Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

B-Movie oder großes Kino? Hertha BSC – FC St. Pauli 1:0


Besuche bei Auswärtsspielen zumeist mein Lieblingskino, die O-Feuer-Bar. Der Stammplatz am Tresen ist immer reserviert; ich brauche einfach das heimelig Vertraute, will ich die ästhetischen Abenteuer rund um die Soundproduktion, die mich aktuell selten vor 3 Uhr ins Bett kommen lassen, ganz auskosten, das behutsame Vortasten, Probieren, Loops produzieren und Kombinationsmöglichkeiten austesten.

Womit ich schon beim Spiel angekommen wäre: Macht Frontzeck ja auch gerade so. Und ich finde, bisher macht er es ebenso gut wie die Mannschaft. Ein möglichst dicht gewebter Sound-Teppich und sich verschiebende Flächen und Felder als Basis; fast der Struktur des Powerchords oder der Akkorde, mal auch des Bongowirbels folgend gleich immer zu zweit oder zu dritt auf den ballführenden Gegenspieler, so dass ein Wirbeln fast wie zu Wagners Wassergeistern … nee, sorry, das waren jetzt die anderen.

Wobei die, die bei der Hertha spielen, da nun auch nichts für können. So einen wie Ndjang würde ich mir ja schon als Posterboy an den Kühlschrank pinnen. Aber bei diesem Stadion kriege ich trotzdem schlechte Laune; dieses ausgerechnet zur „Party-Patriotismus“-WM aufgedonnerte „Triumph des Willens“-Gemäuer ist irgendwie Symbol dafür, dass Deutschland noch zynischer, beschissener, verlogener und einem monumentalen Funktionalimus sich hingebend wurde, nachdem Berlin als Hauptstadt mit hin gerotztem Regierungsviertel die Meinungsführerschaft der Wichtigtuerei übernommen hat und dort in Mitte halb Europa ruiniert wird und darüber hinaus von Merkel, Steinbrück und Co.

Und während sich ja Union Berlin als das zu positionieren scheint, was wir mal waren, super!, schreit einen bei der Hertha immer diese zweitklassige Großkotzigkeit der „Wirtschaftsnation“ an, die fortwährend und zugleich Armut, Hass und Nationalismus produziert. Das stinkt noch aus jedem Text eines Welding, eines Fleischauer, eines Poschardt und wie die bei allen Differenzen auch alle heißen mögen, Roenicke, Augstein, letztlich ja doch alles die gleiche ranzige, weiße Buttercreme auf der morbiden Torte „Berliner Republik“, in der man im Kino Hitlers „Untergang“ toll gespielt findet, um den Hass auf die Opfer mal für 90 Minuten zu vergessen. Darin, dass dieses Stadion tatsächlich noch bespielt wird, anstatt es als Gedenkstätte oder wasweißich zu nutzen, liegt wenigstens das Glück als Möglichkeit angelegt, am Schulterblatt in der O-Feuer-Bar sich daran erinnern zu können, wie es da rundherum mal war, als ein Musical-Theater mittendrin verhindert wurde.

Ja, alles rein assoziativ, und doch: Ich war gebannt.

 

 

Okay, ging am Ende doch schief, scheiß drauf. Die erste halbe Stunde war kaum zu ertragen, so konzentriert die Boys in Brown. Da regierte unerbittlich das Gefühl „Fuck, wer jetzt den ersten Fehler macht, verliert“. Kam viel später, der Fehler, und diese Soli nun wieder im musikalischen Sinne verloren sich oft in falschen Noten und plötzlichem Abbruch – ich meine die Versuche, auf Konter zu spielen.

So what, die finden sich halt noch und haben alles gegeben. Bin eigentlich froh, nicht mehr einer „Spitzenmannschaft“ im Sinne der zweiten Liga anzuhängen, das bietet Raum für Spaß und Emotionen jenseits der Erwartungshaltung: Den Genuß des Sich-Einlassens.

Wo schon ansonsten der FC St. Pauli sich musealisiert, nur noch von Vergangenheiten zehrt und nicht gepeilt hat, dass im „Subito“ mittlerweile ein Fischladen ist. Das neue Stadion wird zwar eine prima Akustik haben und doch die Antwort auf die Frage, wie es denn nun zu schaffen ist, sich nicht an die Austauschbarkeit des Präsidiums anzupassen, noch länger suchen, befürchte ich.

Auch wenn Herr Spiess Ghostwriter zu engagiert haben scheint, die ihm Artikel für die Süddeutsche schreiben, so als Mann des Wortes war er es vielleicht auch selbst, na, wir sehen uns ja vielleicht morgen beim Museumsverein …

Immerhin scheint die Truppe auf dem Platz sich zu finden. Zumindest sucht sie, so ist das auf Heldenreise.

Und vielleicht schafft sie es ja, aus B-Movies großes Kino zu machen!

Hätte einst besser zu uns gepasst als „Top 25“ in der reinen Form des Stadions. Dann könnten wir was von ihr lernen.

 

3 Antworten zu “B-Movie oder großes Kino? Hertha BSC – FC St. Pauli 1:0

  1. majestyx November 21, 2012 um 8:54 pm

    den 2ten von oben hätt ich (berliner, st. pauli fan) gerne als aufkleber?!
    btw: danke für den blog hier momorulez rockt!

  2. momorulez November 21, 2012 um 10:23 pm

    Danke! Kannste Dir gerne Aufkleber draus machen!

  3. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Tantenbesuch

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