Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Privileg, Diskriminierung und das Ehegattensplitting

Bei Twitter entbrennen sie mit schöner Regelmäßigkeit, die Diskussionen darüber, ob es so etwas wie ein „White Privilege“ denn überhaupt gäbe. Das ganze WHM (weiß-hetero-männlich)-Privilegiengefüge erklären sie für Unsinn, was aber daran liegt, dass der, der ein Privileg hat, das zumeist gar nicht merkt – sondern jene, denen es verwehrt wird. Auch Ableismus und das cis-gender-Thema gehören in diesen Zusammenhang.

Zumeist solche aus irgendwielinken Zusammenhängen empören sich Tweet für Tweet über das Privilegienmodell, weil, wer politisch links orientiert ist, oft dem Irrglauben unterliegt, an Orten außerhalb der Macht zu residieren. Dort regiere die Objektivität, das Allgemeine – das ist eine insofern erstaunliche Entwicklung, da doch auch in der marxistischen Tradition, auf die jene sich berufen, Ideologiekritik üblich war. Die Kritiker der Ideologie wurden jedoch als gesellschaftliche Akteure  als Teil eines Systems verstanden, in dem sie wirkt, die Ideologie, nicht irgendwo außerhalb.

Staatskritik statt „Critical Whiteness“ ist oft die Antwort. Als gäbe es da keine Zusammenhänge. Gerade in einem bis heute völkischen Staat wie der Bundesrepublik Deutschland.

Ganz lustig – leider wirklich, der Herr redet sich ja geradezu um Kopf und Kragen, weil er außer „Tradition“ und semantischen Tricks gar nichts zu sagen hat als „Ich bin was Besseres! Und Schützenwerteres!“, vorausgesetzt, er lebt in einer so called „heterosexuellen“ Ehe – ist in diesem Zusammenhang ein Deutschlandfunk-Interview mit Norbert Geis. Das neben der Homo-Frage auch auf „White Privilege“ zu beziehen, das fällt bei der permanent betonten Generationenfolge so gar nicht schwer. Es geht zugleich um den Inhalt UND um die Struktur:

„Das ist doch keine Diskriminierung, wenn auf der einen Seite die Ehe in einer besonderen Weise zu schützen ist und auf der anderen Seite eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft steht, das ist doch keine Diskriminierung, wenn die Ehe dadurch privilegiert ist, dass sie im Grundgesetz so als privilegiertes Institut eingerichtet worden ist.“

??? Das Aufeinanderbezogensein von Ausschluss und Diskriminierung muss doch auch dem Herren Geis auffallen. Er ist es ja, der nun die ganze Zeit eine Relation zwischen zwei Partnerschaftsformen herstellt und behauptet, die eine würde die andere „einebnen“ – als würde die Existenz des Apfels die Birne gefährden. Ungefähr so könnte die SPD auch begründen, der CSU weniger Geld pro Wähler zukommen zu lassen, weil die SPD ja die traditionsreichere Partei sei.

Manche unken gerne über die „heteronormative Matrix“ und verklären sie zur Fiktion durchgeknallter Butler-Leser. Das ist sie, das, was Herr Geis da sagt: Okay, Lesben und Schwuppen mag es ja geben, einfach so weg sperren geht aktuell ja leider auch nicht mehr, aber Hetero ist die zu privilegierende Form des Zusammenlebens!

Deutsche zuerst! Auch das ist jetzt kein blöder Witz; die deutsche Staatsbürgerschaft IST ein gewaltiges Privileg gegenüber jenen, die sie nicht haben – und ebenso ist es eines, wenn nicht ständig bezweifelt wird, dass man sie habe, weil man PoC ist und ständig in Polizeikontrollen gerät. Usw. Und es diskriminiert jene, die diese Privilegien nicht besitzen, und das noch nicht mal nur auf deutschem Territorium. Reisefreiheit für Ghanaer sieht eben anders aus als für Deutsche. Wenn die „Die MAuer muss weg!“ schreien, dann interessiert das ja auch niemanden.

Die Privilegienstruktur manifestiert sich in Gesetzestexten und nicht irgendwie „nur kulturell“, und diese Besitzstandswahrung des Herrn Geis IST diskriminierend – Leuten ins Gesicht sagen, ihre Lebensform sei nicht schützenswert, die eigene aber schon, was ist denn das sonst?

Nun geht es konkret um das Ehegattensplitting. Das ist ziemlich gelungen, wie das Deutschlandradio immer wieder insistiert beim Nachfragen. Normalerweise wird dann ja dahingehend argumentiert, Zweck der Ehe sei die Fortpflanzung – womit übrigens kinderlose Paare auch gleich einen übergebügelt bekommen, Daseinszweck verfehlt. Ja, das erzeugt tatsächlich viel Unglück.

Und dann gehen so Herren wie Geis zumeist zum Kindeswohl über, bei Nachfragen nach Kindern von Schwulen und Lesben wie auch nach „unehelichen Kindern“, die einst auch von der CDU/CSU, man denke z.B. an Willy Brandt „alias Frahm“, übelst diffamiert wurden, kommt der Herr schwer ins Schleudern. Der Kampf gegen „Hartz IV“-Mütter wird ebenfalls immer wieder offensiv geführt in seinen Kreisen – es ist schon abstrus, dass ich hier im Blog ständig maoistische Sehnsüchte diagnostiziert bekomme, wo die Leute von der CSU Hierarchien zwischen Lebensformen verordnen und absichern wollen und das mit rechtlichen Mitteln durchsetzen.

Seltsamerweise taucht in der Diskussion NICHT auf, was es mit diesem Ehegattensplitting eigentlich auf sich hat. Das fördert traditionell das „Frau bleibt am Herd, Mann geht arbeiten“-Modell, weil es nur finanzielle Vorteile mit sich bringt meines Wissens, wenn der eine sehr wenig bis gar nichts verdient, der andere aber erheblich mehr. Und das auch im Falle von kinderlosen Paaren. Warum eigentlich?

Dieses Instrument würde sozusagen dazu dienen, dass mein Kerl mir die Bude putzt, während ich anschaffen gehe, in Kopie analoger so called „heterosexueller“ Formationen. Und es böte Vorteile, Geringverdiener zu ehelichen. Dabei zahle ich als „Unternehmer“ eh viel weniger Steuern als vorher, das am Rande.

Und was zudem völlig hinten über kippt, das sind jene, die nichts oder kaum etwas zu versteuern haben, aber dafür Kinder. Das ist schon wieder eine Debatte unter jenen, die es sich leisten können, sozusagen. Zudem eben auch die wechselseitige Unterhaltspflicht greift, was das Staatssäckel ggf. entlastet, auch ein Faktor, der gar nicht diskutiert wird.

So geschieht Seltsames, dass nämlich auf einmal der Herr Geis wider Willen ganz vernünftige Argumente einführt:

„Wenn Sie zum Beispiel nehmen, eine Tochter, die bei ihrer Mutter lebt, und die Mutter versorgt, das ganze Leben lang, und zusammenleben und dadurch auch füreinander einstehen, warum soll die dann nicht gleichermaßen behandelt werden wie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften?“

Ja, warum eigentlich nicht? Die CSU ist aber auch so was von auf Sex fixiert … schlimm.

Das ist eine Diskussion, die ja nach der Einführung der Homo-Ehe tatsächlich aufkam – wieso die denn nun eigentlich Konstellationen wie Geschwistern, die zusammen leben auch ohne inzestuöse Liaison (von mir aus auch mit), versagt bliebe. Die ganze Diskussion setzt ja das voraus, was anderswo so treffend als „Paarnormativität“ kritisiert wurde. Und ich weiß ja, trotzdem ich die Homo-Ehe auch als emanzipatorischen Fortschritt werte (!!!) und es mir einen Heidenspaß macht, wie das Verfassungsgericht den Konservativen ihre alt vertrauten Hierarchievorstellungen um die Ohren haut, immer noch nicht so ganz genau, wieso nun Zweierbeziehungen überhaupt so eine Privilegierung durch den Staat erfahren und nicht stattdessen lieber gleich auf gesamtgesellschaftliche Solidarität gesetzt wird.

Auch Herr Scheuerle, seit dem Volksentscheid für priviligierte Eltern und Kinder und für das Ausschalten der Konkurrenz aus den schlechteren Gegenden in Hamburg berühmt-berüchtigt, vermengt Gruseliges mit Vernünftigem: Das Ehegattensplitting für Schwule und Lesben würde einen der Grundpfeiler der Gesellschaft untergraben, sagt er. Für einen solchen hält er sich selbst vermutlich im Gegensatz zu all dem Billstedter Pöbel auch; krude das Argument, eine Gleichstellung würde die „Privatheit der Entscheidung zum Kind“ berühren. Wie denn das? Das verstehe ich noch nicht mal. Auch befindet er, nicht alles, was verfassungsrechtlich möglich sei, sei auch wünschenswert – würde das ein Muslim äußern, dann hätte der aber eine Debatte am Hals, hallelujah. Denen schreiben ja die Leute immer in die Kommentarsektionen der Springer-Presse, sie hätten „die Werte der Varfassung“ nicht verinnerlicht. Mag ja sein, dass Herr Scheuerle das auch Falle der Menschenwürde und der Gleichheit vor dem Recht im allgemeinen tatsächlich nicht hat, reine Hypothese; passen würde es.

Aber auch bei ihm ist die Conclusio eine ganz andere – das französische Modell. Wer Kinder hat, bekommt Steuerprivilegien, wer nicht, der nicht. Kombiniert mit einem Adoptionsrecht für Schwule und Lesben sehe ich das im Grunde genommen auch als die avanciertere Variante.

14 Antworten zu “Privileg, Diskriminierung und das Ehegattensplitting

  1. Muriel August 8, 2012 um 5:59 pm

    Ja.
    Und um auch noch was halbwegs Sinnvolles beizutragen:
    Ehegattensplitting brauch auch dann nichts mehr, wenn (mindestens) einer der Partner echt richtig viel verdient.
    Ja, auch Reiche haben ihre Probleme. Nicht mit Prekaronormativität hier anfangen, oder so. What about teh richz?

  2. momorulez August 8, 2012 um 7:11 pm

    Ich bin ja eh für Luxus, Reichtum und Fülle für alle! Na ja, für Herrn Scheuerle vielleicht nicht, aber sonst.

  3. Muriel August 8, 2012 um 9:32 pm

    Wo kam denn da das „brauch“ her? „bringt“ wollte ich schreiben.
    Mist.

  4. momorulez August 9, 2012 um 10:14 am

    Soll ich es korrigieren?

  5. Fritz August 9, 2012 um 1:28 pm

    Wenn ich ein Privileg habe und es selber nicht bemerke (bemerken kann?), wie kann ich denn dann mit dem Vorwurf des Privilegiertseins umgehen?

  6. momorulez August 9, 2012 um 2:38 pm

    Na, „Vorwurf“, das ist die Ego-Wahrnehmung. Vorwerfen kann man, wenn man will, DASS man sie sich nicht bewusst macht, weil das ja so schwierig nun auch nicht ist. Ich glaube, da entgleisen Diskussionen oft, weil es einen als Nicht-Priviligierten oft wütend macht, wenn man auf diese Teil des Machterhalts seiende Ignoranz stößt. Weil eben auch das Sprechenkönnen und – dürfen und die Frage, wem zugehört wird, in analogen Strukturen sortiert ist, gesellschaftlich. Und da müssen manche dann sehr laut werden, um wenigstens irgendwie Gehör zu finden. Und die, die dann noch an ihrer privilegierten Befugnis zur Definitionsmacht fest halten, denen kann man das, glaube ich, schon vorwerfen.

    Ansonsten gilt halt politisch-praktisch, dass sie in emanzipatorischer Hinsicht aufzuheben sind, zumindest die strukturellen.

  7. Pingback: Und die Diskussion schreitet fort: Nachschlag zu Critical Whiteness und dem Antira-Camp, bei dem ich nicht war. « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  8. T. Albert August 9, 2012 um 5:21 pm

    naja, also das wird ja alles erst ab gewissen einkommenshöhen interessant. die müssen dann erst mal erreicht werden, auch wennn beide arbeiten. und das argument „frauen weg vom herd“ ist keines, weil unterhalb dieser einkommenshöhen normalerweise die frauen auch arbeiten müssen, ob sie wollen oder nicht, gesplittet oder nicht, da hebt sich auch das „frauen bleiben am herd“ auf.

    für die frauen, die da gemeint sind, ist das alles einkommenstechnisch völlig irrelevant, ob sie splitten oder nicht, verheiratet oder nicht. auf dem gleichheitsgrundsatz beharren die natürlich auch, die sind gleich wie die armen, die zu wenig zum splitten haben.

    was ich ja echt nicht verstehe, ist diese ständige aufforderung zur lohnarbeit bei diesen fragen, die von links immer kommt, anstatt dafür zu sorgen, dass für vernünftige löhne und arbeitszeiten weniger menschen arbeiten müssen. man könnte zb diesen künstlich ohne not geschaffenen niedriglohnsektor der „agenda 2000“ wieder abschaffen und die vermögenssteuer wieder erheben, dann hätte man auch nicht diese irre umverteilung nach oben, die gerade läuft. machen wir aber nicht.

  9. momorulez August 9, 2012 um 6:08 pm

    „und das argument “frauen weg vom herd” ist keines“

    Was die Genese des Ehegattensplittings betrifft schon, und auf Tradition beruft sich ja Herr Geis. Mit allem anderen hast Du recht – hatte ich das nicht auch in dem Text erwähnt?

    Ich für meinen Teil fordere hier auch niemanden zur Lohnarbeit auf, ganz im Gegenteil. Wenn man „traditionelle Modelle“ des Bürgertums erwähnt, heißt da ja nicht, dass nun bitte alle Frauen arbeiten müssten oder aber deren Männer. Dass die Situation in Griechenland und Spanien und der hiesige Niedriglohnsektor u.a. Effekt der Agenda 2000 von diesem Schröder-Gangster ist, das sollte sich ja mittlerweile eh rumgesprochen haben. Typen wie der und die Thatcher werden sich in den Geschichtsbüchern später nicht weit weg von Pinochet und Franco finden.

  10. T. Albert August 9, 2012 um 7:39 pm

    Ja, was die Genese betrifft, natürlich. Ich gehe hier jetzt auch gar nicht auf Dich los, das hat alles mit dem zu tun was ich so höre und lese von Politikern. Geis ist ja dann wenigstens ehrlich. Wenn ihnen das Ding als Steuerungsinstrument nicht mehr in den Kram passt, werden die Unternehmerverbände schon dafür sorgen, dass es abgeschafft wird.
    Hier in der Schweiz argumentiert eine Sozialdemokratin in der Regierung in ihrer 1. Mai-Rede ganz emanzipatorisch dafür, dass mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt müssen, dann wäre auch die Einwanderungs-Frage gelöst. Das ist ja alles instrumentell, wie lang nicht mehr.

  11. T. Albert August 9, 2012 um 7:43 pm

    …die kommen sich dann wahrscheinlich auch noch superschlau vor, dass sie nicht sagen „schweizer Frauen“ oder „deutsche Frauen“, sondern „Frauen“, anders als die NPD oder solche Kameradschaften.

  12. momorulez August 9, 2012 um 7:47 pm

    Oje … also, dass nun Schweizer Frauen gegen Migranten ausgespielt werden in der Form, fies.

    Ja, Geis ist wenigstens ehrlich, das stimmt schon. Andere aus seiner Partei, aber auch auf der Linken, spielen ja auch oft Schwule und „Migranten“ gegeneinander aus. Diese ganzen „Zeile und herrsche“-Operationen gehen mir mittlerweile so dermaßen auf die Nerven.

  13. momorulez August 9, 2012 um 7:52 pm

    Da hatten wir uns überschnitten 🙂 – und diese ganze symbolträchtige Abgrenzung von der NPD und solchen dient ja eh nur dem Verstecken der eigenen Schweinereien.

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