Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Wir wünschen uns, dass die genannten Denkrichtungen in Zukunft im Bereich der Philosophie an der Universität Hamburg in Forschung und Lehre in angemessener Form vermittelt werden“

Manchmal, von Nostalgie erfasst, surfe ich hin zu dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und trauere.

Ich hatte das große Glück, in den späten 80ern dort zu studieren, in die frühen 90er hinein. Das war eine Zeit, wo man fast von einem Philosophie-Boom sprechen konnte, die „Postmoderne-Debatte“ ebenso prägend war wie jene rund um die Systemtheorie und die Analytische Philosophie. Rückblickend muss freilich konstatiert werden, dass es auch eine Zeit der Renaissance liberaler Philosophie war – am deutlichsten wurde dies in „Faktizität und Geltung“ von Jürgen Habermas. Feministische Perspektiven wurden zwar nichts systematisch gelehrt, aber auch nicht abgeblockt, so zumindest meine Wahrnehmung, und von Lehrenden wie Anke Thyen auch vertieft. Die Butler-Rezeption setzte gerade erst ein. Die Postcolonial Studies freilich waren noch nicht bemerkt worden, Namen wie Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said, Stuart Hall oder Frantz Fanon waren unbekannt. Fragen wie jene nach Kulturimperialismus, Eurozentrismus usw. waren dennoch prägend, zumeist über die französische Philosophie vermittelt.

Allerdings stagnierte die Debattierlust bereits zu meiner Studienzeit. Der Weggang von Herbert Schnädelbach markierte da schon eine irrevidierbare Zäsur. Lehrende wie Martin Seel zogen sich eher auf die „reine Philosophie“ zurück, die Künne-Schüler pflegten ihren weltverschlossenen Elitarismus der Wittgenstein-Lektüre, und was auch Bernhard H.F. Taureck wurde, das weiß ich gar nicht.

Mittlerweile sind zum Zwecke der Depotenzierung der Philosophie meines Wissens diese den Geschichtswissenschaften angeschlossen; „zu meiner Zeit“ waren sie Teil der Sozialwissenschaften. Und letztere sind, so meine ich verfolgt zu haben, den Wirtschaftswissenschaften unterworfen.

Jedes Mal, wenn ich nun nachschauen gehe, packt mich eine Mischung aus Wut und Traurigkeit angesichts des kärglichen und eher auf Philosophiegeschichte verengten Angebots. Für mich immer ein Symptom der Austreibung des Denkens, der Kritik und der Reflektion aus der Gesellschaft auch im Allgemeinen.

Dass nunmehr ein Brief wie der folgende den Weg in die Öffentlichkeit findet, erstaunt nicht und erhält hiermit die vollumfängliche Unterstützung eines Absolventen eben dieses Fachbereichs:

„Sehr geehrte Verantwortliche des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg, […]

der Lehrplan des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg ist zur Zeit stark durch Perspektiven der analytischen Philosophie geprägt. Die Bereiche der Kritischen Theorie, des Poststrukturalismus sowie der feministisch geprägten Philosophie sind im Lehrplan nicht enthalten. Damit werden drei weitverzweigte und vielbeachtete philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts vollständig ausgeklammert, die in aktuellen ästhetischen, sozialphilosophischen und politischen Diskursen eine tragende Rolle spielen.“

Diese gedanklichen Säuberungsaktionen im universitären Bereich zerdeppern gesellschaftlich schon zu viel; gut, dass die Studierenden opponieren.

Lehraufträge nehme ich gerne entgegen 😉 …

Eine Antwort zu “„Wir wünschen uns, dass die genannten Denkrichtungen in Zukunft im Bereich der Philosophie an der Universität Hamburg in Forschung und Lehre in angemessener Form vermittelt werden“

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