Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Von PräsidentInnen: Fremde! Fremde! Fremde!

(Da ist mir ein kurzer Facebook-Aufschrei länger geworden als gedacht, den hole ich hier auch mal rüber)

Eine Eiche pflanzen gegen „Überfremdung“:

„Bürgerschaftspräsidentin Jens aber verteidigt die „Friedenseiche“, wie sie nun heißt: „Wir können uns doch nicht auch noch unsere Flora und Fauna nehmen lassen.“

Deutsche, wehrt euch gegen „zugereiste Pädagogik“:

und das tat sie dann ja auch, die „gedenkende“ Menge, indem sie in einem aktiven Akt nationalen Widerstands den „Störern“, früher sagten sie wenigstens noch „Chaoten“, das „Rassismus tötet!“-Plakat zerfetzten. Fotos gibt es beim NDR.
Und ein Bundespräsident, der das Eigene beschwört, indem er so oft „Fremde! Fremde! Fremde!“ in seinen Redetext schreibt und auch als Analysebaustein nutzt, dass seine wahrheitswidrige Behauptung, überall würde sich Nazis und Extremisten der Mitte entgegen gestellt, als Appell, sich „Fremden“ entgegen zu stellen zu hören wäre, mixte man den Wortlaut seiner Rede in einen Technoteppich hinein und ließe Menschen dazu tanzen.
Ist ja nicht so, dass logisch rezipiert würde in politischen Diskussionen, da braucht man nur Kommentarsektionen unter Blogeinträgen zu lesen. Da herrscht Signalsprache, nicht die semantische Orientierung am Satz und der Aussage oder gar dem, was performativ mit ihr vollzogen würde.
Wissen wir ja nun auch seit Julius Shakespeares Cäsar, er war es doch?, „denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann„, was wie hängen bleibt, nämlich Verständnis für die sich degradiert wähnenden Täter und eine Verfremdung jener, die teils deutlich länger als DDR-Bewohner Teil der BRD waren und sind und in der dritten und vierten Generation hier leben, nun aber von DDR-Pfarrern per Muslimifizierung wieder zum „Fremden“ verklärt werden (den Bezug stellt er selbst her):
Sorry, Herr Gauck, Sie sind mir aber deutlich fremder als der Gemüsehändler gegenüber, der von seinen volksdeutschen Nachbarn zu Unrecht permanent bezichtigt wird, Müll irgendwo illegal abzuladen.
„Fremd/Nicht-fremd“ ist keine politische Kategorie. Deswegen sei da nichts gegen „Ossis“ gesagt, fremd ist mir da trotzdem vieles, das macht das Leben ja gerade spannend, habe viel von vielen gelernt. Und wie fremd ist denn den meisten das Leben in den Villen an der Elbchaussee? Nee, da wollte er ja tatsächlich viel Gutes sagen und hat doch Lügen verbreitet und schon in der Kernkategorie nix anderes reproduziert als den völkischen Nationalismus des Vorpolitischen, der mittels des „wehrhaften Staates“ gegen das „Fremde“ Roma in deutscher, nicht demokratischer Tradition nach Bosnien abschiebt. Ganz, wie der Mob es wollte. Es ist der vermeintlich „wehrhafte Staat“, der alltäglich Racial Profiling und eine menschenverachtende Abschiebepraxis vollzieht und sich damit zum Agenten des Mobs von einst macht. Wie die FAZ gestern eindrucksvoll bestätigte. Aber rechtsradikale Propaganda verlinke ich nicht.
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20 Antworten zu “Von PräsidentInnen: Fremde! Fremde! Fremde!

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  3. Anton August 26, 2012 um 11:42 pm

    Ich würde mich gerne inhaltlich mit deinem Text auseinander setzen, vermutlich bin ich sogar deiner Meinung.
    Leider ist mir das aber nicht möglich, da du einzelne Sätze baust, aus denen andere Schreiberlinge ganze Bücher machen. Infolge dessen stimmen Bezüge nicht und ganze Gedankengänge verlaufen sich…

    Beim nächsten mal bitte nochmal Korrektur lesen und lieber zwei oder drei Punkte mehr setzen. Ist nicht böse gemeint.

  4. momorulez August 26, 2012 um 11:55 pm

    Lieber Anton,

    Du dürftest es auch gerne böse meinen – es ist tatsächlich noch 1 „n“ zu viel, und das kann man man als „nicht stimmenden Bezug“ begreifen, muss man aber gar nicht. Ich habe mehrfach Korrektur gelesen, wobei mir irgendwelche Tippfehler oder auch Zeichensetzungsfehler tatsächlich oft entgehen. Zwei Wortdoppelungen habe ich absichtlich stehen lassen, ebenso eine Wiederaufnahme nach einem Zitat..

    Wie würdest Du aber den Text kommentieren, wenn Du davon ausgingest, dass das da voll und ganz beabsichtigt genau so da steht, wie es da steht? Ich überlege jedes Mal, ob ich Schachteln raus schmeiße, dynamisiere, Sätze nicht über einen ganzen Absatz ziehe, mehr Punkte mache – und entschließe mich dann meistens, es bleiben zu lassen. Weil das die Signalsprachenlektüre erschwert. Und ein zerlegter Gedankengang was anderes sagt.

    Deswegen frage ich mich dann immer, was hinter Kommentaren wie Deinem steckt 🙂 …

    Beste Grüße,

    Momo Rulez

  5. hannah August 27, 2012 um 8:58 am

    Was bitte ist Signalsprache?

  6. momorulez August 27, 2012 um 9:17 am

    Jene, mit der Tiere kommunizieren und man Hunde erzieht 😉 – konditionierte Verknüpfungen z.B.. Die Ente quakt, wenn ich mich mit meinem Hund nähere, die anderen Enten erhalten das Signal „Achtung, Raubtiere!“. Verkehrsschilder sind auch Signale. Ich sage „Sitz!“, mein Hund setzt sich, weil das für ihn ein Signal ist, ein Leckerlie zu bekommen. Schreibe „Homophobie“ in einen Text, und Du wirst viele dieser konditionierten Reaktionen auf ein Signal erhalten, aber wenig Reaktionen auf das, was Du schreibst. Schreibe „Der Strand in Tel Aviv ist schön“, und binnen kurzem hast Du eine allgemeine Israel-Debatte im Blog, wo alle dann auf ein Signal reagieren, um das zu schreiben, was sie immer schon dazu gedacht haben. Aber nix zum Strand.

    Das ist sehr schön ausgeführt in:

    http://www.amazon.de/Sprachtheorie-Grundlagen-Zielsetzungen-Gisbert-Fanselow/dp/3825214419

    Insofern hat Anton ja recht, dass da andere „Schreiberlinge“ ganze Bücher drüber schreiben 😉 …

    Über Inhalte Diskutierende hingegen orientieren sich mindestens am einfachen Aussagesatz, der Proposition, „daß p“, also z,B, „Es ist der Fall, dass der Strand in Tel Aviv schön ist“, meistens aber an noch komplexeren Formen. Und es gibt dann tatsächlich die Möglichkeit der Bezugnahme 😉 – z.B. Zustimmung, aber auch Differnzierung „Am südlichen Ende ist er mir zu verbaut“.

    Der Hinweis auf das Performative, das man auch anders nennen kann, illukutionär oder so, ist wichtig, weil das die Linie von Austin und Searle über Habermas bis hin zu Butler in „Hass spricht“ ist: „Ho to DO things with words?“ und daran die Theorien der Sprecherposition anknüpfen, also das, was wir in der anderen Diskussion hatten, dass auch eine Rolle spielt, WER spricht, und wie das nun wieder an gesellschaftliche Positionen geknüpft ist. Ein weißer Deutscher wie Gauck interessiert sich ganz offenkundig gar nicht für die Ängste von Muslimen hierzulande zum Beispiel, hat er kein Wort drüber verloren, dass die nach der Sarrazin-Debatte ja auch zum Teil schon auf gepackten Koffern saßen. Da er als Bundespräsident nun mit immens viel Deutungshoheit ausgestattet ist, nutzt er diese aktiv, um die Erfahrungen großer Bevölkerungsteile weg zu drücken, die er als „Fremde“ bezeichnet, als hätten diese nicht maßgeblich zu jenem relativen Wohlstand beigetragen, dem die DDR-Bewohner dann beitreten wollten. Er ignoriert auch die Geschichte des Asylrechts, das ja auf die deutschen Exilanten Bezug nahm bzw. daraus lernte; wie mit Else Lasker-Schüler in der Schweiz umgesprungen wurde, das sind Geschichten, die er zum Verschwinden bringt, wenn er von SEINER Erfahrung in den „zwei deutschen Diktaturen“ quasselt. How to DO things with words.

    Einführend:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie

    Übrigens habe ich jetzt „Butler“ und „Israel“ in einem Atemzug genannt, mal gucken, was jetzt passiert 😀 – vermutlich ein Paradebeispiel für Signalsprache.

  7. T.Albert August 27, 2012 um 12:35 pm

    Das mit Else Lasker-Schüler spielt deswegen keine Rolle, weil ja „die Fremde“ war. Also ist es diesen ganzen komischen Präsidenten und -innen auch wurscht, was sie in der Schweiz erleben musste.
    Die haben es ja auch geschafft, dass ich in der Schule immer glaubte, die ganzen Exilanten wären tot, dabei lebten sie, während ich lebte, zB hier in der Schweiz und wurden totgeschwiegen bis sie starben. Walter Mehring lebte in meinem Quartier hier, ist gewissermassen mein Nachbar auf seinem Friedhof, ich finde das immer ganz seltsam, auch, dass jetzt wieder Texte von ihm auftauchen. Als der völlig unbekannt starb, begann ich gerade das Studium, 81. Hans Josephson ist letzte Woche gestorben. Lauter Fremde.

  8. Loellie August 27, 2012 um 12:53 pm

    Sarazinbewunderer pflanzt Deutsche Eiche.
    AufRechte Demokraten wehren Extremisten ab.
    Die taz schreibt „ganz ohne Springerstiefel“. Gut gemeint, sicher, aber vielleicht guckt sie mal wieder ausm Fenster.
    Die Fremde Frau Spitkovskaya meint: „Deutschland soll die Zahl von Asyl Bewerbern drastisch reduzieren, falls das wird nicht gemacht, das land verliert seine national identitaet“.
    Und bekommt Breivik jetzt eine Kolumne in der FAZ?
    Waren das jetzt genug Punkte?

  9. momorulez August 27, 2012 um 1:22 pm

    @T. Albert:

    Für mich war das hier:

    http://www.amazon.de/Die-verbrannten-Dichter-Jürgen-Serke/dp/3407808992

    tatsächlich ein ungemein wichtiges, einflussreiches Buch, und Walter Mehring taucht da eben auch drin auf. Während Kohl Ernst Jünger bewunderte, las ich über das Leben aus dem Koffer. Ja, eben, „Fremde“. Vaterlandsverräter noch dazu. Ich hatte aber zum Glück Lehrer, die sich da einigermaßen auskannten, das war eigentlich ganz gut. Ist nur wirklich erstaunlich, was so alles, was für uns in den frühen 80ern noch ganz selbstverständliche Aneignung war, nun mit Hilfe von Gauck & Co mit ihren absurden Totalitarismustheorien in einer Art Bücherverbrennung des Verschweigens einen späten Sieg der Nazis auf diesem Feld vollbracht wird.

    @Loellie:

    Den Witz mit der Breivik-Kolumne in der FAZ habe ich bei Twitter auch schon die Tage getwittert, die köppeln jetzt allesamt. Und die SUEDDEUTSCHE attestierte dem Gauck das Benennen „unbequemer Wahrheiten“, habe ich in dem Redetext keine gefunden, und die „Rassismus tötet“-Leute hat er Twitter zufolge mit Nazis auf eine Stufe gestellt, wie man das heute so macht, um auch ja nicht über die Ängste hiesiger Muslime vor der Rhetorik von Leuten wie Gauck reden zu müssen. Sind halt Fremde. Den Text in der taz fand ich ganz okay, weil sie auch auf die Geschichtsklitterung verwiesen haben – wo hat sich denn wirklich mal die breite Masse Nazis entgegen gestellt? Anti-NPD-Demos mit Roma-Abschiebkönig Scholz auf dem Rathausmarkt gegen die NPD sind einfach nur geschmacklos, wenn da solche wie der reden. Die Zustände im Abschiebeknast mit Parkblick wurden von Amnesty International schwerst angeklagt, und da bringen sich regelmäßig Leute um. Und Schröder und sein sozialdarwinistisches HARTZ IV, dass dann ausgerechnet der vom „Aufstand der Anständigen“ schwadronierte hat in Fragen des Alltagsrassismus auch nix geändert.

  10. Loellie August 27, 2012 um 7:07 pm

    http://www.youtube.com/watch?v=RP4ulQ61Qmc

    Wer Gewalt sät – Von Brandstiftern und Biedermännern – Die Pogrome von Rostock 1992 – 44 min.

  11. momorulez August 27, 2012 um 10:31 pm

    Boah, ey, ab Christiansen/Engholm/Klose und Willy Brandt (!!!! – in Norwegen im Exil) konnte ich nicht mehr weiter gucken. Ich kotze da wirklich bis heute, ich habe das damals als einen derartig brutalen, unverzeihlichen, mich über die Grenzen meines Verstehens hinaus treibenden VERRAT an allem, woran ich noch zu glauben bereit war, empfunden, als die SPD da mit mischte und sich von den Hools in Rostock erpressen ließ, ja, diese ja anstachelte, um sich erpressen zu lassen, das war wirklich die Grabschändung der Opfer der Shoah und aller Exilanten weltweit. Das war ein Tritt in die Fresse von Salaman Rushdie, ein Sich-lustig-Machen über Lew Kopulew, ja, alle Dissidenten aus dem ehemaligen „Ostblock“ wurden da gleich mit verprügelt zugunsten der „Russlandeutschen“. Ich finde das bis heute, zwanzig Jahre danach, wirklich physisch unerträglich.

  12. Loellie August 27, 2012 um 11:10 pm

    „Ich finde das bis heute, zwanzig Jahre danach, wirklich physisch unerträglich.“

    Ja! Die ganzen O-Töne machen einen fassungslos, weil sich das bis heute durchzieht. Und das nicht nur sprachlich, wie man am beherzten Eingreiffen der „Demonstranten“ gegen die Störer, und dem Umgang mit geladenen Fremden sieht.

    Ich pack den hier trotzdem noch rein, obwohl ich da nur schnell durchgeklickt habe. Das ist nochmal ausführlicher und mehr aus der Perspektive Beteiligter. Man hat ja den Eindruck, als wüssten die ganzen Drückerkolonnen, die gerade in den Feuilletons und Kommentarspalten unbequeme Wahrheiten verbreiten, nicht mehr, was da los war. Ich selbst werd ja auch nicht jünger und hatte damals auch nur unregelmässigen Zugang zu Medien. Da vergisst man ja selbst viel. Du musst dir das ja nicht geben, aber da beide Dokus, „Wer Hass säht“ vllt etwas mehr, auch aufzeigen, wie Signalsprache funktioniert … und Bildungsauftrag und so. Vielleicht verstehts sogar der Anton. Wer weiss.

    The truth lies of rostock – 1993 von Mark Saunders & Siobhan Cleary – 121 min.
    http://www.youtube.com/watch?v=xxID53WmMB4

  13. momorulez August 27, 2012 um 11:30 pm

    Oh ja, davon habe ich schon viel gehört und gelesen, von „The truth lies of rostock“, und so blöd sich das liest, ich stoße da wirklich ein wenig an meine Grenzen beim Anschauen, das ging mir schon bei der ARD-Doku so, zudem Du das heute übrigens so auch niemals beim NDR zum Beispiel unterbekämest. Schon gar nicht beim Landesstudio Meck-Pomm. Das packt mich schon auf einer Ebene, die ich unglaublich schwer erträglich finde. Ja, für die in den Häusern ging es unendlich weit darüber hinaus, das Unerträgliche, ich weiß, geschweige denn für die, die hier noch nicht mal landen.

    Trotzdem, ich empfinde das hinsichtlich dessen, was ja man ja nun an „drittem Reich“ in diesem Land als Nachfahre an Prägungen erfuhr, als eine derart tief greifende Erschütterung, was da rund um den Asylrechtsparagraphen inszeniert und dann praktiziert wurde, das kriege ich ganz schlecht weg gesteckt. Das ist echt ein Verbrechen, ein sehr, sehr schlimmes, was die Parteien des „deutschen Bundestages“ damals begingen. Das hat die Dimension des Mauerbaus, vermutlich noch sehr, sehr weit darüber hinaus.

  14. Loellie August 28, 2012 um 4:10 pm

    Die Tatsache, dass man solche Dokus in dieser Form nicht mehr durchbekommt, hat mich gestern beim Kochen und im weiteren auch beschäftigt. Und selbst wenn … es ist ja nicht so, als wären die Quants, als wahlloses Beispiel hier genannt, zwischenzeitlich enteignet worden.

    Beim googeln bin ich via Wiki über noch einen Fremden gestolpert.

    “ … 1992 nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen besuchte eine Delegation des Zentralrates am 2.11. die Stadt. Dort kam es zu einem Zwischenfall. Der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Karlheinz Schmidt frug: „Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so?“ worauf Ignatz Bubis entgegnete „Sie wollen mit anderen Worten wissen, was ich hier eigentlich zu suchen habe?“ – Karlheinz Schmidt musste später zurücktreten und kündigte eine schriftliche Entschuldigung an, die jedoch nie ankam … “

    Um dann hier zu landen, was man auch unter, „Abwehrstrategien“ posten könnte:
    Erinnern oder Vergessen? Die Walser-Bubis-Debatte
    31.10.2003
    Von Tobias Jaecker

    http://www.jaecker.com/2003/10/erinnern-oder-vergessen-die-walser-bubis-debatte/

    Das ist aber alles, inklusive der Dokus, aus Verschwörungstheorien geborenes, evangelikales Subjektivitätstrallala bar jeden Arguments.

  15. Pingback: Lichtenhagen. Kontinuität rassistischer Gewalt und weißer Überlegenheit. | Medienelite

  16. momorulez August 28, 2012 um 8:09 pm

    Interessanter Text. Die Walser-Rede war damals ein Punkt, wo in der Rhetorik tatsächlich alle Dämme brachen, und die skizzierten Mechanismen haben wir hier ja unzählige Male verfolgen dürfen. Gauck mit seinem Geschwafel von der „religiösen Überhöhung Auschwitzs“ oder so ähnlich reiht sich da ja nahtlos ein. Interessant übrigens, wie Adornos Vorstellung des „sekundären Antisemitismus“ dort zusammen gefasst wird. Das wenden die „Antideutschen“ ja auschließlich auf „Israelkritik“, das, was im Text beschrieben wird, machen die aber selbst die ganze Zeit. An die Texte von Dohnanyi und Augstein erinnere ich mich gar nicht, Hammer. Purer Hass auf die Opfer.

    Was mich daran echt immer so verwundert, ist, wie anders das in meiner Familie lief. Das waren dann Erzählungen meiner Oma, wie sie das Anne-Frank-Haus besuchte, von meinem Opa, wie sie in Riga eine Jüdin versteckt hätten, was meine Oma als Erfindung behauptete, es war aber sonnenklar, wer da Täter, wer Opfer und was das Grauen war. Mein Vater, gleicher Jahrgang wie Walser, war noch überzeugter Hitlerjunge, ist dann aber in den 60ern aus einer nicht schlagenden Verbindung ausgetreten, weil ihn die antisemitischen Sprüche nervten, und meine Mutter empfand Friedensdemos als unheimlich, weil sie Massenpsychologie als potenziell faschistoid empfand. So ein Diskurs wie der von Walser oder diesen Rostockern oder Gauck wäre denen im Traum nicht eingefallen, die wären da gar nicht drauf gekommen. Riga war eine der Schaltstellen der Massendeportation, davon hat mein Opa dann doch nicht erzählt, das stimmt schon. Möchte auch nicht wissen, was der erlebt hat, oder möchte ich schon, Nazi war der nicht. Aber sein Schicksal war halt doch noch klar besser als das der Deportierten und Vergasten. Mein Vater hat noch Bergen-Belsen gesehen, von außen. Mit Entsetzen, und die wussten beide, dass sie auf Seiten der Täter waren und empfanden das auch nicht als „Schande“, sondern als Aufforderung zu anderer Politik. Und das darüber reden war stets prãsent.

    Im Grunde genommen sind mir diese Walsers echt ein Rätsel, auch wenn ich es mir rekonstruieren kann. Und selbst auf No Border-Camps laufen die rum, da wird es dann immer vollends absurd.

  17. momorulez August 29, 2012 um 1:40 pm

    @Loellie:

    Lausch mal hier in die „Danger“-Sets hinein oder lad sie Dir runter, sind von der Front-Revival-Party, Hammer, da wird auch bei Dir eine ganze Welt aufgehen, und irgendwie hat es sogar um ein paar Ecken mit dem Thema:

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