Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mehrheitsentscheidungen, Demokratie, Minderheitenschutz – und die Religion

Ja, ich wollte mich da raus halten. Auch und gerade, weil ich weitestgehend dem Text von Ruth Berger bei Telepolis beipflichten kann.

Nun ist rund um diese Beschneidungsdiskussion von so vielen Seiten so viel Furchterregendes geäußert worden, dass es mich doch treibt, mal über Schwänze zu bloggen. Habe ich, glaube ich, noch nie.

Anlass nach viel Zähneknirschen und Zusammenreißen ist ein Text von Antje Schrupp, der mit klaren, mehrheitsgesellschaftlichen Drohungen arbeitet, die ich ziemlich gut kenne:

„Ich glaube, die Atheist_innen leben derzeit ziemlich in einer (Berliner?) Filterbubble, was dazu führt, dass sie die gesellschaftliche Relevanz ihrer Weltanschauung grandios überschätzen. Sie versuchen, einen Machtkampf gegen die „Religiösen“ zu führen und deren Befindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum konsequent zu verdrängen, übersehen aber, dass sie bei diesem Machtkampf aller Wahrscheinlichkeit nach unterliegen werden. Denn Recht haben nutzt überhaupt nichts, wenn die anderen – und in diesem Fall sehr viele anderen, nämlich die Mehrheit – die Sache anders sieht. Eine politische Ansicht lässt sich nicht „beweisen“, man muss dafür werben. Es gibt im Bereich des Politischen nicht „wahr“ und „falsch“, sondern nur „mehrheitsfähig“ oder „nicht mehrheitsfähig“.“

Da stockte mir dann doch der Atem. Weil eben das, was nun gerade auch als Argument für die Möglichkeit der Beschneidung, nämlich der Minderheitenschutz, der für jede Demokratie ebenso konstitutiv wie auch das Abstimmen und Überzeugen, mal eben so hinten über fällt. Es gibt Grundlagen des Abstimmens und des Prinzips der Mehrheitsentscheidung, die zugleich Grundlage der idealen Geltung des Rechts sind. Faktisch werden diese zwar politisch ständig ausgehebelt, dann ist Demokratie aber auch nicht mehr begründungsfähig. Ja, ich denke, in der Situation befindet sich der EU-Raum gerade, vor allem in Fragen der Wirtschaftspolitik.

Atemberaubend ist das auch, weil nun wieder von religiöser Seite der Atheist als einzig denkbarer Widersacher in Erscheinung tritt – als hätten diese seit Jahrtausenden Unheil anrichtenden, gerade christlichen Kirchen als Kampftruppen von hohem Organisationsgrad irgendeine exklusives Vertretungsrecht in Fragen nach dem Göttlichen, nach Spiritualität oder Glauben und dabei dann auch noch die Befugnis, Muslime einzugemeinden.

Das alleine ist schon eine der Frechheiten in der Debatte, diese Suggestion, Glauben müsse sich nun unbedingt in Religionen zum Ausdruck bringen. Muss er nicht.

Für mich und in meinen Augen ist schon der Kanonisierungsprozess der Bibel etwas, was mit Gott etwa so viel zu tun hat wie Löwenzahn mit dem gleichnamigen Säugetier. Ich empfinde es als fortwährende Unverschämtheit, dass ausgerechnet Leute wie der Papst sich auf Gott berufen, was den auch nicht weiter stört und auch nicht stören braucht. Ich empfinde es auch als Unverschämtheit, wenn Herr Kermani 4000 Jahre Religionsgeschichte als irgendetwas mit nun ganz besonders auszuzeichnender Würde behauptet, wieso denn? Nur weil es das schon so lange gibt? Und wenn Katholiken etwas Wichtiges unter sich ausmachen, dann Gnade uns Gott! Na gut, das zweite, vatikanische Konzil hatte schon seine  guten Seiten.

Während Herr Kermani gleichzeitig informiert genug ist, die Passagen im verlinkten Interview sind ja zutreffend, dass eben 2000 Jahre derer nun zugleich den Quell eines final in Massenvernichtungslagern mündenden Antisemitismus darstellten – was die Nationalsozialisten da betrieben haben, war halt in vielerlei Hinsicht säkularisiertes Zusammenklauben auch religiöser Traditionen. Der Erfolg und die Popularität eines Adolf Stoecker war ja kein Zufall. Und es hat bis in die 60er Jahre (!!!) gedauert, bis mal vom systematischen Antijudaismus in christlichen Kirchen Abstand genommen wurde, zumindest offiziell, will nicht wissen, was manche Russisch-Orthodoxe da gerade aushecken. Mit dem Göttlichen hat das wenig zu tun. Francos Klerikalfaschismus auch nicht.

Nun erwarte ich ja gar nicht, dass diese Leute sich von meinen Ansichten überzeugen lassen – jene, die ernsthaft den gedanklichen Winkelzügen eines Irenäus von Lyon folgen, der, konfrontiert mit den Christenverfolgungen, ein paar gab es ja tatsächlich, einer Institution gegenüber den Individuen Gewicht verschaffen wollte und dafür mutmaßlich eher politischem Kalkül folgend in einer Schriftensammlung herum pfuschte, sind eh unbelehrbar.

Ich habe nur zeitlebens das Problem, dass welche von denen ständig MIR was wollen.  Das wäre ja alles gar nicht so dramatisch, wenn die nicht so eine immense Machtfülle angestrebt hätten und es letztlich gar zur Staatsreligion brachten bei gleichzeitiger Unterdrückung aller anderen. Und das unter Berufung auf irgendwelche meiner Ansicht nach ziemlich kruden Lesarten alter Texte.

Texte, die historisch immer wieder, zuletzt bestätigt vom Bundesverfassungsgericht in den 50er Jahren,  den Grundlagen der Demokratie widersprüchlich irgendwelche Mehrheitskonstruktionen Leuten wie MIR aufbürdeten – Texte, die Menschen motivieren, von ihrer Hetze auch bis heute nicht abzulassen.

Auch Juden wurde das aufgebürdet mit auch vor 1933 ziemlich schlimmen Folgen, Muslimen in Deutschland wird es gerade aufgebürdet, obgleich noch keine spanische Reconquista sie bisher aus dem Land getrieben hat, so massiv die Sympathien mit Sarrazin und Wilders auch sein mögen.

Und man kann ja in den einen oder anderen afrikanischen Staat fahren und die davon zu überzeugen versuchen, dass gleichgeschlechtlicher Sex in Ordnung ist und dann mal schauen, was passiert … Stonewall was a riot.

Wendet man darauf das Argument von Antje Schrupp an, kommt etwas ziemlich Fieses dabei raus. Eben WEIL die Frontstellung gar nicht Atheismus versus Religion im Allgemeinen ist, sondern der Hickhack doch auch zwischen den Religionen nun seit Jahrtausenden das Üblichere war und Mehrheiten sich berufen fühlten, Minderheiten zu verfolgen. Ganz weit vorne mit dabei immer die Christen.

Und Antje Schrupp fordert allen Ernstes, man müsse nun als eh schon ständig Herabgewürdigter auch noch die, die herabwürdigen, davon ÜBERZEUGEN, dass sie es doch bitte mal bleiben lassen??? Ja, sie bezieht es auf einen anderen Punkt, das Argument freilich ist allgemein formuliert.

Dass es enge Zusammenhänge zwischen Christentum und Sadomasochismus gibt, da braucht man ja nur das Kreuz sich zu betrachten, ist meiner Ansicht nach offenkundig; aber so ein Setting ist schon ziemlich perfide. Da hat Herr Kermani dann wieder recht.

Zu dessen Gottesverständnis ich mich schlicht nicht äußern kann, das bißchen, was ich da weiß, ist mir bis zur Entstehung von den Walhabiten und die Reaktionen auf die Dogmatismen „des Westens“ zumindest deutlich sympathischer – dank all der Unschärfen, der nicht so strikten Zentralisierung und der stark ästhetischen Motivation, wie mir scheint. Keine Ahnung. Khomeini war vermutlich auch eher durch Augustinus inspiriert und dessen Vision vom „Gottesstaat“.

Klar ist jedoch, dass Minderheitenschutz geboten ist und nicht irgendwer nun im Sinne von Mehrheitsentscheidungen über diese zu verfügen hat. Und schon gar nicht im Sinne der Frontstellung zwischen „Atheisten“ und „Religion“. Billiger Trick, funzt nicht.

Ja, so sitz ich hier und kann nichts anders schreiben 😀 – hat er ja, glaube ich, auch gar nicht so gesagt.

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31 Antworten zu “Mehrheitsentscheidungen, Demokratie, Minderheitenschutz – und die Religion

  1. mark793 Juli 17, 2012 um 5:56 pm

    Hatte mir eigentlich auch vorgenommen, mich da bedeckt zu halten, zuviele Keulen werden da in allen Richtungen geschwungen, hie Gott gegen die Gottlosen, da Holocaust gegen Unversehrtheitsgrundrecht, Medizin gegen oder mit Folklore. Eigentlich fast „too much“, das alles zu würdigen und auseinanderzuklamüsern. An sich würde ich persönlich den Grundsatz der körperlichen Unversehrtheit in dieser Frage über die Freiheit der Religionsausübung stellen, die in ihrem konkreten Brauchtum der Beschneidung kleiner Jungs mit genanntem Grundsatz nicht vereinbar ist. Gleichwohl verkenne ich nicht, dass es Opportunitäten geben mag, diese Abwägung anders zu treffen und dabei auch nicht zuletzt auf die gesellschaftspolitischen Signalwirkungen zu verweisen. Etwa: Würde ein Verbot der Kleinkinder-Beschneidung ohne klare medizinische Indikation und aus religiösen Gründen xenophoben, antisemitischen Positionen in der Gesellschaft Vorschub leisten und wäre es aus diesen Grunden eher angezeigt, das mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit doch nicht so genau zu nehmen?

    Ich weiß es wirklich nicht, und fast bin ich ein bisschen froh darüber, dass ich in dieser heiklen Frage nicht zu entscheiden habe.

  2. momorulez Juli 17, 2012 um 7:45 pm

    Ich finde den Heise-Text eigentlich ziemlich gut; und z.B. „Phimotikern“ bliebe einiges erspart, wäre das ein regulärer Eingriff wie in den USA zum Beispiel. Und so richtig ich ja den Grundsatz der körperlichen Unversehrtheit finde, ich weiß nicht, wie sehr der da greift. Kinder einfach so taufen ist ja auch schlimm, und angesichts der Jahrtausende währenden Debatte rund ums Judentum, wo, wie Kermani zurecht anmerkt, auch die Beschneidungspraxis als barbarisch angegriffen wurde, da kennen ja Christen nix, wenn es darum geht, Dritte zu diffamieren, ist das einfach vermintes Gelände. Selbst wenn manch erleuchtete Christin, kein Witz,da gibt es Quellen, ja darüber fantasierte, Jesu Vorhaut zu lutschen, der war ja, falls es ihn gab, beschnitten.

    Und unter Diaspora-Bedingungen entstehen dann schon sehr spezielle Konstellationen. Nun regen sich irgendwie zu recht wieder viele Muslime auf, dass hinsichtlich von Juden bis hin zu Merkel viel Sensibilität gezeigt wird, bei Muslimen wie üblich nicht – und dann setzt das ein, was ich echt gruselig finde, dass nämlich die Religiösen im Allgemeinen das zum Kulturkampf nutzen und mal wieder alle Nicht-Gläubigen oder nicht konfessionell Gläubigen für schlechte Menschen erklären. Und DAS ist wirklich unheimlich und auch bei sonst sehr sympathischen Menschen wie Serdargune und Antje Schrupp ständig präsent, dass da eine Identifikation von Güte und Rechtschaffenheit mit Religion im Allgemeinen vollzogen wird, die mit Realgeschichte trotz Mutter Theresa gar nichts zu tun haben kann. Und das ist brandgefährlich.

    Bei all dem kommt man ohne das zuviel dann aber, glaube ich, auch gar nicht aus. Ich halte ja auch viel von der Negativen Theologie bei Adorno und Benjamin, kann mit der Neo-Atvaida viel anfangen und auch dem Thomas-Evangelium, aber käme nun nicht auf die Idee, marxistischen Materialisten die Fähigkeit zu Emphatie oder Zwischenmenschlichkeit abzusprechen. Aber genau diese Gottlosigkeit ist gerade wieder schwer trendy. Das empfinde ich als bedrohlich.

  3. T. Albert Juli 17, 2012 um 8:24 pm

    naja, ich hab jetzt viel kommetare auch von den „linken“ lesern der TAZ, und fand es fürchterlich, ob das nun „christlich“ war oder atheistisch und „aufgeklärt-menschenrechtlich“. es war schlicht antisemitisch, und muslime werden da argumentativ benutzt, während sie gleichzeitig auch zum verlassen des landes, weil kinderquäler, aufgefordert wwerden.
    http://www.taz.de/!96591/

  4. MartinM Juli 17, 2012 um 8:39 pm

    Ich bin auch über Antje irritiert, und hoffe, dass sie es doch nicht so meint, wie es scheint,.
    Das Thema selbst ist, wie Sven Scholz schrieb, ein Catch 22 – jede mögliche Antwort ist verkehrt – jedenfalls im derzeitigen Diskurs. Das gilt besonders für mich, ich könnte, als Angehöriger einer „spirituellen Außenseitergruppe“, mich mit dem Thema „Beschneidung“ ganz erheblich in die Nesseln setzen.
    Ich scheue so schnell kein Fettnäpfchen und keine Konfrontation (obschon ich im Zweifel eine zurückhaltende Formulierung einer provokativen den Vorzug gebe). aber es ist eine frustrierende Erfahrung ist, dass Menschen, die etwas nicht einschätzen können, zu Pauschalurteilen / Vorurteilen neigen.

    Wenn ich es recht bedenke, würde ich einige Freunde mit meinen Ansichten und Einsichten ganz gewaltig vor den Kopf stoßen, jedenfalls in der aktuellen Situation. Weshalb ich dieses „heiße Eisen“ Vorhaut erst dann anfassen werde, wenn diese verdammte, verkorkste, scheinheilige vom hundersten ins tausendste kommende, mit Totschlag-„Argumenten“ gepflasterte und „Hidden-Agenda“-vergiftete Debatte wieder abgeklungen ist!

  5. momorulez Juli 17, 2012 um 9:26 pm

    @T. Albert:

    Oje – da nehmen sich ab von Dir aber wirklich alle nichts. Und die „Kinderquäler“-Nummer ist halt auch eine Variante der „Kinderopfer“ bzw. „Ritualmorden an Kindern“, die man Juden andichtete und manchmal ja auch noch andichtet. Es ist aber trotzdem so, dass, obwohl ich gerade aus den muslimischen Sektoren der Publizistik tatsächlich auch vieles, was mich überzeugte, lesen konnte, die Verteidigungslinien auch nicht wirklich immer sauber sind, Auch bei einem Kermani nicht, den ich eigentlich prima finde. Weil das ganze einfach völlig falsch um die Aufklärungsthematik sich gruppiert, hat ja auch Gauck Vorgaben gemacht, übrigens, der großkotzig die Christenheit für Reformation und Aufklärung abfeierte, die „dem Islam“ angeblich noch bevorstünde. Die Aufklärung ist nicht zufällig auch der Auftakt zu einen harschen Phase des Kolonialismus gewesen, und diese sich so voraus dünkende Vernunft hat von Anbeginn an zur Herabwürdigung der „Wilden“ geführt. Und die Väter der amerikanischen Verfassung waren Sklavenhalter.

    ABER: Kant meinte das ja ernst, dass er der Vernunft die Grenzen aufzeigte, um dem Glauben Raum zu schaffen – er zertrümmerte „Höhere Wahrheiten“ zugunsten der Skepsis, der Mündigkeit und im Grunde genommen auch der Mystik, also nicht-doktrinär religiösen Formen. Damit kann man nun aber nicht im Herrenmenschensinne auf Muslime und Juden einhacken, das ist eine ganz tiefsinnige Konstruktion, die man zwar gegen doktrinäre Formen der Religion, aber nicht gegen Theologie im Allgemeinen ins Feld führen kann. So habe ich das zumindest verstanden, und auch in der „Dialektik der Aufklärung“ wird ja nicht zu Unrecht angeführt, aus der Vernunft alleine könne kein Grund gegen den Mord angeführt werden.

    Nun ist es so, dass kurioserweise die Religionen, ganz weit vorne der Papst, in einer sehr seltsamen Aneignung rationalistischer Traditionen agieren, und das ist doch im Grunde genommen der Unfall, der historische, vom Thomas zu Aquin bis zu Benedikt. Und das das Ganze seit dem Ende des „römischen Reiches“ Formen der Staatlichkeit begründete und somit mit dem Gewaltmonopol versehen wurde. Und das ist nun wieder ein Punkt, wo mir, was ich auch gelesen habe, das Wettern von Muslimen wie von Katholiken gegen Laizismus auf die Nerven geht.

    Das führt nun zwar völlig weg von der Beschneidungsfrage oder ist so interpretierbar, dass ich die unter Doktrin verbuchen würde. Nö, ich würde das unter Riten verbuchen, die eben zur gelebten Religion dazugehören. Beim Islam ja meines Wissens viel mehr als beim Christentum. So wie ich meine Morgenseiten schreibe 😉 … und das ist für mich überhaupt kein Punkt, den ich nun in irgendeiner Form für angreifbar halte im Sinne des Heise-Artikels. Kinder Sonntags zum Kirchgang zwingen ist ja u.U. auch eine historische Grausamkeit, bei mir war es keine, ich mochte den Kindergottesdienst.

    ABER ich finde, das alles gibt nun auch keinen Anlass, Religionen im Zuge der Debatte nun wieder MEHR Raum einfordern zu wollen und entfesselt auf Atheisten einzudreschen. Man kann das alles auch so überhöhen, dass es wieder gefährlich für jene wird, die eben ihren Weg gehen wollen.

    Irgendwer wird mir jetzt vielleicht unterstellen, ich würde den Gott des Alten Testaments, habe jetzt vergessen, was Du da neulich verlinkt hattest als korrektes Wort, als den des Gesetzes verstehen und dem einen christlichen Gott des Glaubens und der Liebe entgegen stellen wollen. Da weiß ich dann auch nicht, was ich sagen soll, außer, dass ich Gott nicht christlich verstehe – und außer, dass ich Scholem, Adorno und Benjamin konträr gelesen habe, insbesondere hinsichtlich des Bilderverbotes.

    Wenn man da nämlich mal tiefer einsteigt, wird die Sache sehr verzwickt und man weiß irgendwann gar nicht mehr, was Religion eigentlich meint.

    Das wird alles auf identitärer Ebene verhandelt, und das geht eh immer schief. Dass die hiesigen Muslime da so reagieren, auf auch Identitätsebene, das verstehe ich vollkommen, es war glaube ich sogar Frau Szegin, die mal einen beeindruckenden Text darüber geschrieben hat, wie sie von außen „muslimifiziert“ wurde, und ich habe auch volles Verständnis dafür, wenn man gegenüber der Mehrheitsgesellschaft an etwas fest hält, woran man zu glauben gelernt hat.

    Und ich kenne das ja auch, wie man verschwult wurde, anstatt einfach so lieben und begehren zu können. Trotzdem ist da das am Wirken, was Sen die „Identitätsfalle“ nannte, und das ist echt gefährlich.

  6. momorulez Juli 17, 2012 um 9:30 pm

    @Martin:

    „Das Thema selbst ist, wie Sven Scholz schrieb, ein Catch 22 – jede mögliche Antwort ist verkehrt – jedenfalls im derzeitigen Diskurs.

    Ja, habe ich bestimmt jetzt auch schon mehrfach 😉 … falsch geantwortet. Und dass ihr bei eurer spirituellen Ausrichtung, der ich ja viel Sympathie entgegen bringe, da aktuell sowieso grob missverstanden würdet, auch das verstehe ich vollkommen.

    Antje Schrupp habe ich da nicht verstanden. Sie lese ich eigentlich ganz gerne, hatte angenehme „Unterhaltungen“ bei Facebook, aber der Text hat mich wirklich geschockt.

  7. Antje Schrupp Juli 17, 2012 um 9:42 pm

    Hm, ich habe deinen Text jetzt dreimal gelesen, aber ich verstehe nicht wirklich, worauf du hinaus willst. Mit deiner Kirchenkritik rennst du bei mir offene Türen ein. Und der Rest… hm, nein, ich verstehe deine Argumentation nicht, ich verstehe nicht, was dich an meinem Post so schockiert hat…

  8. T. Albert Juli 18, 2012 um 12:48 am

    @momorulez :“Kant meinte das ja ernst, dass er der Vernunft die Grenzen aufzeigte, um dem Glauben Raum zu schaffen – er zertrümmerte “Höhere Wahrheiten” zugunsten der Skepsis, der Mündigkeit und im Grunde genommen auch der Mystik, also nicht-doktrinär religiösen Formen. Damit kann man nun aber nicht im Herrenmenschensinne auf Muslime und Juden einhacken, das ist eine ganz tiefsinnige Konstruktion, die man zwar gegen doktrinäre Formen der Religion, aber nicht gegen Theologie im Allgemeinen ins Feld führen kann.“

    That`s the point. Und ich finde an der ganzen eigenartigen hysterischen Vorhaut_Debatte interessant, wie da auch immer dasselbe Schema auftaucht, in dem den Anderen unterstellt wird, sie seien aufklärungsmässig noch nicht so weit, und dann wissen plötzlich alle möglichen seltsamen Denker über irgendwelche religiös-lebensweltlichen Interna Bescheid, ein „Wissen“, mit dem sie dann zB Juden übers Judentum belehren, sorry, aber das hat Züge von Irrsinn und Neurose an sich, diese offensichtliche totale Unfähigkeit, andere Menschen als andere Menschen leben zu lassen. Mit irgendeiner positiven Aufklärung hat das ja nix zu tun, sondern diese Rede ist der säkulare Nachfolger des Arguments von der Verworfenheit der juden, die Jesus nicht als den Christus sehen wollen. Früher war es dieses, und heute sind sie zu doof „die Aufklärung“ und „die Menschenrechte“ zu kapieren. Das ist schon lustig, wenn man an Spinoza oder Moses Mensdelsohn u. a. denkt. Mendelsohn war es ja auch derjenige, der Kant an einem Spaziergang erläutert hat, dass und warum das Christentum nicht haltbar wäre. Und alle diese Diskussionen fanden erstmal hauptsächlich innerhalb des Judentums statt, denken wir an Spinozas institutionelle Gegner innerhalb der jüdischen Gemeinde. Goethe fand den Islam der beschnittenen Muslime eine relativ aufgeklärte Angelegenheit im Verhältnis zu dem, was er als Christentum kannte. Und damit stand er nicht alleine.
    Das ist das eine. Das andere ist, dass mir einfach nicht klar wird, wie man sich dermassen aufgeregt um Angelegenheiten anderer Leute „kümmern“ kann, die einen schlicht nichts angehen, auch nicht, ob einige Juden eine andere Auffassung zur Beschneidung äussern, die geht ja nicht an die Adresse unbschnittener christlicher oder antichristlicher Aufklärer, die unfähig sind sich zu reflektieren. Diese Unmenge an Äusserungen, die ich gelesen habe, zeigen ein gewalttätiges verhältnis zu anderen Menschen, die man eben am liebsten schreiend vertreibt oder ins Lager stecken will, sonst nichts. Wahrscheinlich weil sie denken, gleich kommen böse Juden und Moslems und schneiden mir was ab. Ein griechischer Unternehmer und Parlamentsabgeordneter hat ja kürzlich im griech. Parlament gesagt: Wir sind keine schwulen jüdischen Kommunisten! Da haben wir es doch.

  9. momorulez Juli 18, 2012 um 8:19 am

    Die Aussage kannte ich gar nicht; entspricht aber dem, was WHM im Allgemeinen antrainiert werden soll.

    „Mit irgendeiner positiven Aufklärung hat das ja nix zu tun, sondern diese Rede ist der säkulare Nachfolger des Arguments von der Verworfenheit der juden, die Jesus nicht als den Christus sehen wollen.“

    Das gilt doch genau so in Richtung des Islam. Es ist zwar seltsam, dass ausgerechnet dieses märchenhafte Kindheitsevangelium mit Jesus, dem Zauberer, im Koran zitiert wird, aber die machen sich ja zu recht darüber lustig, dass sich das Christentum überhaupt als Monotheismus behauptet. Das war doch auch der große Streit der ersten Jahrhunderte, dass die Trinität – Vater, Sohn, Heiliger Geist – diskutiert wurde und dann Häretiker nieder gemacht wurden. Und schon das Einbauen des Johannes-Evangeliums in die Bibel ist höchst fragwürdig, und das ist das einzige, das die Gottessohnschaft Jesu behauptet – in die Wunde legen Muslime den Finger. Man kann nun mit Martins Argumenten und Glaubensvorstellungen viel gegen den Monotheismus sagen, da ist das Christentum aber auch wirklich die inkonsistenteste und auch naivste Variante. vergleicht man damit den Brahmanismus, fällt das erst richtig auf, und ich glaube, deshalb sind viele Christen auch so aggressiv, weil es ihnen gar nicht um das Göttliche, sondern um eine bestimmte soziale Ordnung geht, eben die Kirche als Corpus Christi und ein Papst, der Bischöfen die Füße wäscht, statt Gott. Das ist auch so theatralisch, so seltsam. Und aus dieser totalitären Vorstellung erwächst dann gewissermaßen automatisch die Integrations- und Ausschlußmechanik:

    Diese Unmenge an Äusserungen, die ich gelesen habe, zeigen ein gewalttätiges verhältnis zu anderen Menschen, die man eben am liebsten schreiend vertreibt oder ins Lager stecken will, sonst nichts.

    Das ist auch im Protestantismus nicht verschwunden, da wurde lediglich der Druck auf das Individuum erhöht und Entlastungsfunktionen abgeschafft.

    Und das alles ist schon durch den Verzicht auf den Missionsgedanken im Judentum anders, das ist ja viel diskussionsfreudiger und selbstgenügsamer, hat sich unter Bedingungen der Diaspora erst wirklich geformt, vor der Zerstörung des Tempels hatte das ja ganz andere, ausdifferenzierte Ansätze. Und so was wie Kabala würde der Kirchenstaat ja kurzerhand unter Sektenverdacht stellen, das ist ja auch so eine lustige Methode des Nicht-Laizismus. Und das, was man heute „Islamismus“ nennt, ist eh von Geheimdiensten forciert worden.

  10. momorulez Juli 18, 2012 um 8:32 am

    @Antje:

    Sorry, Du warst im Spam gelandet 😦 …

    Dass Du das Mehrheitsprinzip verabsolutierst und die Forderung aufstellst, Minderheiten hätten Mehrheiten zu überzeugen – anstatt den Minderheitenschutz ins Feld zu führen und somit die Pluralitäts- und Freiheitsforderung in den Mittelpunkt zu stellen. Das erlebe ich als Teil einer Minderheit als glatte Drohung.

    Und auch, dass Du die Frontstellung „Religion versus Atheismus“ einfach so in den Mittelpunkt stellst. Das finde ich Juden und Muslimen gegenüber nicht in Ordnung, weil da die Geschichte des Christentums geklittert wird, und das impliziert zudem, dass nun Glaube einzig in Religionen statt finden könne, was ich vehement bestreite. Ich glaube ja, die hindern daran eher 😉 …

    Ich habe mich mal intensiver mit den Texten von Elaine Page zu den Apokryphen beschäftigt, und da ging mir gewissermaßen ein Licht auf 😉 … in den USA hat das ja zu völlig neuen Bewegungen jenseits der Religion geführt, und ich würde tatsächlich auch von progressiven Christen erwarten, sich dem mal zu öffnen. Wenn man sich schon mit Vorstellungen des innerweltlichen Paradieses in den frühen Jahrhunderten auseinandersetzt.

  11. momorulez Juli 18, 2012 um 9:09 am

    Passt hier auch gerade hin:

    http://rhizom.blogsport.eu/2012/07/18/the-creepy-strategy-of-christian-self-victimisation/

    Auch wenn Rhizom eine andere Ansicht zur Beschneidungsfrage vertritt – solche soll ich also überzeugen? Diese gottlose Blasphemie? Das hat denen doch der Satan höchstselbst eingegeben.

  12. momorulez Juli 18, 2012 um 2:44 pm

    „Anblick arschpackelnder Homobärchen und leckender Lesbenmamas ist sicher traumatisierender für ein Buben, als die Beschneidung der Vorhaut.“

    Ging soeben bei Twitter rum. Die nächstenliebenden Religiösen.

    Habe auch gerade entdeckt, dass in der Filmförderung des Bundes die „Verletzung religiöser Gefühle“ Auschlusskriterium ist, also das, was US-Evangelikale immer anführen, wenn es gegen Schwule und Lesben geht, deren Gefühle den Hetzern ja nun auch komplett am Arsch vorbei gehen – während gleichzeitig im Check, ob etwas als kulturell wertvoll gilt, die „Kopftuchfrage“ als Beispiel für die Relevanz eines Stoffes angeführt wird.

    Ist halt doch immer klar, wessen „religiöse Gefühle“ da gemeint sind und wessen Attacke im Falle von Karrikaturen dann im Namen der Freiheit Preise bekommt.

    Das ist alles ein verdrehter Mist.

  13. T. Albert Juli 18, 2012 um 5:23 pm

    Auch in Bezug zum anderen Thread: Dieses „post-“ wie „postrassistisch“ usw. ist nach den intensiven Leserfahrungen, die ich in den letzten zwei Wochen machte, jetzt in meinen Augen der neueste deutsche oder europäische Entschuldungstrick: Wir müssen unter die Vergangenheit immer mehr noch dickere Striche ziehen. – Und wir sind wieder im „prae-„, zB im Praefaschismus. Das „post-“ begleitet die Abschaffung der Demokratie durch die Wirtschaft wie wir sie gerade erleben. Man kann immer wieder jenes Buch von Herrn Mises empfehlen.

  14. momorulez Juli 18, 2012 um 7:28 pm

    Ja, ist leider echt so.

  15. Antje Schrupp Juli 18, 2012 um 9:45 pm

    @momorulez – Dass Minderheiten Mehrheiten überzeugen müssen, ist doch keine Forderung, die ich aufstelle, und schon gar keine Drohung, sondern eine Feststellung, die ich mache. Nicht normativ, sondern deskriptiv. Der Minderheitenschutz ist ein Prinzip, das nur solange funktioniert, wie die Mehrheit davon überzeugt ist, dass (diese) Minderheiten zu schützen sind.

    Die Frontstellung “Religion versus Atheismus” habe ich in DIESEM Blogpost mal gewählt, und schau dir mal die Kommentare unter meinem Post an, wenn du glaubst, das wäre kein relevantes Thema. Oder diese Frontstellung hätte ich mir ausgedacht. Die Kämpfe mit dem Mainstream-Christentum führe ich anderswo zur Genüge. Dass ich deine Religionskritik weitgehend teile (ja, Glaube findet sich oft anderswo eher), hab ich ja schon geschrieben. Elaine Pagel wird in der feministischen Theologie übrigens gut rezipiert. Kein Problem also an dieser Stelle. Dass wir hier noch nicht die Mehrheit sind, liegt nicht daran, dass wir es nicht versuchen, lol.

  16. momorulez Juli 18, 2012 um 10:21 pm

    Na ja, das mit dem Normativen und dem Deskriptiven ist glaube ich so einfach nicht in diesem Fall. Weil das ein Machtspiel ist, das Mehrheiten spielen: Na, nun überzeugt uns mal, dass ihr normal und nicht krank seid, ihr Schwuppen! Na, nun überzeugt uns mal, dass ihr integrationsbereit und aufgeklärt seid, ihr Muslime! Nun überzeugt uns mal, dass ihr auch denken und nicht nur tanzen könnt, ihr Schwarzen! Klar, passiert alles, und es gibt auch welche, die versuchen es, dann zu überzeugen, was sehr quälend ist, weil man dann an mehrheitsgesellschaftlichen Kriterien klebt und fast wie in einem Prozess ständig unter irgendeine Beweispflicht gestellt wird, was eben den normativen Charakter deutlich macht. Das ist immer so ein imperativisches „Tanz'“, angesichts dessen der unmarkierte Mehrheitsgesellschaftler sich dann amüsiert zurück lehnt. Habe ich keinerlei Bereitschaft zu.

    Minderheitenschutz wie auch Religionsfreiheit setzt hingegen viel formaler und rechtebasiert an. Das ist eine andere Konstellation. Das Wahlrecht von Frauen wurde auf dem Gedanken formaler Gleichheit gegründet und nicht, weil Frauen Überzeugungsarbeit leisteten, dass sie auch denken können. Wobei da keine Minderheitenrelation vorliegt, macht aber vielleicht klar, was ich meine. Ich stell mich ja auch nicht hin und fordere von Dir, Du müsstest mich erstmal davon überzeugen, ein adäquater Gesprächspartner zu sein, so als Frau, und ätschbätsch, Männer sind nun mal mächtiger, deskriptiv. Auch das wieder nur zur Verdeutlichung, und natürlich legen viele Männer im Berufsleben diese Haltung an den Tag, ich hoffentlich nicht, aber das kann doch kein Argument für Überzeugungsarbeit sein, sondern eines, Rechte einzufordern. Die Union wurde ja auch nicht von der Homo- Ehe überzeugt, das hat das Verfassungsgerichtvverordnet im Sinne einer Systematik der Grundrechte verordnet.

    Dass wir bei Religionskritik nicht weit auseinander liegen, weiß ich ja. Mir hat die Argumentation von Herrn Kermani Angst gemacht, und im konkreten Fall des konkreten Textes schienst Du mir in die gleiche Kerbe zu hauen.

    Dass Elaine Pagels bei euch viel diskutiert wird, das freut mich tatsächlich. Das Buch zum Thomas-Evangelium wie auch – trotz Übersetzungsfehler – zu dem des Judas, die haben mich sehr beeindruckt, auch wenn letzteres ja auch den Kreis der Apostel mittels Homophobie zu denunzieren versucht.

    Was Frau Pagels da aber raus zieht, das steht ja nun doch quer zu dem, wie Religion aktuell so diskutiert wird. Fand es deshalb wichtig, da noch mal drauf hinzuweisen.

  17. Antje Schrupp Juli 18, 2012 um 10:35 pm

    @momorulez – Ja, da sind wir tatsächlich unterschiedlicher Meinung. Ich halte es mit Simone Weil: „Nicht glauben, Rechte zu haben“, das von den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens in „Wie weibliche Freiheit entsteht“ aufgegriffen wurde. Das Fordern von Rechten bringt gar nichts, außer dass man denen Autorität gibt, die die Macht haben, Rechte zu gewähren. Dass die Frauenbewegung, die immer kulturbasiert und radikal war, auf eine formale Gleichstellungsbewegung reduziert wurde, ist genau das Problem. Der Knackpunkt ist natürlich, dass es für die „Differenzvermittlung“ zwar notwendig auf das Gegenüber eingeht, denn nur wenn ich dessen Befindlichkeiten kenne, kann ich überzeugen, aber natürlich darf man dabei nicht dessen Maßstäbe akzeptieren geschweige denn für sich selbst übernehmen. Das ist aber möglich. Die Italienerinnen nennen das „symbolische Unabhängigkeit“, und den Begriff habe ich für mich übernommen. Aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema.

  18. momorulez Juli 18, 2012 um 10:48 pm

    Das Argument mit dem „denen Autorität geben, die Rechte gewähren“ kenne ich von Marxisten im Sinne der Staatskritik, unter Bedingungen des Gewaltmonopols, um das es ja bei der Beschneidungsdebatte auch geht, ist es nun aber auch nicht soooo zweckdienlich, diesen Punkt auch in der Hinsicht einfach zu ignorieren, das greift ja nun auch deskriptiv – und gerade Religionen gegenüber war das historisch auch nicht immer nur schlecht. Ansonsten ist der Rekurs auf formale Prinzipien mit Sicherheit nichts, wo man nun stehen bleiben könnte, wie die Gleichstellungsfrage zeigt, verstehe, was Du da meinst, ja. Aber meines Erachtens hat es historischen Wandel gegeben, wenn Menschen sich begründungsfähige Rechte einfach GENOMMEN haben, siehe Rosa Parks. Oder Martin Luther King, der Weiberrat oder die Stonewall-Fighter. Glaube ja auch an die habermasianischen Konzepte von Öffentlichkeit, da muss aber schon noch was hinzu treten. Und Überzeugung basiert halt auf Grundlagen, die Rechte implizieren.

  19. Pingback: wortanfall

  20. Antje Schrupp Juli 19, 2012 um 8:54 am

    @momorulez – Ich würde sagen, die haben sich nicht RECHTE genommen, sondern sie haben sich an Gesetze nicht gehalten, weil sie die Gültigkeit der herrschenden Gesetze abgelehnt haben. Wenn man diese Handlungen dann als „Rechte nehmen“ interpretiert, hat man sie schon wieder in die Logik des Systems integriert, feine Sache.

  21. Fritz Juli 19, 2012 um 9:06 am

    Vielleicht solltet ihr das ganze mal in Bezug setzen zu den Thesen von Jan Assmann („Das Judentum war immer nur am Heiden im eigenen Herzen interessiert, nicht an den Heiden ringsherum in der politischen Außenwelt. Umso mehr haben sich dann Christentum und
    Islam die politische Theologie der Gewalt zur Unterdrückung der Heiden ringsum auf ihre Fahnen geschrieben. Die Gewalt ihres Gottes gegen die anderen Götter gibt ihnen das Recht,
    Gewalt gegen Menschen zu üben, die in ihren Augen anderen Göttern anhängen. Dahinter steht die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, die die monotheistische Religion, und nur
    sie, kennzeichnet…. Wenn man die monotheistische Idee retten will, dann muss man sie ihrer inhärenten Gewalttätigkeit entkleiden.“) diskutieren.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49976964.html

    Auch um von der dämlichen Entegensetzung von bösen Christen und guten Juden und Muslimen weg zu kommen.

  22. momorulez Juli 19, 2012 um 9:20 am

    @Antje:

    Nein. Es gibt ja eine der Rechtsetzung und Juristerei vorgängige Sphäre der Legitimationsdiskurse, um das mal so zu formulieren. Und die sind nur dann plausibel, wenn man bestimmte Voraussetzungen annimmt: Gleichheit, Symmetrie, Gegenseitigkeit – historisch erst zu realisieren, logisch ist das so. Daraus ergeben sich auch Rechte im vorjuristischen Sinne. Das gilt für jede blöde Versammlung und noch die Frage, wer abwäscht.

    Führt man das Mehrheitsprinzip als das einzig Maßgebliche ein, bedeutet das einen Verstoß gegen diese Regeln, und dann geht es um nackte Macht. Die Mehrheitsentscheidung ruht auf einer Zustimmung zu einem Verfahren, das eben auch „jede Stimme zählt gleich“ z.B. voraussetzt.

    Was Du meines Erachtens zudem völlig außer Acht lässt, das sind faktische, instituionelle Ordnungen. Die christlichen Kirchen haben hierzulande Privililegien, über die andere Organisationen nicht verfügen. Die sitzen in Fernsehsendern, Rundfunkräten, der Staat führt für sie Kirchensteuer ab, sie sind in der Architektonik und räumlichen Ordnung von Städten zentral – analoge atheistische Strukturen sind nicht im selben Sinne gegeben, selbst wenn Wissenschaft oft ohne Gott auskommt, schließt sie den ja nicht automatisch aus. Das ist ja auch so ein evangelikaler Popanz, z.B, die Evolutionstheorie gegen christliche Kirchen gerichtet zu sehen, weil das schon albern ist, einen Diskurstyp wie Glaubensfragen buchstäblich auszulegen. Da hat ja die Quantenphysik mehr mit Göttlichem zu tun als der naive Kreationismus.

    Soll heißen: In den hiesigen institutionellen Ordnungen bis hin zu den Feiertagen sind die christlichen Kirchen selbst dann noch dominant, wenn keiner mehr in sie hinein geht. Das hebelt die Symmetrie-Bedingung Muslimen, Schwulen, Lesben, auch Atheisten gegenüber aus – was eine Überzeugungsarbeit ausschließt. Das geht nicht unter assymmetrischen Bedingungen.

    Und in diesem Sinne hast Du im konkreten Eintrag schlicht der Macht das Wort geredet unter dem Banner der Überzeugungsarbeit, die Du auch noch an andere deligierst. Das lässt sich dann auch nicht auf „Meinung“ reduzieren, wenn die eine Seite schlicht mächtiger ist. Da kann ich ja noch so mögen, was Du sonst schreibst, da liegst Du einfach falsch.

  23. momorulez Juli 19, 2012 um 9:36 am

    @Fritz:

    Es geht nicht um „böse Christen“ und „gute Juden und Muslime“, es geht darum, wie Hegemonien stabilisiert werden mit dem Mittel der Diffamierung von Minderheiten. Und es ist echt die Frage, ob das auf all die vielen muslimisch geprägten Regionen zutrifft, was der Herr Assmann da schreibt. Juden sind vor Christen aus Spanien geflüchtet, nicht vor Muslimen. Man muss sich da auch, gerade im Falle der so genannten „islamischen Welt“, was ja eh schon Blödsinn ist, was da wann wieso sich konstituierte und wie wirkte. Vieles, was heute als „Islamismus“ gilt, ist schlicht eine Reaktion auf „westlichen“ Imperialismus.

    Christen sind da viel leichter über einen Kamm zu scheren, schon wegen des höheren Organisationsgrades gerade im Katholizismus – und wie Benedikt mit der Befreiuungstheologie umgegangen ist, ist ja auch bekannt. „Der Islam“ ist viel komplexer in seiner sozialen Realität.

    Ich bin ja geneigt, dem Zitat sogar zuzustimmen, da fehlt vor lauter Allgemeinem nur die Bezugnahme auf die konkrete bundesdeutsche Debatte, und da ist nun mal der Fall, dass Muslime zu den marginalisierten und diffamierten Gruppen ebenso gehören wie immer schon Juden.

  24. T. Albert Juli 19, 2012 um 1:28 pm

    @Christen sind da viel leichter über einen Kamm zu scheren,

    Das ist ein bisschen problematisch, wenn man an die orientalischen und äthiopischen und armenischen und georgischen Christen, dort sieht auch die lateinische, also kath. Kirche anders aus. Die sind ja auch alle viel älter, als wir römisch-katholischen. Habe mich hier mal mit einem Chaldäer in der Nachbarschaft unterhalten, die fragen sich übrigens warum sie sowenig christliche Solidarität erfahren, wo ihnen die rechten Islamisten das Leben schwer machen. In den Kreuzzügenwurden sie von den Europäern auch fertiggemacht.

    Kunstgeschichtlich sind die irre spannend,und wenn ich das bisschen, das ich da weiss, richtig verstanden habe, waren die immer, wie hier in der Romanik noch, viel kosmologischer drauf.

  25. momorulez Juli 19, 2012 um 1:32 pm

    Ah, spannend! Ich lass mich da auch gerne korrigieren, aber mir scheint das einfach viel homogener vereinseitigter zu sein als im auch das Unverständliche und Vielfältige Preisende der islamischen Tradition im Christentum, Baptisten hin, Quäker her.

  26. Fritz Juli 20, 2012 um 1:35 pm

    „Juden sind vor Christen aus Spanien geflüchtet, nicht vor Muslimen.“

    Ich empfehle doch sehr, mal den Assmann zu lesen:

    http://www.amazon.de/Die-Mosaische-Unterscheidung-Preis-Monotheismus/dp/3446236759/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1342787273&sr=1-1

    Das Problem ist ein tieferes: In dem Augenblick, wo es nicht mehr um deinen Gott und meinen Gott geht, sondern um den wahren Gott und die falschen Götzen, wo die Unterscheidung in wahr und falsch in die Religion eingeführt wird, ergibt sich ein ganz neues Potential für Gewaltanwendung. Egal ob es Juden oder Muslime oder Christen sind, die ihren wahren Gott allen anderen aufzwingen.

  27. momorulez Juli 20, 2012 um 2:06 pm

    Von der Missionsgeschichte des Judentums wäre mir nun allerdings rein gar nix bekannt und auch nicht, dass diese Religion dazu tendieren würde, ihren Gott anderen aufzuzwingen. Das ist einfach nicht richtig. Soll heißen: Man kann nun nicht zwingend vom Monotheismus auf derartige Praktiken schließen. Und es ist zudem so, dass das Christentum Juden ihren Gott geklaut hat, um dann tatsächlich auf sie einzuprügeln. Was übrigens eine verzwickte Genese hat, weil die gnostischen Einflüsse, die sich in der Bibel finden, den jüdischen Gott als Demiurgen ansahen, hingegen man die Judenchristen mit rein holen wollte in das neue Unternehmen, und da fing dann an, was Du meinst – aber nicht von jüdischer Seite.

    Es gibt auch Formen jüdischer Orthodoxie, die ich auch nicht witzig finde, aber historisch lebten Juden in der Diaspora, da gibt es gar nix zu deuteln. Eine zu islamischer Expansion oder gar christlicher „Mission oder Vernichtung“-Logik analoge Entwicklung gab es da nicht. Noch nicht mal vor der Zerstörung des Tempels durch die Römer, da existierten nebeneinander her verschiedene Strömungen des Judentums.

  28. momorulez Juli 20, 2012 um 2:22 pm

    PS: Ich will damit jetzt gar nicht die Frage, inwiefern im Polytheismus Pluralität lauert, als unsinnig zurück weisen. Die ist ja zum Beispiel im Falle der Christianisierung hierzulande, in England und so weiter auch höchst relevant. Man kann aber andererseits nicht unterschlagen, dass die Gleichheit vor dem einen Gott viele auch als Quelle der Idee von Demokratie und Menschenrecht sehen. Zudem mir da die Rückführung auf Moses auch einen antisemitischen Einschlag zu haben scheint und Ideen- und Realgeschichte wie so oft durcheinander gehen. Im Römischen Reich beispielsweise herrschte gleichzeitig mit dem Gottkaisertum als Politreligion ein Religionspluralismus; Juden genossen Priviliegien, wobei sie gleichzeitig den Herrschenden ein Dorn im Auge waren, weil sie das Gottkaisertum nicht anerkannten. Ansonsten hat sich dann das Christentum ran gemacht, ein Patchwork aus Gnosis, Mithras-Kult, Judentum, Dionysos-Kult und alten ägyptischen Mythen zusammen zu basteln wo ja von Anbeginn an so klar nicht war, inwiefern es sich überhaupt um einen Monotheismus handelt, weil die Trinität eben so verzwickt ist und eine Vergottung von Jesus schon einige geistige Verrenkungen erfordert, da noch die Einheit des Göttlichen zu denken, wenn da auch noch dieser pneumatische heilige Geist mit spielt. Das hat Jahrhunderte der Auseinandersetzung zur Folge gehabt mit lauter abgeschmierten Häretikern, und als dann das Christentum römische Staatsreligion wurde, ging Rom auch unter 😀 … was aber nichts anderes heißt, als dass die Verquickung mit der politischen Macht erst dass bewirkt, was Du beschreibst.

    Und guck Dir mal Phänomene wie den Hindu-Nationalismus oder auch die Rolle des Dalaih Lama an – inwiefern sich in Formen des Buddhismus nun wieder Polytheismen einschleichen (wie im Christentum ja auch, die Heiligenverehrung) und auch Polytheismen politisch unangenehm werden kann, das ist ja wieder eine erst mal zu untersuchende, historisch-empirische Frage.

    Nee, das ist mir zu simpel, vor allem dann, wenn man das auch noch auf Moses zurück führt. Die sind ja nicht im Gegenzug auf die Ägypter los marschiert, um sie zu missionieren, sondern haben IHR gelobtes Land gesucht, für die Sklaven einst in den USA übrigens eine inspirierende Vorstellung.

  29. T. Albert Juli 20, 2012 um 4:20 pm

    Monotheismus als originäre und exklusive jüdische Erfindung? Das wäre mir neu.
    Neu war der Vertrag, der ihnen von der Gottheit, vom Ewigen, wie Moses Mendelssohn sie deutsch in der Thora-Übertragung umschreibt, aufgedrückt wurde.
    Ausserdem stellt sich die Frage, ob nicht rückwärts gelesen unser Monotheismus nicht einfach eine fortlaufende Präzisierung der Denkbewegungen von immer wechselnden Haupt-und Nebengöttern ist, die Trinität und Attribuierungen Gottes auf die in Götter aufgesplittert gewesenen Aspekte kosmologischer Wahrnehmung hinweisen. Finde ich.
    Und dass vor der Verfestigung monotheistischer Denkweisen der ewige Friede geherrscht hätte, das habe ich in der Schule nicht gelernt.

  30. ziggev Juli 20, 2012 um 7:02 pm

    nun, hier könnten wir auch flugs bei S. Freud (Der Mann Moses) und Th. Mann (Joseph und seine Brüder) landen. (bei Freud dann natürlich noch psychoanaltische Aspekte gleich mit, Stichwort Vatermord.) Es ist jetzt dieser Assmann, der dann wicki zufolge Th. Manns Darstellung des Aton-Kultes, Echnaton habe mit dem Aton-Kult den Schritt vom immanenten zum transzendenten Gott vollzogen, widersprochen. Dennoch, „als sehr wahrscheinlich muss jedoch gelten, dass die mit dem Aton-Kult in das menschliche Denken gebrachte Idee des Monotheismus Einfluss auf dessen Aus- und Fortentwicklung in anderen Weltgegenden hatte“ (wicki), wobei Freuds Idee, er habe eine „unmittelbare Wirkung auf die Herausbildung des jüdischen Monotheismus“ gehabt, keineswegs nachzuweisen sei.

    achja, Paul Feyerabend erzählt irgendann in Lettre International die Geschichte, im alten Griechenland habe sich in den verschiedenen Gegenden, Inseln usw. aus einer vielfalt von Göttern eine Hierarchie mit einem Gott an der Spitze, am Ende mit dem überall verwendeten Namen Zeus, durchgesetzt.

    dann heute, passend im dlf, wo John Banville, dessen „Unendlichkeiten“ besprochen wurde, am Ende der Sendung den Monotheismus geißelt. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1816860/

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