Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vor der JHV: Ein Rundumschlag

„Mit Fug und Recht ist der FC St. Pauli stolz, der etwas andere Verein zu sein. Vor Heimspielen ertönt die Hymne des Gegners, rechte Stimmungsmache wird verachtet, ausländerfeindliche Sprechchöre sind tabu.“

Ach, der Herr Wenig, der zu Wortspielen reizt … das sollte einem aber nachhaltig zu denken geben, wenn der nun ausgerechnet findet, der FC St. Pauli würde sich „mit Fug und Recht“ als der „etwas andere Verein“ bezeichnen. Herr Wenig, der ganz wie das Präsidium dieses jämmerliche  „Toleranz“-Gequatsche anstimmt, um über Inhalte nicht schreiben zu müssen. „Ausländerfeindlichkeit“ bei dem seinem Selbstverständnis nach antirassistischen Verein zu schreiben ist natürlich auch eine Methode, PoC zu „Ausländern“ zu erklären. Aber so denkt Mann bei Springer. Wo doch in anderen Stadien antibritische Chöre und jene der Schwedenhasser zur Tagesordnung gehören.

Wer dieser „ausgerechnet Herr Stenger!“-Rhetorik auf den Leim geht, die gerade überall gestreut wird, hat selbst schuld. Es geht ja nicht um die Person Stenger im Allgemeinen, sondern um konkrete Handlungen – und die Art, wie sie im Verein kommuniziert wurden. Um  ein Papier von tatsächlich enormer gesellschaftlicher Ausstrahlung; dass außerstaatliche Rechtsbeugungen und institutionalisiertes Unrecht mittels DFB, DFL, unseriösen Medien und Polizeigewerkschaften oft rund um den Fussball, weil visuell spektakulär, als Feld geradezu leninistischer Avantgarde-Politik mit stalinistischen Einsprengseln sich ballen, das ist allseits bekannt – als Vorhut einer fortwährenden Verschiebung fort vom Rechts- hin zum Kontroll-, Disziplinar- und Präventivstaat, in dem privatwirtschaftliche Großakteure die Richtung bestimmen.

Bemerkenswert ist, dass gerade denen, die immer am lautesten „Law and Order“ schreien, das alles am allermeisten am Arsch vorbei geht. Weil sie die Unterwerfung unter Autoritäten und noch so falsche Reglements als prioritär gegenüber begründungsfähigen Regeln und Urteilen betrachten. Wenn die MoPo heute Tjark Woydt richtig zitiert, regt auch der sich weniger über den von der DFB-Gerichtsbarkeit mutwillig und wissentlich dem FC St. Pauli zugefügten Schaden (Sanktion ist Schaden) auf als über verhältnismäßig marginale „Delikte“.

So funktioniert totalitäre Logik: Man hinterfragt die Regeln nicht und sanktioniert und beschimpft stattdessen die von Unrecht Betroffenen. Ob sie nun zu kurze Röcke tragen, Menschen gleichen Geschlechts knutschen oder einfach nur „anders“ (als was wohl?) aussehen. Das ist der deutsche Spießer. Und nein, es ist nicht falsch, das zueinander in Beziehung zu setzen, weil seit Lawrence Kohlberg spätestens bekannt ist, dass diese autoritäre Moralkonzeption, die Regeln deshalb folgt, weil es die der Mächtigen und Privilegierten sind und sie „Tradition“ haben eine formale Struktur ist, die sich auf beliebige Inhalte beziehen kann.

Nun gibt es aber auch genug Gründe für die „Fanszene“, sich an die eigene Nase zu fassen. Als ich neulich bei „Ein Kessel Braun-Weißes“ stand und das Grußwort von Jobst Plog zum „multikulturellen Verein“ hörte, hätte ich fast einen Lachkrampf bekommen, als ich mich umsah. Monokultureller geht kaum.

Und grübelte so vor mich hin, wann ich eigentlich das letzte Mal eine ernstzunehmende ÜBERGREIFENDE politische Aktion rund um das Millerntor mitbekommen habe. Also eine, wo es nicht ausschließlich um das Stadion (Goliathwache), „Fan-Rechte“, Konflikte zwischen Fans und Polizei oder direkt das Viertel, Obdachlose unter Brücken vertreiben oder Gentrifzierung, ging.

Mir fiel nichts ein. Nichts. Ah, doch, „gegen Nazis“. Das ist Frau Merkel auch. Ohne Nazis hätte die deutsche Mitte ja auch niemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen kann, um in Selbstgerechtigkeit die ganze rassistische, homophobe, sexistische und klassistische Scheiße anzurühren, mit der sie angeblich nichts am Hut hat.

Natürlich gilt gerade im Fall des FC St. Pauli „Think globally, act locally“, ja. Aber wird eigentlich noch irgendwas diskutiert, wo es NICHT um die jeweils eigenen, unmittelbaren Belange geht?

Mich regt ja, seitdem dieses Präsidium am Ruder ist, deren leerer Formalismus die ganze Zeit auf. Ich glaube, der Großteil der Stadiongänger peilt gar nicht, was das für Leute sind, in was für Referenzsystemen diese agieren, in was für wirtschaftlichen Zusammenhängen sie unterwegs sind. Oder sie finden das irgendwie wichtig für das „Wirtschaftsunternehmen im deutschen Profifussball“, weil die Welt ja so sei. Der „etwas andere Verein“? Gab mal Zeiten, da nahm man das nicht so hin. Jetzt bestätigt die Mitgliedschaft des FC ST. Pauli die Anzahl der Business-Seats auf Jahreshauptversammlungen, weil Herr Meeske Zahlensalate kredenzt.

Was bei uns zählt, ist der Effekt, die substanzlose, symbolische Geste. Deshalb regen sich alle mehr über Fotos von Ex-Präsidenten auf Wasserwerfern auf als über das Hamburger Polizeigesetz oder Racial Profiling. Natürlich finden das auch zumindest die „aktiven Fans“ Scheiße, aber so richtig Spaß macht Empörung über Bilder aus Susis Showbar-Loge. Das LED-Laufband muss weg! Die Business-Seats bleiben …

Ich bin mir auch sicher, dass das Präsidium viel mehr Gegenwind noch hätte, wenn davon einer schwul wäre, haben wir ja gehabt: Der FC St. Pauli als der Verein, wo das Wort „schwul“ Buh-Rufe in Chören auf einer JHV provozierte. Oder wenn eine Frau dabei wäre. Oder einer schwarz wäre. Dann würden ganz viele sich „nicht erpressen lassen wollen“. Und es würde rum geschnüffelt, ob sie es nicht vielleicht mit kleinen Jungs treiben.

Mal ehrlich: Was macht den FC St. Pauli eigentlich noch anders außer der Innenstadtlage? Das Spielen der Gästehymne. Kaum Negativ-Support. Alles prima.

Und ja, ich liebe diesen Verein. Treffe da wöchentlich so viele tolle Leute, die ich aber so was von tief ins Herz geschlossen habe.

Aber kann es nicht sein, dass die „Fanszene“ einfach nur ganz genau so selbstbezüglich und inhaltsleer ist wie das Präsidium auch?

Würde mich freuen, wenn (nicht nur) bei der JHV der Gegenbeweis angetreten würde …

3 Antworten zu “Vor der JHV: Ein Rundumschlag

  1. Pingback: Wir müssen reden. #FCSP punktlos in Berlin und daheim mit Schaden – sowie Sicherheit ist kein Allheilmittel « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. vuvuzela//riotqueer November 22, 2012 um 12:34 am

    Mein vollen support für die geschrieben Zeilen von dir Momo!
    Was mich an der treffenden Analyse noch fehlt, ist die von Sicherheitsbeauftragten ‚Mr. B-Heiligenschein‘ und seines gleichen in der damaligen Gegengerade ausgerufene Konsens, sich doch verstärkt auf ein anti_imperialistisches Pferd zu setzen. Was bei Vielen auch eintrat und sich der im szenischen Jargon, dem Graubereich nach ‚rechts bis rechtsradikal‘ als politische Agitation der Fankultur um diesen Herrn, breit machte,…bzw. Kritik daran als Geistesschwäche abgetan wurde. Genauso, mit der Einschätzung von diesen Ultraorthodoxen Kreis der Alt_Realos in der Gegengerade wird der FC St.Pauli verkauft. Ich konnte mich nur in Abscheu von so vielen, zu erst ernst genommen Umher stehenden, mich abwenden, als klar wurde, das diese Doktrin der Jugendarbeit aus einem ‚other_ing‘ heraus, und in die kritische Begleitmusik der damaligen linksradikalen Strukturen betreffend, bzgl Heterosexismus-Skandalen und Irland-Soli für die guten Dome Katholikkkers, es sich dieser Kreis es sich [nicht ?!?] nehmen ließ – die Jugendarbeit als solches als Ausstieg ins Normale verkaufen ließ, wie es wahrscheinlich bzgl. Zahlen und Positionen es auf der JHV wohl wieder sein wird.

    Da wird Mensch alt,..und mag sich nur noch erinnern!

  3. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Donnerstag, den 22.11.2012 | Fokus Fussball

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