Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Liebes Präsidium des FC St. Pauli, tretet im Sinne des Vereinsfriedens geschlossen zurück!

Nach dem programmatischen Pamphlet soeben nun doch noch der Griff in die Argumentationskiste: Ich habe mich gestern gefreut. Nachdem ich nahezu am Verzweifeln war, dass sich trotz des Agierens vieler im Netz und hinter den Kulissen eine JHV des FC ST. Pauli abzeichnete, die nach viel Wind keine Konsequenzen erwarten ließe, ist den Anträgen nun ganz anderes zu entnehmen. Es hat tatsächlich jemand den Mut gefasst, die Abwahl Gernot Stengers zu beantragen.

Nun ist mir Herr Stenger persönlich durchaus sympathisch und im persönlichen Gespräch auch als jemand erschienen, dem die Tugend des Zuhörens geschenkt wurde.

Dennoch war auch für mich der Name Stenger unter diesem mit Totalitarismen durchsetzten „Sicherheitspapier“ der DFL etwas, was ich als eine Art Entweihung des FC ST. Pauli oder so ähnlich, eben jenseits des Religiösen, aber trotzdem, gelesen habe. Das hat mir physische Beschwerden fast erzeugt, war eine unerträgliche Grenzüberschreitung; ebenso diese beleidigte Meldung auf der Homepage nach Intervention des Fanclubsprecherrates oder des Ständigen Fanausschusses zu dem Thema war für mich derart fernab all dessen, was ich trotz allem noch mit diesem Verein verbinde, dass ich fast schon überlegte, auszutreten.

Nun ist es das, was potenziell die Herren wollen könnten. Leute wie zum Beispiel mich wegen zu anstrengend zugunsten eines innerstädtischen Mittelstand-Eventzentrum am besten loswerden.

Ja, die Herren. Natürlich muss Herr Stenger jetzt auch den Kopf für die anderen mit hin halten, die aktiv in ihrer Amtszeit durch Handlungen wie auch Unterlassungen dem Verein zwar den Stadionbau weiter voran trieben und durch die Fan-Anleihe auch ermöglichten, die Herrn Azzouzi an Land zogen – aber ansonsten auf der Habenseite außer der Schweinske Cup-Pressekonferenz wenig verbuchen können und so dem Verein schleichend, aber nachhaltig die Substanz rauben. Ihm Kanten abschleifen, Widerständiges sanktionieren oder aber Sanktionen trotz anfänglicher Kampfeslust beim Becherwurfdelikt in vorauseilendem Gehorsam dem DFB gegenüber abnicken. Und so zu einer Atmosphäre beitragen, die nicht etwa da, wogegen Widerstand nötig ist, noch angreift, sondern die Widerständigen zu Schuldigen erklärt.

Ich sehe das auch anders als Curiuos:

„Wichtiger wäre es grundlegende Strukturen zu etablieren, die dem Verein bei derartig zentralen Fragen eine Form der Mitwirkung gestatten, so dass das Präsidium hier nicht ‘einfach so’ losgaloppieren kann.“

So in etwa ließ sich ja in einer bestimmten Hinsicht, nämlich des Einwirkens auf Personalentscheidungen, heute auch der Aufsichtsrat in der Mopo zitieren. 

Ergänzend ist das ein guter Plan; auch, weil informelle Organe wie der Ständige Fanausschuss keine demokratische Legitimationsbasis haben und man statt dessen etwas Formelleres schaffen könnte. Nur können noch so viele interne Kontrollgremien nicht das falsche Personal an der operativen Spitze ersetzen. Zudem allerlei Gouvernanten und Aufpasser den Spaß an der Aufgabe auch nicht steigern und Satzungs- und Gremiendschungel oft nur neue Probleme erzeugt. Und auch, weil die Lust am Machtkampf im Rahmen des FC St. Pauli nix wäre, was ihm äußerlich bliebe. Oft ist ja bei uns der Respekt vor dem Gremium wichtiger als das, was dieses will, sagt und macht.

Ich wünschte mir ein Präsidium, das informiert und auch biographisch erfahren genug ist, um von selbst zustimmungsfähig initiativ zu werden. Wobei ich mit „biographisch erfahren“ Erleben auf jenen Feldern meine, die den „Mythos“ begründen halfen. Immobilientransaktionen, juristische Hegde-Fond-Beratung und Headhunting waren das nicht.

Ein Präsidium, das sich nicht solche Possen wie rund um Schubert im Mai leistet, sondern die Eckpfeiler einzurammen vermag, die den FC St. Pauli bisher unverwechselbar gemacht hatten. Der nunmehr in Austauschbarkeit sich aufzulösen droht: Eben die Balance zwischen einem Wirtschaftsbetrieb in der aktuell zweithöchsten Spielklasse und einer Tradition von widerständigen Gegen- und Alternativkulturen auszutarieren.

Das ist schwierig, das aktuelle Präsidium hat nichts außer einer Pressekonferenz in dieser Hinsicht zustande gebracht. Die Gegengeraden-Stehplatz-Planung gab es meines Wissens schon zuvor.

Um zugleich bei Gleichsetzungen wie jenen zwischen Pyro und Diskrimierung von PoC, Frauen im Allgemeinen und Lesben im Besonderen sowie Schwulen in Papieren mitzustricken, so dass mir diese eh schon nervtötende „Toleranz“-Rhetorik der weißen, heterosexuellen Männer retrospektiv noch mehr auf den Magen schlägt, die auf der letzten JHV angestimmt wurde.

Diese Entleerung zieht sich durch alle Bereiche des Wirkens dieser Herren; das ist dem FC ST. Pauli nicht gemäß. Und der ausgeprägte Klassismus, der sich nirgends deutlicher zeigt als beim Eingang zur Haupttribüne, diese preußische Dreiklassengesellschaft, mag bis zu einem gewissen Punkt wirtschaftliche Notwendigkeit sein – mir fehlt jeglicher Ansatz einer Kompensation dessen. Die Stehplätze gegenüber alleine können es nicht sein.

Deshalb meine dringende Empfehlung an das Präsidium: Tretet im Sinne des Vereinsfriedens geschlossen zurück, um eine Schlammschlacht zu vermeiden. Und macht so den Weg frei für ein Präsidium, das den FC St. Pauli besser versteht als ihr.

Ich weiß nicht, ob das satzungsgemäß geht, aber ist dann nicht eine Neuwahl möglich, bei der ihr wieder als Kandidaten antretet, aber eben auch Alternativen zur Wahl stehen, so dass eine wirkliche demokratische Entscheidungsfindung möglich ist? Hier hat der Aufsichtsrat zu übernehmen. Der schlägt die Kandidaten vor.

Es kann ja sein, dass es eine Mehrheit für ein sinnentleertes Mittelstandsidyll inmitten Hamburgs gibt. Dann wissen andere und ich wenigstens, woran sie sind. Aber jetzt einfach so weiter machen, nur weil es angeblich keine Alternativen gibt – das bedeutet Siechtum und die alleinige Konzentration auf den sportlichen Erfolg.

 

EDITH: Hier die Gegendarstellung von Gernot Stenger. Sehe meinen Text davon nicht berührt, vielleicht später noch mehr dazu. Außerdem riecht das für mich doch sehr danach, Klagen gegen die Abwahl vorzubereiten, um die Existenz „wichtiger Gründe“ anzufechten. Reine Mutmaßung freilich meinerseits.

Advertisements

8 Antworten zu “Liebes Präsidium des FC St. Pauli, tretet im Sinne des Vereinsfriedens geschlossen zurück!

  1. Pingback: Montägliche Übelkeit – #FCSP daheim mit einem Unentschieden gegen Bochum « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. momorulez November 14, 2012 um 5:20 pm

    Kam von Herzen. Aber so was von! Somit gern geschehen 😉 …

  3. Pingback: Mitgliederversammlung des FC Sankt Pauli im Jahr 2012 | LICHTERKARUSSELL

  4. Herr Günni November 15, 2012 um 12:14 pm

    Du hast sicher im einem oder anderen recht,das derzeitige präsidium hat sich in einigen punkten nicht mit ruhm bekleckert.
    Vergleiche ich das allerdings mit den Präsidien/Präsidenten (Weisner/Koch/Lippman) der letzten 25 jahre fällt mir definitiv keines ein das sich so mit faninteressen auseinandergesetzt hat wie dieses.
    Das dabei ne menge interessen unter einen hut gebracht werden müssen ist auch klar.
    Wer sollen denn die Alternativen sein?

  5. momorulez November 15, 2012 um 12:44 pm

    Ich vertrete ja den Standpunkt, dass das nicht meine Aufgabe ist, da Alternativen zu finden 😉 … der Aufsichtsrat schlägt vor. Und bemerkenswerterweise war Koch zu seiner Amtszeit der am wenigsten Kontroverse, und hat mit Beutel den größten Bockmist gebaut. Und Corny hatte wenigstens die Biographie, dass er hätte mehr verstehen können, deshalb sind so Sachen wie die Goliathwachenzusage um so rätselhafter. Außerdem hat er so stark polarisiert, dass jeder Mist gleich viel mehr hoch kochte, was ja irgendwie auch gut war.

    Und was heißt denn „sich mit Faninteressen auseinander setzen“? Wo machen die das denn wirklich? Wo sind die ab von der Schubert-Posse und der Fan-Anleihe, was ja nix außerhalb der üblichen Logik des Handelns war, initiativ geworden? Das ist tatsächlich mein größtes Problem. Zudem der Flurfunk, dass Stenger geglaubt habe, dieses „Sicherheitspapier“ sei doch „St. Pauli-like“, weil die St. Pauli-Fans die sind, die immer brav, friedlich und gewaltfrei singen und höflich zu den Gegnern, einfach eine in meine Augen verzerrte Wahrnehmung ist. Ich bin auch dezidiert gegen Gewalt, aber doch nicht im Sinne der von mir oft zitierten Mischung aus Kirchentag und Schlagermove, deren Melodie er da anstimmt.

    Und Stadionverbote gegen Leute, die sich gegen Nazis zur Wehr setzten, das geht gar nicht, spielt in das Thema aber ebenso mit rein wie diese dämliche Verlautbarung zur Kassenrollen-Choreo. Hat das Lichterkarussell ja gut auseinander genommen.

    Mir mangelt es bei denen einfach an einem Grundverständnis für natürlich nur einen Teil der Interessen, eben jenen, die aus den Gegen- und Sub- und Alternativkulturen kommen. Einen Background, den Corny ja hatte – und bei allem berechtigten Protest: Dessen Bilanz ist nun echt nicht die schlechteste.

    Man liest die Texturen der Welt dann anders; das kann diese „Freundeskreis“-Posse nicht. Und meiner bisherigen Lebenserfahrung nach kann das die Basis nicht fortwährend kompensieren, kontrollieren und irgendwie ausgleichen, wenn die operativen Weichen entweder gar nicht gestellt und Meeske überlassen werden oder aber dann, wenn sie mal in Aktion treten, die Präsidiumsmitglieder, zielsicher daneben hauen.

    Bis zu dem „Sicherheitspapier“ hatte ich bei Herrn Stenger ja auch den Eindruck, dass er sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen zwar nicht auskennt, aber zuhör- und lernwillig ist. Habe ja mal mit ein paar anderen Antragsstellern und ihm die UFA-Verträge durchgeguckt, da begegnete ich weit offenen Ohren (und hupe auch nicht nur im Internet).

    Mittlerweile und nach dem „Sicherheitspapier“ kommt es mir vor, als wären wir wieder bei der Haltung gelandet, die sich in seinen unsäglichen Äußerungen zum Jolly Rouge einst zeigten. Dieses Pochen auf die unbescholtene, gesellschaftliche Mitte, die sich den „Extremisten“ entgegen stellt. Und alle halbgaren Signale einschließlich der gestrigen Verlautbarung rund um das „Sicherheitspapier“, selbst dieses abwiegelnde und zum Teil ja krass verzerrende Mopo-Interview von Orth und Spiess, weisen in diese Richtung.

    Ich finde das für den Verein wie auch übergreifend politisch gefährlich und übrigens auch persönlich bedrohlich. Diese Haltung ist für so viel Schindluder verantwortlich, und das ist immer schwer verständlich zu machen, dass da eine schwule Perspektive interveniert, ist aber so. Wenn solche Typen „Toleranz“ sagen, erfahre ich das als Angriff.

    Wir brauchen da Leute, bei denen das nicht so ist. Das wird sonst ein einziger Langnese-Familienblock, das Stadion.

    Es ist zudem so, dass die aktuell so agieren, dass das Ganze zu einer Schlammschlacht werden wird, und das ist vereinsschädigend. Dieses ewige „Alle verstehen uns nur falsch“ bei gleichzeitiger Abwesenheit auch nur einer Andeutung dessen, dass sie selbst irgendwas verstanden haben, nötigt ja dazu, dass die Gegenseite eine Schippe drauf legt. Das ist ein doofes Spiel, was die da spielen. Erst Meeske vorschicken „Ein kleines Museum reicht doch“, um dann wieder so zu tun, als seien sie da immer schon die Avantgarde gewesen, dass die Goliathwache ausgelagert wird, das ist doch symptomatisch und macht die völlig unglaubwürdig. Und das führt dazu, wie schon auf der letzten JHV vom Aufsichtsrat angemerkt, dass Meeske als leitender Angestellter ein viel zu großes Gewicht bekommt, und alles wird immer schlimmer.

  6. vuvuzela//riotqueer November 15, 2012 um 4:38 pm

    Ich finde die Position, die Du Momo als Person mit bunten Facetten, einnimmst, erst mal gut. Meinen support dafür. Meine Intention hinsichtlich der Stadion_politiken der derzeitigen Vereinsführung hat das nun mehr 20 Jahre alte Kompendium, den Verein als solches finanziell und durch_kapitalisiert in die ersten 20 Vereine der Bundesliga zu führen, schon richtig umgesetzt. Das es bei der Vergabe um Gelder auch um Sanktionen der linksautonom agierenden Supporter_kultur geht und dies der gängigen Praxis links ab strafen und rechts die Augen zu drücken, ein solches schon immer beim FC St.Pauli gegeben hat, ist auch nur den Umstand geschuldet, dass der Verein als integraler Bestandteil eines Stadtteils auch die Aufgabe vertritt, diesen durch_kapitalisieren des ‚vogue_Ing‘ einer weiteren,…und hier kommt mein Dilemma als antifaschistischer ’sky‘-Zuschauer der verschiedenen Generationen,…der Verein die Stadion_kultur nicht als besetzten Raum ansieht, denn so viel ist daran gescheitert, dies bei Paulick, Weisener und Co. multiplizierten Super_duper Dom, oder auch paar Jahre später von Corny angesetzten Stadion_Neubau, als Ausdruck, das die Supporter_kultur nun mal in sich hetero_gen ist und bleibt.

    Links kann ich die Vereinsführung nicht verstehen, denn so Viel ist alt_backen und schon längst etabliert,..aber um diesen Verein auch International als mit linken Grundsätzen zu verstehender Ausdruck einer Familie weiter zu führen, braucht es auch mal eine Geste in die absolute Armut des Stadtteils, die ansonsten schon eher daher kommt wie ein sex positives Harvestehude.

    Gruß und ein gutes Spiel in Berlin!

  7. momorulez November 15, 2012 um 4:44 pm

    Bin da im Grunde genommen in allem bei Dir. Und glaube eben, dass es trotzdem geht, genau das einzulösen, was Du auch einforderst – eben nicht nur beim Kapitalisieren und schick machen mit spielen, sondern Lebensrealitäten rund ums Stadion wie auch auf dem Mümmelmannsberg oder so nicht einfach weg zu drücken.

    Und Danke! Gucke es ja auch nur im Fernseher, aber ich wünsche es

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s