Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

And the Winner is: Die Kartoffel!

Spooky.

Butler-Debatte, Beschneidungsdiskussion, „Selbst schuld, der Scheißrabbiner!“ (via Bov Bjerg, Twitter)

Liest man den den Text von Frau Knobloch, der mich zumindest sehr berührt hat, und den in der Jüdischen Allgemeinen parallel, der mich nicht minder schlucken ließ, ist doch erstaunlich, wie die Perspektiven differieren.

Frau Knobloch richtet sich aufgrund der Beschneidungsdebatte an die deutsche Mehrheitsgesellschaft und deren diskreditierende Besserwesserei, die in jüdisches Leben in Deutschland hinein regieren will. Die Erfahrungen des Jüdischseins in einer von ihr als dominant erlebten, säkulären Gesellschaft sollen so eingeebnet und vernichten werden.

Und sie fragt nicht zufällig, ob die Mehrheitsgesellschaft jüdisches Leben in Deutschland haben will.

Sie selbst stellt den Bezug zu Israel-Diskussionen her.

Ich frage mich aber zunehmend, ob sie damit nicht in eine Falle tappt, die Personal im Springer-Verlag und anderswo rund um den 6-Tage-Krieg aufstellten. Eben diesen Trick der Neuen Rechten, sich vermeintlich offensiv pro-isrealistisch zu geben, um rassistisch agitieren zu können – und damit meine ich die „pro-westliche“, Neue Rechte im Allgemeinen, nicht exklusiv die in Israel. Die Leute bei Springer waren gelernte Antisemiten, die das für sich entdeckten und in Israel ihre Ersatz-Arier suchten. Solche, deren Solidarität mit Juden sehr schnell endet, wenn es um die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit geht. Oder um den Papst.

Ich frage mich zudem, ob nicht stattdessen die Diskussion viel mehr anhand eines zunehmenden Antisemitismus in ganz Europa zu führen ist und dabei zwischen einem „traditionalen“ in Osteuropa und einem postkolonialen zum Beispiel in Frankreich unterschieden werden muss. Und wenn das so ist, ist auch die ganze Butler-Debatte anders zu führen.

Würde mal jemand deren aktuelle Verlautbarungen lesen, anstatt die immer gleichen Zitate zu verfälschen, ergänzend aber auch jene um die Unfähigkeit zur Emphatie mit rassifizierten oder muslimifizierten Kriegsopfern im Irak und in Afghanistan, wo Tote nicht weiter interessieren, könnte man das auch als Kommentar zu dem Artikel in der Jüdischen Allgemeinen lesen:

„Unweit vom Kottbusser Tor arbeitet Anne Goldenbogen für die »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus«. Als Abschlussarbeit an der Uni hat die Politologin eine Untersuchung antisemitischer Einstellungen unter muslimisch geprägten Jugendlichen in Berlin-Kreuzberg vorgelegt. Jetzt besucht die 34-Jährige regelmäßig Schulen und andere Einrichtungen, um über Antisemitismus aufzuklären. »Der Hass von muslimischen Migranten auf Juden hat spezifische Ursachen«, sagt Goldenbogen. »Er unterscheidet sich signifikant vom Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.« Dabei spiele der Nahostkonflikt eine zentrale Rolle, genährt durch zahlreiche TV-Sender aus arabischen Ländern, der Türkei und dem Iran, die den Konflikt übers Internet und Satellit in deutsche Wohnzimmer bringen. 

(…)

Ein zweites Motiv sei »Opferneid«, weiß Goldenbogen zu berichten. »Viele der muslimischen Jugendlichen fragen sich: Warum bekommen die Juden so viel positive Aufmerksamkeit und wir nicht?« Das Gefühl sei vorherrschend, dass Juden eine gewisse Lobby hätten, während hingegen die Muslime – Stichwort Sarrazin-Debatte – nach wie vor abgelehnt würden. Zudem: »Nur ein Bruchteil unserer Klientel hatte jemals Kontakt zu Juden.« 

(…)

Laut einer kürzlich vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführten Studie halten »nur« rund 18 Prozent der befragten Deutsch-Türken Juden für minderwertig. In etwa genauso stark ist der Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsbevölkerung verbreitet. Aber: Rechnet man die Zahlen hoch, gibt es rund 500.000 antisemitisch eingestellte Deutsch-Türken.“

 

Wieso wird in der Reportage nicht jene der „deutschen“, also kartoffeligen Mehrheitsgesellschaft hoch gerechnet? In der ganzen Reportage taucht hinsichtlich der antisemitischen Stereotype NICHTS auf, was ich nicht von Weißdeutschen ebenso gehört hätte, fast im Wortlaut, von Franzosen übrig auch.

Es macht gar keinen Sinn, das nun als irgendwie spezifisch „muslimische“ Perspektive zu deuten. Viel interessanter ist doch, wie sich die 18% auf weißdeutscher Seite in „migrantischen“ Communities“ abbilden, ja spiegeln. Und selbst wenn andere Medien rezipiert werden – das Ergebnis unterscheidet sich kaum. Und zum Beispiel bei den Umwälzungen in Ägypten war Al Jazeera als Quelle weit besser geeignet als alle deutschen Medien zusammen.

Da nun ständig isolierte Phänomene destillieren zu wollen, als würden die, die hier „migrantisiert“ werden, sich nicht in Berlin aufhalten und von Kartoffeln umzingelt sein, die sie fortwährend belehren über das Wahre, Gute, Schöne und das Grundgesetz, an das sie sich endlich mal halten sollten – während die Regierung permanent dagegen verstößt und dafür vom Verfassungsgericht gerüffelt wird. Sie leben in einer Stadt, wo lauter Weißdeutsche rum laufen, die sich „von den Juden erpresst“ wähnen, die lieber sich über Dresden empören und die „Vertriebenen“ als über die Shoah, während sie sich für die polnischen Vertriebenen, die von Ostpolen, das Stalin sich einverleibte, nach Pommern umgesiedelt wurden, einen Scheißdreck kümmern. Wo Malte Weldings Artikel über PoC-Publizistinnen schreiben, diese seien ja deutscher als die Deutschen selbst. Fuck you. Die Muster, die dabei angewendet werden, sind von Walser und Konsorten bestens bekannt. Wo Piraten über „Postgender“ und „Postrassismus“ diskutieren, aber ganz im Zeichen der posthistorischen „Berliner Republik“ vermutlich im Sinne Gerhard Schröders „gerne“ zum Holocaust-Mahnmal gehen. Wo es CDU-Politiker nicht weiter wichtig finden, wenn Schwule verprügelt werden, die braucht ja eh kein Mensch. Dass da auch Antisemitismus gedeiht ist doch klar. Wo vermeintlich „Antideutsche“ in antisemitischer Manier Kapitalismus und Judentum als identisch setzen.

Der Punkt mit der „Opferkonkurrenz“ freilich, „Opferneid“ halte ich für eine problematische Wertung, der ist in Frankreich schon länger ein großes Thema und von Relevanz als einziger genannter Unterschied. Auch, weil die Kolonialgeschichte dort sichtbarer ist und historisch näher dran als in Deutschland. Der Algerienkrieg zum Beispiel steckt dort natürlich ebenso in den Knochen, wie ich vermute, dass in libanesischen Communities die Massaker von Sabra und Schatila, begangen von christlichen (!!!) Milizen, eine Rolle spielen werden. In Frankreich gären auch lange verschwiegene Brutalitäten wie das Massaker von Paris von 1961 vor sich hin, wie z.B. der Spiefilm „Caché“ eindrucksvoll zeigt.

Ich will jetzt meinerseits gar nicht die Rolle von Ariel Sharon damals diskutieren oder ähnliches. Mir geht es darum, wie gar nicht von Juden, sondern von Publizistik und großer Politik Israel fortwährend instrumentalisiert wird, um über Geschichte und Gegenwart von Kolonialismus und Imperialismus zu schweigen. Was die Jüdische Allgemeine beschreibt, ist ja Effekt der seit Jahrzehnten gepflegten Rhetorik nicht-jüdischer, weißer Männer: „Wir müssen möglichst viele von euch PoC umbringen, um Israel zu schützen.“ Dafür verwüstet man dann den Irak, Afghanistan und was weiß ich noch alles. Und lacht sich wohl insgeheim schlapp, ständig Israel vor die Flinten schieben zu können.

In Deutschland ist das eher noch schlimmer als in Frankreich, dieses Verleugnen der Geschichte von Imperialismus und Kolonialismus. Hier lässt die Regierung verlauten, der Genozid an den Hereros sei gar keiner gewesen, natürlich auch, um nicht blechen zu müssen. Hier ist das „3. Reich“ in der Diskussion so dominant, dass es auch dazu genutzt wird, ganze Teile der Historie gar nicht mehr thematisieren zu müssen. „Da haben wir schon die Juden am Hals, jetzt nicht auch noch die N…“. Und darauf wird reagiert von jenen, die koloniale Haltungen im Sinne der „White Supremacy“ ertragen müssen. Und schön blöd von denen, sich verarschen zu lassen und als Reaktion nach Israel zu schauen.

Ich weiß nicht, wie  in Großbritannien diskutiert wird, aber die Vorgeschichte Israels als britisches Protektorat nach dem Zerfall des osmanischen Reiches erst macht aktuelle Konstellationen überhaupt verständlich, das ist ebenso Vorgeschichte wie der Einfluss der USA auf die Historie des Iran – es war Jimmy Carter, der den Weg für Khomeni frei gemacht hat, nicht Michel Foucault. Nur, wenn man das thematisiert, kann man auch die gewaltige DIFFERENZ der Historie Israels zu jener anderer Kolonien  begreifen. Eine Siedlungs- und und Einreisebewegung da hin, wo immer schon Juden lebten, ist was anderes als das, was im Kongo oder in Burundi geschah. Wer das einfach so als Kolonialismus deutet, ignoriert die Rolle Großbritanniens und müsste hierzulande konsequent „Ausländer raus“ rufen.

Aber im Zuge der Neoconisierung der tödlichen Demagogie des „Clash of Civilisations“ werden diese und andere Geschichten unter den Teppich gekehrt – und gleichzeitig auf Israel gelenkt, um von den übergreifenden, macht- und wirtschaftspolitischen Interessen mancher im Westen abzulenken. Es sind Springer, die Bushes, Joffes, Cheney usw., die halfen, das zu sähen, was nun inmitten Berlins zu hören ist. Aber eben genau so auch von den Kartoffeln gesagt werden könnte – ein Satz wie:

 

„»Die Kartoffeln trauen sich halt einfach nicht, das Maul gegen Juden aufzumachen«, ist Samir überzeugt.“

 

könnte auch von Martin Walser stammen, ließe man die „Kartfoffeln“ weg, und gehört zum Standard-Repertoire der Neuen Rechten. Strukturell analog quatschen so auch CSU-Generalsekretäre daher, wenn sie sich von „Schwulen-Lobbies“ unterjocht fühlen, gegen die angeblich keiner was sagen dürfe. Von denen werden dann aber gleich 3 Stück in die öffentliche-rechtliche Talkshow geladen, von denen, die tabuisiert würden. Und ausgerechnet das Migazin quatschte dem einst hinterher, als es gegen den „Schwulenkult“ wetterte, Gelungene Assimilation, wie auch in Samirs Fall.

Nur dass der nicht auf der Seite der Macht steht.

Ich habe nun aber so was von volles Verständnis für die Angst vor alltäglicher Bedrohung auf der Straße, die sich in der Reportage der Jüdischen Allgemeinen zeigt. Aber wenig dafür, dass da auseinander dividiert wird, was zusammen gehört. Ich vermute, es wäre die auch für Juden bessere Variante, stattdessen ernst zu nehmen, was sich hinter dem „Opferneid“ verbirgt: Dass sie nämlich wie immer schon instrumentalisiert werden. Und das, um PoC ausweisen, degradieren, maßregeln und letztlich in Kriegen töten und vernichten zu können.

Es ist deutlich zu verfolgen, wie die „Orientalismen“, die einst die antisemitische Propaganda prägten, auf Bilder von Muslimen über gegangen sind. Im Grunde genommen ist die Beschneidungsdebatte, wo der alte „Ritualmorde an Kindern“-Stereotyp wieder aufbricht in abgeschwächter Form, doch eher eine Chance, Gemeinsamkeiten zu entdecken und sich gegen jene zu wenden, die im Namen einer rassistischen Ideologie einst bei den Hereros das übten, was sie im Falle der Shoah radikalisierten und die nun so tun, als wären die Antisemiten immer schon die anderen gewesen.

Und natürlich verweist all das auf die Butler-Debatte. Das bildet nämlich deren Hintergrund. Mal ab davon, dass sie schon als queere,jüdische Theoretikerin eh den Hass von weißen, heterosexuellen Männern auf sich zieht und vieles in der Kritik deutlich homophobe  („moralisch verderbt“) und antisemitische Züge trägt („der zersetzende, verschlagene, manipulative jüdische Geist schadet der intellektuellen Gesundheit junger Akademiker“) – sie piekst in diesen ganzen Themenkomplex immer wieder hinein, und das halten sie nicht aus, die ganzen Neocons von links, rechts und liberal.

Zum Beispiel mit Aussagen wie der folgenden:

 

„Während der Aids-Krise (die übrigens andauert, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent) habe ich über den Skandal geschrieben, dass Homosexuelle ums Leben kommen, ohne dass explizit und öffentlich um sie getrauert wird. Es war, als hätte es ihr Leben nie gegeben und als wäre es kein wirklicher Verlust. Diese Situation hat sich geändert, doch am Anfang gab es sehr wenig öffentliche Beachtung für diesen Verlust und ich war der Meinung, dass sich Homophobie darin ausdrückt, dass man Schwule und Lesben als »unbetrauerbares Leben« ansieht. Nach dem 11. September 2001 hat die USA öffentlich sehr stark um ihre Toten getrauert, anders als um die Opfer amerikanischer Militäreinsätze im Ausland. Ich wollte verstehen, wie die Bevölkerung durch die Unterscheidung in betrauerbares und unbetrauerbares Leben organisiert wird. Damals wie heute war es außerdem notwendig, dass amerikanische Intellektuelle den Rassismus in den USA und die rassistischen Begründungen des Krieges in Afghanistan und Irak kritisieren.“

Rums. Ich vermute mal, dass das, was die Macho-Jungs in Berlin da sagen, auch aus dieser Motivation sich speist: Warum zum Teufel bedroht man weltweit Leute wie uns mit dem Tode und foltert sie, und die veröffentlichte Meinung schert sich einen Dreck darum? Das ist ja keine aus der Luft gegriffene Sichtweise.

Und dass sie sich eher auf die Politik westlicher Exekutiven konzentrieren und nicht darauf, dass auch Achmadineschad Perser morden lässt, liegt wohl unter anderem daran, dass sie in Berlin leben und nicht in Teheran. Denn natürlich benutzt dieser Mörder Israel genau so wie Joffe und Co, wobei letzterer weder Hinrichtungen noch Folter persönlich zu verantworten hat. Abu-Ghraib bleibt trotzdem unvergessen, und auch da ist ja raffiniert, ablenkend davon immer wieder den Gaza-Streifen zu thematisieren.

In dessen Fall zumindest ich mir nicht zutraue, zwischen Information und Desinformation zu unterscheiden, übrigens ebenso wenig wie im Falle Syriens.

Aber das nicht wegen der „jüdischen Weltherrschaft, die sich auch bei ProSieben“ zeigt, sondern weil die Focussierung ja auch einen Zweck verfolgt, den ich oft gar nicht wissen kann.

Und das ist Butler wirklich vorzuwerfen: Dass sie Hisbollah und Hamas mal eben so unter „antiimperialistischen, antikolonialen“ Bewegungen verbucht, und sei es auch deskriptiv. Nichts ist nützlicher für die globale Rechte, als so einen Quatsch zu verbreiten. Da geht man einfach der CIA und Co auf den Leim, wenn man das glaubt. Es wirkt nicht so, als habe sich Butler jemals ernsthaft damit beschäftigt, wem auch Islamismus nützlich ist und wem nicht und wieso der nun nix ist, was als „antikolonial“ wäre, selbst wenn er sich historisch erst als Reaktion auf „westliche“ Politiken formiert hat. Da folgt man der Propaganda der Neuen Rechten ebenso, wie wenn man glaubt, das, was Evangelikale in afrikanischen Staaten streuen, sei wahr, dass nämlich „Homosexualität unafrikanisch“ sei.

Trotzdem lohnt auch die Lektüre der aktuellen Antworten von Butler auf ihre Kritiker. Das setzt nämlich da an, wo Charlotte Knobloch aufhört:

„Vielmehr besteht die Notwendigkeit, den Antisemitismus in der Vielfalt seiner Erscheinungen zu erkennen und zu bekämpfen, etwa in Hinblick auf die rechtsgerichteten Extremisten und selbsterklärten Nazis, die ins Europäische Parlament gewählt wurden. Auch dass bei den letzten Wahlen in Griechenland bekennende Nazis gewählt wurden, ist erschreckend und hätte die internationale Gemeinschaft zu Gegenmaßnahmen herausfordern müssen. Ebenso müssen in Deutschland die NPD und ihre Aktivitäten als Antisemitismus und Rassismus erkannt und bekämpft werden. Die Anschläge auf jüdische Schulen in Frankreich und anderswo müssen wir als (den beinahe schon alltäglichen) Antisemitismus erkennen und bekämpfen. Und ebenso müssen wir alle Formen des Geschichtsrevisionismus, die darauf hinauslaufen, die Gräueltaten des nationalsozialistischen Genozids zu bestreiten oder auch nur zu verharmlosen, energisch und öffentlich als Antisemitismus bekämpfen.“

Butler versucht, wenn ich das richtig verstehe, die Gleichung „Israel = Der Jude“, eine auch von all den Israelkritikverurteilern in Anspruch genommene Figur, aufzulösen, und dem die Pluralität jüdischen Lebens und Denkens, die rege Diskussionskultur unter Diaspora-Bedingungen, entgegen zu stellen:

„Eine der vielen Schwierigkeiten auch unserer Diskussion besteht in der Unterstellung, „das jüdische Volk“ und „der Staat Israel“ seien ein- und dasselbe, oder dieser Staat sei der einzige politisch legitimierte „Repräsentant der Juden“. Dabei gab es in der Geschichte des Judentums – inklusive der frühen Phase des Zionismus, der keineswegs staatszentriert war – Formen des Internationalismus, die strikt anti-nationalistisch waren, und auch diasporische Formen jüdischen Lebens, die dauerhafte Gemeinschaften in multikulturellen Umgebungen hervorgebracht haben. (…)

Juden, die eher dem linken Spektrum zuzuordnen sind, haben ohnehin einiges am jüdischen Nationalismus zu kritisieren, zumal sie befürchten, der Nationalismus führe geradewegs zum Rassismus: Eine kritische Perspektive auf einen Staat zu werfen, dessen Nationalismus Israel weniger zu einer Zufluchtsstätte (sanctuary) denn zu einem Schlachtfeld werden ließe, tut dringend Not.

Und das auch, um antisemitischen Stereotypen den Stachel zu nehmen, die sich rund um Israel gruppieren. Sie skizziert die Position jener, die, wie Herr Kramer, Israel als Schutzstaat für weltweit verfolgte Juden zu begreifen und stellt dem die Vision eines pluralistischen, radikaldemokratischen, gewaltfreien Zusammenlebens entgegen. Diese leitet sie aus der jüdischen Tradition selbst her.

Ich sympathisiere mit solchen Projekten, die ihr Sprechen und Handeln mit der ethisch inspirierten Hoffnung verbinden, dass es eine politische Zukunft für Israel-Palästina gibt, in der die Grundprinzipien einer Demokratie verwirklicht sind: Gleichheit, Recht und Freiheit für alle, die hier leben und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.Was aber wäre, wenn Juden, wie alle anderen Menschen auch, ganz verschiedene, sehr unterschiedliche Meinungen und Haltungen zu einem Thema haben und dieses konfliktreiche, mitunter streitsüchtige Durcheinander von Beginn an zum jüdischen Leben gehört? Wenn einige Angehörige der deutschen Linken denken, dass eine reflexhafte Verteidigung Israels das einzige Mittel gegen den Antisemitismus sei, dann müssten sie augenblicklich jeden Kontakt mit der jüdischen Linken abbrechen. Eine etwas paradoxe Konsequenz, aber nur so könnten sie wirklich sicher sein.

Rums.

Nun stelle man sich mal vor, es wäre ein Dialog zwischen Butler und den Jungs in Berlin möglich, in deren Sinne sie einst einen Preis auf dem Berliner CSD abgelehnt hat. Hätten die da was dagegen?

Was ich mich ja eher frage, ist, wie diese Vision – ein Land, in dem die Grundprinzipien einer Demokratie verwirklicht sind: Gleichheit, Recht und Freiheit für alle, die hier leben und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden – nun gerade in einem strategisch so ungeheuer umkämpften und multipel instrumentalisierten Israel-Palästina, wo alle Seiten ihren Wunden lecken und die Situation so ungeheuer verfahren ist, zu verwirklichen sein könnte, wo das schon auf dem Schanzenfest nicht klappt.

Und zudem wird ignoriert, dass nun gerade aufgrund der Jahrtausende währenden, auch aktuellen Verfolgung von Juden vor allem durch Christen ein hegemonial jüdischer Staat nun auch was ist, was man als Jude vermutlich genießen kann.

Umgekehrt wurde von einer in Deutschland lebenden Israelin mit sowohl jüdischem als auch arabischen Hintergrund exakt das, was Butler schreibt, als Position auch der jüdischen Linken in Israel skizziert hier in der Kommentarsektion. Zumindest sollte deutlich sein, dass es nun gerade darum geht, eine andere israelische Politik zu befördern, um Antisemitismus weltweit zu bekämpfen.

Eine Position, die ich als Nachfahre der Täter gar nicht so einnehmen könnte, deswegen tendiere ich ja eher zur Schutzstaat-Perspektive und würde mich im antisemitischen Stereotyp verheddern, es sei das Handeln von Juden, dass Antisemitismus bewirkte, was ja schaurig wäre, würde ich nun rumlamentieren, wer da wie vorzugehen hätte. Bin ja immer erstaunt über all die hiesigen Blogger und deren Expertenwissen über das, was dort vorgeht. Ich habe das nicht.

Aber gerade deshalb der Appell wie üblich in diesem Blog: Zulesen! Zuhören! Sowohl bei Frau Knobloch als auch in der Jüdischen Allgemeinen als auch bei Frau Butler und auch bei Herrn Kramer. Ich als in Deutschland aufgewachsene Kartoffel muss dazu keinen eigenen Senf geben außer, dass ich bemüht bin, hiesigen Antisemitismus aufzuspüren und zu bekämpfen. Natürlich auch den der Jungs in Berlin. Aber bestimmt nicht durch Projektion typisch deutscher Sichtweisen auf „Migranten“.

Wozu ich mich freilich äußern kann, ist, dass das, was Butler als Vision für Israel-Palästina fordert, ich mir hier auch wünschen würde. Es sollte überdeutlich sein, dass Frau Butler da auch die deutsche Einwanderungs- und Asylpolitik harsch kritisiert und heraus stellt, dass die de facto Asylrechtsabschaffung natürlich strukturell antisemitisch war. Dieses Recht gab es aufgrund der Lehren aus auch der jüdischen Emigration.

Dass Butler aber eine rassistische Perspektive auf die von der Jüdischen Allgemeinen besuchten Jungs ebenso kritisiert wie deren Antisemitismus, das geht nämlich gleichzeitig, sollte ebenso klar sein. Und das aus einer Tradition heraus, von der man in Deutschland wirklich viel lernen kann – nämlich der Diaspora-Erfahrung. Die ist exakt das Gegenteil dieser „jüdisch-christlichen Kultur“, die zynischerweise als Claim erfunden wurde, um Muslime herab würdigen zu können – als hätten die christlichen Kirchen, die Erfinder des Antisemitismus, nicht bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gebraucht, da mal ein wenig von abzulassen.

Ebenso wichtig ist aber die Emphatie-Forderung. Was hinter der „Opferkonkurrenz“ steckt, ist exakt das, was Butler auch über die AIDS-Toten schreibt: Es gibt kein Gedenken an die Opfer von Imperialismus und Kolonialismus. Und das auch dank eines Missbrauchs der These von der Singularität des Holocaust. Die ja nur dann höchstpräsidial angegriffen wird, wenn es um den Gulag geht. Für die Opfer des Antikommunismus nicht nur in Vietnam, ebenso in Chile und Argentinien, interessiert sich aber auch kein Schwein.

Dass diese Erinnerung, dieses Gedenken, und die Forderung nach Emphatie nun die Shoah so ganz und gar nicht relativiert, das müsste eigentlich das Thema sein – und die Frage, welche Politik sich daraus ergibt. Diese Verweigerung des Mitgefühls für den verprügelten Rabbiner durch die Jungs da in Berlin spiegelt das wieder. Und ist schlimm, sehr schlimm, und natürlich was, wo die sich nicht aus der Verantwortung stehlen können. Und die Frage, wie gesellschaftliche Verhältnisse diesen Entzug von Emphatie für konstruierte Kollektive hervor bringen, um die muss es doch eigentlich gehen. Das ist nicht zufällig einst großes Thema der feministischen Moralphilosophie gewesen. Und das geht bis zu den Unionspolitikern, die gegen Schwule hetzen: Diese Verweigerung des Anerkennens dessen, was sie anrichten, wie kommt das eigentlich zustande?

Nun kann man auf Emphatie alleine weder ein Wirtschaftssystem noch ein politisches errichten, die Relevanz sollte dennoch offenkundig sein. Bis hin zu Leuten, die Gästefans verprügeln. Das ist doch ein lokales wie auch globales Problem.

Doch, was aktuell passiert, ist einfach das übliche Spiel: Es wird versucht, allgemeine gesellschaftliche Probleme Minderheiten anzudichten, um den Blick von den Kartoffeln zu lenken. Es wird versucht, alles mit Israel in Verbindung zu bringen, um von den Kartoffeln abzulenken. Und das kann es ja nicht sein.

Da sollte man bei aller Kritik Frau Butler mal ein wenig ernster nehmen. Und sie wird so angegriffen, weil sie nicht den Kartoffeln dient.

 

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20 Antworten zu “And the Winner is: Die Kartoffel!

  1. MartinM September 6, 2012 um 3:44 pm

    Wieder mal ein sehr nachdenkenswerter, sehr guter Artikel! Den Denkfehler Frau Butlers, Hisbollah und Hamas als antiimperialistisch und antikoloniale Bewegungen wahrzunehmen, hatte ich selbst glatt übersehen, obwohl er verdammt folgenreich sein kann..

    Ich sehe, über die von dir skizzerten Dilemma hinaus, ein weiteres Problem. Du schreibst sehr richtig:
    „Nun kann man auf Emphatie alleine weder ein Wirtschaftssystem noch ein politisches errichten, die Relevanz sollte dennoch offenkundig sein.“
    Was muss zur Empathatie – die je schon vom Wortsinn her unzureichend ist, denn „Mit-Fühlen“ reicht nicht, „Mit-Denken / sich in den Anderen Hineindenken“ und dem entsprechend handeln muss sie notwendigerweise ergänzen! – noch hinzu kommen, damit sich ein Wirtschaftssystem / politisches System darauf errichten lässt? An diesem Punkt schlägt, nach meiner Erfahrung, oft die Stunde der Utilitaristen und der „harten“ Pflicht-Ethiker (etwas halb verstandener Kant und sehr viel uneingestandenes autoritäres „preussisches“, (sitten-)protestantisches Denken) . Das muss gar nicht in irgendwelchen „Zurichtungs“-Utopien enden, da reichen „Kataloge“ von moralischen Forderungen, die wir, als „Kartoffeldeutsche“, gefälligst abzuarbeiten hätten, um unser „Mitfühlen“ auch „politische glaubwürdig“ zu machen – ganz typisch dafür ist etwa die Axel-Springerische Forderung nach einer bedingungsloser Solidarität zu Israel.

    Auch wenn’s nur eine Kleinigkeit ist: ich weiß natürlich, wie du „Weißdeutsche“ meinst – im Sinne des Konstruktes „Weißsein“, im Sinne der „weißen Privilegien“ – und nicht auf die tatsächliche Hautfarbe – aber der Begriff könnte seitens z. B. Deutschtürken als beleidigend empfunden werden – eben weil es sich, nach dem, was ich in Gesprächen mit Deutschen türkischer Abkunft so mitbekommen, als „Weiße“ verstehen, und den Begriff (aus dem Kontext gerissen) als Versuch, sie von „weißen Privilegien“ auszuschließen, deuten könnten. (Ich kenne eine Deutsche teilweise indischer Abkunft, die jedesmal wie ´ne Rakete hochgeht, wenn jemand wegen ihres nicht ganz „standdardeuropäischen“ Aussehens bezweifelt, dass sie eine „Weiße“ wäre. Bestätigt nebenbei die These, dass „Weißsein“ immer noch enorm wichtig für den gesellschaftlichen Status ist.)

  2. lars September 6, 2012 um 4:15 pm

    Hier nochmal ein Beitrag zu PoC, Rassismus und Englishness, am Beispiel von Stuart Hall: http://www.newstatesman.com/politics/uk-politics/2012/08/stuart-hall-we-need-talk-about-englishness – von der Kartoffel zum Teapot

  3. momorulez September 6, 2012 um 4:30 pm

    Die Pointe hinten ist interessant, die verweist auch auf einen ganz anderen Punkt, nämlich u.a. das Verhältnis zu Schwarzen in der Geschichte des Osmanischen Reiches. Die Diskussion ist spooky, auch, wie Du versuchst, emphatisch in Richtung der Türken ein „Ich bin doch nicht schwarz!“ anzuführen, was ggf. selbst eine rassistische Konstruktion ist – sich an die weißen Priviliegien heran robben in Abgrenzung gegen noch dunklere. Das System regiert ja auch den Süden der USA und lateinamerikanische Staaten, je weißer, desto besser, oder das ist ein Farbverlauf der Rassismus selbst. Der im Rahmen von Aufstiegsaspekten voll verständlich ist, und auch sonst habe ich da nicht meinerseits zu werten, aber …

    Das fiel mir nun aber auch schon mehrfach auf, dass in letzter Zeit immer mal griechisch- oder Türkischstämmig auftauchen, die dann ganz wie in diesem Fall andere Weiße Schwarze über Rassismus belehren wollen und die „Critical Whiteness“-Forschung, aus der ja auch das Weißdeutsche übernommen ist, total blöd finden.

    Dieser PoC-Begriff dient ja nun gerade dazu, so ein Auseinanderdividieren in politischer Hinsicht gar nicht erst aufkommen zu lassen, um die Kartoffeln ins Zentrum zu rücken. Und so habe ich es verwendet, als kritischen Begriff, der auf die soziale Konstruktion verweist. Da sie nun selbst mich mit Kartoffel meinen, fand ich das auch okay, weil sie ja von sich aus eine Differenz herstellen.

    Zur Emphatie: Ich meine damit im Grunde genommen auch eine generelle Aufmerksamkeit und Denkoffenheit, die nicht die eigene Wertung und Selektion vor jede Interaktion schiebt. Natürlich käme man auch aus dem Trauern gar nicht mehr raus, würde man die ganze Zeit mit allen Opfern der Menschheitsgeschichte im Gefühl herum laufen. Aber da, wo sich das politisch oder in Interaktionen sozusagen aktiviert, da IST das ein akutes Problem, dass eine an Kollektiven und Prinzipien orientierte Denkerei sich da sozusagen davor schiebt. Und dann kommt es zu diesen ganzen bescheuerten Belehrungen und Generalisierungen, in denen die Sprecherpositionen sich artikulieren. Mich hat das damals verblüfft, dieses Statement von Butler zu den AIDS- und Kriegstoten, durchaus so was wie einen Aha-Effekt ausgelöst. Dass nun angesichts des schwulen Massensterbens im New York der 80er eine ähnliche Betroffenheit wie beim Tsunami entstanden wäre, das kann man ja tatsächlich nicht behaupten. Und um Iraker, die ja angeblich befreit und demokratisiert wurden, hat sich auch niemand mehr groß gesorgt.

    Auch jetzt, im Falle des Atomprogramms des Iran, werden manche hochaggressiv, wenn man mal darauf hinweist, dass ja auch Perser sterben. Im Gegensatz zu anderen würde ich nie das Selbstverteidigungsrecht Israels infrage stellen und glaube auch, dass Butler das unterschätzt. Das Sicherheitsproblem ist ja kein nur herbei geredetes.

    Aber ich finde, es gehört sich einfach, die von Achmadineschad unterjochte Bevölkerung auch in die Überlegungen einzubeziehen und die Perspektiven derer im Iran, und das empfinden manche ja schon als völlig empörend. Da hat schon eine Entmenschlichung statt gefunden, die furchtbar ist, und das Selbstverteidigungsrecht des Iran interessiert kein Schwein, als wäre das, was im Irak passierte, nie geschehen.

    Diese „bedingungslose Solidarität“ ist ja auch gar nicht emphatisch, sondern eine politische Strategie. Die ersetzen Menschen durch ein Abstraktum, und Juden sind denen egal.

    Und auch sonst sitzt der Glaube halt tief, Emphatie in einem weit verstandenen Sinne sei ein Allesentschuldigen, Schwäche oder was weiß ich, das sind ja auch alles so Machodiskurse. Das ist die Grundbegingung für Solidarität, nicht die gemeinsamen Interessen. Und Carol Gilligan hat schon recht überzeugend dargelegt, dass die abstrakten Prinzipien, die unserem Recht und den Moralvorstellungen zugrunde liegen, letztlich durch Abstraktion entmenschlichen – weil Du nicht mehr auf ein konkretes, leidensfähiges Gegenüber rekurierst, sondern auf etwas dem Übergeordnetes. Und ab da geht es schon schief.

  4. momorulez September 6, 2012 um 4:31 pm

    @Lars:

    Danke für den Link!

  5. lars September 6, 2012 um 4:38 pm

    Bei Knoblauch bin ich mir aber unsicher. Ich werde da mittlerweile äußerst skeptisch, wenn man sich auf alte Traditionen beruft. Und bei aller Sympathie für Pluralität (und aller Antipathie gegen jede Religion) stellt sich hier natürlich die Frage nach dem Vorrang von Gruppen- oder Individualrechten. Teil des Problems dieser Diskussionen ist, dass hier Gruppenidentitäten gegeneinander aufgefahren werden, an denen dann keine Kritik, von innen oder außen mehr möglich wird. Da hat Butler ja recht, dass sich dahinter unterschiedlichste Erfahrungen und Kontexte verbergen. Das sucht dann auch diese Kritik heim, ob sie will oder nicht, wird sie doch von einem deutschen Nichtjuden vorgetragen, der durchaus froh ist, dass ihm trotz der Geburt in den USA die Beschneidung erspart blieb. Ist das eigentlich dort auch als kulturelle Praktik zu rechtfertigen? Ab wann darf man sagen, dass sei jetzt Ausdruck einer tief verwurzelten Identität? Die letzte Frage treibt mich wirklich um…

  6. momorulez September 6, 2012 um 5:19 pm

    Ich bin auch skeptisch gegen Traditionserfindungen im Allgemeinen; in Fällen wie denen der Siniti & Roma, Juden, vielleicht auch Aleviten oder Basken (und vielen, von denen ich nichts weiß), da sehe ich das noch mal anders. Es ist eher verblüffend, dass sich die unter Diaspora-Bedingungen so lange gehalten haben – und historisch ist es zumindest in christlich dominierten Regionen ja so, gerade in Deutschland, dass Assimilationsversuche und Emanzipationsbestrebungen immer sehr krass beantwortet wurden, so dass im Gegenzug das historisch eigene um so bedeutender wurde, glaube ich. Müsste man Frau Knobloch fragen. Das entnehme ich sogar Texten von lesbischen Jüdinnen bei Hagalil, die das Grauen des historischen Doppelausschlusses noch aus der eh schon malträtierten Gemeinschaft beschreiben, dass die ganzen Rituale eine andere Art der Aufladung erfahren als bei Mehrheitsgesellschaftlern, und das auch ohne Glaube an den jüdischen Gott.

    Und da ist ein schwächere Analogie das, was viele Kartoffeln nicht verstehen, dass eben auch türkischstämmige Communities in manchen Fällen eher strikter als in dem „Herkunftsland“ sich an manches halten. Das ist doch aber klar – sehr schwacher Vergleich ist, dass ich irgendwann in Köln lebend nur noch Jever getrunken habe 😀 … statt Kölsch.

    In den Texten zu Paulus von Pauly Veyne taucht, wenn ich mich recht entsinne, „Die Beschnittenen“ als Eigenbezeichnung auf. Das ist schon noch was anderes als andere Traditionserfindungen.

    Habe gerade viel mit einer Sinti-Frau geredet, für die ist das das Wichtigste überhaupt, die Traditionen an ihre Kinder weiter zu geben. Die erzählt dann lange, dass sie gar keine Alten haben, klar, die haben das KZ eben auch nicht überlebt, weiß, dass ihre Kids ständig Diskriminierung auch von Behörden ausgesetzt sind, und da ist das der Rückzugsort, ein Schutzraum, so habe ich das zumindest verstanden, das, was bleibt, wenn die Umwelt feindlich eingestellt ist.

  7. momorulez September 6, 2012 um 9:08 pm

    Der ist noch ganz lustig: Broder, schlaff geworden, hat noch mal alles brav, wenn auch nicht sonderlich fleißig, zusammen getragen, was die Reaktion derzeit zu sagen hat

    http://www.welt.de/debatte/article109056853/Warum-Judith-Butler-den-Adorno-Preis-verdient-hat.html

    Das Wundervolle daran jst die Wortwahl wie auch einige Denkfiguren, die jüngst aus diesem Blog Geflogene zu 100 Prozent auch so pflegen. Alle verbrodert. Und Frausein ist über die Menopause zu definieren.

    Dass Adorno von Broders Kumpel Herzinger ja gleich gänzlich aus dem Judentum entfernt wurde, sei ergänzend erwähnt. Kramer schrub von „von den Nazis zum Halbjuden erklärt“, sinngemäß.

    Wie ist denn das nun eigentlich? Lars, weißt Du das? Hatte er einen jüdischen Vater und eine nicht-jüdische Mutter und wäre so, weil jüdisch über die Mutter weiter gegeben wird, dann aus irgendeiner Perspektive keiner? Er hat sich doch aber selbst als jüdisch begriffen? Da war ich nun verwirrt. Und bitte um Aufklärung.

    PS: Auch nicht schlecht der Kommentar darunter „Freilich hat sie der neurotischen Homosexualisierung einer ganzen Zivilisation des Weg geebnet“. Dass diese Leute irgendwann aus ihren Löchern gekrochen kommen, das war ja auch klar. Vorsichtshalber mit einer Prise Freud bewaffnet.

    PSS: In einer Replik, die sich der Komplexität der Position Butlers verweigert und stattdessen wildwütig im Tenor „Ich befinde darüber, welche Deiner Aussagen glaubwürdig sind und welche nicht“ und ansonsten annähernd ausschließlich den Begriff „progressiv“ auslegt, der ja wirklich blöde ist, nun wieder Herr Kramer:

    http://www.fr-online.de/kultur/adorno-preis-fuer-judith-butler-so-werden-israels-todfeinde-legitimiert,1472786,17188958.html

    Das Schlimme ist ja nicht nur die Durchschaubarkeit der Diskussionsverweigerung, was echt schade ist, da hätte er wirklich mehr draus machen können und sollen – sondern, dass gleich der erste Kommentator offen ins antisemitische Horn stößt. Gruselig. Ganz im walserschen Sinne. Armes Deutschland.

  8. lars September 7, 2012 um 11:03 am

    ad Adorno. Bin gerade quellenlos. Aber ich nehme mal an, dass der Vater Wiesengrund jüdisch war. Ob die Cavelli-Adornos es waren, weiss ich nicht.

  9. lars September 7, 2012 um 11:30 am

    Broder ist halt arrogant wie eh und je. Ansonsten schlechtester Stammtisch- Feuilleton. Wie will man da diskutieren? Der ganze Text schreit ja: ihr seid der Auseinandersetzung nicht wert, sondern so das Böse.

  10. momorulez September 7, 2012 um 10:47 pm

    Weil Herr Kramer Butler nicht antworten, sondern sie lieber moralisch vernichten wollte, tut das stellvertretend Micha Brumlik, von Anfang an die vernünftigste und auch informativste Stimme in der Diskussion:

    http://www.fr-online.de/kultur/adorno-preis-an-judith-butler-selbstbehauptung-und-gerechtigkeit,1472786,17198138.html

    Das Schlimme ist ja, dass in den Kommentarsektionen so diskutiert wird, dass es Kramers ja im Grunde genommen wirklich schon fast mitleidserregender Weise des Prügelns Recht gibt hinsichtlich der hiesigen Diskussionslage. Der Hass auf die Opfer ist hierzulande echt zentrales Motiv bei vielen geworden, bis tief in die Linke hinein, und kaum meldet sich der Zentralrat zu Worte, geht’s ab. Und das wäre auch so, wenn die Butler über den grünen Klee loben würden „Endlich eine würdige jüdische Preisträgerin“, dann gingen die Kettenhunde auf die Gender-Theorie los und würden es trotzdem irgendwie schaffen, das Thema in Richtung „Israelkritik“ zu drehen. Knobloch wurde von Kommentaren vorgeworfen, zwischen Juden und Nicht-Juden überhaupt zu unterscheiden, und es prallten die üblichen Integrationsforderungen auf sie ein – auf eine Holocaust-Überlebende. „Lass Dich gefälligst taufen“ – sinngemäß – und bild Dir bloß nix drauf ein, Jüdin zu sein!“ Unglaublich. Würde sie es gar nicht erwähnen, bekäme sie es aber trotzdem rein gewürgt, dass sie sich angeblich zum „moralisch rigorosen“ Sittenrichter aufschwingen wolle.

    Ich glaube, was Butler nicht peilt, ist, dass die Diskussionslage in Deutschland eine andere ist, als wenn man das in den USA diskutiert. Während es in Israel selbst ja meines Wissens mehr gibt, die mit ihr übereinstimmen würden, Brumlik zählt einige auf.

    Eine hiesige Diskussionslage, auf die Kramer reagiert, aber die reine Verurteilung hilft ihm doch auch nicht weiter. Das ist das, was ich nicht verstehe.

    Schon diese Differenz ’48 und ’67 hat doch hier kaum wer auf dem Zettel, und das unterscheidet Broder übrigens von anderen Diskutanten, so machistisch er da auch auch über Menopausen labert und Unsinn schreibt – die Abfolge des Konfliktes hat der ziemlich gut drauf, wenn er mal nicht die nächste schlechte Polemik schreibt.

  11. lars September 8, 2012 um 9:38 am

    Was du zu den unterschiedlichen Diskussionslagen in Deutschland und den USA sagst, stimmt wohl. Aber das trifft dann nicht nur Butler, sondern auch die Gegenseite. ’48 in ’67: Da hast du recht. Übrigens geht auf Seiten der Linken verloren, dass es trotz eines starken Militarismus in Israel immer auch eine dominante sozialistische Orientierung gab, etwa mit dem Kibbuz. Die Diskussion läuft ja quer zum links-rechts-Schema.
    Schließlich werde ich aus Broder und Co nicht schlau. Wieso sich über eine Preisverleihung aufregen, dessen Namensgeber man philosophisch und politisch verachtet?

  12. momorulez September 8, 2012 um 11:18 am

    Ja, gilt auch für die Gegenseite. Ich glaube, Kramer weiß, dass Butlers Position hierzulande die Kiste der Pandora öffnet und reagiert dann einfach falsch, weil er, anders als Brumlik, sich auf eine Detaildiskussion nicht einläßt. Und man im Falle z.B. der besetzten Gebiete nun auch nicht von einer Derailingstrategie sprechen kann. Es kann ja wahr sein, dass die dem Sicherheitsinteresse Israels dienen und z.B. Jordanien und Ägypten viel stärker in die Pflicht genommen werden müssten. Die haben ja im Zuge Zusammenbruchs des Panarabismus auch ihre Leute im Stich gelassen, und ich finde ja auch weiterhin, dass bei Sinti, Roma und Juden andere Vorstellungen eines „Volkes“ in Anschlag zu bringen sind als bei Deutschen oder Franzosen. Dass das immer nur israelimmanent diskutiert wird, das ist mir eh ein Rätsel.

    Broder geht es neben dem üblichen Gegen-68, wo er ja auch vor offener Homophobie, Rassismus (z.B. im Fall des Augsburger Zoos) und Frauenfeindlichkeit nicht zurück schreckt wie Kramer darum, dass nicht-jüdische Deutsche sich wahnsinnig über jüdische Israelkitiker freuen, um Israel zu delegitimieren. So sehen die das halt, obwohl Butler ja gar nicht Israel delegitimieren will, sondern eine pluralistisches Israel-Palästina, wie einst schon Hannah Arendt. Damit die Hamas keinen Grund mehr hat, mobilisieren zu kœnnen. Und das ist idealtypisch ja richtig, homogenisierenden Bewegungen wie dem Islamismus oder dem CDU-Katholizismus Pluralität entgegen zu setzen, ist nur die Frage, ob das ausgerechnet da geht, da viele Wortführer der Palästinenser sich bisher auch nicht sonderlich kooperationsbereit in dieser Hinsicht gezeigt haben. Aber diese Jugend-Manifeste, die es gab, zielen auch in diese Richtung.

    Und da Butler das aus der jüdischen Diaspora-Tradition heraus entwickelt, drehen die völlig ab, weil sie das gar nicht diskutieren wollen, was sie meint.

    Dass es der Adorno-Preis ist, ist denen entweder egal, oder sie glauben, dass diese linksintellektuelle Intelligenzia a la Honneth eh ein antisemitischer Dreckshaufen ist, in die Richtung zielt ja Kramer. Und das sind Wunden, die nun auch wieder seit den 60ern geschlagen wurden, als die Linke begann, sich mit den Palästinensern zu solidarisieren. Das ist wirklich eine strategische Meisterleistung der Rechten, Springer und Co, was die damals veranstaltet haben. Das war ja Thema des Eintrags oben.

    Aber Herzinger hat ja jetzt den Kampf gegen Adorno eröffnet, und Broder zieht nach. Wenn den schon nicht Sharon, Wilders oder de Winter bekommt oder Mark Steyn, dann muss man ihn halt deligitimieren.

  13. Loellie September 9, 2012 um 2:36 pm

    Nicht dass sich noch irgendwer dafür interessieren würde, aber interessanterweise ist das inkriminierende Video nicht mehr zu finden.

  14. momorulez September 9, 2012 um 3:29 pm

    Das mit dem, was Butler wirklich gesagt hat? Neulich war das noch bei der FR verlinkt, und das waren ja fast schon beiläufige Bemerkungen im Rahmen einer Diskussion. Worauf sich seitdem die Welt stürzt. Bei Foucault waren es wenigstens noch Zeitungsartikel, und weil der wenigstens noch Mann war, wurde das auch nicht so brutal ausgefochten wie bei Butler.

    Sie hat ja interessanterweise ein Buch darüber geschrieben, hervorgehend aus Adorno-Vorlesungen, wann Moral selbst Gewalt wird. Das ist ja übergreifend interessant, weil „uns“ das ja von lauter selbst viel aggressiver moralisierenden Leuten vorgeworfen wird, „Sag mir wo Du stehst!“, und das zumeist in Fällen der Selbstverteidigung. Mit dem Hass auf die Opfer geht auch diese Empörung einher, dass die sich auch noch wehren, obgleich sie doch geduldet werden.

  15. Loellie September 9, 2012 um 4:22 pm

    Ja, das war eine gezielte Frage während eines Q&A nach einer Vorlesung zu gewaltfreiem Widerstand. Trotz der Manipulation, die Frage fehlte und die Antwort wurde geschnitten (zumindest in der ersten Version), lässt sich das Bohei nicht näherungsweise begründen. Frage und Antwort waren darüberhinaus im Konjunktiv gehalten, und es ist faktisch ein Unterschied, ob wir über den KKK oder die NSU sprechen, oder die Hamas. Erstere reagieren auf ihre Wahnvorstellungen, während die Hamas ihre Existenz und Aktionen über reale Zustände legitimieren kann. Ohne die soziale Situation und die Besatzung, hätten Hamas/Hisbolla nicht die Unterstützung die sie haben (ganz davon ab, dass Linke Bewegungen zugunsten dieser Extremisten gezielt kaltgestellt wurden). Insofern könnte man! … „could be seen as“ hat sie gesagt und nicht „is part of“. Aber mit solchen Feinheiten ist das intellektuell völlig verwahrloste deutsche Feuilleton wohl hoffnungslos überfordert.
    “Sag mir wo Du stehst!” … die sind doch mittlerweile alle so Gehirngewaschen, dass sie garnichts anderes mehr können. Nicht mal die „Beführworter“ kommen da raus.

    Auch bezeichnend, dass sich niemand für die Urheberschaft des Videos interessiert.

    Und, gut möglich, dass ich schlampig gesucht habe. Aber, wenn die Elite der deutschen Publizistik nur noch dumm daher labert, und sich einen feuchten für die Inhalte interessiert, dann mach ich mir hier richtig Arbeit. Ganz bestimmt.

  16. Trude September 10, 2012 um 10:33 am

    Ist doch traumhaft, im vorgeblichen Kampf gegen Antisemitismus und Israelfeindschaft zugleich gegen Butler Adorno und Linke vom Leder ziehen zu können. Das ist eine optimale Konstellation! So denken einige von denen fürchte ich. Die Position von Butler zum palästinensischen Problem sind mir neu aber so ungerechtfertigt mir die harte Kritik an ihr erscheint so wenig ist mir ihre Position überzeugend. Ihr Blick auf die Hamas ist für meine Begriffe unausgewogen.

  17. momorulez September 10, 2012 um 11:31 am

    Ja, wobei das ja so viel gar nicht ist, was sie dazu gesagt hat. Und das ist vermutlich auch das Problem der Debatte im Allgemeinen – dass sich damit im Grunde kaum wer beschäftigt Für die einen sind Hamas und Hisbollah nix anderes als Antisemiten, was sie wohl sind, aber nicht nur. Weil die ganzen sozialen, historischen, politischen, wirtschaftlichen Konstellationen ist der Ecke der Welt ja aktiv in den Raum der Ignoranz geschoben werden. Das betrifft auch den Iran. Achmadineschad hat nun echt andere Probleme, als Bomben auf Israel zu werfen.

    Und Butler focussiert sich zu ausschließlich auf die eine Seite und argumentiert idealtypisch, nicht empirisch, sozusagen. Als habe es die Intifada nie gegeben, zum Beispiel.

    Auch das, was Ephraim Kishon einst schrub, „wen die Götter strafen wollen, machen sie zum Verbündeten der USA“, landet unter dem Teppich.

    Trotzdem glaube ich, und das sehen ja sogar jene so, die der Ansicht sind, Butler mit einem Adorno-Preis auszuzeichnen hieße, auf dessen Grab zu spucken, was ich für groben Unfug halte, dass die Kritiker an sich herab schauen, stolz ihren Schwanz betrachten und sagen „Das ist doch keine Konstruktion!“ Es geht hintergründig um etwas ganz anderes. Hier sind, bevor ich die Leute dann raus geschmissen habe, früher ALLE Diskussionen zu Butler völlig entgleist. Bei ihr rasten Männer einfach aus. Was übrigens auch daran liegt, dass ihr ganzer Denkstil auf plumpes Draufhauen und Verdichtung verzichtet, das macht die auch nervös, die lieber an Polarisierungen entlang denken.

  18. momorulez September 10, 2012 um 4:05 pm

    Gute Zusammenfassung der Diskussion findet sich hier:

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/66800

    Und dann regen sich da ernsthaft Kommentatoren auf, dass Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden, während sie selbst sich auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz beziehen. Bei queer.de stand übrigens was zu der Debatte, und ansonsten scheinen die sich so was wie das „Homosexuellen-Milieu“ vorzustellen, dass dann mobilisiert.

    Habe ich was übersehen, oder fallen tatsächlich nur Männer über Butler her?

    Lustig auch die, die immer wieder die Wahrheit der Älteren Kritischen Theorie gegen Butler ins Feld führen. Da war die wenigstens noch richtig schön homophob, als Freud und Reich noch wirkten. Ich halte ja viel von Adorno, dass er homophobe Intrigen gegen Golo Mann gesponnen hat und die von ihm rezipierte Psychoanalyse in der Frage knietief in der Scheiße watet, sei auch mal wieder erwähnt.

    Endgültig von jeder Reflektion befreit zeigt sich Alan Posener:

    http://www.welt.de/kultur/article109112736/Judith-Butler-ist-so-borniert-wie-Ulrike-Meinhof.html

    Irgendwie musste ja noch mal eine Assoziation zwischen Queer und Terrorismus hergestellt werden im Sinne des arisch-evangelikalen Komplexes. Der Artikel ist selbst so borniert, dass es den Atem raubt – wer auf Recherche verzichtet, ist auch zum Journalisten nicht qualifiziert. Die Sache mit dem CSD-Preis war doch etwas komplizierter.

  19. Pingback: Solidarität mit Israel, die “sehr schnell endet, wenn es um die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit geht. Oder um den Papst.” | MondoPrinte

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