Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Grenzüberschreitung – Stellungnahme und Bewertung zum zivilpolizeilichen Vorgehen am 1. Dezember in der Brigittenstraße

Der Bitte der Sankt Pauli-Mafia um Veröffentlichung komme ich doch gerne und aus vollster Überzeugung nach. Ein Staat, der sein Personal ungeachtet sozialer Realitäten und tatsächlicher Kommunikationsprozesse stasi-like in jene vor-staatlichen Räume eindringen lässt, die idealerweise seine Voraussetzung sein sollten, kehrt die Verhältnisse demokratischer Souveränität um. Und mutiert so zum Polizeistaat.

Das ist analog zu widerrechtlichem Eindringen in Anwalts- und Arztpraxen oder zu dem Rumschnüffeln bei Journalisten zu verstehen, meiner Ansicht nach, was da geschehen ist. Und sei es in diesem Fall auch nur im Rahmen eines rechtlich informellen Systems.

Da ist Widerstand jedoch Pflicht: Durch das Formieren von Gegen-Öffentlichkeiten.

(Anmerkung: Ich hatte auch eine Art  Flugblatt-Version mit dem schönen Logo der St. Pauli-Mafia; das wäre aber auf Kosten der Leserlichkeit gegangen. Man verzeihe mir.)

Grenzüberschreitung – Stellungnahme und Bewertung zum zivilpolizeilichen Vorgehen am 1. Dezember in der Brigittenstraße

Am vergangenen Samstag wurde eines unserer Gruppenmitglieder im Eingangsbereich des Fanladens St. Pauli unvermittelt von einem Zivilpolizisten auf massive Weise angegangen. Der Mann stellte sich weder vor, noch wies er sich aus, war jedoch mehreren der anwesenden Fans als Zivilbeamter bekannt, da er sich offenbar mit Regelmäßigkeit an den Heimspieltagen des FC St. Pauli dort aufhält. Es wurde von Anfang an und unprovoziert eine auf Einschüchterung angelegte Drohkulisse aufgebaut, die die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog und dies wohl auch sollte. Unser Gruppenmitglied wurde  in druckvoller Weise aufgefordert, ihm allein in einen Randbereich der Straße zu folgen, und als es dies verständlicherweise verweigerte und – vergeblich – nach dem Grund dieses Auftritts fragte, wurde dies mit mehrfachen Drohungen, z.B. dass er „auch die harte Tour haben“ könne beantwortet. Erst einem Mitarbeiter des Fanladens gelang es schließlich, diesem Spuk ein Ende zu bereiten.

Es wurde später noch ausgesagt, es sei hier lediglich um eine Personalienfeststellung gegangen. Dies halten wir jedoch angesichts dieses bühnenreifen Auftritts für wenig wahrscheinlich, zumal dieser dadurch in keiner Weise erklärt wird. Der Mann hätte sich einfach und in aller Ruhe als Polizeibeamter identifizieren können, und unser Gruppenmitglied hätte sich ausweisen müssen und dies auch getan, ein Vorgang der von den meisten Umstehenden wahrscheinlich unbemerkt geblieben wäre. Eine Notwendigkeit, statt dessen jemanden unter lauten Drohungen zu nötigen, ihm in eine „stille Ecke“ zu folgen, bestand zu keiner Zeit.

Wir stellen uns zum einen die Frage, warum unser Gruppenmitglied unbedingt von den anderen isoliert werden sollte – in Verbindung mit der auf Einschüchterung angelegten Szenerie müssen wir annehmen, dass unter diesem Druck Informationen beschafft werden sollten.

Noch schwerer wiegt aber die Tatsache, dass dies im engsten Einzugsbereich des Fanladens St. Pauli stattfand, was einen absoluten Tabubruch darstellt, der nicht unbewusst und daher auch nicht zufällig erfolgt sein kann.

Ein soziales Projekt wie der Fanladen, der eine wesentliche Anlaufstelle der Fans darstellt und eine wichtige und erfolgreiche Arbeit leistet, die nicht zuletzt auch gewaltpräventiv ist, wird aus genau diesem Grunde üblicherweise als ein weitgehend geschützter Raum geachtet, damit diese durch nichts zu ersetzende Arbeit nicht gefährdet wird. Allein schon die ständige polizeiliche Beobachtung eines solchen Bereiches torpediert diese Arbeit zwangsläufig durch ihre abschreckende Wirkung gerade auch auf jugendliche Fans, deren Betreuung zu den wichtigsten Funktionen dieses Projektes zählt.  Umso schwerwiegender muss sich auswirken, wenn nun Leute buchstäblich aus der Tür heraus abgegriffen und unter Druck gesetzt werden, ohne dass irgendeine Gefahrensituation bestünde.

Vor dem Hintergrund der zur Zeit hochaktuellen Debatte um Gewalt im Rahmen von Fußballspielen gehört der Fanladen zu den Projekten, die deutliche Zeichen für Konfliktlösung und Konfliktprävention setzen, was auch von Seiten der Behörden bislang verbal immer anerkannt wurde. Daher müssen wir fragen, ob die Hamburger Polizei mit der nun erfolgten Grenzüberschreitung  ein gegenteiliges Zeichen zu setzen beabsichtigt, und ob sie und ihre aufsichtführenden Stellen dies tatsächlich für zielführend halten.

In einer weiteren aktuelle Debatte – der um eine Stadionwache in unmittelbarer Benachbarung von Fanräumen und Fanladen –  werden die Argumente für deren Auslagerung durch diesen Vorfall aufs Plastischste unterstützt. Eine solche Nachbarschaft ist mit der unverzichtbaren Arbeit eines Fanprojektes unverträglich und daher ein No Go.

Sankt Pauli Mafia

am 06. Dezember 2012″

8 Antworten zu “Grenzüberschreitung – Stellungnahme und Bewertung zum zivilpolizeilichen Vorgehen am 1. Dezember in der Brigittenstraße

  1. Pingback: #FCSP – SPM Info: Grenzüberschreitung – Stellungnahme und Bewertung zum zivilpolizeilichen Vorgehen am 1. Dezember in der Brigittenstraße « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Bel A.K. vuvu Dezember 8, 2012 um 11:14 am

    Sehr kämpferisch meine Parteigenossen zum Vereine der Provo, die meine Mum mit dem antifaschistischen Drummer nicht dem ‚Richgirlzzz‘ überlässt.
    Cops immer Widerstand leisten, dann klappt ES auch mit dem ‚Prudenthiaall‘ zugezogener Prüderie im Geiste klinischer ‚X‘-Hammerschläge. Mit ein wenig support für die Familie…https://soundcloud.com/utter-nutters/lost-our-marbles-dj-kura-remix -Salaam für 5-fach AsylAnthen….

  3. mA Dezember 8, 2012 um 11:57 am

    Es gibt auch eine kleine Anfrage zum Thema V-Leute etc. im Fussball, die sich auch auf diesen Vorfall bezieht:
    http://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/tcl/PDDocView.tcl?mode=show&dokid=38963&page=0

    Antworten kommen nächste Woche.

  4. momorulez Dezember 8, 2012 um 3:19 pm

    Ah, Danke für die Info!

  5. Pingback: Sankt Pauli Mafia Mitglied angelabert » Magischer FC

  6. Shokat 'Bel' Saleem [PAX] Dezember 8, 2012 um 6:01 pm

    Jetzt will ich mal die poly_pHonie der Veter_Ahnen mal hören, die meinen ’ne Akustik in Rahmen aesthetischer Stehvermögen sich eigen machen zu können. Das ist ‚Rufmord‘ of color! Hehehe

  7. ma Dezember 13, 2012 um 10:13 am

    Die „Antwort“ zur kleinen Anfrage ist da – noch nicht in der Parlamentsdatenbank, aber Christiane Schneider hat die Antworten hier veröffentlicht:

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