Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Entmumifiziert und transformiert. Ein Fussball- und Kunstabend.

Ein Fussball. Ein Fussballabend. Warhol sein Siebdruck, mir mein iPad.

Wie ein Planet leuchtet der Ball.

Dabei leuchten Planeten gar nicht. Da gleichen sie Fussbällen – eigentlich nur runde Stücke, allerdings von Menschenhand gefertigt. Ohne Spieler ganz nutzlose Dinger.

Doch wie Planeten von der Sonne ihr Licht empfangen, damit sie strahlen können, ihre Ringe gar leuchtend der Sichtbarkeit schenken, so auch das Spiel mit den Dingen. Für Menschen nur. Ja, liebe Leute, das Universum ist FARBLOS.

Doch wir, wir haben diese Fähigkeit, Saturnringen wie Fussbällen sehend und spielend Pracht zu verleihen:  Der Ball lebt von der Energie jener, die aus ihm etwas machen, das größer ist als sie selbst!

Denn, wie schreibt die Mutter von Norman Bates, äh, der Gegengeraden-Gerd vom Dingens, äh, ja. Lehne mich zurück, nippe am Laphroaig Quarter Cask, danke, P.A., danke. S.! Der Whiskey umspült die verkaterte Zunge. Wärme breitet sich wohlig aus im Brustraum. Aromen finden freudige Begrüßung. Geschmacksnerven lehnen sich genüßlich zurück und spüren den Torf hinter der Schärfe. Das Auge trinkt mit, eine hübsche Farbe hat das Zeug. Weil ja der Gegengeraden-Gerd schrub:

„Kennt ihr vielleicht vom Camping.“

Eben. So heißt ja nicht umsonst eine Kategorie in diesem Blog. Ihr wisst schon, die Susan.

Was ihr wohl gerade trinkt, während ihr diese Worte lest? Sitzt ihr in Berlin beim Kräutertee, auf St. Pauli beim Tequilla, in München beim Augustiner Edelstoff? Oder irgendwo unweit der Gironde, total versoffen tiefroten Bordeaux schlürfend, auf Knien, die Kühle des jahrhundertealten Steinbodens des Weingutes spürend, Lieder von Renaud gröhlend im Gedenken an die wilde Jugend, da keine Rebstöcke noch -läuse, sonder Rebellion die Tage in ein feuriges Licht voller Wut und Glauben an die Gerechtigkeit entflammte und ein Fanal des Dagegenseins  entzündete?

Na, die Sontag  meine ich. „Notes on Camp„. Das meint so was:

Wie albern! Wie wundervoll!

Eine App! Eine App, die Malerei auf Leinwand suggeriert, so daß das Bild doch ein wenig wie gestempelt aussieht.

Es lebe das Künstliche! Nur in ihm ist die Wahrheit der Oberflächlichkeit des schönen Scheins ein Weg, sich nicht identifizieren zu lassen. Im Sinne der Freiheit.

Wollte eigentlich behaupten, ich hätte zufällig meinen Aquarell-Malkasten mit auf die Vernissage genommen, die nach dem Spiel mein Herz erfreute, fallera. Da der Spirit of St. Pauli wieder halb da war. Nur die vom Magischen FC haben es nicht gemerkt.

Ja, es macht einen Unterschied, im Stadion zu stehen, die Bürden und Anstrengungen der Auswärtsfahrt auf sich zu nehmen, enttäuscht trotz lautem Gesang. Oder in der Kneipe auf die Beamerleinwand zu starren, gebannt:  Ich habe die Chöre bis auf das Schulterblatt gehört, den Sound der sich ankündigenden Heiserkeit. Aber, liebe Leute: Die erste Halbzeit war prima, bis zum 2:1 war es prima, Buchtmann war prima. Bis ein böser, misshandelter Ball ihm das Hirn erschütterte.

Die Frankfurter waren ja cool, unangenehm straight, igitt, und zielorientiert, auf irgendeine Art so SACHLICH. Völlig verdient gewonnen.

Aber das ist keine Sonnenpracht, die Planeten erhellt. Effizient halt, so what, Effizienz ist was für Leute, die sich der Lust, ein Bild zu malen, nie und nimmer hin gäben, fallera. Die nie eine Installation in Stadiengänge bastelten oder attraktiven Männern in grauen Hoodies aus der Distanz ganz viel „Wow!“ zu schickten, so dass diese Wärme spürten, aber gar nicht wussten, woher die kommt.

Wärme wie von all den kleinen Sonnenstürmen, die unsere Boys entfachten. Okay, es war noch kein Strahlenwehen, das Datennetze auf Erden implodieren ließe. Oder Schamanen unweit des Amazonas Erleuchtung implantierte, ein Wissen, das uns alle retten wird. Vor den Dinosauriern, die gerade in Raumschiffen auf dem Weg zur Erde sind und diese wieder erobern wollen. Hat der Kleine Tod getwittert.

ABER: Dieses junge Gemüse des FC St. Pauli wirbelte toll, und der kurze Einbruch aus einer Parallelwelt, als der Tschauner den Ball ins eigene Netz hob, was eine athtletische Bewegung!, passiert halt. Manchmal funken die dazwischen.

Und wenn Herr Ginzek und Herr Bartels nicht hätten glänzen wollen, sondern Tore schießen, einfach mal nicht den Torhüter überlupfen, mal nicht wie Beckham in den Winkel zirkeln wollen, nix für ungut, Fin Bartels, aber der ist noch halbgöttlicher als Du, ach, egal, selbst als nach dem 2:1 nicht mehr so viel kam, waren wir an der O-Feuer-Sportsbar eigentlich ganz zufrieden.

Ich fand die Aufstellung saumutig, und wenn Schubert einer ist, der die Extreme austesten muss, um die Mitte zu finden, wird man ihn ja vielleicht doch nicht feuern müssen. Die Mixtur aus der Angrifflust und dem Willen zur Kreativität der jungen Dinger und der Sicherheit des kontrollierten Defensivspiels der letzten Rückrunde, die wäre es ja. Ich fand sie prima gestern. Es zählt halt auch das Erlebnis, nicht nur das Ergebnis.

Danach rief die Nacht, und ich rief zurück.

„Hallo. Momo!“

„Hallo, Nacht!“

„Kommste noch ins Stadion zur Vernissage?“

„Okay!“

So schreibt man übrigens keine guten Dialoge. Da hätte ich Widerstände zeigen müssen. Egal.

So wankte ich, leicht angeknallt, zu den heiligen Gängen, erinnerte das Spiel unserer Mannschaft als zwar noch nicht erfolgreich, aber entmumifiziert. Traf den Pantoffelpunk, Freude!!!!, den, dem der Gegengeradengerd seine Texte diktiert, Freude!!!, und wandelte durch ein der Funktionalität entronnenes Stadion:

Ein kichernder Andy Warhol erschien und machte sich über mich und mein iPhone lustig. Als würde er nicht als erster schon iPhone und iPad-Kunst gemacht haben, lebte er noch. Truman Capote an seiner Seite machte sich Notizen, um bösen Gossip über mich und Andy verbreiten zu können.

Ich blieb ganz cool und genoss, dass mal wieder Visionen das Stadionerlebnis prägten. Endlich!

Die beiden wollten sich weg schmeißen vor Lachen über meine sentimentale Zuneigung zu einem Fussballverein. Ausgerechnet ein Fussballverein!

Ganz schön gehässig können sie sein, wenn sie zusammen sind. Ich zuckte die Schulter, berauscht, Iggy Pop verschwamm vor meinen Auge und offenbarte sich mir als Triptychon:

ich lauschte im Geiste dem Sound des Saxophons von Otto Dix‘ Großstadttriptychon und fragte mich, ob die Stooges nicht doch dazu beigetragen haben, dass ein Al Green, ein Solomon Burke, ein Gil Scott Heron nicht portraitiert waren im Gang inmitten der Haupttribüne. Viel auf Pointe getrimmte Kunst war zu sehen, was ja nichts macht

Man kann sich das ja auch so angucken, dass die Pointe verschwindet und ein paar gute, alte Themen der bildenden Kunst neu aufscheinen.

Capote quatscht irgendwas von „Reportage!“ und wieso ich nicht dokumentierte. Ist halt eher ein kaltblütiger Autor, fallera. Warhol kreischt geradezu vor Lachen und faselt St. Paulianer voll, gibt vor, er wolle sie zum „Portrait of Mrs. Cézanne“ von Roy Lichtenstein interviewen.

Gefährlich, manch Spieler könnte das für Laufwege halten, weil dieses „Immer durch die Mitte“ ja tatsächlich ein Problem war, das nicht vorhandene Flügelspiel.

Männer mit Hut, Brille und Pfeffer- und Salz-Mäntelchen stoßen mit mir an. Ich trinke weiter Bier. Der DJ legt einen super Sound auf, wenn er denn zwischendurch mal ran darf. Erinnert mich ein bißchen an diese zauberhaften DJ-Sets von Alle Farben bei der Soundcloud, die auch so wundervoll campy Titel haben, „Liebeslieder für Gespenster„, seufz.

Hilde Knef gesellt sich zu mir, wir stoßen an, „ich bin zu müde, um schlafen zu gehen!“ haucht sie mir mit ihrer einzigartigen Stimme zu und ergänzt ein „Die Ansätze von Buchtmann heute waren aber wirklich prima!“ Ja, auch Berlinerinnen lieben den FC St. Pauli. Erinnere mich gut daran, wie ich als ihr persönlicher Betreuer in Schmidt’s Tivoli, damals, als es noch die Mitternachtsshow im Fernsehen gab, sie aus dem Theaterbereich an der Bar vorbei zum Taxi geleitete. Sie, nicht mehr jung, aber immer noch wunderbar, wankte auf viel zu hohen Pumps und hatte Angst vor Autogrammjägern und dass sie erkannt werden könnte. Sie ging hinter mir, klammerte sich an meinen Schultern fest, und ich zog sie mehr, als dass sie schob, zum Ausgang; „Aber schön war es doch!“ rufe ich ihr zu, während sie sich mit Andy und Truman auf den Weg zum Reeperbahnbummel macht. Susan Sontag und der Gegengeraden-Gerd warten da auf sie.

Eingehakt schwankt das Triumvirat den Gang unter der Süd entlang. Sie stimmen an „Eins und Eins das macht drei“ an und brechen in schallendes Gelächter aus. Truman wird schon was Böses draus machen in irgendeinem Text.

Ich grübel derweil über mein Lieblingsthema, die Linie und die Fläche:

und es geschieht Merkwürdiges: Auf einmal ploppen überall Sprechblasen auf und sonstige Schriften hängen neben Köpfen. Expressiv, so, als wolle Wittgenstein das Äußern von Schmerzen sprachanalystisch auseinander nehmen. Bilder aus Paralellwelten dringen in meinen Wahrnehmungsraum ein. Ich wähne Patrick Gensing in einer Ecke stehen, der immer wieder „Klugscheißer! Klugscheißer! Klugscheißer!“ ruft und gebe ihm recht, ach, das mag ich an mir … Pow!

Ich werde jetzt immer am Whiskey nippen, während ich blogge. Sitze im hinteren Flur meiner Villa, die mit den zwei verschiedenen Türmchen. Der Ventilator ist gar nicht nötig. Ich träume vom Boo’ya Moon.  Summe leise, aber dreckig lachend, „Es hat alles einen Anfang, es hört alles einmal auf, und das, was dazwischen kommt, das ist der Lebenslauf!“ von Hilde vor mich hin.

Sie hat mir eine SMS geschickt. Sie besaufen sich seit gestern nonstop in der Freudenhaus-Bar und probieren die Gin-Sorten durch.

Während ich da saß und dem DJ lauschte. Die Welt wandelte sich, ich betrat die Zone, jene, in der im besten Falle Kreativität, im auch nicht viel schlechteren endloses Geschwalle heraus kommt. Die Welt färbt sich, Sprache verselbstständigt sich …

Das Bier schmeckt immer noch. Diese Anstoßzeiten. Dann gehste um Viertel vor 18 in die Bar und bekommst das Bier hin gestellt, ohne bestellt zu haben. Guckst auf Schenkel auf der Großbildleinwand. Fieberst, sehnst. Es ist gerade mal 22 Uhr und Du schwankst, aber bestens erleuchtet. Aber am nächsten Tag wechselt man die Zeiten in einem Text willkürlich wie Unterhosen.

Hey, der FC St. Pauli konserviert sich nicht nur! Hey, im Spiel und auch inmitten des Stadions sind Transformationen spürbar! Nicht nur Parkhaus, Leben!!!

Wenn doch nur der Mann in dem grauen Sweat-Shirt neben dem DJ nicht so unverschämt attraktiv wäre …

Fühle mich sauwohl, dort, am Eingang zur meiner Haupttribüne sitzend, vielleicht vermisse ich ja doch eines Tages die Bänke auf der alten Haupttribüne nicht mehr ganz so sehr. Hilde schreibt noch eine SMS, „Andy und Truman benehmen sich einfach unmöglich! Herrlich! Und Susan singt die ganze Zeit „Er hieß nicht von Oertzen – doch das Schloß, von dem er sprach, war ein Vorhängeschloß an dem Keller, in dem er sich erschoss“. Schön! Mein Lied!Schreibe gerade ein neues Chanson, „Meine Welt in Purpur, doch die kenn halt auch ich nur“ …“

Ach, Hilde hat schon immer meine Wahrnehmung inspiriert

Schöner Abend. Der FC St. Pauli bleibt sexy. Berauscht entgleiten mir die Sinne.

Denke noch „Ein Fussballabend. Warhol sein Siebdruck, mir mein iPad.“ Und gehe zufrieden heim. Danke, Mannschaft, Danke, Millerntor-Gallery, Danke, Viva Con Agua!

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3 Antworten zu “Entmumifiziert und transformiert. Ein Fussball- und Kunstabend.

  1. momorulez September 23, 2012 um 12:19 am

    Enthält homophobe Untertöne, trotzdem interessant für den Hintergrund:

    http://www.zeit.de/2004/16/a-warhol/seite-1

  2. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Stöpselpanik

  3. Pingback: #FCSP 3M: Millerntor Gallery, Museum & Macht nichts – Niederlage gegen FSV Frankfurt bei tollem Einsatz « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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