Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Thrill me!

;

James N. Frey ist voll der Checker, verdammt.

Pang!

Wie man verdammt gute Romane schreibt, wow!, das kann man bei ihm erfahren.

Yeah!

Und auch, BIBBER!, wie man einen verdammt guten Thriller schreibt! Wuuuuusch, mitten in die Magengrube.

7 Säulen, RUMMMS, lässt er vom Regelhimmel fallen, wie Kometen schlagen sie ein und stehen leicht windschief rund um das Millerntor-Stadion.

HOHES RISIKO: Es muss etwas auf dem Spiel stehen. Existenzen, Erfahrungsräume.

UNAUSWEICHLICHKEIT DER SITUATION: Die Mannschaft MUSS raus auf den Platz, keine Chance, einfach so den Spielbetrieb einzustellen.

SCHEINBARE AUSSICHTSLOSIGKEIT: Sind die Fähigkeiten der Boys in Brown zu limitiert für die Liga? Hat Schubert angeschlagene Spielerpsychen hinterlassen, das Team kaputt trainiert, alle Charaktertypen entfernt und wir haben nun die Sauce? Ist Frontzek ein Aufbruchssignal oder einfach nur die „Wir haben keine Ideen außer Glatzen!!“-Frisurenlösung? Wirkt sich das voraus ahnend auf das Spiel der Mannschaft aus? Sind, wenn wir schon die Aufsteiger nicht schlagen, die Gegner alle zu groß für uns? Mutierten wir vom Pseudo-Goliath präsidialer Propaganda zum David, dem nur noch die Steinschleuder hilft?

MORALISCHER KAMPF: Hey, wir sind doch die Guten! (Die Liga lacht, aber wir glauben das wirklich). Nimmt das Team den Kampf an, wie es sich für St. Pauli als Lebensform gehört, oder folgt es dem Präsidium ins Nichts und löst sich auf in Austauschbarkeit, Inhaltsleere und vorauseilenden Gehorsam angesichts der Unausweichlichkeit dessen, was Mächtigere vorgeben?

TICKENDE UHR: Das Spiel hat 90 Minuten. Die Spieltage, um noch Punkte zu holen, werden immer weniger.

BEDROHUNG: Sie ist real, sie hat andere Vereine schon ereilt – Stadionneubau, Abstieg in Liga 3. Wird das Team sich dem Abstiegskampf gewachsen zeigen?

ECHTE THRILLER-FIGUREN:

„Wie alle Figuren, die man in guter Spannungsliteratur findet, müssen Thriller-Figuren entschlossen und überlebensgroß sein. Dazu sollten sowohl die Helden als auch die Schurken über Cleverness und Einfallsreichtum verfügen.“

Stephen N. Frey, Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt, Köln 2011, S. 54; auch die obigen Stichworte sind den Seiten 54-55 entnommen)

Na, an Schurken mangelt es ja nicht in der Fussballwelt, man denke nur an Rauball, DFB und DFL und ihre den Rechtsstaat konterkarierenden Visionen einer totalitären Zukunft rund um den Fussball … und auch Hape Friedrich als treibende Kraft ist immer für die Schurkenrolle gut. Die „F_ck D_ch, DFB!“-Choreo war treffend.

Was nun freilich nicht den zentralen Plot des gestrigen Abends

ausmachte. Da stellte sich eher die Frage: Haben wir es bei dem Team mit dem, wovor alle Drehbuch- und Romanratgeber warnen, zu tun – nämlich jenen passiven und charakterlosen Hauptfiguren, die den Ruf des Helden nicht annehmen und blass sich in ihr Schicksal fügen?

Das Publikum zumindest war bereit. Habe lange nicht mehr eine so emotionsgeladene Haupttribüne erlebt. Die zogen wieder voll an einem Strang, auch jene, die letztes Mal noch pfiffen. Vom bleiernen Schubert-Joch befreit zeigte sich Entschlossenheit, wieder all ihre Lust, ihre Wut, ihren Willen, ihre Freude, ihre Leidenschaft aus sich heraus zu schreien, zu fiebern, zu leiden, zu fluchen und doch ganz dem Thrill des Spiels zu folgen.

Und auch das Team zeigte plötzlich Gesicht – Charaktere gewannen an Profil. Es schien, als habe zuvor die Nötigung bestanden, sich möglichst gut verstecken. Nun jedoch demonstrierten sie gleich, dass sie in der Lage und Willens sind, ALLES zu geben.

In den ersten 10 Minuten stand Union auch viel zu weit weg vom Mann, an Männer muss man ran gehen, ich sage euch! Manchmal blitzte es noch auf bei unserem Team, dieses Missverstehen dessen, was geeignetes Mittel ist. In solchen Momenten kam zum falschen Zeitpunkt die Hacke und ein Pass, der hochinspiriert sein sollte und nur dem Gegner nützte – doch die neue Doppel-6 Kringe/Boll schien Stabilität zu geben, Saglik wühlte und wirbelte sich über den Platz wie entfesselt, wenn auch noch nicht wirklich präzise. Immerhin ein bravourös zuende gespielter Konter, auch wenn es noch den Pfosten traf. Dieser Tick, den es schon zu Stani-Zeiten gab, noch einmal quer zu passen, anstatt selbst den Abschluss zu suchen, den konnte man leider immer noch sehen.

Sei’s drum: Wäre ja auch langweilig gewesen, hätten wir nach 10 Minuten 3:0 geführt. Es wären vermutlich alle in sich zusammen gesackt und wir hätten uns noch 4 Tore gefangen. Die Spannung muss gehalten werden!

Doch stattdessen dieses sehr schöne Tor dieses Typen von Union, dessen Namen ich sofort wieder verdrängt habe, und zeitweise glomm die alte Ratlosigkeit wieder auf. Das ist normal, wenn das Roman schreiben noch geübt wird, dieser Hänger im Mittelteil. Ein großer Teil des Teams verfügt einfach noch nicht über die nötige Mythologieerfahrung – Schulle und Meggle schon, und man spürte es, dass da erinnert wurde. Die Momente mit den beiden, wer will sie missen? Nicht nur der Bayernsieg mit Meggies Treffer, auch so viele Spiele, mir fällt mein erstes ein gegen die Stuttgarter Kicker, ein 4 zu 0, als Meggle noch gelockt der auffälligste Spieler war. Und Schulle über den Platz pflügen sehen, der als eine Art Anti-Techniker durch Präsenz und Durchschlagskraft so viele Spiele zum fortwährend mitreißenden Knalleffekt verwandelte, ja, man merkte, sie setzen auf den Fortsetzungsroman, statt starre Korsette aufprägen zu wollen, die alle nur ersticken. Von Schulle kann doch gelernt werden, dass man einfach wissen muss, was man kann und was nicht, um die Stärken zu maximieren – anstatt frustriert auf Defizite zu starren.

Und so kamen sie aus der Kabine, die Boys in Brown, und recht schnell nach toller Kringe-Ecke, war doch so?, der Ausgleich. Dann setzte der in der ersten Hälfte teilweise noch der Träumerei von der Spitzenmannschaft sich hingebende Bartels nach, der in diesen Parallelweltphasen immer etwas verpeilt wirkt, doch nun aufdrehte, als habe er am Zaubertrank des magischen FC genippt.

Wusch! Wow! Pow!

War da wieder ein LEBEN auf dem Platz und auf den Rängen. Von der Gegengeraden habe ich zwar nichts gehört, na, fast nichts, aber rund um mich entfesselte Leiber, die sich ganz auf die Intensität einließen, die das Millerntor erzeugen kann.

Als die Doppel 6 entkräftet den Platz verließ, Boll wand sich schon in Krämpfen, die Verletzung des Helden, der sich doch immer wieder aufbäumt, DAS macht den Thriller gut, war irgendwie klar, dass wir uns noch einen fangen. Raunte S. neben mir zu „alles andere wäre jetzt viel zu schön, um wahr zu sein“, und ich glaube, das war wirklich gut, um die Spannung zu halten.

Wir basteln schließlich nicht am nur einen Abend füllenden Spielfilm, sondern einer Thriller-Serie bis an das Saison-Ende.

Und dann, wohl nur für mich, trat noch der Bruns mit dem Pathos, dem Stolz und der Würde eines Matadors zum Freistoß an – also, wenn der in diese Rolle und Körperhaltung geht, wow! Wurde zwar nichts draus aus dem Freistoß, aber egal – auch das gehört zu unserem Spiel.

Ich ging zumindest höchst zufrieden aus dem Stadion … und, ganz ehrlich, ich werde das Gefühl nicht los, dass es gut für uns ist, statt Hybris und einstürzenden Konzepten mal wieder der Underdog zu sein, der ums Überleben kämpft.

Selbst in diesem Spiel war es zu spüren, dass immer dann, wenn die Erinnerung daran, was bis vor kurzem noch Selbstverständnis war, die Spannung nachließ und Leere den Platz erfüllte.

Nichts ist wichtiger, als das im Bewusstseimn zu halten: Wir kämpfen ums Überleben. Gegen den DFB, gegen die Gegner auf dem Platz, gegen den Abstieg- große Anerkennung an die Union-Fans derweil, was Lautstärke und Supportwilligkeit und auch Jubeln nach dem Spiel betraf, beeindruckend! – und, wenn ich nicht irre, auch gegen das eigene Präsidium.

Und ich habe ja z.B. Supermann immer doof gefunden, dieses blöde Kryptonit als einzige Schwäche – der neurotische, traumatisierte Batman ohne Superkräfte war mir immer lieber. Der machte was draus, was sexy ist. Und ich fand das Team gestern echt sexy.

Nur wird sich freilich zeigen, in welche Rolle der Herr Frontzeck, nicht übermäßig erfolgsverwöhnt, sich begeben wird.

Der wirkt schon ein wenig wie jemand, der auch im zerknitterten Trenchcoat oder aus der Mode gekommenen, karierten Baumwollhemd den melancholischen B-Movie-Helden geben könnte, Dirty Michi oder so, der, obwohl schon abgeschrieben, es allen zeigt – ein wenig zerknautscht, nicht allzu geleckt. So, als habe er Prügel einstecken müssen und würde trotz des Leckens von Wunden unbeeindruckt lächelnd weiter gehen, dem Sonnenaufgang entgegen … hoffen wir mal. Also, dass er nicht die Schurkenrolle wählt.

Ich bin gespannt – der Thrill, er bleibt bestehen! Sexy, spannend, unwiderstehlich. Keep on fighting, Boys!

2 Antworten zu “Thrill me!

  1. Pingback: Längst nicht am Ende – #FCSP gegen Union, Dead Can Dance und Fanclub-Delegierten-Versammlung « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Ausgepustet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s