Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Drunken Sailor in Ekstase …

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S. sagte, er habe jetzt Lust zu gröhlen.

Ich legte los.

Weil mir nichts Besseres einfiel, war’s halt „What shall we do with the drunken sailor“.

Ich finde das ja wunderschön, das hat so eine tiefe Melancholie, und es singt sich so prima. Erik und S. stimmten freudig ein, und auf einmal umring2te uns eine Horde begeisterter Jungs und machte mit ..wir jammten. Irgendwann am späten Nachmittag an der Budapester Straße. Begeistert. Es gibt sie tatsächlich, die Lebensfreude.

Klar, Klischee: Betrunkene Fussballfans nach Spielen johlen lautstark in den Straßen – aber es war so schön. Und tat so gut.

Und wo gibt es außerhalb der verorgelten „Lobe den Herren“-Welt der disziplinierenden Kirchen eigentlich jenseits der Stadien noch eine Kultur des gemeinsamen SINGENS? Das ist derart befreiend, dass viele, glaube ich, gerade deshalb ins Stadion gehen …

Wie ja nun gerade gestern deutlichst zu spüren war, wie befreiend das ist.

Die ersten zwölf Minuten kein Support aus Protest gegen diese vermeintlichen „Sicherheitspläne“ der DFL – war das gruselig! Es war auf einmal wie überall, Grundrauschen, nur der Emotionsausdruck, das „oh“ und „ah“ und „oh nein!“ war zu hören – war Kallas wunderschöner Kopfball gegen den eigenen Pfosten noch in jenen ersten 12 Minuten?

Weiß ich jetzt gar nicht mehr … auch das ist ja einer der Gründe, den Weg ins Millerntor-Stadion immer wieder anzutreten: Der therapeutische Effekt. Würde ich bei Kundengesprächen oder auch nur tagsüber am Schreibtisch derart singend meine Gefühle zum Ausdruck bringen wie während eines St. Pauli-Spiels, die hielten mich alle für verrückt. Im Stadion geht das. Ich werde deshalb in Spielpausen echt unausgeglichen.

Dabei – kein Geringerer als Eric Burdon hat mir das mal vorgemacht – war doch das Synchronisieren mittels Gesang gerade der Unterjochten bei der Arbeit das, was noch in jedem Charts-Heuler nachbebt. Burdon wollte mir den Backbeat demonstrieren. Ich solle mir schwarze Arbeiter vor und nach dem formalen Ende Sklaverei vorstellen, die Eisenbahnschwellen verlegten. Beim Ausholen mit dem Vorschlaghammer ein „Be my Baby!“ angestimmt, und dann rumms, der Schlag – der Backbeat.

In den europäischen Disziplinargesellschaften, wo es für Proletaier ja auch nicht nur lustig war, da wurde freilich im Zuge des alles durchdringenden Panoptismus (kann man beim Lichterkarussell nachlesen, was das ist) und der Parzellierung des Raumes den Menschen das Singen ausgetrieben.

Ob die das beim Dreschflegeln überhaupt je machten? Vermutlich mussten wir das auch wieder erst durch die Black Cultures lernen und leben es trotzdem nur verschämt punktuell in Stadien, wir Feiglinge, die wir noch jede Unterdrückung und Körperverformung zur ach so überlegenen „Kultur“ verklären, während wir uns und andere ausbeuten. Während Gesang an die Marsch- und Militärkapelle delegiert wurde und an das brave Sitzen im Konzert. Ohne Backbeat. Wenn’s groovet, kann man nicht marschieren.

Hätten die Weißen nicht den Blues geklaut … um nun zu verschweigen, wo er her kommt. Als hätte den ausgerechnet diese Kirmeskapelle Rolling Stones erfunden. Howling Wolf wurde dann zumindest erwähnt im Geburtstags-Special von DIE ZEIT. Einmal. Mehr nicht. Ansonsten war der Blues da die Musik Frank-Walter Steinmeyers.

Eric Burdon hätte denen einen rein gehauen, den Schmierfinken vom Speersort. Der weiß nämlich, wo was her kam, und ging dann einen Schritt zurück. Na, nicht ganz. Hieß trotzdem „Eric Burdon & War“. Trotzdem. Beschäftigt hat der sich mit all dem allemal und sich als Vermittler gesehen.

Und klar, all das hallt auch im Shantie nach. Irgendwie.

Ob die an Deck wohl auch gesungen wurden, während unten im Rumpf die angeketteten Menschen verreckten, während sie auf Schimmelmamns Plantagen deportiert wurden?

Ja, diesen Schatten des Grauens muss man halt auch mit singen. Die kann man auch hören, wenn man lauscht, wie Shanties gebaut sind. Was machten die denn vor Madagaskar, als sie die Pest an Bord hatten?

Gerade in Hamburg: Bedenke. Gerade, wenn ein Tjark Woydt im Vorstand des eigenen Vereins sitzt.

Und drunken Sailor entziehen sich wenigstens trotzdem dem Funktionalen. Wie auch Menschen auf Rängen, die gegen Sicherheitspapiere demonstrieren. Wobei es denen ohne Ketten, Kielholen und Skorbut im Vergleich erheblich besser geht. Und in der Behörde tragen sie Krawatte.

Ja, ich habe getanzt, noch auf dem Heimweg, im Dunkeln, im Park. Den Wallanlagen. Der Dom funkelte durch Gehölze, ein Disco-Groove aus meinem iPhone drang durch die Stöpsel in mich hinein und durch mich hindurch. Da konnte ich nicht anders, als einsam neben der Wiese noch ein wenig zu zappeln. Denn ich war glücklich.

Was war das wieder Millerntor gestern! Hätte ich nicht gedacht, das im neuen Stadion mal zu erleben.

Danke. Wirklich Danke, Team des FC St. Pauli!!!!!! Ich fand euch schon gegen Hertha toll, die zweite Halbzeit gegen Braunschweig ein absolutes Highlight – und mochte das ZDF-Sportstudio auch unken, als ich meinen Rausch ein wenig ausgeschlafen hatte, ich fand euch überwältigend. Ihr habt mich mit gerissen.

P.A. neben mir raunte irgendwann nach dem 1:0, Lautern sei ja völlig konsterniert. Die machten zeitweise kaum noch was. Und ja, sie hatten ihre Pfostenschüsse, sie hatten ihre Chancen, die Tschauner grandios hielt – aber was ihr da für eine Energie und Spielfreude und Wille und Leidenschaft auf den Platz gezaubert habt, das war die so oft bechworeme Magie. Das war sie. Das war so Millerntor.

Als nach 12 Minuten alle platzten, nun, endlich,wieder lautstark und singend fühlen, wollen, fiebern, schreien … zusammen singen ist sooooooooooooo wichtig!

Als auf einmal wieder von der Gegengerade Chöre initiiert wurden, als plötzlich Wechselgesänge Nord und Gegengerade gleichzeitig mit den USP-Chants auf der Süd zu hören waren, während unsere Jungmänner, Avevor, Funk, Buchtmann den Rasen umpflügten, Gogia seine Tänze aufführte und Ginzcek traf … ja, selbst H8 mittlere Höhe war diesmal sehr lebendig, sprang auf, klatschte, sang mit.

Müsste den Blog-Eintrag jetzt eigentlich singen. So wie die Shanties vor der Domschänke.

Weil das derart befreit … und wenn es denn endlich mal alle befreien würde und nicht nur die an Deck.

Nachschlag: http://vimeo.com/54680999

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12 Antworten zu “Drunken Sailor in Ekstase …

  1. Karsten Dezember 3, 2012 um 1:14 am

    „Und wo gibt es außerhalb der verorgelten “Lobe den Herren”-Welt der disziplinierenden Kirchen eigentlich jenseits der Stadien noch eine Kultur des gemeinsamen SINGENS?“

    Köln. Auch wenn Du unsere Vaterstadt nicht magst. 🙂

  2. momorulez Dezember 3, 2012 um 1:21 am

    Meinste den Karneval? Historisch ist das ja tatsächlich ein Ausbruch aus christlichem Diktat; als ich da wohnte, fiel mir ansonsten aber nicht auf, dass da mehr gesungen würde … – und die Lieder beim Karneval sind einfach so grausam 😀 … da ist mir der Shantie doch lieber. Der ist ja wenigstens international.

  3. Karsten Dezember 3, 2012 um 2:14 am

    Ach, Momo… Erlebe mal „Unser Stammbaum“ oder „Drink doch ene met“ in der richtigen Gesellschaft, dann denkste da anders. Also, nicht unter lauter Zugereisten und Komsumfreunden sowie Busengrapschern (kölsch: „Föttchesföhler“), sondern unter echt kölschen Karnevalsfreunden. Das ist ebenso international… wenn auch lokal, aber alle eingliedernd, egal, wo sie herkommen. Und es ist herzlich. Das gibt es sicher anderswo auch (die Shantie-Sänger bei unserem norddeutschen Abend hatten eine irre Herzlichkeit), aber das habe ich Köln erstmals so erlebt.

  4. pauliane Dezember 3, 2012 um 6:03 am

    …ich finds ja immer sehr schade wenn ich nicht dabei sein kann. doch dieses mal bin ich echt traurig….magische momente an der domschänke, ich denke das war so einer.

  5. momorulez Dezember 3, 2012 um 9:09 am

    @pauliane:

    Wir haben Dich vermisst! Und ihr habt doch bestimmt super Geburtstag gefeiert!

    Das war aber echt ein Nachmittag der magischen Momente. Schon im Stadion. Fast so ein Wiedergeburtsgefühl machte sich da breit. Aber als dann dieser Jungs-Trupp hinzu stieß und entfesselt und begeistert mit jammte – S. hatte richtig eine Art rhythmischer Voice-Box-Performance zum Shantie aufgeführt -, das war echt wie ein Zauber. Toll.

    Erik und ich wurden übrigens noch für ein Paar gehalten 😀 – auch lustig.

    @Karsten:

    Ach, wenn man da drin steckt und diese seltsamen Zeitrhythmen und das Gepose der Rheinländer mag, dann ist das bestimmt was Schönes 🙂 … ich passe da halt einfach nicht hin. Obwohl ich ja selbst aus einer Spielmannszug-, Blasmusik und Schützenhochburg komme. Fast finsterer als Karneval, lauter Waffen und Uniformen und „Auf der Lüneburger Heide“-Volksmusik. Zum Glück sind wir immer in eine Kifferdisco gefahren, wo Donnie Hathaway und Kurtis Blow und die Commodores gespielt wurden und haben in der Kirche Gospel gesungen. Sonst wäre ich vermutlich versaut für’s Leben gewesen 🙂 …

    Dieses Singen in der Friedensbewegung, das war aber auch schœn, übrigens.

  6. Trude Dezember 3, 2012 um 10:38 am

    Singen als Sprache der Befreiung als ein eigentliches zursprachekommen und selbstseindürfen.

  7. momorulez Dezember 3, 2012 um 11:21 am

    … wobei die Eigentlichkeit im Heideggerschen Sinne dann doch außen vor bleiben sollte 😉 …

  8. Wettbuero (@wettbuero) Dezember 3, 2012 um 2:09 pm

    a) Drum singe, wem Gesang gegeben …
    b) Wo man sinkt, da lass Dich ruhig nieder …

  9. Pingback: Trotz Nachspielzeit von 120 Minuten – #FCSP beendet die Englische Woche mit einem Heimsieg gegen den FCK « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  10. Trude Dezember 4, 2012 um 12:20 am

    Was ist die eigentlichkeit von Heidegger? Kann man das singen? Wenn nicht ist es falsch.

  11. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Leichtmetallmatrosen

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