Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Blob, der Schrecken ohne Namen

Was für ein Fussballfest!!! Da hatte der Trainer ganz und gar auf Motivation statt aufs System gesetzt! Geballte Kreativität der Boys in Brown, Spielzüge, die ganz von der spontanen Idee und dem Selbstbewusstsein der Spieler lebten! Ein offensives Mittelfeld, das die sehr gut stehende Defensive von Ingolstadt mit einem Füllhorn origineller Pässe ein ums andere Mal in Verlegenheit brachte! Spielfreude, Spielwitz, der Mensch ist nur im Spiel er selbst, ja, Herr Schiller hat recht, und ganz in diesem Sinne stellte Schubert seine Mannen ein – und dann war es noch der pure Wille, die Leidenschaft, die Wucht der Energie des FC St. Pauli, die den Ball über die Linie drückten.

Kein langweiliger Systemfussball, nein, ein optimales Nutzen des Potenzials trieb die neue Gegengerade zu einem entfesselten und euphorischen Dauer-ROAR!!!; die Emotion auf den Rängen und die Pässe auf dem Platz bildeten einen Wechselgesang, eine Lobpreisung dessen, was den FC ST. Pauli so einzigartig macht!

Ja, das hätte ich so gerne geschrieben. Und ja, es gibt Liga-Alltag und Phasen, da sich ein Team mit vielen Neuen erst einspielen muss. Trotzdem, denen vom Magischen FC ist zuzustimmen:

„Risikoloser Technokratenfußball ist ja gut, wenn man technisch entsprechend überlegen ist, aber das sehen wir bei uns nun wirklich nicht. Mal ganz davon ab, dass er am Millerntor so fremd wirkt, wie ein Mensch auf dem Mars.“

Im Gegensatz zu denen im alliierten Blog hatte ich aber schon das Gefühl, dass der Wille ebenso da war wie das Potenzial. Uns fehlen Spieler im offensiven Mittelfeld; warum nur wechselt Herr Schubert dann systemgetreu ein und aus, nimmt mit Bruns den einzigen Ideengeber raus, mit Gogia zwar einen quirligen Kreativen hinein, aber dass sich dadurch nun so viel auch nicht ändert, war doch klar, wenn einfach nur ein Element durch ein ähnliches ersetzt wird.

Weil ein Kreativer und lauter Gehemmte eben nicht reichen. Bei den meisten Spielern sah man die 1-5 Minuten, jetzt rein hypothetisch, ich steck ja nicht drin, wo lähmende Trainervorgaben ignoriert wurden – Bartels mit einem Sololauf, Kringe, der plötzlich eindrucksvoll seine Physis und Präsenz einbrachte (und das dann wieder bleiben ließ), Thy, der mal einfach so abzieht.

Aber wie oft der zur Grundlinie durchtankte, um in die Mitte zu passen, wo dann keiner stand, das habe ich gar nicht mit gezählt. So, als würde versucht, was im Training geübt wird, aber nicht zur Situation auf dem Platz passte. Aber im Falle der Spieler konnte ich mich einzig über Ebbers ärgern, der sich lieber aufregte, nicht präzise angespielt zu werden, anstatt mal auf den Ball zuzulaufen. Auch so was kann Symptom eines schwachen Trainers sein, der dann auf „Leader“ setzt, anstatt das Potenzial aller gleichermaßen zu formen und der auch bei den Spielern keinen Glauben mehr findet, weil so vieles nicht funktioniert, was er sich ausdenkt. Das ist wie in der Schlussphase von Andi Bergmann.

Zudem trotz dieses „Leader“-Eindrucks insgesamt das Ganze wie DDR-Fussball wirkt: Wer den Kopf raus streckt, wird einen Kopf kürzer gemacht. Das ist doch Apparatschik-Fussball. Man füge sich ein in etwas, was zur Welt nicht passt. Habe mich richtig geärgert und ertappte mich dabei, dass ich mich über unser Tor nicht freute, weil ich will, dass Schubert doch noch gegangen wird. Wenn bei einem neu zusammen gesetzten Kader und einer sehr langen Vorbereitung wieder das gleiche auf dem Platz zu sehen ist wie in der letzten Rückrunde, muss das ja was  mit dem Trainer zu tun haben. Nur dass Max Kruse nicht ersetzt wurde. Vermutlich sind Kreativspieler dem Herrn Schubert zu eigenwillig, zu wenig kontrollierbar. Bis auf Bruns sind ja auch alle weg, auf Gogia setze ich sehr.

Ich hatte fortwährend Bilder wie „Kaugummi“, „klebrig“, „knietief im Honig waten“ im Kopf, von Schleim, Dickflüssigem – als hätte Schubert sich im PuschenkinoBlob, der Schrecken ohne Namen“ angesehen und das Ding zum Co-Trainer gemacht:

Ja, ich weiß, es ist Scheiße, auf die eigenen Leute so einzudreschen, ich habe keinen Einblick in die Kabine oder  Ausblick auf das Training, ich will aber diesen furchtbaren Fussball nicht mehr sehen müssen! Und habe als Fan ein Recht auf meine Emotion, jawohl!

Die neue Gegengerade ist mir mal abgesehen davon unheimlich. Schwer begeistert war ich von der USP-Glückwunsch-Choreo auf der Nord, und sehr angemessen fand ich den Abschied von Günther Peine. Auch, dass Ralph Gunesch so gefeiert wurde, hat keiner mehr verdient als er.

Drumherum war alles prima – hätte auf dem Platz nicht Blob, der Schrecken ohne Namen, unsichtbar sein Werk voran getrieben. Wir müssen echt aufpassen, dass es uns nicht so ergeht wie denen in Mordor in der letzten Saison.

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7 Antworten zu “Blob, der Schrecken ohne Namen

  1. ring2 August 13, 2012 um 12:18 pm

    In diesem Fall stinkt der Fisch vom Kopf zuerst, imho, denn Schubert passt so ent genau zur Persönlichkeit unseres Präsidiums mit ihrer Vision vom „Bundesliga-Hipster-Klub“, dass es blinkt.

  2. Timo J. Schwarz August 13, 2012 um 12:33 pm

    das oben Beschriebene ist ja sowas von…………..WAHR…….

  3. Veddeler August 13, 2012 um 12:54 pm

    Ich kann dieses Schubert-Bashing absolut nicht nachvollziehen. Für einen solch großen Umbruch war die Sommerpause definitiv nicht lang genug und das hätte auch allen vorher klar sein müssen. Du musst bedenken, dass es nicht nur ziemlich viele Transfers gegeben hat, sondern dass auch das Spielsystem komplett verändert worden ist (4-4-2 neuerdings, vorher war es ja ein 4-2-3-1). Natürlich braucht es Zeit, damit da alles so zusammenwächst, wie es sich der Trainer gedacht hat, gerade weil nun mit Max Kruse ein Spieler fehlt, auf den das Spiel vorher irgendwie zugeschnitten war. Ich habe am Spiel gegen Ingolstadt eigentlich gar nicht viel zu meckern, denn die Chancen waren doch – zumindest in der zweiten Halbzeit – zu Genüge vorhanden. Dass unsere Stürmer diese Hochkaräter nicht nutzen, kann man André Schubert nicht vorwerfen. Die letzten 20 Minuten des Spiels waren doch ein einziges Drängen auf das gegnerische Tor. Was will man denn mehr? Außerdem muss man auch bedenken, dass unsere Mannschaft gegen Aue schon immer schlecht ausgesehen hat und dass die beiden Spiele gegen Ingolstadt in der letzten Saison auch alles andere als überragend waren (zumal die sich im Sommer auch wirklich gut verstärkt haben und der Marktwert der Ingolstädter fast so hoch ist wie der unserer Mannschaft laut Transfermarkt.de). Leute, habt etwas Geduld. Auch unter Stanislawski ist der FC St. Pauli nicht immer perfekt in die Saison gestartet und es gab auch unter dessen Leitung viele unansehnliche Spiele, bei denen es nach „risikolosem Technokratenfußball“ aussah. Mir scheint, als würden viele im FCSP-Umfeld die sportliche Vergangenheit verklären und sich insgeheim Stanislawski zurückwünschen.

    Momo, dein Blog ist für mich übrigens eine echte Bereicherung und ich bin seit mittlerweile über einem Jahr Stammleser (wenn auch ein stiller). Ich habe wirklich schon viel durch deine Essays gelernt. Mach weiter so!

  4. momorulez August 13, 2012 um 1:10 pm

    Dankeschön! Auch an @Timo!

    Und ich freue mich doch weg, wenn ich Unrecht habe. Ich gönne Herrn Schubert jeden Erfolg von ganzem Herzen.

    Ich glaube dennoch, dass es schon eine Rolle spielt, wie eine Führungskraft auf die ihm Anvertrauten einwirkt und dass das ggf. auch zu Toren führt. Und wenn einer sein System durchdrücken will, kann es passieren, dass er die Spieler ignoriert – und ich glaube, die Situation haben wir.

    Ich vermisse Stani nicht. Da ist gegen Ende das gleiche Problem aufgetreten, nämlich, dass er seine Ideen nicht mehr an der Wirklichkeit überprüft hat und anfing, sich selbst zu zitieren.

    Und ich will einfach Spaß am Fussball gucken haben. Den hatte ich Samstag nicht. Trotz der Schlussphase. Es geht mir halt nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um das Erlebnis 😉 – mag ja eine Konsumentenhaltung sein, ist aber so bei mir.

  5. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Puschenkino

  6. momorulez August 13, 2012 um 1:11 pm

    @ring2:

    Das ist ja das Schlimme – diese Tendenz, nun mit dem Charisma von Stefan Orth Fussball spielen zu wollen und dabei den Dicken zu machen, während alles vergraut. Herrn Orth ist seine Ausstrahlung nicht vorzuwerfen, dem Trainer das Spiel der Mannschaft aber schon.

  7. Pingback: Teileröffnung Gegengerade beim Heimauftakt des #FCSP gegen Ingolstadt « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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