Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gegen die Musealisierung der Vereinsgeschichte – für das Vereinsmuseum!

In Vereine tritt das Mitglied ein, damit das – von mir übrigens nicht, aber demokratisch – gewählte Präsidium mittels Pressesprecher über die taz und die Mopo mit mir kommuniziert? Mitnichten.

Ich weiß auch nicht, wieso Marco Carini in der taz nunmehr verlauten lässt, es sei ja wohl zu spät für Protest. Das ist ihm vermutlich noch nicht mal anzulasten, die verschlungenen Kommunikationswege im Rahmen des Kosmos des FC St. Pauli nicht beurteilen zu können. Ich für meinen Teil habe erstmals im letzten Herbst von der Stadionwachenproblematik erfahren, wenn ich mich recht entsinne. Ein Mitglied der Stadionbau AG referierte bei einer Versammlung von Fanclubdeligierten, das Problem habe oberste Priorität, und es ist ja nichts Anrüchiges daran, auf interne Kommunikationen zu vertrauen. Kann man bei diesem Präsidium nicht. Das hat offenkundig auf das Votum der AG geschissen.

Als sich abzeichnete, dass irgendwelche nebenbei getätigten mündlichen Zusagen ehemaliger Vereinspräsidenten da mehr Gültigkeit haben als das marketingerechte, aber ansonsten permanent sich selbst dementierende Selbstverständnis des FC St. Pauli als „non established“:

„Hier geht es um nicht mehr oder weniger, als um die entscheidende Frage, ob wir eigentlich rebellisch, unangepasst, der Obrigkeit in die Suppe spuckend sein wollen, ja ob wir wirklich “non established” sein wollen. Goliathwache? Wo ist dann unser Unangepasstes, unsere Herzkammer, unser Wohlfühfaktor? Daher kann es nur ein Museum geben! Oder eben den hohlen leeren Werbespruch “non established”. Jetzt oder nie! Bring Back St. Pauli!“

erschienen eindrucksvolle Artikel im Übersteiger, ein offener Brief an den Innensenator wurde veröffentlicht, die Sozialromantiker veröffentlichten eine erste Resolution. Der Innensenator blamierte sich in meinen Augen großflächig in seiner Antwort in seinem Blog und zeigte ein wie üblich stark eingeschränktes Demokratieverständnis wie auch eine ausgeprägte Unkenntnis gesellschaftlicher Realitäten – man muss das starke Ressentiment gegen die Sicherheitskräfte in großen Teilen der Bevölkerung weder gut heißen noch teilen. Ein Innensenator freilich, der nicht begreift, dass er durch Ignoranz dessen akut die Demokratie gefährdet, mehr als alle durchgeknallten Riot Kids das jemals könnten, sollte vielleicht lieber einen anderen Job machen.

Doch man lässt ihn mit seiner ignoranten Kaltschnäuzigkeit ja nicht allein, und so schwant mir, dass das Präsidium das alles deshalb aussitzt – außer bei der Bank mal kurz anzurufen und sich ein „Nein“ abzuholen, okay, Sache erledigt -; dass es Gründe hat, die die Wache da haben zu WOLLEN. Dass ihnen am Arsch vorbei geht, was rund um das Stadion abgeht, sondern dass sie sich freuen, dass noch ein paar mehr dieser ewig nörgelnden Fans endlich weg bleiben und sie nur noch der UFA gemäße Kundschaft im Stadion haben. Lieber in Ruhe in der Loge des Vermarktungspartners Geschäfte anbahnen, als diese ewigen Schreihälse ertragen zu müssen.

Ich finde ja die Musealisierung der FC St. Pauli-Geschichte sogar ambivalent (obwohl ich frühzeitig Mitglied im Förderverein wurde, weil ich das Museum gleichzeitig richtig finde). Ambivalent, weil da verstärkt werden kann, was in vielen irgendwie linken Szenen der Republik Usus ist: Man feiert sich für irgendwelche einst geschlagenen Schlachten, vergisst dabei die, für man zu kämpfen vorgab, schickt die eigenen Kids auf die Schulen mit geringem „Migranten“-Anteil, um, wenn man dann mal wieder unter Leute geht, verträumt von jenen Tagen zu berichten, als vor der Hafenstraße die Barrikaden brannten und das Schanzenviertel sich rund um den geplanten Musicalbau auf dem Schulterblatt in einem permanenten Ausnahmezustand befand. Ich wohnte damals in einem Hochparterre-WG-Zimmer am Neuen Pferdemarkt, guckte mir jeden Morgen knackärschige Polizisten auf dem Parkstreifen vor meinem Fenster an, fand immer schon doof, dass damals Hass auf den einzelnen Polizisten weit verbreitet war und empfand doch das Vorgehen der Institution oft als skandalös.

Das sind aber keine Stories fernab der Aktualität. Und es ist bestimmt nicht Zeichen der Versöhnung nach den Kämpfen von einst, dass nunmehr folgendes in Zeitungen zu lesen ist, dazu ist das Polizeiverhalten von Schweinske-Cup bis zu Gefahrengebieten auch weiterhin zu antidemokratisch organisiert:

„Club-Sprecher Bönig betont hingegen, dass die Erstellung der Wache „bereits weit fortgeschritten“ sei. Der Verein habe zudem die Gesamtgröße der Wache „auf 400 Quadratmeter herunterverhandelt“. Auch seien für das geplante Vereinsmuseum in der Gegengerade, von dem viele Fans befürchten, es werde der Wache geopfert, weiterhin „gut 400 Quadratmeter Fläche“ reserviert.“

„Runterverhandelt“.

Wie groß muss die Polizeiwache laut DFB-(oder DFL)-Vorgaben sein?

Wieso kann sich ein Innensenator auf die Vorgaben eines großen Sportverbandes für den Stadionberieb berufen und darauf „Verpflichtungen“ gründen, nunmehr habe der FC St. Pauli Raum für Einsätze auf dem Dom zu gewähren und das auch noch zu finanzieren???

Was ist denn das bitte für eine absurde Rechtsgrundlage?

Ja, der Totenkopf mag auch für Hausbesetzungen stehen, aber was die Politik da ungehindert durch das Präsidium treibt, das ist eine Form, der die JHV nicht zustimmen kann – bisher wurden keine Ansprüche an mich heran getragen, bei Einsätzen auf dem Großneumarkt doch bitte ein paar Zellen in meinem Wohnzimmer einzurichten, aber das gefälligst auf meine Kosten, der Senat habe leider kein Geld. Aber ich befürchte Schlimmes.

Stpauli.nu hat recht: Das liest sich eine Provinzposse, wo irgendwelche Hinterzimmer-Skatrunden ihre Schäfchen ins Trockene saufen.

Und es zeigt zudem, wie scheißegal dem Präsidium wie auch dem Pressesprecher die Geschichte des Vereins ist. In allen Planungen für das Museum werden sachgerecht 900 qm anvisiert, das Präsidium möchte das eigene Geschichtsbewusstsein gleich mit reduzieren. Herr Spiess hatte sich doch höchstpersönlich für das Museum stark gemacht auf der letzten JHV. War dann wohl das Geschwätz von gestern und nicht so wichtig.

Man darf die Brisanz dessen, was die da treiben, nicht unterschätzen: Zwei langjährige Haupttribünennachbarn setzen diese Saison aus. Heute traf ich einen Geschäftspartner, Dauerkartenbesitzer Gegengerade, noch – der hat sich noch kein Spiel diese Saison angeguckt, wegen des Parkhauses, das da jetzt steht. Ihm entwickelt sich der FC St. Pauli zunehmend zum stinknormalen Fussballverein. So was interessiert ihn aber nicht.

Und mag ja noch die Hoffnung bestehen, dass irgendwie schon die Familien und Pflegeleichten den Weg ins Stadion finden werden: Selbst die Business-Seats-Süd-Sitzer wollten oft nicht auf die Haupt, weil sie die Nähe der Ultras suchen, so paradox das ist.

Nun hat der ökonomische Sektor einen Vorteil, den ich gerne mal hätte mit meinem kleinen Unternehmen: Das konstant garantierte Einnahmen durch die Dauerkarten zum Beispiel generiert werden. Das könnte sich mittelfristig erledigen – je stärker auf den sportlichen Erfolg, der ja aktuell so propper auch nicht ist, geschielt wird, und auf sonst nichts, desto variabler wird dieser Faktor. Wie die Besucherzahlen anderer Vereine zeigen. Aufträge erhalte ich, weil ich in 20 Jahren ein klares Profil erarbeitet habe – ich passe auf, keine Aufträge zu bedienen, die das nachhaltig beschädigen könnten. Wenn dann auch die weg sind, die mit der Goliathwache da nicht leben können, wird es schnell leer am Millerntor.

Das sind ökonomische Binsenweisheiten; nur, wieso haben sie keine Relevanz für das Agieren des Präsidiums?

Das Handeln rund um die Stadionwache und das Museum ist mittelfristig ökonomisches Harakiri, weil der Markenkern angegriffen wird. Das ist diese fiese Nummer, in solch einem Vokabular Ideale, die ja irgendwie noch da sind, wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei Union Berlin, zu formulieren, ja, ich weiß.

Aber ich habe das immer als besondere Herausforderung gesehen, vielleicht Wirtschaft und Inhalt doch zusammen denken zu können im Falle des FC St. Pauli.

Die Goliathwache und das Kleinquetschen des Museums ist ein Skandal. Das Museum – ein Raum, in dem die Frage stets neu zu beantworten wäre, wie wir die Aktualität dieser Geschichte begreifen. Wo auch selbstkritisch beleuchtet werden könnte, wieso die Keinzelle der Antirassismusarbeit in europäischen Stadien heute so verschnarcht in dieser Hinsicht agiert.

Es ist ein ins Gesicht jener spucken, die für ihre politische Einstellung in Rostock einst fast ermeuchelt worden wären. Wo kurz zuvor noch die Polizei Menschen in brennenden Häusern nicht schützte.

Und das soll man beim Anblick von 400 qm Gitterstäben, Handschellen, Gummiknüppeln und Reizgas, mit dem noch vor kurzem bei Hallenturnieren St. Paulianer eingenebelt wurden, sich dann zu Gemüte führen?

Sich beschaulich die Bilder des „Hamburger Kessel“ vor dem Stadion, von Gerichten für widerrechtlich erklärt, betrachten, „ach, was waren wir wild!“, um an Arrestzellen vorbei wieder aufs Heiligengeistfeld zu spazieren?

Ich fände es gut, da mal mit Orth, Spiess und Stenger einen kleinen Quiz zur Viertelgeschichte durchzuziehen. Ob die wissen, was der „Hamburger Kessel“ war?

Es wäre übrigens gerade im Sinne der Vergegenwärtigung solcher Momente der Stadtgeschichte die PFLICHT zur Wiedergutmachung des Innensenators eben jener Partei, die auch damals für den Schindluder verantwortlich war, hier die Präsenz der Sicherheitsorgane und Bevölkerung zu entzahnen. Im Sinne der Zivilgesellschaft. Und sich retrospektiv z.B.vor dem damaligen Bürgermeister zu verneigen, dass er die Hafenstraßenhäuser NICHT räumen ließ. Alles andere wäre zudem unlautere Stadtgeschichtsschreibung durch den Senat.

Ich würde gerne mit Herrn Neumann durch die Sonderausstellung zum „Altonaer Blutsonntag“ unweit des Stadions gehen und ihn hören, was er zum dem Agieren der Polizei damals sagt und was das heute mit der mangelnden Aufklärung der NSU-Morde zu tun hat. Da sollen ja nicht nur ein paar alte Aufkleber zu sehen sein.

Die Mitglieder des FC St. Pauli haben sich freilich bei der letzten JHV kräftig beim Flintenputzen ins eigene Knie geschossen. Weil eben alle Fragen, in deren Fall eine größere Summe im Raum stand, im Sinne des Präsidiums entschieden wurden. Lediglich Symbolpolitik á´la Susies Showbar kam durch.

Ich gebe da mal den Rechthaber: Wir haben damals den Rückbau der Business-Seats beantragt, um zu demonstrieren, dass es den Sozialromantiker-Protesten ernst war auch da, wo es weh tut. Da hat die JHV versagt, das zeigt jetzt das Verhalten des Präsidiums: Die nehmen uns doch gar nicht mehr ernst. Die meckern ja nur, das brauchen die, pubertär wie sie sind – letztlich können wir ungestört gegen die Vereinshistorie ansonsten agieren, wie es uns gerade in den Kram passt.

Wir müssen das ändern. Wer mal eben nebenbei Pamphlete zur Einführung von 10 Jahren Stadionverbot unterzeichnet, will wohl sanktioniert werden.

Nun wieder mit Forderungen glänzen, dann aber nach viel Wind doch alles abnicken, das bedeutet das Ende der Geschichte der FC St. Pauli. Dann fängt nämlich eine andere an.

Dem kleinen Tod ist zuzustimmen:

„Die Entscheidung, die jetzt ansteht, ist eine Grundsatzentscheidung. Und der Verein möchte die Polizei lieber aus Kostengründen im Stadion haben, was dann nicht mehr abzuändern wäre, wenn es einmal realisiert wurde – gleichzeitig das Aus für ein FCSP Museum in angemessener Form. Ich sage: diese Entscheidung ist nicht zu akzeptieren – deswegen: auf zum Vernetzungstreffen am Freitag!“

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3 Antworten zu “Gegen die Musealisierung der Vereinsgeschichte – für das Vereinsmuseum!

  1. Pingback: #FCSP Museum statt Stadionwache – eine Grundsatzentscheidung « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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