Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Adorno-Preise von CDU-Politikern entgegen nehmen?

Der Kommentar eines geschätzten Bloggers und Twitterers zu einer Verlinkung rund um die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler bei Facebook sei zitiert, der ist einfach richtig:

„Ich würde Butler aber gerne noch was anderes Fragen wollen: Sie hat doch damals den Preis vom CSD abgelehnt weil da rassistische Gruppen beteiligt waren. Schön und gut. Aber jetzt nimmt sie einen Preis entgegen von einem CDU-Politiker (!), die Partei regelmäßig Ausländer-Raus-Politik und -Wahlkämpfe macht? Ist das nicht furchtbar inkonsequent?“

Da kann und muss man sogar noch einen drauf setzen: Einer Partei, die jüngst ergänzend eine lesben- und schwulenfeindliche Propagandaschlacht entfachte. Das von ihr geführte Kabinett hat vor kurzem wieder Lesben und Schwule zu Menschen zweiter Klasse erklärt.

Was auch hinsichtlich der von Butler referierten „Unbetrauerbaren“ mit dazu gehört  – sie selbst führt das Beispiel der AIDS-Toten an, denen keine öffentliche Anteilnahme zuteil wurde. Warum kein Gedenken??? Nein, CSU-Politiker forderten damals Lager, und heute werden Infizierte kriminalisiert.

Die „Unbetrauerbaren“ sind halt immer auch die „Unnützen“, auch das wurde unsereins ja großflächig und mittels Maybritt Illner quotenträchtig verkündet.

Homophobie mag ja noch ganz in der Tradition Adornos und der Älteren Kritischen Theorie stehen; aber wieso regt sich über das Entgegennehmen von CDU-Politikern keiner dieser ganzen Pseudo-Adorniten auf, die, ob nun als Morgenthau oder sonstwie verkleidet sich ganz wie der Papst auf die normative Kraft der Natur berufen, wer da nun eigentlich Preise in dessen Namen überreicht?

Absüppelnde Flüchtlinge gehen denen doch auch am Arsch vorbei. Sind ja oft nur Araber. Oder noch schlimmer. Kampf dem Islamfaschismus mittels Flüchtlingsvernichtungspolitik!

Nein, stattdessen zitiert man lieber Briefe Adornos, in denen die Studentenbewegung – übrigens ganz im Sinne von Jürgen Habermas, der Dialog mit Rudi Dutschke ist berühmt – als Gefahr eines neues Faschismus begriffen wird. Während NSDAP-Mitglied Kiesinger noch Kanzler war, vermutlich, und Horkheimer im Adenauer-Deutschland nun auch eher dem „Keine Experimente!“ zusprach, da ein Herr Globcke im Kanzleramt residierte. War allerdings ein Jahrzehnt früher.

Die Hefte der „Zeitschrift für Sozialforschung“der 30er Jahre, wo das ambivalente Programm des „Freudomarxisms“ formuliert wurde, fanden eher zufällig, gut versteckt, Studenten im Keller des Instituts, wenn ich „den Wiggershaus“ richtig erinnere. Die eigenen Texte und die ihres Umfeldes waren den beiden höchst unangenehm. Meines Wissens haben sie sich auch lange gegen eine Neuauflage der „Dialektik der Aufklärung“ gewehrt, der Verfolgung zwei Jahrzehnte und etwas mehr vor dem  „Keine Experimente“-Wahlkampf entronnen. Dafür kann man angesichts des aggressiven Antikommunismus durchaus Verständnis haben.

Man heideggerte ja lieber in Deutschland. Ganz wie manche „Antideutschen“ heute auch, die nun den Terror der  Denkfigur der „Eigentlichkeit“ in anderen Worten gegen Butlers Gender-Theorie ins Feld führen. Ganz wie Broder in DIE WELT, borniert wie Ulrike Meinhoff. Meiner Meinung nach.

Habermas‘ erster öffentlich bemerkter Auftritt war übrigens ein empörter Artikel zu Heidegger:

„Habermas erregte 1953 erstmals öffentliches Aufsehen, als er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Rezension zu Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ verfasste, einer Vorlesung mit gleichem Titel im Sommersemester 1935, die 1953 erstmals im Druck erschienen war. Heidegger hatte für den Druck das Wort von der „innere[n] Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung nicht gestrichen, was Habermas als Teil der „fortgesetzten Rehabilitation“ des Nationalsozialismus durch „die Masse, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt“, scharf verurteilte. Zumal das inkriminierte Wort aus dem Zusammenhang der Vorlesung sich ergebe und „da diese Sätze 1953 ohne Anmerkung erstmals veröffentlicht wurden“, dürfe unterstellt werden, „dass sie unverändert Heideggers heutige Auffassung wiedergeben.“

Das war mutig damals, sehr mutig. Ein Preis an Habermas zu verleihen ist kein Grund, diesen als „Goldene Himbeere“ zu klassifizieren. Eine Übergabe durch CDU-Politiker schon.

Fand die Zurückweisung des Preises durch Butler auf dem CSD einst ja richtig.

Aber die Anmerkung bei Facebook auch.

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16 Antworten zu “Adorno-Preise von CDU-Politikern entgegen nehmen?

  1. lars September 13, 2012 um 12:06 pm

    Ich finde das Argument, keinen Preis von CDU-Politikern entgegen zu nehmen, etwas problematisch. Man muss da glaube ich unterscheiden.
    Wer verleiht denn den Teddie-Preis? Die Stadt, das Kuratorium oder der Oberbürgermeister? Das finde ich schon wichtig. Es ist die Stadt und das Kuratorium entscheidet über die Preisträger. Freilich muss das Kuratorium auch eingesetzt werden (wie setzte sich dieses zusammen?) Letztendlich impliziert das ja: So lange Frankfurt einen CDU-Bürgermeister hat, kann man den Adorno-Preis nicht annehmen und das wiederum finde ich nicht wirklich eine plausible Begründung. Und wenn sich ein von der CDU eingesetztes Kuratorium (eine Partei, die sich aus unterschiedlichen Gruppierungen zusammensetzt – die OB-Vorgängerin Petra Roth war ja vergleichsweise links) für Butler entscheidet, dann ist das vielleicht überraschend und unwahrscheinlich, wäre aber auch nicht schlimm.

    Wie gesagt: Ich weiß nicht, wie das Kuratorium tatsächlich zustande kam. In dem selben Sinne könnte man sich dann auch nicht bei der Kulturstiftung des Bundes um Förderung bemühen, sitzen da doch Neumann und Kampeter von der CDU und die Pieper bei der FDP im Stiftungsrat.
    Bei der Zurückweisung des CSD-Preises richtete sich die Kritik von Butler ja konkret an die Kultur und die für die Entscheidung verantwortliche Organisation.

  2. momorulez September 13, 2012 um 12:18 pm

    Welche „Kultur“?

    Mit der Unterscheidung Kuratorium versus Übergebender magst Du recht haben; im Falle des CSD-Preises war es die Zusammenarbeit des LSVD mit Maneo, wenn ich mich richtig entsinne, somit unter Vorbehalt.

    Trotzdem stellt sich die Frage, wieso sie nicht auch in die Richtung Stellung bezieht, was sie im Falle des CSD-Preises, der nun auch nicht mit 50.000 Euro dotiert war, ja deutlich getan hat. Auch hinsichtlich dessen, dass zwar offiziell ihre Haltungen zu Israel im Mittelpunkt der Debatte stand, aber die Untertöne waren zugleich antiqueer und antifeministisch. Es gab in der Diskussion sehr früh Slogans wie „Das queere Bündnis mit der Hamas“. Und da ist dann manchmal (!!!) die Bereitschaft größer, auch von feministischer und lesbischer Seite, darf man ja auch mal sagen, obwohl ich hinsichtlich des Rassismus und der mangelnden Reflektion patriachaler und bürgerlicher Attitudes in den schwulen Szenen rein gar nichts beschönigen will, lieber erst mal den Tucken einen zu verpassen als der CDU.

    Und bei der Beantwortung der Frage nach dem „Guten Leben“ unter realgesellschaftlichen Bedingungen läge es ja auch nahe, lesbisches, feministisches und schwules Leben unter Bedingungen der Heteronormativität gerade dann, wenn sie über Abhängigkeiten spricht und da jemandem gegenüber steht, der mit Geis und Reiche kolaboriert. Zudem sie angesichts der evangelikalen Agitation in den USA die Muster ja kennt.

  3. Trude September 13, 2012 um 1:00 pm

    http://www.fluter.de/de/114/thema/10768
    Das kennst du schon. Ist es nicht ekelhaft, wie sich hier wieder einmal der herrschende Heterosexismus als Hort der Toleranz in Szene setzt?Er ist wieder einmal völlig unschuldig der mit Toleranz übergepuderte weiße heterosexistische Mann. Genau deshalb sollte Butler die Preisübergabe mit einem Rieseneklat beenden. Alles andere ist niveaulos.

  4. momorulez September 13, 2012 um 1:13 pm

    Ich hatte auch überlegt, dazu zu bloggen, da käme ich aber vom Hundertsten in Tausendste. Wenn jetzt ausgerechnet der Amarell-Schlächter Zwanziger Outings fordert und in DIE ZEIT vom großen Zeitenwandel zur Toleranz geschwafelt wird, dann kotze ich auch nur noch ab. Genau die Zeitungen, die Westerwelle, den ich auch nicht mag, mit homophober Gülle überschüttet haben.

    Und die ganze Publizistik haut in die selbe Kerbe – das sind genau die, die ihren Sohn dann erst mal zum Therapeuten schicken, wenn er sich outet.

    EIn Eklat in diese Richtung wäre echt gut gewesen von Butlers Seite.

  5. momorulez September 13, 2012 um 2:22 pm

    Unglaublich – eben noch unsägliche Hetze gegen Schwule auch durch Merkel im ZDF, und dann so was:

    http://www.abendblatt.de/sport/article2399278/Merkel-Schwule-Fussball-Profis-muessen-Outing-nicht-fuerchten.html

    Das ist doch institutionalisierter Sadismus – zeig Dich, und dann erzählen wir Dir, warum Du minderwertig, unwichtig und überflüssig bist. Unglaublich

  6. lars September 13, 2012 um 2:33 pm

    zu Kultur: Wenn ich mich recht erinnere, war das ihr Argument, dass der CSD zu kommerziell und rassistisch sei… Ob das tatsächlich eine Frage der Kultur ist, müsste man sich genauer ansehen.
    Ansonsten gebe ich Dir ja völlig recht in der Einschätzung der Debatte. Man müsste sich dann auch die Statements der Kuratoriumsvertreter anschauen.
    Aber nochmal: Wenn sie den Eklat gesucht hätte, welche Preise dürfte sie dann noch annehmen? Die Frage nach der CDU als Hort der Homophobie ist absolut berechtigt, aber die Israel-Debatte hat doch alles überschrieben. Und vermutlich ist sie da auch in der Zwickmühle. Sie hat ja offensichtlich ein gutes Verhältnis zum Frankfurter Institut und das Kuratorium stand ja öffentlich zum größten Teil hinter der Entscheidung. Denen noch eins auszuwischen, weil der Kulturdezernent der CDU angehört – der OB war ja sowieso nicht da -, ist halt doch auch schwierig. Der Preis wäre damit auf jeden Fall beschädigt und für die öffentliche Repräsentation der Kritischen Theorie ist der nicht unwichtig.

  7. momorulez September 13, 2012 um 2:51 pm

    Kommerzkritik war es damals nicht, es ging ganz klar um Rassismus, insbesondere antimuslimischen, in Gay Communities. Da wird sich auch eine ethnisierte Homophobie eingebildet. Gerade hier in Hinnerk gab es mal einen ziemlichen Disput aufgrund der speziellen Situation in St. Georg, wo die schwule Sub neben Moscheen angesiedelt ist. Hier noch mal ein Link dazu:

    „Butler bot den Preis laut und deutlich GLADT (www.gladt.de), LesMigraS (www.lesmigras.de), SUSPECT und ReachOut (www.reachoutberlin.de) an, doch die einzige politische Veranstaltung, an die sich Leute erinnern, ist eine weiß dominierte – der transgeniale CSD. Statt Rassismus konzentriert sich die Presse auf eine plumpe Kommerzialismuskritik. Dabei drückte sich Butler ganz klar aus: „In diesem Sinne muss ich mich von der Komplizenschaft mit Rassismus, einschließlich anti-muslimischem Rassismus, distanzieren.“ Sie stellt fest, dass nicht nur Homosexuelle sondern auch „bi, trans, queere Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen.“

    Ich fand das damals völlig richtig, ein solches Zeichen zu setzen. Und klar, man hat ihr dieses Israel-Thema dann aufgedrückt, und sie hat es mit einer Forderung nach radikaldemokratischer Pluralität unabhängig von staatlicher Gewalt beantwortet, was für Saudi-Arabien aber ebenso gelten würde.

    Und es ist auch richtig, dass die gesamte zweite und dritte Generation der Kritischen Theorie von Honneth über Wellmer bis Rainer Forst sich ja hinter sie gestellt hat. Was für viele, die Habermas und denen ja den großen Verrat vorwerfen, noch zusätzlich Stachel war, und dieser Vorwurf ist auch nicht nur unberechtigt. Was einen Habermas als einen der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts nun trotzdem nicht schrumpfen lässt, selbst wenn der eher gepatchworked hat, als originäre Impulse zu setzen.

    Insofern mag das schon alles richtig sein. Aber irgendwas passt mir da trotzdem nicht, weil es nichts einfacheres gibt, als auf den LSVD einzudreschen, und ihre Position zu Israel ist ja nun auch keine, wo man nicht allerorten offene Türen einrennen würde. Insofern würde ich es nun gar nicht ihr vorwerfen, die hatte nun wirklich viel abbekommen, aber … man hat bei einer Persönlichkeit wie ihr schon das Bedürfnis, da vielleicht noch andere Akzente zu setzen. Alleine dieser eine Satz von ihr, dass alles, wo homo- vorsteht, immer so seltsam abgeleitet scheint, hat bei mir eine ganze Denkwelle angestoßen, nachdem ich ihn las.

    Und das mag nun ein wirklich persönliches Thema sein, weil ich da vielleicht was durcheinander kriege, weil ich selbst viel mit Feminismus und Antirassismus paktiere: Ich habe in letzter Zeit ständig das Gefühl des Verschwindens 😀 – zwar reden alle über diesen sich outenden schwulen Bundesliga-Profi, aber ja nur, um nicht über omnipräsente Homophobie reden zu müssen. Während man sich als Schwuler, als Lesbe doppelt, in ständigen Zurechtweisungszusammenhängen bewegt. Und da hätte ich mir eine Gegenzurechtweisung gewünscht, gerade, weil zumindest in meinen Augen die Homophobie auf der Linken gleich mit immens zugenommen hat, und das auch, weil denen die CDU das Feld frei schießt. Das wirkt ja flächendeckend.

  8. lars September 13, 2012 um 3:31 pm

    DIe Kritik richtete sich m. W. sowohl auf den Rassismus als auch auf kapitalistische Tendenzen. Aber das ist nicht der Punkt der Diskussion hier.
    Auch das Bedürfnis nach Gegenzurechtweisung ist legitim: Ich diskutiere hier in Wuppertal derzeit ständig mit meiner Zweitgutachterin über die Frage von Hate Speech und Gewalt als Form der Anerkennung. Und die Frage lautet: Möchte man die Hatespeech als Adressierung anerkennen oder nicht? Und welche Form der Anerkennung wird durch so eine Gegenzurechtweisung dem Hate Speech zuteil? Das ist ja im Prinzip auch Butlers altes Thema: Das Gemeine an der leidenschaftlichen Verhaftung an der Geschlechtsidentität ist doch, dass man lieber verletzt ist als gar nicht existent, um es mal platt zu sagen. Insofern finde ich da auch Dein Gefühl des Verschwindens wieder.
    Ad Petra Gehring/Emma: Sensibel dargestellt – sie arbeitet aber auch im Foucault’schen Biopolitik-Rahmen. Spontan weiß ich leider nicht, wie sich die Emma-Redaktion zu Butler positioniert – während des Konflikts und darüber hinaus. Butlers These war ja schon auch theoretishcer Tobak gegen die zweite Welle des Feminismus, indem sie die Referentin Frau in Frage stellte. Von Schwarzer hatte ich bislang kaum etwas in der Debatte vernommen. Das kann aber auch ein systematisches Fehlurteil meinerseits sein.

  9. momorulez September 13, 2012 um 4:24 pm

    Letzteres habe ich zu wenig verfolgt; das liegt aber natürlich auch an der Art der Attacke: So Angriffe wie Kramers schüchtern ja maßlos ein. Ich habe auch lange überlegt, ob ich dazu überhaupt blogge, weil ich annahm, dann eine dieser Debatten am Hals zu haben, die ich gar nicht führen will. Blieb zum Glück aus. Diese ganze neurechten Interventionen – wo ich Kramer jetzt wieder raus nehmen würde – leben ja davon, Diskussionen und Fragestellungen unmöglich zu machen, „Watchdogs“ nennt man die ja nicht zufällig. Und ob man sich das antun möchte, ist dann immer die Frage.

    Das ist ja im Prinzip auch Butlers altes Thema: Das Gemeine an der leidenschaftlichen Verhaftung an der Geschlechtsidentität ist doch, dass man lieber verletzt ist als gar nicht existent

    Das würde ich so gar nicht sehen. Für mich ist das immer wie in der Sartrischen Intersubjektivitätstheorie: Bei assymmetrischen Konstellationen will ich Subjekt, nicht Objekt sein. Aber eigentlich nicht im Sinne des Verletztseins, sondern der Identifizierung von Machtverhältnissen.

    Und so unterläuft man dann auch eine mögliche Anerkennung der Hater, die man ja schon deshalb nicht ignorieren kann, weil sie die Macht haben. Ich finde Sartre in diesen Zusammenhängen völlig unterschätzt.

    Umgekehrt: Klar, dass Machtverhältnisse wirken, dass man sie benennt und auch die Verletzungen artikuliert, ja. Aber ja eigentlich, damit die mal aufhören. Mag illusionär sein, wie sie auch und gerade im Rahmen dieses Blogs gezeigt hat – so lange ich die neutral-männliche Perspektive einnehme, gibt es wenig Probleme. Sobald ich feministische, schwarze oder schwule Perspektiven in Anschlag bringe, rasten die Leute aus. Und irgendwann fliegen sie raus, weil ich mir das nicht geben will.

    Das mit dem Verschwinden ist eher ein Effekt der Westerwelle-Homophobie. Lantzschi hatte z.B. gestern einen ziemlich guten Text zu PC getwittert. Ich habe den nicht retweetet, weil Schwule da nicht auftauchten. Und es gibt rund um diese mit der ja durchaus teilweise richtigen Herangehensweise versehenen Homonationalismus-Leute einfach einen ausgeprägten Schwulenhass, der sich auch in linken Diskussionszusammenhängen zeigt. Da ich umgekehrt in den Diskussionsfeldern aber im Moment am meisten Potenzial sehe, komme ich mir da manchmal etwas merkwürdig vor.

    Das alles liegt natürlich auch daran, dass ja kaum einen schwulen Autor aktuell gibt, zumindest keinen mir bekannten, den man lesen könnte. Der einzige, den ich da gut finde, bringt sich ständig selbst zum Verschwinden. Da ist halt dieser bürgerlich-liberale Diskurs so dominant, dass es mir selbst schon schwer auf die Nerven geht.

    Ist alles noch ein wenig wirr, was ich gerade schreibe, da formt sich eher ein Thema, als dass es schon da wäre.

  10. lars September 13, 2012 um 5:29 pm

    Ad Anerkennung und Hate Speech/Sartre: Deine Haltung ist auch nicht falsch. Ich versuche ja nur, die Reaktion von Butler aus ihrem eigenen Denken heraus zu verstehen. Und das war eine ihrer zentralen Thesen – so hatte ich sie zumindest verstanden. Die Diskussionen um Homonationalismus kenne ich nicht. Worum handelt es sich dabei?

  11. Michi September 13, 2012 um 5:34 pm

    „…im Falle des CSD-Preises war es die Zusammenarbeit des LSVD mit Maneo, wenn ich mich richtig entsinne, somit unter Vorbehalt.“

    Es ging (zumindest der Gruppe, die sich vor der Preisverleihung mit Butler getroffen hatte) auch darum, dass Jan Feddersen zu dem Zeitpunkt noch offiziell als Verantwortlicher für Politik & Forderungen beim CSD e.V. zuständig war…

  12. momorulez September 13, 2012 um 6:22 pm

    @Michi:

    Oh, das ist allerdings ein gewichtiger Grund … ich zucke immer richtig zusammen, wenn ich den Namen lese, in meinen Augen auch nicht besser als Reiche oder Geis .

    @Lars:

    Eigentlich um Assimilationskritik 😉 – dass sich Schwule, die nicht schlecht verdienen, an nation und Bürgertum anpassen in ihrem Habitus und Wertegefüge. Wofür der LSVD ein Paradebeispiel ist, der halt irgendwann nur noch auf Homo-Ehe und sonst nichts mehr setzte. Damit einher geht eine Abgrenzung gegen „Unterschichten“ und rassifizierte. Mal sehr grob. Wenn Du „Butler“ und CSD hier als Suchbegriff eingibst, dann kommen ein paar Texte dazu.

    Das Problem ist halt, dass das auch generalisiert als Kritik auftritt und kopplungsfähig ist an diese Bilder von „diese verantwortungslose Partycrowd, während wie Kinder groß ziehen“, „diese reichen Schwulen in ihren riesigen Designerwohnungen nehmen Migrantenfamilien die Wohnungen weg“ – in dem Kontext ist das, glaube ich, entstanden, dass Schwule als Hipster-Gentrifizierungsvorhut diskutiert wurden. Und da nehmen viele auf der Linken eine erstaunlich ähnliche Haltung ein wie die Konservativen, und man betritt ein ungeheuer ressentimentgesättigstes Terrain. Das wurde mir hier auch schon ins Blog gekotzt, trifft so aber keineswegs die Lebenswirklichkeit einer letztlich doch ausdifferenzierten Szene.

    Umgekehrt, gerade da, wo es um die Verbürgerlichung geht, haut das hin, da braucht man nur die Kommentare bei queer.de lesen. Schlimm. Es stellt sich auch niemand schwule oder lesbische PoC vor, die sind dann doppelt bis dreifach diskriminiert. Was umgekehrt dazu führt, dass die schwarzen US-Lesben einfach die weltweit avanciertesten sind, würde ich jetzt mal behaupten, wobei ich nun von Diskussionen in Indien oder Japan auch null Ahnung habe. Zumindest in meinem Horizont sind sie das.

    Und das ist jetzt sehr gefiltert, das tritt schon etwas komplexer auf, ist aber für Schwule wirklich und buchstäblich gefährlich.

  13. lars September 13, 2012 um 6:30 pm

    Okay, danke. Teile dieser Diskussionen kenne ich, den Begriff dazu nicht.

  14. Pingback: Trendsurfing: Butlerkritik « Die kulturelle Praxis

  15. momorulez September 14, 2012 um 9:19 pm

    Kurz zur Kommentarpolitik: Den Trackback von Henning Uhle würde ich hier unter normalen Umständen nicht frei schalten. Nicht, weil das nicht ein mit Sicherheit höchst redlicher, gründlicher, nachdenklicher und um Verständnis ringender, denkoffener Autor wäre. Das kann man dem Text problemlos entnehmen, dass er all das ist.

    Ich weiß auch nicht, wer hier gerade mitliest, sind heute ganz erheblich viel mehr als sonst. Deshalb hätte ich das eine oder andere Füll-„ja“ doch noch raus nehmen sollen, zwei, drei mehr Zitate bringen aus dem Originalinterview und aus DIE ZEIT online und die eine oder andere Anspielung ausnahmsweise mal ausbuchstabieren sollen. Ahnte ich ja nicht, dass auf einmal so viele hier mitlesen in meinem Randgruppen-Blog. Die mitlesenden St. Paulianer kennen ja das eine oder andere mittlerweile.

    Bei dem Text von Herrn Uhlig hatte ich nur gerade mal wieder den „Alien-Effekt“. Das ist das Gefühl, was sich einstellt, wenn man sich sehr lange zu bestimmten Themen mit gleichgesinnten Menschen ausgetauscht hat, in langen Diskussionen Gedanken heraus gearbeitet hat – und dann liest man woanders, wie es gelesen wird von sehr sympathischen Menschen, und stellt fest „Hey, eigentlich hätte ich bei 0 anfangen müssen“. Die Sottise auf Herrn Gööckel oder wie der heißt könnte ich aber eigentlich nicht unwidersprochen durchgehen lassen und deshalb auch den Trackback nicht frei schalten.

    Da wir uns hier gerade in den Randzonen des Fussballmainstreams bewegen, habe ich es getan, vielleicht kommt ja noch richtig was dabei raus. Und da ist die Kommentarpolitik dann ein wenig anders als sonst.

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