Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn einer reicht, genügt’s. Doch: Kann man sich Visionen wenigstens vom Arzt verschreiben lassen?

Herr Schubert ist stolz auf seine Spieler. Finde ich als Freund positiver Verstärkung gut. Herr Ebbers findet, dass 1 Punkt ja auch ausreicht. Im Prinzip schon, aber … Herr Orth ist vom Spiel gestern total begeistert laut Mopo, und Herr Meeske findet, dass wir nicht in einer idealen Welt leben und es doch schnurz ist, ob eine Polizeiwache nun 50 m weiter angesiedelt wird oder auch nicht. Und wir kämpfen für unsere Vergangenheit, also das Museum. Ich auch.

Aber: Was sind denn jetzt eigentlich unseren Visionen?????????????

Was für eine Zukunft wollen wir leben als FC St. Pauli? Und wofür sind wir denn nun? Für „haut ab“?

„Unter den Top 25 im Profifussball.“ Michael Meeske forciert ein gesichtsloses Business-Modell und findet, man erlebe das FC St. Pauli-Feeling bei einer Stadionführung. Klar ist er stolz auf das, was er da hat bauen lassen und dass es da steht.

Ich trauere hingegen um meine alten Holzbänke und habe mich an das neue Stadion noch nicht gewöhnt. Versteht er das?

Ich will mich auch nicht an Fussball wie den gestern gewöhnen. Ich verstehe nicht, was es da zu feiern gibt. Ich verstehe die Vision des Trainers nicht. Ich habe gestern lediglich durch einen Videobeamer vermittelt ein Spiel gesehen, das abgesehen von Tschauner fast nur aus individuellen Fehlern und Unzulänglichkeiten bestand. Gelegentlich blitzte kurz Zauber auf und verreckte jämmerlich.

Und habe mich gefragt, ob sich daraus nicht eine Vision entwickeln lässt, irgendwas underdogmäßiges. Ich mag ja fehlerhafte, unzulängliche Individualisten lieber als aalglatte Perfektionisten. Die haben Charme.

Und doch, es gelang mir nicht. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich dazu nun emotional verhalten soll, und es ging um mich herum in der Kneipe allen so. Darauf ein Ouzo.

Und ich bekomme dieses Gefühl nicht weg, dass all das zusammen gehört: Das leere Kalkül des Michael Meeskes, der ein Vakuum ausfüllt, das ein meinem Eindruck nach etwas verpeiltes, völlig charismafreies und ideenloses Präsidium, aber auch wir Fans erzeugen. Ich noch viel mehr als all die Aktiven in den Gremien, bei den Fanräumen, im Jolly, bei USP.

Weil ich den Eindruck habe, dass sich bei uns herrlich mobilisieren lässt, wenn wir GEGEN etwas agitieren können, am besten gegen Präsidien. Aktuell ja völlig zurecht. Nun haben sie sich auch zum Ziel Museum bekannt, aber nicht gegen die Wache positioniert. Hmmm.

Aber WOFÜR sind wir denn nun eigentlich? Was für eine Vorstellung vom FC St. Pauli haben wir denn?

Jetzt stehen da neue Gebäude. In den kargen, gruseligen, langen Flur in der Haupt ist eine Kunstausstellung eingezogen, das ist super. In den die Gegengerade ziehen die Fanräume, noch besser.

Geht man freilich durch die V.I.P-Bereiche in der Haupt, sind zwar die Separés individuell gestaltet, die allgemeinen Räume sehen austauschbar aus. Es ist schon auffällig, dass die Süd noch irgendwie Style hat, das aber bei den anderen neuen Tribünen nicht der Fall ist. Bei der Gegengeraden kann sich das noch ändern, und immerhin haben wir die Kindertagesstätte in der Stadionecke. Und hoffentlich ein tolles Museum in der Gegengeradeen. Aber das ist wieder nur Vergangenheit.

USP machen immer wieder tolle Choreos, führen neue Gesänge ein, das „Wir sind ooooooooooooooh St. Pauli“ gab ja richtig Power. Aber was sind wir denn eigentlich noch außer musealer Vergangenheit, wenn wir mal nicht gegen irgendwas sind, so dass die Spieler schon fast so wirken, als würden sie gegen den Ball und den Sport als solchen kämpfen – kann es sein, dass sich das auf mystisch verschlungenen Wegen auf das Spiel der Mannschaft überträgt?

Ist die Frage verständlich, oder blogge ich dummes Zeug? Gibt es Doktoren, die Visionen verabreichen?

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11 Antworten zu “Wenn einer reicht, genügt’s. Doch: Kann man sich Visionen wenigstens vom Arzt verschreiben lassen?

  1. momorulez September 18, 2012 um 12:56 pm

    Des Vereins oder meine? 😉

  2. geissy September 18, 2012 um 1:09 pm

    Das Präsidium würde entgegnen: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.
    Mein erster Wunsch, ich will gar nicht von einer Vision sprechen, ist nicht weiter diesen seelenlosen Alibifussball einer Söldnertruppe sehen zu müssen. Ok, schlechten Fussball gab es schon immer wieder bei unserem Verein, kratzt mich wenig, aber die Haltung gestern, die ich meinte wahrnehmen zu können, hat mich erschrocken. Die Schönrednerei hinterher sowieso.
    Aber vielleicht fehlt mir auch noch der Abstand zu einem emotionsloseren Statement.

  3. momorulez September 18, 2012 um 1:17 pm

    Ich würde ja gar nicht von „Söldnertruppe“ sprechen, aber „seelenloser Alibifussball“ trifft es ganz gut. Ich habe das von unserer Seite nicht als „intensives Spiel“ gesehen.

    Auch ein Gunesch, Morena, Rothenbach, Bruns sind ja irgendwann neu hinzugestoßen. Doch da waren Vibrations am Wirken, die anstecken konnten. Wieso passiert das seit einem Jahr nicht mehr?

    Der einzige, der wenigstens zum Spiel was Vernünftiges gesagt hat – so weit ich das mit bekommen habe – ist Azzouzi:

    „“Wir machen einfach die Bälle vorne nicht fest und können uns nicht befreien. So bekommen wir immer wieder enormen Druck auf die eigene Abwehr“, lautete das Fazit von St. Paulis Sportdirektor Rachid Azzouzi.“

    Auf den hoffe ich ja.

    Aber ansonsten glaube ich halt, dass die Gesichtslosigkeit von Präsidium, Geschäftsführung, teilweise Stadion und die ja vorzuliegen scheinende Durchschnittlichkeit des Trainers, bin jederzeit zum Mea Culpa bereit, sich einfach auf das Spiel übertragen scheint.

  4. geissy September 18, 2012 um 1:23 pm

    Dein letzter Satz trifft es, denke ich, sehr gut.
    Hmm, ja, Söldnertruppe, hmmm. Ich sagte ja, dass ich da noch grad sehr emotional unterwegs bin 😉

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  7. goodsoul September 18, 2012 um 2:30 pm

    Viel stärker sein eigenes Profil gegenüber DFL und DFB wahren. Das die da z.B. neulich in Berlin aufgelaufen sind fand ich sehr traurig. Jeden Spielraum den der Verein in diesem „Spiel“ mit Liga und Verband hat ausnutzen und auch mal die Konfrontation suchen.
    Das geht aber nur mit den richtigen Leuten an den Hebeln und die muss man halt auf den entsprechend vereinsmäßigen Versammlungen in das Amt helfen.
    Die ganzen Aktionen (Jolly Rouge etc pp) sind klasse. Aber richtig Butter bei die Fische kommt nur über die satzungsmäßigen Instrumente der „Macht“.

    Aber meiner Meinung nach wird die Heterogenität des FCSP bzw. seiner Fans auch stark unterschätzt. Wenn wirkliche ALLE St. Paulianer mal über etwas abstimmen sollten, würde ich keine Prognose wagen wie es ausginge.

  8. momorulez September 18, 2012 um 2:39 pm

    Ja, und das ist ja auch im Grunde genommen gut, das mit der Heterogenität auf prinzipieller Ebene. Umgekehrt ist diese Verbürgerlichung und Verspießerung, die sich rund um die „Law & Order“-Debatten zeigte, schon auch ein gruseliges Signal. Weil das eben auch ein antipluralistisches Agieren ist.

    Das mit dem Profil gegenüber DFL und DFB sehe ich auch so. Auch, dass man da mal andere Leute braucht, die wenigstens wissen, wovon unsereins so redet. Auch wenn ich ja viele Corny-Kritik verstehe, der war noch mit Rio Reiser befreundet und mit Ton, Steine, Scherben als Brühwarm auf Tour, wenn ich nicht völlig fehlinformiert bin. Die aktuellen Akteure, da hat man es ja teilweise schon fast mit einem Übersetzungsproblem zu tun. Die kennen die ganze Historie widerständiger Kulturen gar nicht, ist zumindest mein Eindruck.

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