Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vor der JHV: Mini-Krise?

Männer. So unter sich.

Dann, wenn sie weder miteinander schlafen noch knutschen oder sonstwas Schönes miteinander veranstalten, bilden sie Grüppchen, auch Gremien genannt, und pflegen Ego und Status durch Varianten der Kriegsführung. Und es ist ja nicht so, dass nicht auch in schwulen Beziehungen verdammt anstrengend sein kann, dieses Konkurrieren, die Ego- und Statusfragen.

Und ist das jetzt „Kriegsführung“ als Teil des Blogger-Grüppchens, was ich betreibe? Keine Ahnung. Bin halt auch männlich sozialisiert.

Was mir beim FC St. Pauli (wie überall, wo größere Organisationseinheiten sich heraus bilden) immer schon schwer auf die Nerven ging, war, dass immer dann, wenn es ernst wird, auf einmal vor und hinter den Kulissen alle auf „Strategie“ umschalten.

Kann auch dran liegen, dass da so viele Juristen unterwegs sind. Das kann ja zu ernsthaften Persönlichkeitsveränderungen führen – die beiden Juristen im St. Pauli-Kosmos, denen ich mich nahe fühle, mögen mir verzeihen, ich habe sie sehr gerne und tief ins Herz geschlossen!

Trotzdem: Abwägen. Die Schritte des Gegners antizipieren, um die richtige Antwort schon parat zu haben. So zu handeln, dass bestimmte Flanken gar nicht erst offen stehen. Das verändert Menschen, ich kenne das aus eigener Erfahrung in beruflichen Zusammenhängen und es war eine Höllenarbeit, mir das zumindest teilweise wieder abzugewöhnen.

Komischerweise wird dergleichen im Falle von Systemen wie der DDR als Merkmal einer Diktatur begriffen, dieses in zwei Wahrheiten leben, der offiziellen und der informell in Hinterzimmern oder zu Hause ausgeheckten. In Systemen wie den unseren, die formal Demokratien sind, faktisch aber von administrativer und ökonomischer Macht durchdrungen, landet man zwar nicht so leicht im Knast, und wer die richtige Staatsbürgerschaft hat, darf auch reisen, wer Geld hat, auch zwischen 250 Joghurtsorten wählen …

Jürgen Habermas hat in seiner „Theorie des Kommunikativen Handelns“ versucht, eine nicht-strategische Vernunft als Basis der Gesellschaftskritik und somit einer Kritik der „systemischen“ Mechanismen – Macht und Geld – zu formulieren. Dass er später auf Kritik weitestgehend verzichtete, ja, ist so; die Konzeption des „verständigungsorientierten Handelns“ hat sehr viele Tücken, sei aber doch erwähnt. Grob gesagt: Strategisches Handeln will auf etwas/Andere einwirken, um es/Andere zu beherrschen.

Verständigungsorientiertes Handeln verständigt sich mit jemandem über etwas in der Welt. Das können Tatsachen, Normen oder auch Ästhetische Urteile sein. Für die, die es interessiert: Grob folgt das den 3 Kritiken Kants. In assymetrischen Konstellationen ist da eigentlich Hopfen und Malz verloren, aber man kann ja so tun als ob.

So, und wir haben nun die JHV, und alle versuchen, in irgendeiner Form auf irgendetwas einzuwirken und dabei im Ego-Sinne – es gibt auch Gruppen- und Gremien-Egos – möglichst gut da zu stehen. Aktuelles Beispiel: Der Aufsichtsrat des FC St. Pauli.

„1. Der AR wird vereinsinterne Diskussionen zwischen Gremien, wie schon in der jüngeren Vergangenheit, nicht in die Öffentlichkeit verlagern und seine Linie hier nicht verlassen.
2. Zu den vom AR gestellten Anträgen äußert sich der Aufsichtsrat vor der Mitgliedschaft und erläutert seinen Antrag auf der Jahreshauptversammlung des FC St.Pauli.
3. Wir missbilligen die Veröffentlichung von Informationen und die Interpretationen zu vermeintlichen informellen Aussagen von Aufsichtsräten aus internen Sitzungen. Ebenso missbilligen wir die Veröffentlichung von internen Protokollen.

Dieses sollte, so weit ich informiert bin, über den Verteiler des Pressesprechers Christian Bönig distribuiert werden, und der wollte das nicht.
Daraufhin wurde es durch die Gegend gemailt, um unter anderem Blogger dazu zu animieren, es zu veröffentlichen. Ich finde die Nutzung von Social Media dafür prima, aber ein wenig widerspricht das ja Punkt 3. Das Protokoll der Präsidumssitzung ist nun etwas anderes als eine Pressemeldung, ja. Trotzdem.
Und dieses Präsidiumsprotokoll ist für ein demokratisches Verfahren ein doch ganz gewichtiges Stück Papier. Demokratie braucht Transparenz, gerade dann, wenn man sich über etwas in der Welt verständigen will, sind Informationen unerläßlich. Sonst weiß man einfach nicht, worüber man redet.
Und was wird denn da „intern“ eigentlich so geredet, wenn zu mißbilligen ist, darüber mit Dritten zu sprechen? Das sind ja nun weder lauschige Mails mit der Geliebten noch ärztliche Dokumente über Krankheitsverläufe noch pornographische Vorlieben noch Kontostände.
Es geht darum, was das Präsidium für unterschriftsreif hält.
Und das lässt Rückschlüsse auf grundsätzliche politische, normative Orientierungen zu, denen die operativ Verantwortlichen des Vereins folgen, wenn sie handeln.
Das ist auch keine „Mini-Krise“, bei der man dann, „Ach, Scheiße, sorry!“ sagen könnte. Nee, ihr vom Magischen FC, da geht es um ganz grundsätzliche Fragen, wie man zu Bürgerrechten, ja, Bürger-, nicht Fanrechten, zu Präventivjustiz und einem Abräumen rechtsstaatlicher Prinzipien steht. Ich kann das nicht trivial finden. Das ist doch kein Versehen wie ein umgekippter Becher Kaffee oder ein falsches Wort, das aus Versehen verletzte.
Dass Herr Spies nun in der Süddeutschen eine andere, diskursive Herangehensweise wählt, das ehrt ihn ja. Das finde ich gut. Mal gucken, in welcher Form das für ihn handlungsleitend sein wird. Aber die aktuelle Mitteilung, dass das überarbeitete Papier abgelehnt wird, wird nicht mit dessen Untauglichkeit, sondern mit der Notwendigkeit der vereinsinternen Abstimmung begründet. Dann fühlen sich alle in der „Fanszene“ wieder in ihrer Wichtigkeit und Bedeutsamkeit bestätigt, und nach der JHV brennt der nächste Baum. Und Herr Orth verkündet, er brauche einen Fan-Beirat, um ein wenig politische Bildung zu erhalten. Na, das macht zuversichtlich.
Ich habe von Herrn Stenger nie dergleichen vernommen – irgendeinen relevanten Kommentar zur Bürgerrechtsfrage. Gerüchte nach der vorbidlichen Schweinske-Cup-Pressekonferenz, ja, ausdrücklich Gerüchte, besagten, er sei dagegen gewesen.
Der lebt ja in Strategien. Deshalb hat er seinen Job bei den unsäglichen Sanktionen der DFB-Gerichtsbarkeit auch systemimmanent gut gemacht. Nur: Wenn er nur systemimmanent denkt, im Rahmen adminstrativer und ökonomischer Macht, wird er zumindest keine relevanten Visionen für die Zukunft des FC Sankt Pauli haben. Nur systemimmanent zu denken und zweckrational zu verfolgen ist letztlich irrational, wie schon Max Weber wusste. Weil es dann gar kein Warum mehr gibt, aufgrund dessen man ein Ziel verfolgt. Es gibt dann nur den puren Erhalt eines Sub-Subsystems – eigentlich zwei, Wirtschaftsunternehmen und gemeinnütziger Verein – namens FC St. Pauli, aber es geht nicht mehr darum, was das eigentlich meint, „FC St. Pauli“.
Dann kann man noch so argumentieren, dass ein Präsidium da arbeitsteilig vorgehen können muss. Ja, ist eine mögliche Antwort. Kann ja jeder deshalb im Sinne Gernot Stengers stimmen.
Aber man kann doch nicht einfach bleiben lassen, diese Frage auch und gerade jetzt zu stellen, ob das gelungen ist bei dem aktuellen Präsidium, das mit der Arbeitsteilung. Wer ist da für das „Warum?“ eigentlich zuständig? Gibt es uns nur zum Fussball spielen lassen und zugucken, ergänzt durch die sportreibenden Amateur-Abteilungen?
Werden viele so sehen, das ist dann aber nicht mehr das, was den FC St. Pauli seit Mitte der 80er Jahre ausgezeichnet hat. Das ist auch keine „interne“ Frage, die zwischen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Präsidium mit den Banken, der UFA, der Fernsehlotterie und der DFL zu diskutieren wäre, und auch nicht nur auf der JHV und dann wieder ein Jahr lang machen, was Herr Meeske und die anderen vorgeben.
Das IST keine Mini-Krise.
Was aber vermutlich Montag gar keinen interessieren wird. Die einen amüsieren sich wie bei jedem Shitstorm aufgrund des hohen Unterhaltungswertes. Die nächsten sind darauf bedacht, das man vor jeweils IHREM Gremium doch bitte Respekt haben solle.
Darüber werden dann lange Reden geschwungen. Ist ja so ein Vereinskuriosum, ein bißchen wie bei Stromberg, dass dann – auch von mir, ich schäme mich – lange Reden darüber, wer wann von wem einen Schlüssel aus Respektlosigkeit nicht bekommen hat, Beifallsstürme provozieren.
Und worüber wir uns in dieser Welt eigentlich verständigen, das wird dann, ach Scheiße, muss ja sein, dem Textbausteinprogramm für Sonntags- und Büttenreden entnommen.

EDITH: Zu Aufsichtsrat, Präsidium und wer da was wie erklären wollte und nicht und wieso was wie kommuniziert wurde oder auch nicht lese man hier: http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6735

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2 Antworten zu “Vor der JHV: Mini-Krise?

  1. Pingback: Wir müssen reden. #FCSP punktlos in Berlin und daheim mit Schaden – sowie Sicherheit ist kein Allheilmittel « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. vuvuzela//riotqueer damme November 24, 2012 um 9:51 am

    Fühle mich an erzielten Gehalt des anti-patriarchalen [ehemals profeministisch[n.n]]Männerrundbrief, mit speziellen Alex auf’m Männerknastsystem der Zellen_denkens Amerikanischer Farbkodes, erinnert. Respekt an den Männer-Medienarchiv aus Hamburg! Kötterschnauzen vor!

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