Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: November 2012

He wants to kill the game – und macht uns doch nur sexy …

„Ein Stück aus dem Tollhaus!“ hätte Bernd-Georg Spies gestern Abend wohl zu recht ausgerufen. Wenn er denn „Wahnsinn und Gesellschaft“ von Michel Foucault gelesen hätte, dann hätte er auch gewusst, was er meint. Aber ich  habe das ja auch nicht gelesen.

Trotzdem: Spiele wie das gestrige haben ihre eigene Rationalität, die jene der formal-offiziellen aufhebt und so eine Logik quer zu dem, was als wahr und richtig scheint, entfalten.

„Tollhaus“. Vielleicht sagt Bernd-Georg Spies bei städtischen Altenheimen ja auch „Armenhäuser“.

Stefan Orth wäre vermutlich der Meinung gewesen, dass es sich beim regelgerechten Toreschießen gegen uns um einen Akt wider die Fairness handele und konstruktiver Spielaufbau doch anders aussähe. Herr Stenger fand das Gegentor vermutlich unsachlich.

Azzouzi hingegen hatte die Größe, in der Halbzeitpause auf Sky den Kontrollausschuss den DFB das zu bescheinigen, was Niklas Luhmann dem Rechtssystem als Ganzem diagnostizierte: Dass Entscheidungen Begründungen nach sich ziehen, nicht umgekehrt. Also dass nicht vor der Entscheidung die Begründungsfähigkeit steht, sondern diese ihr angepasst wird, retrospektiv. Die würden eh tatsachenunabhängig „Das war eine rote Karte!“ sagen, so Azzouzi. Weil es denen halt um Macht, nicht um Recht geht, so ich.

Er könnte recht haben. Und besser als dieses Wegducken und „wir müssen intern etwas bewegen, dann steht das Schlimmste erst auf Seite 17!“ ist diese, seine Haltung allemal.

Laut Forum rief ein britischer Kommentator des gestrigen Spiels angesichts der roten Karte für Fin Bartels „He killed the game!“ aus, den Schiedsrichter meinend.

 

 

 

Es ist Felix Zwayer aber nicht gelungen. Obwohl es schien, als würde er alles dafür geben.

Zwar hätte ich nie geglaubt nach Minute 20, dass das noch so spannend würde, das Spiel. Kappe ab für die Jungs, allen voran vor dem unermüdlichen Schachten. Aber auch vor Kallas Kämpferqualitäten. Ist mir doch scheißegal, ob der Abschluss seines Solo-Laufes an der Strafraumgrenze verreckt. Es geht ums Tun, und nicht ums Siegen. Ich finde, dafür, dass sie so früh nur noch zu zehnt waren und gegen 12 Mann spielten, haben sie das grandios gemacht.

Ein Bonmot Platons umformuliert ist zu konstatieren: Immer noch besser, sich über Unrecht aufzuregen, als Unrecht zu begehen. Bei dem antiken Griechen heißt „Immer noch besser Böses zu erleiden, als Böses zu tun“. Im „Gorgioas„.

Ich bekenne, Spiele wie das gestrige fast noch lieber zu mögen als solche wie das 4:1 gegen Duisburg, das ich natürlich auch toll fand. Gegen einen unsympathischen, stillosen Tabellenführer mit Naziproblem anzutreten, selbst in der unteren Tabellenregion verortet, das hat ja eh schon was. Wir sind wieder Underdogs! Und während die Braunschweiger die ersten zwanzig Minuten echt gut waren, wir aber Dank Bartels auch zeigten, was wir können – vermutlich war das der Grund für die rote Karte -, kickten die „Löwen“ ja in Halbzeit zwei eher peinlich stümperhaft angesichts der Überzahl. Passt zu denen.

Und wenn die Boys diesmal in White auch bis zur Halbzeit nach dem chirurgischen Schiri-Eingriff nur leicht panisches „Oje, jetzt nicht noch ein Tor fangen!“ spielten, drehten sie in Halbzeit 2 aber noch so was von auf, wow!!! Fand ich die sexy, wie sie wirklich all ihre Energie in das Spiel warfen und den Ball ja auch noch ins Tor drückten. Ein ähnliches Tor vom BVB, Jan Koller war involviert, wurde übrigens am Millerntor mal gegeben.

Dieses Hineinwerfen der Mannschaft  in all die Intensität, die den FC St. Pauli an guten Tagen ausmachen kann: Ey, das ist mir aber so was von 1000 mal lieber als jedes Kalkül, jede „Sachlichkeit“, jedes Ersticken und Wegsterben des Emotionalen. Und so was von lieber als „Top 25 im Profifussball“!!!

Ich saß da, fasziniert und gebannt am Tresen, und „war drin“ im Spiel auf der Vidi-Wall. Man kann sich das ja konzentriert analytisch angucken, oder sich so auf das Spiel hin entwerfen, dass man selbst im Fall von Fernsehbildern Teil desselben wird.

Das habt ihr geschafft, Jungs, ich danke euch dafür!!!

Und auch Dank an den Trainer, der dieser unter Schubert so seelenlosen Truppe so viel Leben einhaucht und durch seine Wechsel auch klar machte, dass Risiko gehen eben auch eine Tugend sein kann.

Hauptsache Passion. Im leidenschaftlichen, nicht christlichen Sinne.

Der FC St. Pauli, die „My Fair Lady“ unter den Fussballvereinen: Ein Grundkurs in Demokratie und wieso Herr Orth mal Aretha Franklin hören sollte

Ich hatte mein Kreuz schon beim „Ja“ gemacht. Weil ich Herrn Stenger ernst nehme. Die Antragsteller offenkundig nicht, die wollten nur mal ein bißchen diskutieren. Das könnte sich rächen.

Und so zogen sie den Antrag zurück. Ich bin sauer.

Unter anderem.

Auf ein Präsidium, für dessen Auftreten ich mich stellvertretend geschämt habe. Was eine Selbst-Demontage!

Auf „aktive Fans“, die über „Papa, Du musst mir aber auch mal zuhören“ bei den Anträgen zum Schluß zum Glück hinaus gingen, aber sonst nicht. Wie absurd die Kleinfamilienstruktur sich noch bei Vereinsversammlungen abbildet – beim Paternalismus des Präsidiums ebenso wie bei den an „Autoritäten“ orientierten Fans.

Als Knaller empfand ich gar nicht diesen kalkulierten Ausfall von Herrn Spies. Ich setze die Teilnahme an der Veranstaltung jetzt einfach mal voraus; Protokolle werden dankenswerterweise andere schreiben. Herr Spies, der (zum Glück ausfallend) wie in einem Gerichts-B-Movie aus Perry Mason-Zeiten theatralisch den Ankläger gab und so den „Mob“ gegen sich aufbrachte, um vom devot sich präsentierenden Herrn Stenger abzulenken. Herr Stenger, das hat mir weh getan, diese gespielte Unterwürfigkeit, können Sie nicht mal wenigstens offensiv vertreten, wofür Sie stehen? So rauben Sie dem Amt dem Würde.

Wo schon allesamt den ganzen Abend mit bürgerlichen Stil- und Benimmfragen beschäftigt waren und das mit der moralischen Kategorie „Respekt“ verwechselten – ein vehementes „Du Arschloch!“ nimmt das Gegenüber oft schlicht ernster als dieser zelebrierte Zwang zum Selbstzwang, Wut und Schmerz zu verbergen, indem man den Kreidefresser spielt.

Die Verbürgerlichung des Vereins hat sich gestern wieder aufs Unerträglichste gezeigt. Sich immer noch irgendwie auf Postpunk berufen, aber das Kratzen, Spucken, Pöbeln, das dieser Musik innewohnte, als „My Fair Lady“ unter den Fussballvereinen der Ungebührlichkeit zuzuschlagen: Rock’n’Roll ist das nicht. Das ist so brav wie die Artikel in der BASCH.

Deshalb nun zu dem Punkt, der mich da in Groll wühlend sitzen ließ, so dass tatsächlich der Respekt vor der ganzen Veranstaltung temporär dahin schmolz wie ein Stück Eis im Kamillentee. Es ist die Rede von Stefan Orth. Den nimmt zwar eh niemand ernst, aber genau das ist gefährlich – diese weißen, heterosexuellen Familienväter aus der „Neuen Mitte“ sind ja gerade wegen ihrer undifferenzierten Hirnverclaimung so bedrohlich und dominieren einfach alles mit ihrer ureigenen Form der Reflektionsunfähigkeit, die zähflüssig ist wie Apfelgelee aus dem Einmachglas und alles zumatscht mit ideologisch verblendeter Klebrigkeit.

Genau diese Bornierten, Halbgebildeten, Unpolitischen entwerten noch das Wichtigstee durch stupide Verformelung. Am schlimmsten immer bei diesem „Gegen Nazis“,

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Vor der JHV: Mini-Krise?

Männer. So unter sich.

Dann, wenn sie weder miteinander schlafen noch knutschen oder sonstwas Schönes miteinander veranstalten, bilden sie Grüppchen, auch Gremien genannt, und pflegen Ego und Status durch Varianten der Kriegsführung. Und es ist ja nicht so, dass nicht auch in schwulen Beziehungen verdammt anstrengend sein kann, dieses Konkurrieren, die Ego- und Statusfragen.

Und ist das jetzt „Kriegsführung“ als Teil des Blogger-Grüppchens, was ich betreibe? Keine Ahnung. Bin halt auch männlich sozialisiert.

Was mir beim FC St. Pauli (wie überall, wo größere Organisationseinheiten sich heraus bilden) immer schon schwer auf die Nerven ging, war, dass immer dann, wenn es ernst wird, auf einmal vor und hinter den Kulissen alle auf „Strategie“ umschalten.

Kann auch dran liegen, dass da so viele Juristen unterwegs sind. Das kann ja zu ernsthaften Persönlichkeitsveränderungen führen – die beiden Juristen im St. Pauli-Kosmos, denen ich mich nahe fühle, mögen mir verzeihen, ich habe sie sehr gerne und tief ins Herz geschlossen!

Trotzdem: Abwägen. Die Schritte des Gegners antizipieren, um die richtige Antwort schon parat zu haben. So zu handeln, dass bestimmte Flanken gar nicht erst offen stehen. Das verändert Menschen, ich kenne das aus eigener Erfahrung in beruflichen Zusammenhängen und es war eine Höllenarbeit, mir das zumindest teilweise wieder abzugewöhnen.

Komischerweise wird dergleichen im Falle von Systemen wie der DDR als Merkmal einer Diktatur begriffen, dieses in zwei Wahrheiten leben, der offiziellen und der informell in Hinterzimmern oder zu Hause ausgeheckten. In Systemen wie den unseren, die formal Demokratien sind, faktisch aber von administrativer und ökonomischer Macht durchdrungen, landet man zwar nicht so leicht im Knast, und wer die richtige Staatsbürgerschaft hat, darf auch reisen, wer Geld hat, auch zwischen 250 Joghurtsorten wählen …

Jürgen Habermas hat in seiner „Theorie des Kommunikativen Handelns“ versucht, eine nicht-strategische Vernunft als Basis der Gesellschaftskritik und somit einer Kritik der „systemischen“ Mechanismen – Macht und Geld – zu formulieren. Dass er später auf Kritik weitestgehend verzichtete, ja, ist so; die Konzeption des „verständigungsorientierten Handelns“ hat sehr viele Tücken, sei aber doch erwähnt. Grob gesagt: Strategisches Handeln will auf etwas/Andere einwirken, um es/Andere zu beherrschen.

Verständigungsorientiertes Handeln verständigt sich mit jemandem über etwas in der Welt. Das können Tatsachen, Normen oder auch Ästhetische Urteile sein. Für die, die es interessiert: Grob folgt das den 3 Kritiken Kants. In assymetrischen Konstellationen ist da eigentlich Hopfen und Malz verloren, aber man kann ja so tun als ob.

So, und wir haben nun die JHV, und alle versuchen, in irgendeiner Form auf irgendetwas einzuwirken und dabei im Ego-Sinne – es gibt auch Gruppen- und Gremien-Egos – möglichst gut da zu stehen. Aktuelles Beispiel: Der Aufsichtsrat des FC St. Pauli.

„1. Der AR wird vereinsinterne Diskussionen zwischen Gremien, wie schon in der jüngeren Vergangenheit, nicht in die Öffentlichkeit verlagern und seine Linie hier nicht verlassen.
2. Zu den vom AR gestellten Anträgen äußert sich der Aufsichtsrat vor der Mitgliedschaft und erläutert seinen Antrag auf der Jahreshauptversammlung des FC St.Pauli.
3. Wir missbilligen die Veröffentlichung von Informationen und die Interpretationen zu vermeintlichen informellen Aussagen von Aufsichtsräten aus internen Sitzungen. Ebenso missbilligen wir die Veröffentlichung von internen Protokollen.

Dieses sollte, so weit ich informiert bin, über den Verteiler des Pressesprechers Christian Bönig distribuiert werden, und der wollte das nicht.
Daraufhin wurde es durch die Gegend gemailt, um unter anderem Blogger dazu zu animieren, es zu veröffentlichen. Ich finde die Nutzung von Social Media dafür prima, aber ein wenig widerspricht das ja Punkt 3. Das Protokoll der Präsidumssitzung ist nun etwas anderes als eine Pressemeldung, ja. Trotzdem.
Und dieses Präsidiumsprotokoll ist für ein demokratisches Verfahren ein doch ganz gewichtiges Stück Papier. Demokratie braucht Transparenz, gerade dann, wenn man sich über etwas in der Welt verständigen will, sind Informationen unerläßlich. Sonst weiß man einfach nicht, worüber man redet.
Und was wird denn da „intern“ eigentlich so geredet, wenn zu mißbilligen ist, darüber mit Dritten zu sprechen? Das sind ja nun weder lauschige Mails mit der Geliebten noch ärztliche Dokumente über Krankheitsverläufe noch pornographische Vorlieben noch Kontostände.
Es geht darum, was das Präsidium für unterschriftsreif hält.
Und das lässt Rückschlüsse auf grundsätzliche politische, normative Orientierungen zu, denen die operativ Verantwortlichen des Vereins folgen, wenn sie handeln.
Das ist auch keine „Mini-Krise“, bei der man dann, „Ach, Scheiße, sorry!“ sagen könnte. Nee, ihr vom Magischen FC, da geht es um ganz grundsätzliche Fragen, wie man zu Bürgerrechten, ja, Bürger-, nicht Fanrechten, zu Präventivjustiz und einem Abräumen rechtsstaatlicher Prinzipien steht. Ich kann das nicht trivial finden. Das ist doch kein Versehen wie ein umgekippter Becher Kaffee oder ein falsches Wort, das aus Versehen verletzte.
Dass Herr Spies nun in der Süddeutschen eine andere, diskursive Herangehensweise wählt, das ehrt ihn ja. Das finde ich gut. Mal gucken, in welcher Form das für ihn handlungsleitend sein wird. Aber die aktuelle Mitteilung, dass das überarbeitete Papier abgelehnt wird, wird nicht mit dessen Untauglichkeit, sondern mit der Notwendigkeit der vereinsinternen Abstimmung begründet. Dann fühlen sich alle in der „Fanszene“ wieder in ihrer Wichtigkeit und Bedeutsamkeit bestätigt, und nach der JHV brennt der nächste Baum. Und Herr Orth verkündet, er brauche einen Fan-Beirat, um ein wenig politische Bildung zu erhalten. Na, das macht zuversichtlich.
Ich habe von Herrn Stenger nie dergleichen vernommen – irgendeinen relevanten Kommentar zur Bürgerrechtsfrage. Gerüchte nach der vorbidlichen Schweinske-Cup-Pressekonferenz, ja, ausdrücklich Gerüchte, besagten, er sei dagegen gewesen.
Der lebt ja in Strategien. Deshalb hat er seinen Job bei den unsäglichen Sanktionen der DFB-Gerichtsbarkeit auch systemimmanent gut gemacht. Nur: Wenn er nur systemimmanent denkt, im Rahmen adminstrativer und ökonomischer Macht, wird er zumindest keine relevanten Visionen für die Zukunft des FC Sankt Pauli haben. Nur systemimmanent zu denken und zweckrational zu verfolgen ist letztlich irrational, wie schon Max Weber wusste. Weil es dann gar kein Warum mehr gibt, aufgrund dessen man ein Ziel verfolgt. Es gibt dann nur den puren Erhalt eines Sub-Subsystems – eigentlich zwei, Wirtschaftsunternehmen und gemeinnütziger Verein – namens FC St. Pauli, aber es geht nicht mehr darum, was das eigentlich meint, „FC St. Pauli“.
Dann kann man noch so argumentieren, dass ein Präsidium da arbeitsteilig vorgehen können muss. Ja, ist eine mögliche Antwort. Kann ja jeder deshalb im Sinne Gernot Stengers stimmen.
Aber man kann doch nicht einfach bleiben lassen, diese Frage auch und gerade jetzt zu stellen, ob das gelungen ist bei dem aktuellen Präsidium, das mit der Arbeitsteilung. Wer ist da für das „Warum?“ eigentlich zuständig? Gibt es uns nur zum Fussball spielen lassen und zugucken, ergänzt durch die sportreibenden Amateur-Abteilungen?
Werden viele so sehen, das ist dann aber nicht mehr das, was den FC St. Pauli seit Mitte der 80er Jahre ausgezeichnet hat. Das ist auch keine „interne“ Frage, die zwischen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Präsidium mit den Banken, der UFA, der Fernsehlotterie und der DFL zu diskutieren wäre, und auch nicht nur auf der JHV und dann wieder ein Jahr lang machen, was Herr Meeske und die anderen vorgeben.
Das IST keine Mini-Krise.
Was aber vermutlich Montag gar keinen interessieren wird. Die einen amüsieren sich wie bei jedem Shitstorm aufgrund des hohen Unterhaltungswertes. Die nächsten sind darauf bedacht, das man vor jeweils IHREM Gremium doch bitte Respekt haben solle.
Darüber werden dann lange Reden geschwungen. Ist ja so ein Vereinskuriosum, ein bißchen wie bei Stromberg, dass dann – auch von mir, ich schäme mich – lange Reden darüber, wer wann von wem einen Schlüssel aus Respektlosigkeit nicht bekommen hat, Beifallsstürme provozieren.
Und worüber wir uns in dieser Welt eigentlich verständigen, das wird dann, ach Scheiße, muss ja sein, dem Textbausteinprogramm für Sonntags- und Büttenreden entnommen.

EDITH: Zu Aufsichtsrat, Präsidium und wer da was wie erklären wollte und nicht und wieso was wie kommuniziert wurde oder auch nicht lese man hier: http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6735

Vor der JHV: Konkretes – Dringlichkeitsantrag und Dr. Gernot Stenger

„Die Mitgliederversammlung möge beschließen, den Organen des Vereins die Veranlassung soge- nannter Vollkontrollen / Ganzkörperkontrollen von Heim- oder Gästefans bei den Spielen des FC St. Pauli zu untersagen und sie zugleich beauftragen, im Falle einer entsprechenden Veranlassung von staatlicher oder anderer Seite sämtliche rechtmäßig zur Verfügung stehenden Mittel, insbes. auch Rechtsmittel, auszuschöpfen, um die Durchführung abzuwenden.“

Ein nachgereichter Dringlichkeitsantrag, vollumfänglich zustimmungsfähig. Obwohl das Abtasten durch den attraktiven Ordner-Jüngling beim letzten Heimspiel ja schon fast erotisch war – 😀 – ist diese Perspektive eben nicht verallgemeinerbar.

Auch deshalb voll unterstützungsfähig. Diese Notiz aus dem Präsidiumsprotokoll erzählt ja eine lange Geschichte. Ganz wie DFL und DFB im Allgemeinen fällt das jenen in den Rücken, die sich für einen kontrollierten (!!!) Pyro-Einsatz stark machen.

Zudem ist diese seltsame Verdichtung „Keine Gewalt, keine Pyrotechnik“ eben der verkürzte Claim für derart viel rechtwidrigen Schindluder, dass es mich schüttelt, das das nun als zentrale Aussage aus diesem unsäglichen Papier heraus gelesen wurde. Da muss man ja Melonen auf den Augen haben.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass derart gravierende Änderungen an dem antidemokratischen Machwerk noch vorgenommen wurden nach der Präsidiumssitzung, dass Herr Stenger sich anschließend distanziert hätte. So lasen sich auch nicht die Verlautbarungen auf der Homepage, denen ja zu entnehmen war, dass erst auf Druck zu einem Zeitpunkt, da der volle Wortlaut sogar mir längst bekannt war, die Zustimmung dem Papier entzogen wurde.

Und genau DAS ist ja, was einen bei diesem Präsidium so ärgert. Dass die nicht ganz von selbst mal darauf kommen, fest zu stellen, was für ein Dreck da unter Ägide der DFL zusammen geschmiert wurde. Dieses hilflose „Fan-Beirat“ fordern, dem Boulevard in der JHV vorauseilender Propaganda kolportiert, finde ich zwar formal richtig. Einfach, weil der Ständige Fanausschuss nicht formaldemokratisch legitimiert ist.

Aber ansonsten ist es nun wirklich kein Kunststück oder auch keine für Ehrenamtliche allzu große Herausforderung, sich über Denkweisen und Positionen von Mitgliedern des Vereins, für den man zu sprechen vorgibt, zu informieren. Wie Herr Spies in der Süddeutschen ja demonstrierte.

Wieso dann also diese Haltung zu dem vermeintlichen „Sicherheitspapier“?

Das entspricht mutmaßlich der strategischen Orientierung zumindest Herrn Stengers, ganz einfach.

Bei aller persönlichen Sympathie: Diese Identifizierung des „Jolly Rouge“ einst in einer Pressekonferenz mit Blut und Gewalt lag auf der gleichen Linie und ist schlicht und ergreifend die Masche der Konservativen zur Verunglimpfung linker Politikansätze. Wahrscheinlich hätte er sich empört gezeigt, als Corny einst medienwirksam den Spiegel in der „Klappe“ zerschlug, oje, Gewalt, und wenn die Polizei so was macht, wird es schon richtig sein … das sei ja wohl Gebot der Toleranz, die da rum schnüffeln zu lassen.

Wollen wir diese Haltung beim FC St. Pauli in verantwortlich operativer Position haben? Ich nicht.

Demnächst auf St. Pauli: Antigentrifzierungsdemos presented by STRABAG!

Sind halt die, die ich fand, als ich den Bauherren der „Tanzenden Türme“ suchte, somit seien sie einfach exemplarisch genannt für Immobilienriesen und nicht selbst gemeint. Und einen Fachanwalt für Immobilientransaktionen haben wir schließlich (zumindest noch) im Präsidium. Auch interessant beim Thema „Gentrifizierung“, übrigens. Würde uns Herr Dr. Stenger viel zu erzählen können, mutmaßlich.

Und sie kommen ja supersympathisch rüber, der Ebbe, der Bene und der Boller. Sind ja auch unsere Helden.

Nun allerdings Promo-Clips einer Coca Cola (!!!) -Marke (danke, Erik, für den Hinweis) mit Statements wie „St. Pauli hat eine politische Haltung, die es sonst so nicht gibt im Profifussball, hat natürlich ’ne ganz krasse Vorreiterrolle“ zu garnieren, ist das Verarschung oder Realsatire?

Absurder geht ja gar nicht. Dann Zoom auf den Jolly Rouge, fehlen eigentlich nur noch „atmosphärisch starke“ Bilder von Pyro beim Diffidate-Marsch mit launigem Blaulicht als Zwischenschnitt.

Nein, man kommt um Sponsoren nicht herum, aber die Nummer ist echt eine Frechheit. Mal ab davon, dass es geschnitten ist wie am iPhone und die Musik da drunter geklatscht wurde wie ein fauler Apfel, an eine Häuserwand geschmissen – eine derart krasse Entleibung der politischen Botschaft empfinde ich echt als Schlag ins Gesicht. Nicht, weil es falsch wäre, was die Jungs da sagen – aber Coca Cola? Es ist kein „Antiamerikanismus“, da schlechte Laune zu bekommen.

Rechts bei den Youtube-Videoempfehlungen ist zu sehen:

 

FC St Pauli: a socialist football club in Hamburg’s Red Light District

 

Ich lach mich scheckig. Coca-Cola-Sozialismus. Gelungener kann man die politischen Messages gar nicht zum Gespött der Wieauchimmerlinken in Deutschland und darüber hinaus machen. Kein Wunder, dass bei Twitter über „Politclowns“ gewitzelt wird, wenn es um unsere Fanszene geht. Weil eben auch über so einen Quatsch aus welcher Marketing-Ecke auch immer völlig absurde Bilder transportiert werden.

Aber der FC St. Pauli ist ja auch der Verein, dessen Fanartikelkatalogmacher einer schwarzen Frau empfehlen, sich die Haare für Fotos glätten zu lassen, ein Afro würde da nicht hinein passen. Ist zwar ein paar Jahre her, macht es aber nicht besser.

Kann mal jemand den Vermarktungsnasen ganz kräftig und natürlich gewaltfrei in die Eier treten?

 

Vor der JHV: Ein Rundumschlag

„Mit Fug und Recht ist der FC St. Pauli stolz, der etwas andere Verein zu sein. Vor Heimspielen ertönt die Hymne des Gegners, rechte Stimmungsmache wird verachtet, ausländerfeindliche Sprechchöre sind tabu.“

Ach, der Herr Wenig, der zu Wortspielen reizt … das sollte einem aber nachhaltig zu denken geben, wenn der nun ausgerechnet findet, der FC St. Pauli würde sich „mit Fug und Recht“ als der „etwas andere Verein“ bezeichnen. Herr Wenig, der ganz wie das Präsidium dieses jämmerliche  „Toleranz“-Gequatsche anstimmt, um über Inhalte nicht schreiben zu müssen. „Ausländerfeindlichkeit“ bei dem seinem Selbstverständnis nach antirassistischen Verein zu schreiben ist natürlich auch eine Methode, PoC zu „Ausländern“ zu erklären. Aber so denkt Mann bei Springer. Wo doch in anderen Stadien antibritische Chöre und jene der Schwedenhasser zur Tagesordnung gehören.

Wer dieser „ausgerechnet Herr Stenger!“-Rhetorik auf den Leim geht, die gerade überall gestreut wird, hat selbst schuld. Es geht ja nicht um die Person Stenger im Allgemeinen, sondern um konkrete Handlungen – und die Art, wie sie im Verein kommuniziert wurden. Um  ein Papier von tatsächlich enormer gesellschaftlicher Ausstrahlung; dass außerstaatliche Rechtsbeugungen und institutionalisiertes Unrecht mittels DFB, DFL, unseriösen Medien und Polizeigewerkschaften oft rund um den Fussball, weil visuell spektakulär, als Feld geradezu leninistischer Avantgarde-Politik mit stalinistischen Einsprengseln sich ballen, das ist allseits bekannt – als Vorhut einer fortwährenden Verschiebung fort vom Rechts- hin zum Kontroll-, Disziplinar- und Präventivstaat, in dem privatwirtschaftliche Großakteure die Richtung bestimmen.

Bemerkenswert ist, dass gerade denen, die immer am lautesten „Law and Order“ schreien, das alles am allermeisten am Arsch vorbei geht. Weil sie die Unterwerfung unter Autoritäten und noch so falsche Reglements als prioritär gegenüber begründungsfähigen Regeln und Urteilen betrachten. Wenn die MoPo heute Tjark Woydt richtig zitiert, regt auch der sich weniger über den von der DFB-Gerichtsbarkeit mutwillig und wissentlich dem FC St. Pauli zugefügten Schaden (Sanktion ist Schaden) auf als über verhältnismäßig marginale „Delikte“.

So funktioniert totalitäre Logik: Man hinterfragt die Regeln nicht und sanktioniert und beschimpft stattdessen die von Unrecht Betroffenen. Ob sie nun zu kurze Röcke tragen, Menschen gleichen Geschlechts knutschen oder einfach nur „anders“ (als was wohl?) aussehen. Das ist der deutsche Spießer. Und nein, es ist nicht falsch, das zueinander in Beziehung zu setzen, weil seit Lawrence Kohlberg spätestens bekannt ist, dass diese autoritäre Moralkonzeption, die Regeln deshalb folgt, weil es die der Mächtigen und Privilegierten sind und sie „Tradition“ haben eine formale Struktur ist, die sich auf beliebige Inhalte beziehen kann.

Nun gibt es aber auch genug Gründe für die „Fanszene“, sich an die eigene Nase zu fassen. Als ich neulich bei „Ein Kessel Braun-Weißes“ stand und das Grußwort von Jobst Plog zum „multikulturellen Verein“ hörte, hätte ich fast einen Lachkrampf bekommen, als ich mich umsah. Monokultureller geht kaum.

Und grübelte so vor mich hin, wann ich eigentlich das letzte Mal eine ernstzunehmende ÜBERGREIFENDE politische Aktion rund um das Millerntor mitbekommen habe. Also eine, wo es nicht ausschließlich um das Stadion (Goliathwache), „Fan-Rechte“, Konflikte zwischen Fans und Polizei oder direkt das Viertel, Obdachlose unter Brücken vertreiben oder Gentrifzierung, ging.

Mir fiel nichts ein. Nichts. Ah, doch, „gegen Nazis“. Das ist Frau Merkel auch. Ohne Nazis hätte die deutsche Mitte ja auch niemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen kann, um in Selbstgerechtigkeit die ganze rassistische, homophobe, sexistische und klassistische Scheiße anzurühren, mit der sie angeblich nichts am Hut hat.

Natürlich gilt gerade im Fall des FC St. Pauli „Think globally, act locally“, ja. Aber wird eigentlich noch irgendwas diskutiert, wo es NICHT um die jeweils eigenen, unmittelbaren Belange geht?

Mich regt ja, seitdem dieses Präsidium am Ruder ist, deren leerer Formalismus die ganze Zeit auf. Ich glaube, der Großteil der Stadiongänger peilt gar nicht, was das für Leute sind, in was für Referenzsystemen diese agieren, in was für wirtschaftlichen Zusammenhängen sie unterwegs sind. Oder sie finden das irgendwie wichtig für das „Wirtschaftsunternehmen im deutschen Profifussball“, weil die Welt ja so sei. Der „etwas andere Verein“? Gab mal Zeiten, da nahm man das nicht so hin. Jetzt bestätigt die Mitgliedschaft des FC ST. Pauli die Anzahl der Business-Seats auf Jahreshauptversammlungen, weil Herr Meeske Zahlensalate kredenzt.

Was bei uns zählt, ist der Effekt, die substanzlose, symbolische Geste. Deshalb regen sich alle mehr über Fotos von Ex-Präsidenten auf Wasserwerfern auf als über das Hamburger Polizeigesetz oder Racial Profiling. Natürlich finden das auch zumindest die „aktiven Fans“ Scheiße, aber so richtig Spaß macht Empörung über Bilder aus Susis Showbar-Loge. Das LED-Laufband muss weg! Die Business-Seats bleiben …

Ich bin mir auch sicher, dass das Präsidium viel mehr Gegenwind noch hätte, wenn davon einer schwul wäre, haben wir ja gehabt: Der FC St. Pauli als der Verein, wo das Wort „schwul“ Buh-Rufe in Chören auf einer JHV provozierte. Oder wenn eine Frau dabei wäre. Oder einer schwarz wäre. Dann würden ganz viele sich „nicht erpressen lassen wollen“. Und es würde rum geschnüffelt, ob sie es nicht vielleicht mit kleinen Jungs treiben.

Mal ehrlich: Was macht den FC St. Pauli eigentlich noch anders außer der Innenstadtlage? Das Spielen der Gästehymne. Kaum Negativ-Support. Alles prima.

Und ja, ich liebe diesen Verein. Treffe da wöchentlich so viele tolle Leute, die ich aber so was von tief ins Herz geschlossen habe.

Aber kann es nicht sein, dass die „Fanszene“ einfach nur ganz genau so selbstbezüglich und inhaltsleer ist wie das Präsidium auch?

Würde mich freuen, wenn (nicht nur) bei der JHV der Gegenbeweis angetreten würde …

B-Movie oder großes Kino? Hertha BSC – FC St. Pauli 1:0


Besuche bei Auswärtsspielen zumeist mein Lieblingskino, die O-Feuer-Bar. Der Stammplatz am Tresen ist immer reserviert; ich brauche einfach das heimelig Vertraute, will ich die ästhetischen Abenteuer rund um die Soundproduktion, die mich aktuell selten vor 3 Uhr ins Bett kommen lassen, ganz auskosten, das behutsame Vortasten, Probieren, Loops produzieren und Kombinationsmöglichkeiten austesten.

Womit ich schon beim Spiel angekommen wäre: Macht Frontzeck ja auch gerade so. Und ich finde, bisher macht er es ebenso gut wie die Mannschaft. Ein möglichst dicht gewebter Sound-Teppich und sich verschiebende Flächen und Felder als Basis; fast der Struktur des Powerchords oder der Akkorde, mal auch des Bongowirbels folgend gleich immer zu zweit oder zu dritt auf den ballführenden Gegenspieler, so dass ein Wirbeln fast wie zu Wagners Wassergeistern … nee, sorry, das waren jetzt die anderen.

Wobei die, die bei der Hertha spielen, da nun auch nichts für können. So einen wie Ndjang würde ich mir ja schon als Posterboy an den Kühlschrank pinnen. Aber bei diesem Stadion kriege ich trotzdem schlechte Laune; dieses ausgerechnet zur „Party-Patriotismus“-WM aufgedonnerte „Triumph des Willens“-Gemäuer ist irgendwie Symbol dafür, dass Deutschland noch zynischer, beschissener, verlogener und einem monumentalen Funktionalimus sich hingebend wurde, nachdem Berlin als Hauptstadt mit hin gerotztem Regierungsviertel die Meinungsführerschaft der Wichtigtuerei übernommen hat und dort in Mitte halb Europa ruiniert wird und darüber hinaus von Merkel, Steinbrück und Co.

Und während sich ja Union Berlin als das zu positionieren scheint, was wir mal waren, super!, schreit einen bei der Hertha immer diese zweitklassige Großkotzigkeit der „Wirtschaftsnation“ an, die fortwährend und zugleich Armut, Hass und Nationalismus produziert. Das stinkt noch aus jedem Text eines Welding, eines Fleischauer, eines Poschardt und wie die bei allen Differenzen auch alle heißen mögen, Roenicke, Augstein, letztlich ja doch alles die gleiche ranzige, weiße Buttercreme auf der morbiden Torte „Berliner Republik“, in der man im Kino Hitlers „Untergang“ toll gespielt findet, um den Hass auf die Opfer mal für 90 Minuten zu vergessen. Darin, dass dieses Stadion tatsächlich noch bespielt wird, anstatt es als Gedenkstätte oder wasweißich zu nutzen, liegt wenigstens das Glück als Möglichkeit angelegt, am Schulterblatt in der O-Feuer-Bar sich daran erinnern zu können, wie es da rundherum mal war, als ein Musical-Theater mittendrin verhindert wurde.

Ja, alles rein assoziativ, und doch: Ich war gebannt.

 

 

Okay, ging am Ende doch schief, scheiß drauf. Die erste halbe Stunde war kaum zu ertragen, so konzentriert die Boys in Brown. Da regierte unerbittlich das Gefühl „Fuck, wer jetzt den ersten Fehler macht, verliert“. Kam viel später, der Fehler, und diese Soli nun wieder im musikalischen Sinne verloren sich oft in falschen Noten und plötzlichem Abbruch – ich meine die Versuche, auf Konter zu spielen.

So what, die finden sich halt noch und haben alles gegeben. Bin eigentlich froh, nicht mehr einer „Spitzenmannschaft“ im Sinne der zweiten Liga anzuhängen, das bietet Raum für Spaß und Emotionen jenseits der Erwartungshaltung: Den Genuß des Sich-Einlassens.

Wo schon ansonsten der FC St. Pauli sich musealisiert, nur noch von Vergangenheiten zehrt und nicht gepeilt hat, dass im „Subito“ mittlerweile ein Fischladen ist. Das neue Stadion wird zwar eine prima Akustik haben und doch die Antwort auf die Frage, wie es denn nun zu schaffen ist, sich nicht an die Austauschbarkeit des Präsidiums anzupassen, noch länger suchen, befürchte ich.

Auch wenn Herr Spiess Ghostwriter zu engagiert haben scheint, die ihm Artikel für die Süddeutsche schreiben, so als Mann des Wortes war er es vielleicht auch selbst, na, wir sehen uns ja vielleicht morgen beim Museumsverein …

Immerhin scheint die Truppe auf dem Platz sich zu finden. Zumindest sucht sie, so ist das auf Heldenreise.

Und vielleicht schafft sie es ja, aus B-Movies großes Kino zu machen!

Hätte einst besser zu uns gepasst als „Top 25“ in der reinen Form des Stadions. Dann könnten wir was von ihr lernen.

 

Liebes Präsidium des FC St. Pauli, tretet im Sinne des Vereinsfriedens geschlossen zurück!

Nach dem programmatischen Pamphlet soeben nun doch noch der Griff in die Argumentationskiste: Ich habe mich gestern gefreut. Nachdem ich nahezu am Verzweifeln war, dass sich trotz des Agierens vieler im Netz und hinter den Kulissen eine JHV des FC ST. Pauli abzeichnete, die nach viel Wind keine Konsequenzen erwarten ließe, ist den Anträgen nun ganz anderes zu entnehmen. Es hat tatsächlich jemand den Mut gefasst, die Abwahl Gernot Stengers zu beantragen.

Nun ist mir Herr Stenger persönlich durchaus sympathisch und im persönlichen Gespräch auch als jemand erschienen, dem die Tugend des Zuhörens geschenkt wurde.

Dennoch war auch für mich der Name Stenger unter diesem mit Totalitarismen durchsetzten „Sicherheitspapier“ der DFL etwas, was ich als eine Art Entweihung des FC ST. Pauli oder so ähnlich, eben jenseits des Religiösen, aber trotzdem, gelesen habe. Das hat mir physische Beschwerden fast erzeugt, war eine unerträgliche Grenzüberschreitung; ebenso diese beleidigte Meldung auf der Homepage nach Intervention des Fanclubsprecherrates oder des Ständigen Fanausschusses zu dem Thema war für mich derart fernab all dessen, was ich trotz allem noch mit diesem Verein verbinde, dass ich fast schon überlegte, auszutreten.

Nun ist es das, was potenziell die Herren wollen könnten. Leute wie zum Beispiel mich wegen zu anstrengend zugunsten eines innerstädtischen Mittelstand-Eventzentrum am besten loswerden.

Ja, die Herren. Natürlich muss Herr Stenger jetzt auch den Kopf für die anderen mit hin halten, die aktiv in ihrer Amtszeit durch Handlungen wie auch Unterlassungen dem Verein zwar den Stadionbau weiter voran trieben und durch die Fan-Anleihe auch ermöglichten, die Herrn Azzouzi an Land zogen – aber ansonsten auf der Habenseite außer der Schweinske Cup-Pressekonferenz wenig verbuchen können und so dem Verein schleichend, aber nachhaltig die Substanz rauben. Ihm Kanten abschleifen, Widerständiges sanktionieren oder aber Sanktionen trotz anfänglicher Kampfeslust beim Becherwurfdelikt in vorauseilendem Gehorsam dem DFB gegenüber abnicken. Und so zu einer Atmosphäre beitragen, die nicht etwa da, wogegen Widerstand nötig ist, noch angreift, sondern die Widerständigen zu Schuldigen erklärt.

Ich sehe das auch anders als Curiuos:

„Wichtiger wäre es grundlegende Strukturen zu etablieren, die dem Verein bei derartig zentralen Fragen eine Form der Mitwirkung gestatten, so dass das Präsidium hier nicht ‘einfach so’ losgaloppieren kann.“

So in etwa ließ sich ja in einer bestimmten Hinsicht, nämlich des Einwirkens auf Personalentscheidungen, heute auch der Aufsichtsrat in der Mopo zitieren. 

Ergänzend ist das ein guter Plan; auch, weil informelle Organe wie der Ständige Fanausschuss keine demokratische Legitimationsbasis haben und man statt dessen etwas Formelleres schaffen könnte. Nur können noch so viele interne Kontrollgremien nicht das falsche Personal an der operativen Spitze ersetzen. Zudem allerlei Gouvernanten und Aufpasser den Spaß an der Aufgabe auch nicht steigern und Satzungs- und Gremiendschungel oft nur neue Probleme erzeugt. Und auch, weil die Lust am Machtkampf im Rahmen des FC St. Pauli nix wäre, was ihm äußerlich bliebe. Oft ist ja bei uns der Respekt vor dem Gremium wichtiger als das, was dieses will, sagt und macht.

Ich wünschte mir ein Präsidium, das informiert und auch biographisch erfahren genug ist, um von selbst zustimmungsfähig initiativ zu werden. Wobei ich mit „biographisch erfahren“ Erleben auf jenen Feldern meine, die den „Mythos“ begründen halfen. Immobilientransaktionen, juristische Hegde-Fond-Beratung und Headhunting waren das nicht.

Ein Präsidium, das sich nicht solche Possen wie rund um Schubert im Mai leistet, sondern die Eckpfeiler einzurammen vermag, die den FC St. Pauli bisher unverwechselbar gemacht hatten. Der nunmehr in Austauschbarkeit sich aufzulösen droht: Eben die Balance zwischen einem Wirtschaftsbetrieb in der aktuell zweithöchsten Spielklasse und einer Tradition von widerständigen Gegen- und Alternativkulturen auszutarieren.

Das ist schwierig, das aktuelle Präsidium hat nichts außer einer Pressekonferenz in dieser Hinsicht zustande gebracht. Die Gegengeraden-Stehplatz-Planung gab es meines Wissens schon zuvor.

Um zugleich bei Gleichsetzungen wie jenen zwischen Pyro und Diskrimierung von PoC, Frauen im Allgemeinen und Lesben im Besonderen sowie Schwulen in Papieren mitzustricken, so dass mir diese eh schon nervtötende „Toleranz“-Rhetorik der weißen, heterosexuellen Männer retrospektiv noch mehr auf den Magen schlägt, die auf der letzten JHV angestimmt wurde.

Diese Entleerung zieht sich durch alle Bereiche des Wirkens dieser Herren; das ist dem FC ST. Pauli nicht gemäß. Und der ausgeprägte Klassismus, der sich nirgends deutlicher zeigt als beim Eingang zur Haupttribüne, diese preußische Dreiklassengesellschaft, mag bis zu einem gewissen Punkt wirtschaftliche Notwendigkeit sein – mir fehlt jeglicher Ansatz einer Kompensation dessen. Die Stehplätze gegenüber alleine können es nicht sein.

Deshalb meine dringende Empfehlung an das Präsidium: Tretet im Sinne des Vereinsfriedens geschlossen zurück, um eine Schlammschlacht zu vermeiden. Und macht so den Weg frei für ein Präsidium, das den FC St. Pauli besser versteht als ihr.

Ich weiß nicht, ob das satzungsgemäß geht, aber ist dann nicht eine Neuwahl möglich, bei der ihr wieder als Kandidaten antretet, aber eben auch Alternativen zur Wahl stehen, so dass eine wirkliche demokratische Entscheidungsfindung möglich ist? Hier hat der Aufsichtsrat zu übernehmen. Der schlägt die Kandidaten vor.

Es kann ja sein, dass es eine Mehrheit für ein sinnentleertes Mittelstandsidyll inmitten Hamburgs gibt. Dann wissen andere und ich wenigstens, woran sie sind. Aber jetzt einfach so weiter machen, nur weil es angeblich keine Alternativen gibt – das bedeutet Siechtum und die alleinige Konzentration auf den sportlichen Erfolg.

 

EDITH: Hier die Gegendarstellung von Gernot Stenger. Sehe meinen Text davon nicht berührt, vielleicht später noch mehr dazu. Außerdem riecht das für mich doch sehr danach, Klagen gegen die Abwahl vorzubereiten, um die Existenz „wichtiger Gründe“ anzufechten. Reine Mutmaßung freilich meinerseits.

Wieso es mir so schwer fällt, aktuell Spielberichte zu schreiben …

Weil sie nicht mit Musik unterlegt oder gemalt sind, nicht gesamplet oder mit Videofiltern versehen und Sprache eben einfach nicht ausreicht. Deshalb fällt es mi so schwer.

Seit Wochen probiere ich rum mit Apps, Pads, spiele mit dem Kaossilator, Looptastic, Rebirth, der Maschine Mikro der  „Native Instruments“ (wobei ich nicht weiß, wie ich das „Native“ da einordnen soll), Garageband und lauter tollen anderen Tools. Und ich stelle nur immer wieder fest, wie viel stärker diese Ausdrucksmittel – ja, selbst bei vorgefertigten Loops, die man neu arrangiert – sind als all die Versuche, argumentativ in noch so merkwürdig verschwurbelter Form Gehör zu finden.

Das versuche ich hier ja sonst, eben permanente Diskurstypenvermischung und Ebenenvermengung beim Rumprobieren auch mit sprachlichen Formen. Weil die ganzen formatierten Artikulationsmodi, in die man genötigt wird, während sie einen entfremden, verbiegen und jeder Bewertungsmuster aufprägen, eben doch eine Assimilation an die Ausdrucksmittel der Herrschenden sind. Und das, was man verlernt, während man lernt, wiederzugewinnen ist. Weil Lernen immer ein Verlernen ist, eben dessen, was als „falsch“ gilt (und wer warum sozial weiter unten in der Hierarchie steht). Beginnt schon beim Spracherwerb, ich verfüge über kein richtiges R, von wegen Hannover als dialektfreie Zone. Wenn ich „Kirche“ sage, hört sich das eher wie „Küache“ an. Oder so.

Auch deshalb war für mich Noahs Album so ein A-Ha-Erlebnis. Ich verfolge die Diskussionen, Anfeindungen, Herabwürdigungen, denen sie angesichts ihrer Aufklärungsarbeit ausgesetzt ist, seit nunmehr 10 Jahren. Und habe bei all den Weldingates, Lampenstreits und Völkerschauen im Zoo vor allem immer wieder fest gestellt, wie scheißegal der Gegenseite das Argument ist, auf das sie sich im Sinne vermeintlicher „Objektivität“ zu beziehen glaubt (hervorragender Text von Antje Schrupp zur Definitionsmacht habe ich da soeben verlinkt). Letztlich ist den ganzen Mansplainern, wie es so schön heißt, doch nur wichtig, dass sie auch weiterhin entscheiden, was richtig und was falsch ist, um die eigene Machtposition abzusichern und Andere eben zu Objekten zu degradieren, zugleich aber deren Perspektiven wahlweise mundtot zu machen oder zu pathologisieren.

Die zweite Person, als das „Du“, wird von den meisten gar nicht erst gelernt. Es gilt der Umweg über das „daß p“ und das „man“, um generalisiert-normalisiertes Verhalten und prästabilisierte Hierachien fort zu schreiben und Abweichungen zu produzieren und zu sanktionieren. Jede dieser Diskussionen soll ein Exempel statuieren, dass eben doch die weißen, heterosexuellen Männer das Sagen haben. Das macht sie so gewalthaltig; WIE immens gewalthaltig, das kann man auf Noahs Blog in einem PDF einsehen.

Was um so gemeiner, unangemessener, respektloser und hinterhältiger ist unter einem Text, der solche Verletzlichkeit zeigt und zulässt. Wie unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen Verachtung statt Achtung sich äußert gerade angesichts von Verletzlichkeit, das wird immer krasser; dass ein Sich-dagegen-wehren mit allen Mitteln und auch von Irgendwielinks allerorten bekämpft wird von Rönicke bis zu Doppeldoktoren, das ist einfach Symptom eines Rechtsrucks in der Gesellschaft von erschreckenden Ausmaßen.

Und doch: Noiseaux haben/hat auf dem Album eben eine so großartige Antwort formuliert, dass ich immer noch unter dem Eindruck der Release-Party stehe. Noah stand dort mit lediglich 3 Geräten, einem Pad mit mit Sounds und Samples zu belegenden Feldern, einem Live Sampler und etwas, das ich nicht kannte. Hat den Raum ausgefüllt mit ihren Electro-Loop-Chansons, hat aus Quellen wie Dub, House und eben dem Lied, dem europäischen, gleichermaßen geschöpft, eine ganz und gar eigene, hybride Welt dabei erzeugt – und natürlich ist das Punk unter den Bedingungen der Jetzt-Zeit. Punk initiierte die „Genialen Dilettanten“, Trios Casio, die Rhyhtmen von D.A.F., die Instrumente der Einstürzenden Neubauten – parallel nutzte der frühe Hip Hop den Plattenspieler und den Ghetto-Blaster als Instrument.

Nun würde ich einer begnadeten Sängerin und Musikerin wie Noah nie Dilettantismus diagnostizieren, nicht falsch verstehen – die technischen Mittel, die sie nutzt, sind aber ein Feld ganz eigener Möglichkeiten. Und ja, natürlich können sich Hartz IV-Empfänger oder Flüchtlinge gar auch keinen iPad und „Native Instruments“ leisten. Ich glaube aber an as Erzeugen popkultureller Atmosphären, die den Boden bereiten dafür, dass man diesen mehr Gehör schenkt und sie nicht nur als menschlichen Müll diffamiert.

Und: Was den Zauber dieser Soundproduktion ausmacht, Mehr von diesem Beitrag lesen

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