Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

He wants to kill the game – und macht uns doch nur sexy …

„Ein Stück aus dem Tollhaus!“ hätte Bernd-Georg Spies gestern Abend wohl zu recht ausgerufen. Wenn er denn „Wahnsinn und Gesellschaft“ von Michel Foucault gelesen hätte, dann hätte er auch gewusst, was er meint. Aber ich  habe das ja auch nicht gelesen.

Trotzdem: Spiele wie das gestrige haben ihre eigene Rationalität, die jene der formal-offiziellen aufhebt und so eine Logik quer zu dem, was als wahr und richtig scheint, entfalten.

„Tollhaus“. Vielleicht sagt Bernd-Georg Spies bei städtischen Altenheimen ja auch „Armenhäuser“.

Stefan Orth wäre vermutlich der Meinung gewesen, dass es sich beim regelgerechten Toreschießen gegen uns um einen Akt wider die Fairness handele und konstruktiver Spielaufbau doch anders aussähe. Herr Stenger fand das Gegentor vermutlich unsachlich.

Azzouzi hingegen hatte die Größe, in der Halbzeitpause auf Sky den Kontrollausschuss den DFB das zu bescheinigen, was Niklas Luhmann dem Rechtssystem als Ganzem diagnostizierte: Dass Entscheidungen Begründungen nach sich ziehen, nicht umgekehrt. Also dass nicht vor der Entscheidung die Begründungsfähigkeit steht, sondern diese ihr angepasst wird, retrospektiv. Die würden eh tatsachenunabhängig „Das war eine rote Karte!“ sagen, so Azzouzi. Weil es denen halt um Macht, nicht um Recht geht, so ich.

Er könnte recht haben. Und besser als dieses Wegducken und „wir müssen intern etwas bewegen, dann steht das Schlimmste erst auf Seite 17!“ ist diese, seine Haltung allemal.

Laut Forum rief ein britischer Kommentator des gestrigen Spiels angesichts der roten Karte für Fin Bartels „He killed the game!“ aus, den Schiedsrichter meinend.

 

 

 

Es ist Felix Zwayer aber nicht gelungen. Obwohl es schien, als würde er alles dafür geben.

Zwar hätte ich nie geglaubt nach Minute 20, dass das noch so spannend würde, das Spiel. Kappe ab für die Jungs, allen voran vor dem unermüdlichen Schachten. Aber auch vor Kallas Kämpferqualitäten. Ist mir doch scheißegal, ob der Abschluss seines Solo-Laufes an der Strafraumgrenze verreckt. Es geht ums Tun, und nicht ums Siegen. Ich finde, dafür, dass sie so früh nur noch zu zehnt waren und gegen 12 Mann spielten, haben sie das grandios gemacht.

Ein Bonmot Platons umformuliert ist zu konstatieren: Immer noch besser, sich über Unrecht aufzuregen, als Unrecht zu begehen. Bei dem antiken Griechen heißt „Immer noch besser Böses zu erleiden, als Böses zu tun“. Im „Gorgioas„.

Ich bekenne, Spiele wie das gestrige fast noch lieber zu mögen als solche wie das 4:1 gegen Duisburg, das ich natürlich auch toll fand. Gegen einen unsympathischen, stillosen Tabellenführer mit Naziproblem anzutreten, selbst in der unteren Tabellenregion verortet, das hat ja eh schon was. Wir sind wieder Underdogs! Und während die Braunschweiger die ersten zwanzig Minuten echt gut waren, wir aber Dank Bartels auch zeigten, was wir können – vermutlich war das der Grund für die rote Karte -, kickten die „Löwen“ ja in Halbzeit zwei eher peinlich stümperhaft angesichts der Überzahl. Passt zu denen.

Und wenn die Boys diesmal in White auch bis zur Halbzeit nach dem chirurgischen Schiri-Eingriff nur leicht panisches „Oje, jetzt nicht noch ein Tor fangen!“ spielten, drehten sie in Halbzeit 2 aber noch so was von auf, wow!!! Fand ich die sexy, wie sie wirklich all ihre Energie in das Spiel warfen und den Ball ja auch noch ins Tor drückten. Ein ähnliches Tor vom BVB, Jan Koller war involviert, wurde übrigens am Millerntor mal gegeben.

Dieses Hineinwerfen der Mannschaft  in all die Intensität, die den FC St. Pauli an guten Tagen ausmachen kann: Ey, das ist mir aber so was von 1000 mal lieber als jedes Kalkül, jede „Sachlichkeit“, jedes Ersticken und Wegsterben des Emotionalen. Und so was von lieber als „Top 25 im Profifussball“!!!

Ich saß da, fasziniert und gebannt am Tresen, und „war drin“ im Spiel auf der Vidi-Wall. Man kann sich das ja konzentriert analytisch angucken, oder sich so auf das Spiel hin entwerfen, dass man selbst im Fall von Fernsehbildern Teil desselben wird.

Das habt ihr geschafft, Jungs, ich danke euch dafür!!!

Und auch Dank an den Trainer, der dieser unter Schubert so seelenlosen Truppe so viel Leben einhaucht und durch seine Wechsel auch klar machte, dass Risiko gehen eben auch eine Tugend sein kann.

Hauptsache Passion. Im leidenschaftlichen, nicht christlichen Sinne.

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7 Antworten zu “He wants to kill the game – und macht uns doch nur sexy …

  1. momorulez November 29, 2012 um 3:06 pm

    Zum Thema „Tollhaus“ noch das hier:

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/gastbeitrag-der-wille-des-patienten-geht-vor/7453268.html

    Sind nämlich tatsächlich Sprüche, in denen ein weit verbreiteter Ableismus sich manifestiert.

  2. vuvuzela//riotqueer November 29, 2012 um 6:16 pm

    Sehr schön dazwischen geschoben,..Momo,..denn den Verweis zu ‚dis_ability-studies‘ hätte sich mir heute schon der soziale Charakter-Lakmus von Niklas Luhmann gezeigt, dass wenn eine Zwangsbehandlung gegen den Willensentscheid einen fortlaufenden Prozess widerfährt, ein von den Gerichten abgesegnetes ‚raus‘-driften – und nur durch Einsicht der Wunderpille die Philologie einer Illegalisierung inkontinenter Genitalien bedachte ‚unity‘ des Alters las Wunsch hat,…sollte das geistig dritte Auge auch eine Stimme bekommen.

    Ich für mein Teil halte Dosis, ..doing,…Kalkulation der beobachteten Symptome nicht für’n Sechser im Lotto,..ist eher das staatlich, reglementhierte ‚raus‘ aus der Norm und rein ins Heim,…einer dichterischen Leistung des Maschinensturms. Im Grunde können sich da der Stadtteil-Verein mal schlau machen bzgl. der vom Pharmakonzern ‚Bayer‘ verordnete Illegalisierung von Cannabis,..zum fortlaufenden Zwecke der Verbreitung andere Rausche und Tunnel,…sich das nach Hause bohren im Jahre 1929 und heute nicht unterscheidet, als das …..Maß der Dinge mit vorgehaltener Machinenpistole den ‚dissens‘ er_fährt.

    Crunk for life….One love! – Ach ja,..ich mein das Theoriefeld des sozialistischen Männerkusses sehr ernst!

  3. momorulez November 29, 2012 um 8:34 pm

    Ich muss da immer an Honecker und Breschnew denken 😦 … und das musste einfach dazwischen geschoben werden. Das ist mir früher auch nicht aufgefallen, wie oft ich abwertend „irre“, „verrückt“ usw. verwendet habe und auch noch verwende, weil ichs ja oft nicht merke. Was doof ist.

    Das ganze Konglomerat um geistige „Behinderungen“ kommt noch on top. Es gibt inflationär Witze über Hirnschädigungen.

    Diese permanente Kartierung der Devianten ist derart in die Sprache versenkt, dass vermutlich wirklich nur noch Musik hilft.

    Und es gab zu Zeiten, als psychedelische Drogen noch trendy waren, ein ganz anderes Niveau der Auseinandersetzung mit solchen Themen wie, ja, wie nennst Du es denn? Psychische „Krankheit“? Wahrnehmungsverschiebung?

    Wobei aus der freudomarxistischen Linken immer auch schon sehr gehässig Gegenteiliges kam. Gibt ja auch Leute, die hier immer wieder her linken und mir mittlerweile schon den ganzen Katalog der WHO angedichtet haben. Gerade bei den psychoanalytisch Halbgebildeten ist der Hang zur Diffamierung immer besonders ausgeprägt.

    Aber mittlerweile ist es ja echt wieder dieser „unwert“-Funktionalismus von 1929, der das „Klima“ prägt. Das ist brutal.

    Aber vermutlich hat ein Herr Spies sich auch darüber nie Gedanken gemacht.

  4. Pingback: 12:10, 12:12, 13:12, … #FCSP ohne Glück in Braun-Schweig « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  5. vuvuzela//riotqueer November 29, 2012 um 11:45 pm

    Ach Momo,..mein Guter,…solange ES ‚Rise against‘,..AngeliKKKzzzz,…KiTTzzzz und das q&a über ‚The Machine‘ gibt,..ist ein wenig Hoffnung immer wieder inna Bratröhre des mess the x through Hairline fractures,..heheheheee,..habe übrigens von meiner Ma drei Bratpfannen bekommen und das who is flesh bzw. flash hat neue Ufern erreicht, die blonde PiiRatin!

  6. vuvuzela//riotqueer November 30, 2012 um 3:53 pm

    Achja,..die Vienna rosa Schmäh um den ‚Freudoing_Marx_ISmoo,…mein Gutter,..achte mal auf das real[schul]_politische ‚IGITT‘ an diesem Veteranentag zum Wochenende,..hat echt Würze.

    Salaam!

  7. vuvutela//riotqueer Dezember 1, 2012 um 3:02 pm

    Allez Gute zum Internationally known world-H … V-Tag,..mein Guter,..beschwingt durch den Gesprächsgehalt des Heimsieges unsere FC St.Pauli als Stadtteil-Kommune,..hat sich auch bei Otis Clayton der Oaks zum besseren warrior gegen den Mief hoch zum goldenen Wagen,..verpupst. Alter Grand Master Blogger,..enjoy ya ChiaPaz Club…Forzaaa!

    PS: Wie war es noch mit den 5 Stimmen für die NPD im Schanzenviertel zur Burger-Donkey-Wahl????

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