Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… den Kakao, durch den man sie zieht, auch noch zu trinken …“ (Erich Kästner)

Vielleicht macht Tilman Gerwien, Prototyp der verantwortungslosen deutschen Journaille, ja dieses Jahr Urlaub in Griechenland. Sein als Tugendpamphlet getarnter Hass auf die Freiheit, die sich Andere nehmen, sein von Neid getränktes Geschreibsel ist einfach Symptom einer Gehirnwäsche ohnegleichen. Indem er sich am „Piraten Ponader“ abarbeitet, um sein eigenes Ego aufzublähen.

Würde mich mal interessieren, auf was für einer Basis der Herr denn arbeitet. Vermutlich als freier Autor für das Berliner Büro des Stern. Das sind ja für mich immer die allerschlimmsten – die gegen ihre eigenen Interessen auf jene eindreschen, die auf sozialen Leitern noch eine Stufe tiefer stehen. Teile und herrsche, wohin man schaut.

Bei denen in den großen Organisationseinheiten, in Verlagen, Krankenkassen, Fernsehsender, Gewerkschafts-, Behörden- und Parteienbüros, ist ja noch irgendwie verständlich, dass sie den Speichel der Herrschenden lecken, um drinnen zu bleiben. Obgleich der Druck, der auf ihnen lastet, all das Rumgekrieche und Angepasse an entmündigende Denkvorgaben, Flurfunkkämpfe um Plätze in der Hierarchie, Blick auf den Schreibtischstuhl gegenüber und nicht wissen, ob man traurig ist, dass der Kollege „frei gesetzt“ wurde oder froh, dass es einen nicht selbst traf, ja nun auch nix anderes tut als Charaktere deformieren.

Während drumherum um diese Zentren all die noch viel abhängigeren Prekären lungern; ein Kollege sprach neulich nicht zu Unrecht von „Apartheid“ zwischen denen drinnen und denen draußen. Sie fördert das Devote, diese Struktur, als würde das nicht beim wechselseitig einvernehmlichen Sex weit mehr Spaß machen.

Leute, die aber all die instrumentalisierte Scheinempörung, mit der seit Reagan und Thatcher, in Deutschland seit Gerhard Schröder, diesem Schwerverbrecher im außerjuristischen Sinne meiner Ansicht nach, tatsächlich als Moral internalisiert haben, obwohl sie damit ihren eigenen Interessen schaden – nee, da kriege ich so’n Hals, wie man so schön sagt und schreibt.

Ich verweise noch einmal auf den eingängig plausiblen Vortrag von Heiner Flassbeck, den ich gestern verlinkt habe. Hier einer der Texte, die seine Thesen zusammen fassen. Sehr verkürzt vertritt Flassbeck folgendes: Das, was „Euro-Krise“ genannt wird, läge neben dem Gezocke der Investmentbanker, die „faule Kredite“ als „Derivate“ handeln und damit Banken zum Einsturz bringen, im wesentlichen an den zu niedrigen Lohnstückkosten in Deutschland.

Ich habe vergessen, wie der FR-Wirtschaftsexperte hieß, der dieses Faktum auch schon seit Jahren predigt, während Merkel und die anderen weiterhin in wilhelminischer Manier mit dem Finger auf Griechenland zeigen und Spanien zum Umerziehungslager wandeln wollen. DAS finde ich empörend und ekelhaft.

Flassbeck stellt fest, dass die „Euro-Krise“ im Auseinanderdriften der Inflationsziele gründe. Dieses Inflationsziel sei im Euro-Raum 2%, Deutschland liegt da um einen Prozent darunter, einige südeuropäische Länder knapp darüber. Die fatalere Fehlentwicklung sei die deutsche, da sie die Schieflage in den südeuropäischen Ländern bewirke.

Dieses liege an der Lohnentwicklung: Die sei in den südlichen Ländern etwas zu stark in Relation zu dem Inflationsziel gestiegen, in Deutschland hingegen so gut wie gar nicht in den letzten 10 Jahren. Hier wird stattdessen seit Jahrzehnten Lohnverzicht gepredigt und mittels Hartz IV die Bevölkerung erpresst – Typen wie Tillmann Gerwien ganz vorne mit dabei.

Dadurch sei die Produktivität derart drastisch gestiegen, soll heißen, das, was übrig bleibt, wenn Löhne und Herstellungskosten abgezogen werden, dass andere Volkswirtschaften dann, wenn sie sich in der selben Währungszone befinden, aus der Konkurrenzfähigkeit gekickt werden – sie dienen lediglich als Absatzmarkt für in Relation zu billige Produkte, können ihre aber nicht verkaufen, weil: In Relation zu teuer. Hatte ich ja schon mehrfach darüber gebloggt.

Es gäbe einen Zusammenhang zwischen Preis- und Lohnentwicklung und Inflation, und Deutschland ist mit geballtem Irrsinn aus der Logik vernünftiger Wirtschaftspolitik ausgebrochen, indem es die Produktivitätssteigerung so weit angetrieben habe, dass kaum noch wer etwas davon hat. Weil ja eine allmähliche Verarmung der Bevölkerung einsetzt, während zugleich die, die davon profitieren, dass Deutschland „Exportweltmeister“ ist, nur wenige sind, die gar nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.

Und die gar nicht so viel konsumieren können, dass sie so die seit einem Jahrzehnt stagnierende Binnennachfrage kompensierten. Diese stagniert, weil Löhne nicht steigen und weil Hartz IV zu niedrig angesetzt ist.

Kurz: Der mit viel Verve geforderte Verzicht aller, der hier ständig proklamiert wird, enteignet die Griechen.

De facto, weil jeder Schuldner einen Gläubiger voraus setzt; die Schulden aber im Sinne einer „griechischen Gesamtheit der Volkswirtschaft“, nicht etwas des griechischen Staates, die Schulden machen mussten, weil Deutschland sie nieder konkurrierte – und davon profitieren jene, die hier auf ihrer Kohle hocken und Reden schwingen, wie Hartz IV-Empfänger sich verhalten sollten.

Um freilich Panik zu kriegen, wenn sie es so weit getrieben haben, dass der Schuldner nicht mehr zahlen könne – was er erst recht nicht kann, wenn er spart, weil er aufgrund der Unmöglichkeit des Konkurrierenkönnens ja gar nicht genug einnimmt und so auch nicht investieren kann, um wieder in die Lage versetzt zu werden, zahlen zu können. Das führte im Falle der US-Immobilienkredite zum Zusammenbruch, der Krise 2008. Leute so weit runter dumpen, dass gar nix mehr geht.

Dann kommt im Gegenzug die „Bankenrettung“ – auf Kosten derer, die hierzulande eh schon nieder gerungen wurden durch „Lohnzurückhaltung“, damit die Vermögen derer, die davon profitieren, dass Griechenland nicht konkurrenzfähig ist, abzusichern. Durch Nationalismus verpasst man ihnen denen im Lande, die blöd gehalten werden und nix vom Kuchen abbekommen, ein Ersatzego, weil „Deutschland“ ja im Gegensatz zu den „faulen Südländern“ „Exportweltmeister“ sei – um sich dann trotzdem kaum noch das Wohnen leisten zu können. Aber man hat ja die Schland-Flagge und hübsche Bemalungen im Gesicht des Chauvinismus für Betrogene.

Flassbeck fordert stattdessen Lohnsteigerungen von 4,5% jährlich, dann wäre nach 10 Jahren (!!!) halbwegs ein Ausgleich erzielt, und eine deutliche Anhebung von Hartz IV. Und das, was beim Export ausbliebe, würde durch die steigende Binnennachfrage ausgeglichen, und es müsste nicht ständig dieser Zirkus rund um Griechenland veranstaltet werden, der immer neue Rettungsaktionen nach sich zöge.

Abgestützt wird der ganze Irrsinn, den Flassbeck entlarvt, durch Tilman Gerwiens Ego-Trip auf Kosten von Hartz IV-Empfängern, Griechen und Spaniern. Der dirigiert das Ganze dann ähnlich wie 1930 es in Richtung der „jüdischen Kaffeehausliteraten“ ging gegen vermeintliche „Lebenskünstler“:

„Denn es gibt viele Ponaders in diesem Land, in Berlin, Hamburg, Bremen oder Freiburg – überall, wo Lebenskünstler den Sozialtransfer als feste Größe in ihr Leben eingeplant haben. Das gilt als cool und irgendwie „links“.

Und das liegt ihm, den von denen in den Zentren gequälten und sich mit immer geringerem Zeilenhonorar für immer mehr mediale Verwendungsweisen herum schlagenden Reaktionär, natürlich quer im Magen.

Geld soll nur haben, wer sich verbiegt, sich erniedrigt, keinen Spaß hat und nachplappert, was Ideologen ihm seit Jahren vorgaukeln, die ihm das Denken abnehmen.

Besonders unangenehm ist, dass ja jeder spürt und weiß, dass sie lügen, vielleicht, ohne das zu wissen, weil sie Scheuklappen tragen, seine Chefs bei Gruner + Jahr, die den Griechen auf der Tasche liegen, während sie Personal abbauen und Gehälter mutmaßlich nicht erhöhen – ich erinnere mich gut daran, was der DJV-Vorsitzende Hamburgs über die Zustände in diesem Verlag berichtet hat.

Herrn Gerwien als Getriebenem entringt die gesamtgesellschaftliche Erpressung dann Sätze wie den folgenden:

„Muss unser Sozialstaat auch noch einen Hochbegabten wie ein Baby versorgen, das von uns jeden Tag sein Löffelchen Brei bekommt?“

„Baby, Baby!“ schreien die Kinder im Chor – da ist jemand auf Vorschulniveau in seiner Form der konkreten Interpersonalität verblieben, und ansonsten nimmt der Herr brav teil an der großen Ablenkungsschlacht rund um das, was kaum jemandem nützt. Wirft mit nicht zufällig sexuell konnotiertem Vokabular wie „obszön“ um sich, eher das von Pfaffen aus den Fünfzigern.
Vielleicht sollte man doch mal wieder Marcuses Theorie der Triebsublimierung heraus suchen … ansonsten verbleibe ich mit einem kräftigen „Hoch die Internationale Solidarität!“

8 Antworten zu “„… den Kakao, durch den man sie zieht, auch noch zu trinken …“ (Erich Kästner)

  1. MartinM Juli 14, 2012 um 3:02 pm

    Mich erinnert Gerwiens Haltung an das erste Kapitel in Heinrich Manns „Der Untertan“, in dem der kleine Diederich Heßling absichtlich lügt und Süßigkeiten stiehlt, um dann den gestrengen Herrn Papa durch auffälliges Verhalten auf seine „Missetaten“ aufmerksam zu machen, um bestraft zu werden. Weil die Erniedrigung die einzige Form von Zuwendung ist, die Klein-Diederich erwarten kann.
    Außer Geld lebt ein „Schreiberling“ – egal ob Schriftsteller oder Journalist – auch von Anerkennung. Mit solchen Texten bekommt man sie – von der Verlagsleitung, und auch vom teils von Abstiegsängsten geplagten, teils selbstgefällig auf die „Unterschichtler“ und „Aussteiger“ herabblickenden Leserpublikum. Um den Preis, gegen die eignen Interessen zu schreiben. Die hat er bestimmt – über das Interesse an der Bezahlung hinaus. Warum bitteschön wird man ausgerechnet Journalist, wenn es auch für Sparkassenangestellter reichen würde, wenn es nicht „mehr als ein Job“ ist? Der Hinweis auf das gute Abi Ponaders, mit dem er doch bestimmt einen „anständigen“ aber unbefriedigenden, Beruf ergattern könnte, fällt auch auf jeden zurück, der den stressigen und unsicheren Beruf des Journalisten ergriffen hat.
    Mutmaßlich steckt Gerwien in der für „freie Journalisten“ typischen Zwangslage. Trotzdem; Wäre er mein Redaktionskollege, würde ich ihm sagen: „Wenn du nicht so ein Arschloch wärst, dann tätest du mir beinahe Leid.“

    In einem hat Gerwien, in seiner „sozialdemokratisch / protestantischen“ Haltung, leider wohl recht: Leider schrieb er es erst ganz am Ende, nachdem er Ponader längst verbal fertig gemacht hatte:
    „[…]Aber gut, vielleicht setzen die Piraten ihr Grundeinkommen durch. Ich könnte das ertragen – Leute, die weniger verdienen, eher nicht. Denen würde der Chef sagen: „Ihr Gehalt kürzen wir sofort um 500 Euro. Die kriegen Sie ja jetzt vom Staat!“ Aus der Utopie würde so ein Instrument zur Lohndrückerei und Anhebung der Konzernprofite. […]“
    Unter den herrschende Bedingungen eines Kapitalismus, in dem selbst die „Bosse“ nicht mehr autonom entscheiden, sondern abstrakte „Marktinteressen“ regieren, also die Herrschaft „unsichtbar“ geworden ist (Marx lag mit der „Funktionsmasken“-Theorie wohl gar nicht so falsch – ein Manager, der kein ausbeuterisches, zynisches Arschloch ist, bleibt nicht lange Manager) – in solchen Verhältnissen hat er leider mit seiner Vermutung recht. Selbst das „aufstockende“ Alg II ist de facto Lohndrückerei – nur bleibt dem, der darauf angewiesen ist, kaum eine Alternative. (Ponader hatte wenigstens noch die Wahl.)
    Mir selbst ist mal seitens der „Arbeitsagentur“ dringend zur Selbstständigkeit geraten worden (es war die Zeit der „Ich-AGs“.) Wäre ich nicht damit frühzeitig auf den Bauch gefallen (was mich meine private Altersversorgung gekostet hatte, aber sonst bin ich nach dem Abenteuer, auf das ich mich ohne den „guten Rat“ vom der „Agentur“ nie eingelassen hätte, mit einem blauen Auge davongekommen.Hätte es geklappt, wäre ich in der Situation, in der Ponader vor seinem „Abschied vom Amt“ wäre.
    Überhaupt: Was ist der Unterschied zwischen einem DJ und einem selbstständigen Eisverkäufer oder selbstständigen Bauhandwerker? Wer keine eigenen Vermögens-Reserven hat, kein ausreichendes Erspartes (weil sie oder er von der „Hand in den Mund“ lebt), ist im Falle saisonaler Schwankungen auf das „Amt“ angewiesen. Nur würde niemand dem Handwerker moralinsaure Vorwürfe machen, und dem Eisverkäufer auch nur wenige. Aber DJ ist – auch wenn für diese Dienstleistung durchaus Bedarf besteht – wohl kein „ehrlicher“ Beruf

  2. momorulez Juli 14, 2012 um 4:11 pm

    Ja, alles richtig. Habe mich ja auch mit „Geld vom Amt“, wo ich ja nun auch mehr als 10 Jahre eine Menge hin überwiesen hatte, ja, Risiko-, nicht kapitalbildende Versicherung -, und natürlich kommen auch wir nicht umhin zu dumpen. Das ist ja das Ekelhafte, dass sich dafür dann auch noch wechselseitig Anerkennung gezollt wird. Zumindest kann ich mir aber zugute halten, so weit man mich lässt, in Berichterstattungen nicht auch noch diesen Schmonz zu verbreiten wie der Heini. Dass Menschen für’s moralisierende Lügen auch noch bezahlt werden, das ist ja das Schlimme – auch so entsteht ja dieser Irrglaube, Leute wie Sarrazin, einst Pullover in solchen Fällen statt Heizung fordernd, würden nun endlich „die Wahrheit“ schreiben – weil das Gefühl, beschissen zu werden, ja schon weit verbreitet ist und man dann im Ressentiment sucht und nicht da, wo vielleicht noch was zu holen wäre.

    Diese Notwendigkeit, mit Hilfe des „Amtes“ immer mal überbrücken zu müssen, die kennen ja nun gerade immer mehr freie Journalisten mittlerweile – natürlich nicht diese Schleimscheißer wie der Verlinkte, sondern die anderen. Und natürlich entsteht die auch wegen wegen des Lohndumpings seit 20 Jahren.

  3. T. Albert Juli 15, 2012 um 10:40 pm

    Das mit dem Hochbegabten find ich gut. Jetzt mögen sie die „Hochbegabten“, die ihnen doch so wichtig waren, nicht mehr, weil ihr Hochbegabtengepimpere, dass sie durchgesetzt haben, Geld kostet, dass sie für sich brauchen. Es sei denn, es geht um ihr eigenes Kind, das wiederum immer hochbegabt ist, natürlicherweise.
    Also, das habe ich schon länger kommen sehen, mit der Hochbegabung ist jetzt fertig.

  4. T. Albert Juli 15, 2012 um 10:49 pm

    Vergessen: Solche Leute suchen jetzt natürlich nach Möglichkeiten, diejenigen Kinder, die sie für zu doof erklären, aus dem öffentlich finanzierten Schulsystem rauszukriegen, das gentrifizieren sie auf Kosten der Allgemeinheit zu Gunsten ihrer Kinder, weil die von ihnen gleichzeitig geforderte Privatisierung der Bildung sie viel zu teuer kommt.

    Linke sollten den Privatisierungsgedanken aufnehmen und wieder Schulen gründen, überhaupt echte Bildungsinstitutionen.

  5. momorulez Juli 15, 2012 um 11:42 pm

    Ja! Aber wovon denn? Du bekommst doch aktuell eher Institutionen zur Aufrechterhaltung der „arischen Rasse“, damit „Deutschland sich nicht abschafft“, etabliert als das, was Du zurecht forderst – und der zu lehrende Kanon setzt zwingend die Lektüre von Ernst Jünger, Thomas Bernhardts und Gottfried Benn (gegen den ich nichts habe) und die Wiederentdeckung Gehlens und Schelskys voraus.

    Der Grund, warum noch nicht mal mehr ein Flassbeck, nun echt kein Marxist, Gehör findet, ist doch offenkundig im Zuge der Restauration. Die politische Gesinnung Becketts interessiert doch auch kein Schwein mehr, und Camus wird in DIE ZEIT aktuell im Zuge der Vorstellung des europäischen Literaturkanons vor allem anhand der größtmöglichen Desillusionierung und anhand der Frage, ob man denn die Nazis mit Pest verursachenden Parasiten gleich setzen könne – als sei das nicht deren Metapher gewesen.

    Wir haben uns die Utopie der Freiheit genommen, „wir Linken“, deshalb können sie uns mit „Eigenverantwortung“ und „Sachzwang“ und „Sparen“ vergewaltigen.

  6. T. Albert Juli 16, 2012 um 9:44 am

    Ja, wovon dennn? Ich weiss gerade auch nicht. Man muss drüber nachdenken.
    Mir fällt ja auf, dass diese angeblich Gramscianischen Hegemonie-Diskurse 1. von den Rechten und Konservativen längst für sich instrumentalisiert werden; das ist nichts neues. Aber 2. hat die Linke oder wer sich dafür hält daraus ein chices „Kultur“-Lifestyle-Thema in auf eine gewisse Weise strukturierten Diskursen gemacht, ebenso aus Benjamin, der ja im deutschen Sprachraum viel mehr gelesen wird. Langsam ist die politische Harmlosigkeit dessen nicht mehr erträglich, aber in Gewissheit der fortdauernden Harmlosigkeit kann man dann auch Camus und Beckett entschärfen. Bei Camus fing das ja an, indem sie den als den Rechthabenden immer gegen Sartre setzten, um ihn zu vereinnahmen. Alle diese Idioten haben mal den Sisyphos im Gymi gelesen, und es hat sie ein bisschen rhetorisch geschaudert angesichts des Allgmeinen, eine reale Kreuzigung wurde ihnen dabei auch erspart von den Deutsch- und Franzlehrern, und jetzt ist das natürlich eine völlig unpolitische Angelegenheit.
    Alle diese Diskurse werden mir immer grauenvoller, weil sie ja wirklich alles auf Rechts wenden, um eine Art kapitalistischen „Existenzialismus“ draus zu stricken, der den Einzelnen und seine Freiheit gar nicht braucht. -Weiss auch nicht, wie ich das ausdrücken soll.
    Ich würde mich unheimlich freuen, wenn die Italiener und Franzosen wieder ihr grosses kommunistisches Potential als Parteien und Gewerkschaften aktivieren würden, bei all den Vorbehalten, die ich da immer hatte, aber Gegenmacht muss irgendwie wieder entstehen.

  7. momorulez Juli 16, 2012 um 10:17 am

    Die Gegenmacht muss auch woanders entstehen; sie verreckt halt immer dann, wenn die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten gegen die „darunter“ abgrenzen wollen, weil sie glauben sie hätten etwas zu verlieren, und das ist seit dem Mauerfall hierzulande total geworden.

    Die 60er und 70er waren nur deshalb anders, weil Studenten ihre Quellen mal woanders suchten als bei Goethe und bei Thomas Mann. Nun sind die lügenden VWLler Leitmotiv, und manche formulieren dazu noch die Ästhetik, siehe den anderen Thread … dieser immanente Formdünkel ist ja ein wenig so was wie das wirtschaftliche Gleichgewicht.

  8. WhiteHaven Juli 16, 2012 um 3:36 pm

    Tja, manchmal denke ich das Rainer, Anton, Fritz ihrer Zeit um 40-50 Jahre voraus waren…

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