sportlichen Bereich hinein, die noch vom Geiste dieses „Für die Top 18 im Profifussball sindsolche wie Rothenbach oder Lechner doch einfach nicht gut genug!“ zehren, der eben auch zur Niederlage beigetragen hat, trotz all der Großchancen. Wir sind der Ausbildungsverein!!! Und dann korrespondierende, funktional begründete Abwertung ins Handeln schieben.

Mit Thorandt und Kringe waren gerade mal 2 gestandene und sehr erfahrene Spieler auf dem Platz, irgendwann dann auch Ebbers und der sich, glaube, psychisch selbst im Wege stehende Saglik – und so fehlt manchmal einfach die Struktur. Es wird angerannt, es fehlt aber so was wie Fussballweisheit und Abgewixtsein, und es entstehen Lücken. Weiß nicht, ob das so liefe, wenn da noch der eine oder andere mit mehr Spielerbiographie auf dem Platz stünde. Trotz allem Wert, den Herr Frontzeck auf sie legt, auf die Ordnung, und er hat schon viel erreicht. Zaubern können wird er mit dem Kader nicht, bei aller Sympathie für die einzelnen Spieler.

Fazit: Die Jungs, Frontzeck und wir gewinnen die Spiele, verlieren tut sie das Präsidium 😉 …

Teil 2: Und sonst so – Sicherheit und andere politische Kampfsportarten

Auch sonst liest man ja Kurioses von verantwortlichen Vereinsangestellten. Auf so einen Gedankengang muss man erstmal kommen:

„Große Sorgen bereitet mir immer noch die oftmals fehlende Reflexion sowohl bei den Ultras als auch bei der Polizei. Beide Konfliktparteien machen nach eigenen Angaben nie Fehler, immer sind die anderen schuld. Wenn Ultras Mist bauen, war es nie „die Gruppe“. Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen gehört aber dazu, wenn man auf Augenhöhe mitreden möchte. Das gilt auch für Straftaten. Beide Seiten decken Straftäter in ihren Reihen und stellen damit ihre jeweilige Gruppe über das Vereinswohl und über das Gesetz.“

Das ist ja eine Logik, die einfach deshalb so typisch ist für allerlei Unsinn, weil sie irgendwelche wohl als „eingeborene Idee“ (Platon? Kant? Descartes? Alle drei?) präexistenten logischen Symmetriegesetze außerordentlich unpassend – bei Kant verweist das auf fehlende Urteilskraft – in die Welt hinein projiziert.

Da verfügt die eine Seite über das Gewaltmonopol, unendliche und oft unangemessene Sanktionsmöglichkeiten, die härteren Waffen, die besser ausgebildeten Fighter, eine sie deckende Politik (z.B. im Falle der Kennzeichnungspflicht) und oft blinde Justiz im Nachgang und hat zudem kraft Amt Regeln, denen der Normalbürger einfach nicht zu folgen braucht – es gibt keine Verpflichtung zu rechtskonformen Handeln, sondern die Möglichkeit der Sanktion beim Zuwiderhandeln, eine Internalisierung von Rechtsnormen ist schlicht autoritär -, und Herr Brux tut so, als wären das zwei Jugendgangs und das Thema auf Gruppenpsychologie reduzierbar.

Dabei ist Problem, dass manche Polizisten sich so verhalten, als seien sie eine Art Rockergang. Das Problem ist bestimmt nicht, dass im Sinne der Solidarität angesichts einer oft maßlos, willkürlich und im Rahmen rechtsfreier Räume agierenden Exekutive das Bürgerrecht, sich vor so was zu schützen, in Anspruch genommen wird. Es gibt – haben mir die vom Magischen FC erklärt – eine lediglich sehr eingeschränkte Mitwirkungspflicht an der Strafverfolgung. Und schon gar nicht an der eigenen.

Als das Hamburger Hundegesetz eine solche solche vorsehen wollte, die Mitwirkungspflicht an der eigenen Strafverfolgung, (weiß gar nicht, ob das umgesetzt wurde), wurde deutlich darauf hin gewiesen, dass das nun tatsächlich ein Kennzeichen von totalitären Regimen ist, eine solche einzufordern.

Das zeigt einfach einen tief verwurzelten Wilhelminismus, sich derart in Deckungsgleichheit mit administrativen Systemimperativen zu bringen und sich als „Staatsbürger“ zu fühlen, dass man zwischen individuellem, moralischem Urteilen und staatlichen Gesetzen gar nicht mehr unterscheidet.

Dann noch dieses Gerede von Gruppen, die sich „über das Vereinswohl stellen“ – wer definiert denn das bitte?

Wenn es der vorauseilende Gehorsam gegenüber DFB-Sanktionen sein sollte, den er mit „Vereinswohl“ meint, ist das zumindest nicht meine Vorstellung von eben diesem.

Eine Vorstellung, die wahlweise „sich stellen“ oder Verpfeifen als „verantwortlich“ begreift, hat zumindest krude Vorstellungen von der Logik von Verantwortung und Freiheit. Etatismus nennen das die Liberalen.

Und das alles sieht bei solchen, die als Agenten des Gesetzgebers agieren, eben der Polizei, fundamental anders aus als bei Ultra-Gruppierungen. DIE haben diese Verpflichtungen, das ist Teil ihres Jobs. Und tun dann gelegentlich so, als sei das umgekehrt.

Es ist gesellschaftlich naiv, solche Vergleiche anzustellen. Problem ist, dass der berühmte „Corpsgeist“ einer Gruppenlogik folgte, die in staatlichen Institutionen (!!!) nix verloren hat, weil aufgrund der immensen Machtfülle dieser die ursprüngliche Idee der „Verfassungsväter“ (die Mütter fallen da irgendwie unter dem Tisch, waren da damals welche in der Versammlung, oder waren die noch damit beschäftigt, die Trümmer abzuräumen?) im Wesentlichen darin bestand, staatlichen Interventionen durch Grundrechte starke Grenzen zu setzen. Also Machtfülle zu beschneiden. Das sind Schutzrechte gegenüber dem Staat.

Das ist eine andere Logik als auf der Süd, lieber Sven. Anderes ist ja voll zustimmungsfähig dessen, was Du sagst.

Aber jene der Grundrechte ist eben jene Logik, die auch Hape Friedrich und anderen auch aus anderen Parteien, wie heißt der noch, Jäger?, eben total gegen den Strich geht. Die des Grundgesetzes. Stört nur.

Das schreiben solche wie Hape Einwanderern in der „Einbürgerungstest“, um ansonsten im Wesentlichen mit der Aberkennung von Rechten beschäftigt zu sein. Die CDU ja jüngst wieder im Falle des Ehegattensplitting für „gleichgeschlechtlich“ sich instituitionalisierende Eheleute. Auf ein Statement von Tjark Woydt, CDU-Wirtschaftsrat, zu dem Thema warte ich immer noch. Aber wer wird das mit der Antidiskriminierung beim FC ST. Pauli schon ernst nehmen, wichtig ist dem Präsidium halt der vor ihnen selbst, alles andere ist es wohl nicht.

Deswegen glaube ich auch gar nicht, dass es Sinn macht, so viele Argumente aufzubieten gegen die ganzen vermeintlichen „Sicherheits“-Demagogen. Das interessiert die nicht, weil die Gründe, dergleichen zu forcieren, nur indirekt mit Fussball zu tun haben.

Es ist zum einen der in Deutschland seit dem Kaiserreich übliche Kampf gegen „Unterschichten“ , eine weitere Variante des auf allen Ebenen statt findenden Klassenkampfs von oben. Das wird St. Paulianern vermutlich nicht so klar, weil wir eben zum typisch verbürgerlichten Mittelstandsverein geworden sind. Und so ein bißchen Antifa- und weiße „Gegenkultur“jugend schadet da nie. Weil mit 30 …

Bei anderen Vereinen, Rostock, Dortmund glaube ich aber auch, gibt es viel stärkere Vermengungen mit sozioökonomisch an den Rand Gedrängten und z.B. per Hartz IV Malträtierten. Und natürlich haben die Schäubles usw., nun auch Friedrich und Konsorten, auch parteiunabhängig als Teil von Funktionseliten, Angst vor dem Aufstand angesichts der gezielten Verelendungspolitik. Und der wird eben nicht von Studenten ausgehen, wenn er denn kommt, der Aufstand, und vermutlich auch ohne politische Agenda – eher wie in London jüngst sich vollziehen.

Da nutzen sie den Fussball gezielt als Test-Feld für die ja schon sehr weit fort geschrittene Umwälzung der Rechtsordnung von einem grundrechtsbasierten hin zu einem präventiven System, das meines Erachtens auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als legitim betrachtet (z.B. in der Abschiebepolitik). Der Umbau hat sich spätestens seit dem „War against Terror“ enorm weit schon vollzogen, und rund um den Fussball läuft er zusammen mit der Bekämpfung der Deklassierten (ja, ich weiß, dass es auch Anwälte und Polizisten unter „Gewalttätern Sport“ gibt, trotzdem). Deshalb verstehen sich ja DFB/DFL und Friedrich et al im Grunde genommen so gut; man erreicht dagegen anstinkend übrigens eher wenig mit einer letztlich ästhetisch motivierten „Kommerzkritik“ bei gleichzeitiger Akzeptanz von Logen im eigenen Stadion. Man dringt so zu Sujets wie „Klassengesellschaft“ – und was das unter Bedingungen der Aktualität heißen kann – gar nicht erst vor.

Kurz: Der Staat hat Angst vor jenen, die er fortwährend mittels Bankenrettung, Privatisierung, Lohnarbeitszwang usw. enteignet, und DFB/DFL wollen brave, unmündige Konsumenten.

Verschärfend kommt hinzu diese Panik der politischen und ökonomischen Klasse vor der gesichtslosen und gleichwohl über einen gewissen Organisationsgrad verfügenden, unreglementierten Masse. Das kam auf zu Zeiten der Industrialisierung, als ein hoher Bevölkerungswachstum vonnöten war – man brauchte ArbeiterInnen. Zugleich ergab sich, wie in Deutschland z..B. die Sozialistengesetze unter Bismarck und die Gründung christlicher Gewerkschaften zur Kompensation zeigten, eine erhöhter Disziplinierungsbedarf, um diese wuselige, potenziell widerständige Masse gar nicht zum Bewusstsein ihrer Macht und Möglichkeiten kommen zu lassen. Als Randaspekt sei die Erfindung der „Homosexualität“ durch die Psychiatrie als klinisches Krankheitsbild genannt, weil alles, was nicht dem Bevölkerungswachstum diente, der Disziplinierung unterlag. Die CDU argumentiert heute noch so.

Noch der Abriss der Gängeviertel in Hamburg oder die Boulevards Haussmanns in Paris sind vor diesem Hintergrund zu sehen – Übersicht schaffen, parzellieren, vereinzeln – also „individualisieren“. Ja, Michel Foucault meets Karl Marx.

Ende der 60er zeugten die „Notstandsgesetze“ vom deutlichen Willen der herrschenden Klassen, all die lauen Versprechen des Grundgesetzes außer Kraft zu setzen, wenn es scheint, als könnte es ernst werden mit dessen Maßgaben.

Sie waren da ungeheuer erfolgreich. Es gibt außer bei Papstbesuchen keine Massen mehr, die noch jenseits des beim Alstervergnügen am Bierstand Stehens irgendwie organisiert agierten. Die Gewerkschaften sind de facto tot, nur jene der Ärzte nicht. Die Parteien haben sich von allen „Basis“-Spirenzchen, die noch mein SPD-Vater pflegte, Arbeiterwohlfahrt, Kaninchenzüchter, weitestgehend abgekoppelt, alle grenzen sich gegen „Unterschichten“ und PoC ab. Notfalls mit „Haut ab!“-Plakaten.

Und damit das funktioniert, müssen permanent Ängste geschürt werden, und Typen wie Friedrich ist es egal, ob das nun auf realer Bedrohung fußende sind oder nicht. Das perlt ab. Der Plan ist ein anderer. Eben auch weiterhin Angie Kaffee kochen zu schicken, während ihr z.B. Bankenrettungen verordnet werden. Man braucht Leute, die Miete zahlen, Strom und Wasser und die einkaufen gehen und dafür sich Lohnarbeitszwang unterwerfen, aber keine, die sich organisieren. Zeigt sich in jedem Unternehmen bei der Betriebsratsgründung.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Ultras die einzigen mir noch bekannten, gesellschaftlichen Gruppen sind (neben wirtschaftlichen Interesseverbänden und Eliteklüngeln), die sich nicht reglementierbar zeigen, aber die eben doch auch sich organisieren.

DAS wollen die nicht. Und deshalb die ganzen Lügen, die ganze Hetze, der ganze Klamauk.

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12 Antworten zu “Allerlei Stänkern und Besserwissern – von der Disziplinargesellschaft, dem Kampf gegen „Unterschichten“ und einem Spiel gegen Aue

  1. kleinertod Dezember 11, 2012 um 6:29 pm

    Sehr spannend, umfangreich und tiefgreifend. Da hat sich das Warten auf den „Spielbericht“ wahrlich gelohnt.

    So von unterwegs aus der Bahn fällt eine Auseinandersetzung aus Gründen der Praktikabilität natürlich schwer, also schmeiße ich mal – eventuell total zusammenhangslos – ein paar Überlegungen dazu.

    Beispielsweise das angeblich unzureichende Verhalten der Ultras, den der Punkt verdient durchaus eine nähere Betrachtung. Ich erinnere an das Dauerthema Südblockade – aber nicht aus Gründen des Ultrabashings, sondern weil USP sich damals auf die Kritik zusammengesetzt, gemeinsam nachgedacht und dann eine Erklärung abgegeben hatte, in der eigene Fehler sehr wohl eingeräumt wurden. Von Seiten der Polizei braucht man so etwas gar nicht erst zu suchen, die begehen ja nie Fehler…

    Natürlich ist die fehlende (nicht allein, aber indbesonders rechtliche) Waffengleichheit der Hauptunterschied, der eine Vergleichbarkeit schonmal zunichte macht, wie hier gut dargestellt. Aber selbst so kann man da bei den Ultras demokratischere und verläßlichere Züge erkennen als beim nur zu oft freidrehenden Team Sicherheit, das von Politik wie Justiz auch noch Unterstützung erhält. Wider dem Geist des Grundgesetzes, was mich als Demokrat erschaudern läßt, bei all den Fehlerquellen in unserem Rechtsstaat.
    Ich finde es sehr schade, daß kein Kontigent an neuen Dauerkarten an PoC oder andere Gruppen ausgegeben wurde, um dieses weiß-hetero-männlich-gutbürgerlich-ältere Durchschnittpublikum zu bereichern und positiv zu erweitern. Wir schotten uns aktuell doch eher immer mehr ab, das sieht man auch an den Vergabekriterien der neuen DK. Hoffentlich bringen dir neuen Stehplätze da Änderung. Wir brauchen das, auch beim FCSP.

  2. René Martens Dezember 11, 2012 um 7:02 pm

    Dass die Struktur des Kaders das Problem ist, kann man gar nicht oft genug betonen. Die falsche Zusammensetzung tritt ja noch deutlicher zu Tage, als vor der Saison zu befürchten war, denn da war noch nicht abzusehen, dass Boll so verletzungsanfällig ist und Ebbers sich in einer Form präsentiert, dass er sich als Orientierungsgeber für junge Spieler nicht mehr eignet. All die jungen Neuzugänge haben ihr Potenzial zwar angedeutet, aber damit sie sich weiterentwickeln, bräuchte es eine funktionierende Struktur, nicht zuletzt auch einen funktionierenden Mittelbau – mit anderen Worten: Es bräuchte die Rothenbachs und Guneschs. Hoilett, Oczipka und Zambrano beispielsweise konnten sich hier entwickeln, weil es sie zu ihrer Zeit diese funktionierende Struktur gab (wobei Zambrano schon A-Nationalspieler war, als er kam). Frontzeck muss letzlich mit einem Kader arbeiten, den ein Trainer, der nicht mehr da ist, ein Sportchef, der nicht mehr da ist, und ein Sportchef, der zu spät kam, zusammen gestellt haben. Von dieser Stückwerk-Mannschaft – und ich meine das gar nicht böse gegenüber den Spielern – kann man nicht viel erwarten.

  3. momorulez Dezember 11, 2012 um 8:51 pm

    @KleinerTod:

    Bin da wie meistens in allem bei Dir – auch bei der Pointe hinsichtlich einer Quotierung der Karten, würde mich echt mal interessieren, was PoCs dazu sagen würden. Die, mit denen ich zu tun habe, die lachen sich ja eher schlapp beim St. Pauli-Antirassismus oder haben im Vereinsrahmen selbst ziemlich üble Erfahrungen mit „White Supremacy“-Gehabe gemacht. Da muss echt mal was passieren; diese Kiezkick-Aktion z.B. finde ich richtig gut.

    Was die Assymetrie zwischen Fans, Ultras usw. und den Sicherheitsorganen betrifft, ist halt auch wirklich nicht oft zu genug zu betonen, dass für „Staatsdiener“ rechtliche Regeln was anderes sind als für Staatsgewalt Unterworfene. So was wie Rechtsentwicklung wäre ja sonst auch gar nicht möglich, und schlimm ist, in welche Richtung die seit 1992 geht, die Entwicklung, nach dem 11. September noch verschärft. Auch bei den Youngstern auf der Süd, die ich ja gerne mag und sehr schätze im Allgemeinen, wird manchmal vor lauter „Fanrechte“ der gesellschaftliche Kontext, in dem die gedrillt und geformt werden, vergessen wird. Möchte auch nicht wissen, wie ich mich verhalten würde, wenn ich als 16jähriger in eine Welt hinein wachsen würde, in der Polizeiterror und die totale Chancenlosigkeit, auf legalem Wege im Status- und Geldspiel mitzuspielen, das Leben prägen. Habe da neulich eine sehr eindrucksvolle Unterhaltung bezeichnenderweise vorm Zivilgericht verfolgen dürfen …

    Die, die drin sind im System, traktiert man mit Malus- und Bonuspunkten und Arbeitsplatzunsicherheit; die, die draußen bleiben, haben die Wahl, sich tot zu schuften für wenig Geld und die Miete kaum zahlen zu können, wenn überhaupt – oder aber den Weg in die Kriminalität. Die beiden waren 18, 19, und exakt das haben die beiden diskutiert.

  4. momorulez Dezember 11, 2012 um 8:59 pm

    @René Martens:

    Exakt. Und da fragt man sich doch immer, was für ein „Konzept“ denn eigentlich das Präsidium bewogen hat, an Schubert fest zu halten, bei diesem abstrusen Turnaround im Mai. Das ist nicht trivial. Einige der Altgedienten, Morena ja auch, wurden mit einer ziemlichen Arroganz „frei gesetzt“, und das Präsidium brüstet sich mit dem Juvenilen. Ich kann mich des Eindrucks immer nicht erwehren, dass da sehr massiv in den sportlichen Bereich hinein gepfuscht wurde und man das auch nicht nur Schubert/Schulte alleine zuschustern kann.

    Und die neben Stadioneubau und „St. Pauli-Gruppe“-Rhetorik einzigen Zielsetzungen, die verkündet wurden, sind ja „Ausbildungsverein“ und „Top 25“ und dann „Top 18“. Sonst kommt ja nichts von denen. Ich ahne da wirklich Böses.

  5. kleinertod Dezember 11, 2012 um 9:43 pm

    Der FCSP mitsamt seiner Fanszene würde durch PoC definitiv bereichert – auch und gerade im Hinblick auf das Thema Antirassismus. Ob es umgekehrt der Fall wäre, das müssen diese beurteilen – aber eine entsprechende Einladung auszusprechen wäre ein von mir begrüßter Schritt, den der Verein in positiv gestaltener Weise mal unternehmen könnte.

    Aber ganz allgemein eine offensive Anwerbung von all denjenigen, die in der Gesellschaft abgehängt werden und die mit Antirassismus, Antisexismus, etc. etwas anfangen können – DAS wäre doch mal eine Idee, das FCSP „Ideal“ offensiv mit (neuem) Leben zu erfüllen anstatt dieses passiv auszubeuten durch weitere Vermarktung. Ein neues Zuhause für diejenigen schaffen, die damit etwas anfangen wollen – und nicht für jene, die sich das leisten können.

    Man mag das eine etwas blauäugige Vision nennen – aber alles ist besser, als den status quo nur zu verwalten und herunterzuwirtschaften. Wir brauchen jedenfalls neue Ideen zur aktiven Gestaltung. Nicht umsonst hat ein anderer Verein – die Eisernen aus Berlin – uns aktuell durch mehr als eine Aktion gezeigt, wie es geht – früher hatte unser Verein da eher als Vorbild gegolten für die „richtigen“ Kreise.

    Die „das Boot ist voll“-Politik mitsamt der „Sicherheit über alles“-Sicht hat uns zwei extrem schlimme Schübe in der Rechtspolitik eingebracht. Die Verstümmelung des Grundgesetzes wurde da eingeleitet. Aber auch in anderer Hinsicht verlieren wir den Rechtsstaat immer mehr aus den Augen – so galt noch vor 15 Jahren der Grundsatz, daß ein Urteil an sich bereits reichen würde, der Staat würde sich schon daran halten. Heute ist es nahezu die Regel, daß die staatlichen Institutionen ihnen unliebsame Urteile einfach ignorieren – auch die Bundesregierungen praktiziert das aktuell ohne jegliche Gewissensbisse. Ich sehe die Demokratie seit längerem für gefährdet durch solch eine Entwicklung an. Aber die Massen applaudieren bei jeder weiteren Einschränkung der eigenen Rechte und fordern begeistert mehr… Gerade WEIL man ihnen etwas zum dran abreagieren und darüber aufregen vor die Füße wirft – das hat schon immer funktioniert und sichert auch heute den Machterhalt.

    Wir bräuchten eine Politik, die die Schwächeren fördert und unterstützt – und nicht eine, die diese bestraft und Knüppel zwischen die Beine wirft. Es sind ja gerade diese Unmengen an Regeln, die zu einem Stillstand führen, weil niemand mehr in der Lage (und auch nicht willens) wäre, all jenen zu entsprechen und dabei trotzdem voran zu kommen. Viele werden dadurch zu Schwarzarbeit oder in die Kriminalität getrieben, weil ihnen die Regeln über den Kopf wachsen und sie nicht wissen, wie sie den Weg nur anders beschreiten sollen – gerade unter dem wirtschaftlichen Druck, der immer härter wird. Nur nicht in der Hochfinanz oder der Politik, da wird immer leichter und besser verdient…

  6. momorulez Dezember 11, 2012 um 11:21 pm

    Das, was die als „Fördern“ und unterstützen behaupten, ist halt der blanke Hohn. Weil die gesammelte Sozialstruktur darauf ausgerichtet ist, Mittelschichten zu erpressen und unter Druck zu setzen, auf dass diese sich in ihrem Status bedroht und als Reaktion „nach unten“ abgrenzen. Und das kann kann dann rassifiziert, sexistisch oder auch homophob unterfüttert werden, muss aber nicht, Und mit den „Quotenfrauen, die ihren Job nur haben, weil sie eine Frau sind“ und diesen schlicht falschen Zerrbildern von den „reichen Schwulen, die den Migrantenfamilien die Wohnung weg nehmen“ noch verschärft. Da fallen auch viele auf der Irgendwielinken drauf rein, und bi so was wie Mehrfachdiskiminierung – schwarze Frau – sind gedanklich oder in ihrem Verhalten auch Leute wie Sven Brux nie angekommen. Bei USP hingegen gibt es ja welche, die sich mit so was befassen, was das wohl für die Betroffenen bedeutet.

    Das ist auch keine Demokratie hier, das ist längst die durchverwaltete Interessenpolitik von Großorganisationen – Energieversorger, Banker, Versucherungsindustrie usw. – und den paar, die oben mit schwimmen. Aber auch Frau Schickedanz war ein zu statuierendes Exempel, das sind ja Strukturen, in denen die Personen austauschbar sind, aber fast alle bedroht werden. Deswegen quasseln ja Hape Friedrich und Herr Neumann den gleichen Blödsinn, und Sven Brux reproduziert Argumente der DFL.

    Das, was Du am Anfang schreibst – für so was blogge ich ja seit Jahren. Und die Zeiten, wo niemand zu hörte, sind auch echt vorbei, das findet ja Resonanz. Bei Dir ja immer schon, weil Du viel zu viel selbst kennst und erlebt hast. Aber das muss einfach mit viel mehr Druck betrieben werden. Und Akteure wie Orth sind da die denkbar falschesten, diese unsicheren, überempfindlichen Teilzeitmacker aus dem Mittelstand. Den habe ich seit der JHV viel mehr gefressen als Spies.

    Und was den Rechsstaat betrifft, konnte man ja auch in diversen Diskussionen um Kassenrollen gut verfolgen, wie viele schlichtweg nicht wissen, wie dessen Begründung und zumindest idealisierte Funktionsweise ausschaut, gerade die, die am lautesten „Law and Order“ schreien, die kennen ersteres gar nicht, noch nicht mal in Grundzügen. Deswegen sind die durch Hape Friedrich und Konsorten ja so manipulierbar.

    Und das falscheste ist wirklich zu glauben, die meinten, was sie sagen.

  7. vuvuzela//riotqueer Dezember 12, 2012 um 2:08 am

    Es ist nun mal so, das die Konzeption des Vereins FC St.Pauli aus einem kulturellen Verständnis der bewegenden, linksradikalen Strömungen in Hamburg-Mitte entstand, als in den 1980/90er es viel zu erkämpfen gab und die Diskussionen mit autoritären Amtsträger_innen meist militant unterfüttert wurde und entsprechende Resultate in das jeweilig kulturell erkämpfte Objekt der Begierde sein Hausklang nahm. Heute mit Sprotte und Barsch der Verein die Umstrukturierung des eigenen Stadtteils so weit kritiklos aufnahm, das mir und vielen Anderen der Weg in das Stadtgebiet zwar eine gewisse Mauer der Abscheu,…eine Party im Rausche und des Gemeinsinns bei Bier und Dope,..später wieder ins Missfallen des finanziellen Loches des eigenen Portemonnaies nicht weiter entwickelt, als das sich die Amtsträger_innen und das Establishment sich nur dessen bewusst sind, das dort eine gewisse Widerspenstigkeit vorhanden ist, aber die große Frage, warum sich das kollektive erleben am Millerntor nicht weiter politisieren lässt bzw. es bestimmte Personen es nicht gerne sehen, wenn sich Supporter_innen-Gruppen weiter politisieren als gewünscht, …ich euch Allen nur mal ein Ausflug in das Bewegende Archiv von Hamburg-Mitte, der Subkultur der Menschen dort und die aesthetische Ausdruckskraft derer nahelegen möchte.

    Es sind da zu nennen:

    http://hafenstrasse.jimdo.com/
    http://florableibt.blogsport.de/
    http://www.onezeromore.com/

    bzw. die Publikation: http://www.kritisch-lesen.de/rezension/bewegte-blicke

    Zum Spiel habe ich kein weiteren Einfall, als dass das Team immo absolut keine Identifikation übermittelt und bei meiner antifaschistischen ’sky‘-Runde ich mich schon Frage, was das Phänomen in Zukunft ausmachen soll,…da ich aber einfach nicht mehr drin stecke, überlasse ich das deinen Blog und freue mich schon über den wachenden Morgen.

    Einen frostigen Gruß aus Bramfeld.

  8. Pingback: Tägliche Blog- und Presseschau des magischen FCSP, 12.12.12 | Blutgrätsche Deluxe

  9. momorulez Dezember 12, 2012 um 10:59 am

    Da bin ich jetzt annähernd durchgehend bei Dir. Ich habe ja das Glück, in Stadionnähe wohnen zu können und verfüge auch über finanzielle Mittel, ebenfalls Privilleg – mir geht das aber schon auf die Nerven, dass die anderen Ex-Linksalternativen die ihren eben nicht reflektieren, sondern sich immer noch als total politisch verstehen. Die ist wie eine Plombe in der politischen Entwicklung, diese Szene. Ich kann mir ja als Arbeitgeber wenigstens zugestehen, mit lauter Privatinsolventen zusammen zu arbeiten, denen Arbeitsamtförderung zu ermöglichen, gezielt PoC, feministisch orientierte Frauen, Queer-People und übrigens auch Ultras so weit zu beschäftigen, wie es mir möglich ist. Nix von alledem nehme ich beim FC S. Pauli wahr.

  10. Pingback: Anders aber nicht sicherer | LICHTERKARUSSELL

  11. June S. Kemp Januar 5, 2013 um 10:27 am

    Woher kommt eigentlich dieses Nazi Gerücht?St Paulis Mannschaft ist wohl um einiges „rrrrein deitscher“ (es wird ja immer betont, fast ausschliesslich deutsche Spieler unter Vertrag zu haben) als die des HSV, wo es viele, viele Spieler aus dem Ausland gibt.Mag sein, dass das früher mal anders war, aber wo sieht man aktuell beim HSV denn bitte auch nur einen Ansatz von rechtsextremen Tendenzen?Die Reaktion auf die Solidaritätsbekundung der NPD sagt wohl alles.Und was die Neid-Frage in Bezug auf ein Totenkopf-Modelabel soll, erschliesst sich mir auch nicht.Das ist ja auch immer ein beliebtes Totschlagargument der Bayern aus München. „Ihr mögt und ja nur nicht, weil wir viel erfolgreicher und toller sind. Ihr seid nur neidisch“. Manchmal mag man jemanden aber auch einfach nur deshalb nicht, weil man ihn nicht mag.

  12. momorulez Januar 8, 2013 um 3:42 pm

    Sorry, dass ich Dich gerade erst im SPAM gefunden habe – was meinst Du genau? Habe meinen eigenen Text noch mal überflogen, und das „Scheiße wie der HSV“ bezieht sich auf Leute, die vor Abpfiff und Abklatschen der Mannschaft das Stadion verlassen haben. Und das beim HSV ein Umgang mit eigenen Spielern herrscht, der sich nun wirklich zumindest von dem bei uns im Stadion meistens, im Forum sieht das schon anders aus, deutlich unterscheidet, ist das ein Gerücht? Ansonsten habe ich doch das Fass gar nicht aufgemacht. Ich vermute auch, dass bei euch wesentlich mehr PoC im Stadion sind als bei uns und der HSV in der Hinsicht eher weiter ist als wir.

    Habe ich in meinem eigenen Text was überlesen? Oder in den Kommentaren?

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