Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn 11 Freunde über Schwule schreiben …

Ist das typisch für die 11 Freunde, die bei anderen Autoren Klischees beklagen? Berufen aufs Hörensagen? Keine Gegenrecherche?

„Seiner Meinung nach war es eine Provokation, dass man Hysén als Sprecher für die Eröffnungsfeier ausgewählt hatte. Die Argumentation zielte insbesondere darauf, dass der ehemalige Fußballstar sechs Jahre zuvor einen Mann niedergeschlagen hatte, der ihn auf einer Flughafentoilette bedrängte. Für den Kommentator repräsentierte Hysén »die hässliche Fratze der Homophobie«. Auch andere Meinungen deuteten an, dass er den Mann damals nicht deshalb geschlagen hatte, weil er sich bedroht fühlte, sondern weil der andere ihn für schwul hielt.“

Ich meine, hallo? Was ist denn das für eine Geschichte? Wurde Hysén dafür verurteilt? Was ist die Quelle? Was sagt der Mann dazu, der angeblich mal eben so auf der Toilette jemanden „bedrängt“ hat?

Nicht, dass es keinen Sex auf öffentlichen Toiletten zwischen Männern gäbe, aber böse klischeehaft ist das schon.

Wer sind denn die „anderen Meinungen“? Kann man das nicht spezifischer fassen? Nennt sich das Recherche? Das ist wie „Gerüchte besagen“ oder „Experten meinen“, also Unjournalismus.

Und was für Signale könnten denn das sein, die dazu animieren, jemanden neben sich auf der Flughafentoilette mal eben so in den Schritt zu langen? Was übrigens ein ganz besonders fieses Klischee ist, diese Vorstellung, dass Schwule bei jedem Schwanz, der sich zeigt, erst mal zulangen. Es mag ja so gewesen sein, aber wurde da vielleicht auch mal hinterfragt? Gibt es Polizeiberichte? Vermutlich sind die nur der Redaktion bekannt.

Anschließend eine so rührend dramatisierte Szene des reuigen Schlägers:

„Hysén griff danach und sah, wie seine Hand zitterte. Nie zuvor war er so nervös gewesen, nicht einmal, wenn er den Rasen des ausverkauften Wembleystadions betrat oder einen entscheidenden Elfmeter schießen musste.“

Was für eine kitschige Dramatisierung, die kann doch nur erfunden sein, folgt man den Ausführungen von Köster selbst. Und dann noch eins drauf:

„Dann schilderte er seine Version des Vorfalls auf dem Frankfurter Flughafen. Er erzählte, welche Angst er bekam, als ihm ein unbekannter Mann in den Schritt fasste. Wie er dem Mann aus reinem Reflex eine verpasst hatte. Es sei ihm nicht darum gegangen, dass es ein Mann war, der ihn angemacht hatte, es sei lediglich ein Verteidigungsreflex gewesen.“

Okay, wenigstens indirekte Rede. Das da schon wieder ein Ablauf völlig unhinterfragt als Möglichkeit im Raume steht, ohne dass eine Version dessen, der angeblich zulangte, vielleicht mal hinzugezogen wird, und das bei einer ja nun wirklich nicht harmlosen Story, es geht da knallhart um sexuelle Belästigung – ist das „journalistisches Handwerk“? Kann man da nicht mal genauer nachfragen? Nein, nicht die 11 Freunde:

„Aber manchmal macht er uns auch zu ängstlichen Herdentieren mit einer Schwulenphobie.« Der Applaus wurde langsam lauter, seine Nervosität nahm etwas ab. Das Mikro presste er trotzdem weiter fest ans Kinn.“

Schon wieder so eine Melodramatisierung.

Ich halte das übrigens für äußerst anrührend und glaubwürdig, wenn da der Vater von seinem Sohne spricht. Und auch schön geschrieben. Kurioserweise wusste der Chefredakteur der 11 Freunde solche Formulierungen in einem anderen Fall zu bemängeln. Ein Fall, bei dem keine Zeugen dabei waren, ja. Aber mit Dramatisierung scheint das Blatt zum Glück ansonsten keine Probleme zu haben. Wäre auch langweilig zu lesen.

Und die Dramaturgie ist schon merkwürdig arrangiert, dass der Applaus nun nach dem Bekenntnis der homophoben Horde aufbricht. Aber keine Worte fallen, die das bewerten, einordnen, vielleicht gar kritisieren? Der Held ist erstmal die reuige, prügelnde Hete. Deren Opfer verschwindet.Wichtig ist das Bekenntnis des Heterosexuellen, gar nicht wirklich homophob zu sein, höchstens mal in der Herde.

Die ersten Worte, als der schwule Spieler auch mal zu Worte kommt, sind dann: „Es wusste nur der engste Kreis.“ Also exakt das, was Köster bei dem Fluter-Interview bezweifelt. Als nächstes folgt die Rechtfertigung des umstrittenen Vaters durch den Sohn:

»Alle waren überzeugt, dass mein Vater etwas gegen Homosexuelle hat. Er ist ja der Typ dafür, macht derbe Scherze und so. Man könnte ihn fast für einen Rassisten halten, wenn er seine Witze reißt. Dass nun gerade er einen schwulen Sohn haben soll, war das Letzte, was die Leute vermutet hätten.«

Das ist eine Derailing-Strategie. Ist ja alles gar nicht so gemeint. Das ehrt den Sohn, wirklich.

Die Frage bleibt, wieso das nun ausgerechnet als erstes Thema angerissen wird.

Es folgt ein Karriereabriss. Dann im Grunde genommen ganz ähnliche Worte wie im Fluter-Interview, die in dessen Fall als „widersprüchlich“ oder „klischeehaft“ abgetan wurden. Der Unterschied ist der, dass es der Junge aus Schweden seinen Mannschaftkameraden nicht erzählt hat, das mit dem „Schwulsein“. Was aber ja denkbar ist, dass andere das tun, die sind ja nicht alle automatisch eine „ängstliche Herde mit Schwulenphobie“.

Herr Köster müsste eigentlich auch einen Widerspruch erkennen zwischen „das hängt man doch nicht an die große Glocke“ und „warum zum Teufel hat sich noch keiner geoutet?“. Seinen eigenen Kriterien zufolge stünde das Interview in seiner Zeitung unter Fake-Verdacht. Alles so widersprüchlich. Sorry, Herr Köster, so ist das Leben.

Dann wird die erschütternde Geschichte von Fashanu erzählt. Einfach drüben nachlesen. Und da wundert sich wer, wenn ein Spieler lieber anonym bleiben möchte?

Langer Abriss über die ganzen Nicht-Outings.

Es folgt, tätä: Die Umkleidekabine!

„Jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine voller schwitzender Männer war, weiß, dass es beim Sport nicht immer so tolerant und offen zugeht.“

Klischee! Ein Fake, der Text!

Dann darf wieder der Vater ran. Der Junge, um den es eigentlich geht, ist irgendwie abhanden gekommen. Kaffeefilter werden gesucht. Der Vater erzählt, wie er das „Schwulsein“ seines Sohnes erahnte, weil der immer nur mit Mädchen spielte und sich die Augenbrauen zupfte. ich meine, wer über Klischees wettert, sollte vielleicht so was nicht einfach so abdrucken.

Nun, endlich, uff, mal eine schwule Perspektive. Der Sohn fragt bei seinem besten Freund nach, ob er dort notfalls dort unter kommen könnte, falls der Vater ihn nach dem Offenbaren des „Schwulseins“ rauswirft.  Das ist doch der Hammer. Aber keine feuchten Hände oder zitternden Knien.

Sofort wird vorsichtshalber wieder die Perspektive des heterosexuellen Vaters dagegen montiert: Wie käme der denn wohl darauf? Ein Mann immerhin, der behauptet, schwule Männer würden ihm mal eben so mirnixdirnix an Flughäfen in den Schritt greifen und der daraufhin zuschlägt. Immerhin mal ein kurzes Nachhaken von Seiten des Autors:

„Trotzdem ist es ganz bestimmt nicht leicht, sich Glenn Hysén anzuvertrauen, dem Fußballstar und Obermacho. Glenn grinst. »Nein, das ist wohl richtig.«“

Nachdem nun klar gestellt wurde, dass die Angst des Sohnes zwar verständlich, aber hey!, eben doch absurd gewesen sei, interpretiert der Heterosexuelle anschließend die schwule Erfahrung in dem Sinne, dass der sich mal nicht so anstellen solle:

„Dann nimmt man es als persönlichen Angriff, wenn jemand in der Kabine einen Schwulenwitz macht. Anton kann selbst Witze reißen, so ist er eben.«

Auch ein klassischer Derailing-Fall. Habt euch nicht so. Macht es wie Anton. Nur nicht so überempfindlich.

In journalistischer Sorgfaltspflicht wurde darauf verzichtet, Anton mal zu fragen, wie er das sieht. Der Text geht direkt über zu den Karriereaussichten des schwulen Fussballers. Und der Spieler sagt wie angelernt Hoffnungen auf, Sätze, die man von Heterosexuellen zu diesem Thema exakt so immer liest und hört:

„Ich bin Fußballer. Und schwul. Wenn ich meine Leistung bringe, sollte es keine große Rolle spielen, ob ich auf Jungs oder Mädchen stehe.«“

Vielleicht ein Klischee? Egal, schnell dreht sich wieder alles um die Anderen. Das Allgemeine. Das Outen der Spieler als solches und wieso es keiner macht.

Wenigstens darf Anton kurz berichten, wie er „es merkte“. Weil sich Händchenhalten mit Mädchen falsch anfühlte. Hmmmm. Bei mir war es eher so, dass ich merkte, dass ich Männer attraktiv, sexy und liebenswert finde. Kann ja bei ihm anders gewesen sein, aber warum baut die 11 Freunde dieses Zitat, „schwul ist man, weil man keine Mädchen mag“ da ein, ohne es zu kontextualisieren? „Ich erlebe meine Abweichung“ wird zitiert, nicht „Ich denke, es macht einfach Mordsspaß, mit Männer zu vögeln“. Hat er wahrscheinlich auch nicht gesagt. Wir sagen ja oft, was Heten hören und lesen wollen. Macht die Sache ungefährlicher. Und die 11 Freunde freut’s.

Glenn, der Vater, ist mutiger. Der will wissen, wen sein Sohn attraktiv findet. Mit Abstand die stärkste Szene im ganzen Text. Da lebt das Geschriebene plötzlich, da ist etwas spürbar hinter dem Klischee.

Der Held ist aber selbstverständlich wieder der Vater.

Der hat dann auch das letzte Wort im Text, die bekehrte Hete. Anton guckt derweil fern und schweigt.

Ich finde den Text nicht schlecht, trotz aller Einwände.

Seinen eigenen Kriterien zufolge hätte ihn Köster hinsichtlich dessen, dass die Identität des Protagonisten bekannt ist, zwar abdrucken dürfen – das freilich, was er als „Klischee“ oder „Widerspruch“ zu identifizieren glaubt im Fluter-Interveiw, das taucht alles auch auf. Okay, die falsche Spielerfrau fehlt. Der ganze Text, die Recherchen zum Drumherum, machen sie allerdings wahrscheinlich.

Und es wird dem ganzen Artikel eine außerordentlich heikle Geschichte voran gestellt, die echt ein Knaller ist.

Weil das Erzählen derer zwar vorgibt, die Reaktion des Vaters auf einen sexuellen Übergriff zu thematisieren und das Schlagen zu kritisieren.

Unhinterfragt bleibt jedoch das dahinter stehende, ziemlich gravierende Sterotyp des übergriffigen Homo.

Ich würde auch jemandem, den ich für schwul halte, nicht mal eben so ohne vorherige Signale in den Schritt greifen, selbst wenn ich ihn für schwul hielte. Mir ist das einmal tatsächlich passiert in einer sehr schrägen Situation, das jemand ungefragt zugriff, aber wie gesagt: Ein einziges Mal, und das bei unzähligen Aufenthalten auf Toiletten schwuler Etablissements.

Die Szene färbt natürlich die ganze Reportage ein, unbefragt, die sich weit mehr mehr für den Vater als für den Sohn interessiert und für die Frage des Outings im Allgemeinen.

Warum wohl?

 

 

2 Antworten zu “Wenn 11 Freunde über Schwule schreiben …

  1. Feingeister für Hertha September 22, 2012 um 8:13 am

    der originaltext ist im schwedischen magazin „offside“ erschienen, geschrieben von anders bengtsson. bin ich blind, oder erwähnen die 11 freunde als textquelle nur imke ankersen, die hier eine (mäßige) übersetzung gemacht hat?

    http://www.offside.org/sites/default/files/files/offside_present.pdf

  2. momorulez September 22, 2012 um 9:26 am

    😀 – würde ja passen zu diesen Vorkämpfern der journalistischen Seriosität. Auch, dass das ein eingekaufter Text ist. Der wurde mir vom 11 Freunde-Twitter-Account als Interesse an schwulen Lebenswelten angepriesen. Und dann noch nicht mal selbst initiiert oder recherchiert, sondern eingekauft. Passt schon.

    Freue mich, wenn Feingeister für Hertha in mein St. Pauli-Blog kommen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s