Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Perspektive des Stieres

Angestochener Stier. Das Publikum jubelt den Knackärschen in queeren Klamotten zu, hübsche Waden im Torrero-Strumpf – posierend rammen sie Pfähle in das Tier.

Der Interpret des Geschehens sitzt mit der Dokumentarfilmerin inmitten der Zuschauer einer Stierkampf-Arena und sagt das Naheliegendste: Das solche Praktiken wie der Stierkampf eben anderswo einfach versteckter statt fänden. Und scheint, zunächst zumindest, eine klammheimliche Freude an dem sadistischen Spiel zu empfinden, da eine Menschenmasse applaudiert, wenn eine Kreatur gequält wird.

Ja, auch ich esse Fleisch. Und weiß, dass die Zustände in der Massentierhaltung auch Quälerei sind. Umgekehrt dient das nun doch noch der Ernährung und nicht dem johlenden Berauschen an der Qual zum Selbstzweck, die der Stieres-Ehre diene, angeblich, und zudem noch als Triumph über das Opfer gefeiert wird.

„Alles ist eine Frage der Perspektive“, sagt Thomas Bernhard an einer andere Stelle des Films. Dieser Autor ist es, der da sitzt inmitten der Fiesta-Teilnehmer …, dessen Haltung für so viele weiße Männer Vorbild zu sein scheint.

Der Monologisierende, der eher als Anlass denn als Gegenüber einen Zuhörer nutzt, ihn zutextet im Rausch der eigenen Brillianz – so wird die Technik Bernhards in seinen Romanen beschrieben, und ich vermute, dass er dem noch Kritik an dieser Haltung abgewinnt in seinen Werken. Ein Autoren-Subjekt, eingepfercht in die eigene Biographie, in Krankheit, ein Subjekt, das den Ausweg im Schmunzeln angesichts der Kunst und der Lächerlichkeit der Menschen sucht – lustvoll.

Ein literarischer Monolog, der in sich ausgefeilt mit Wiederholung und Übertreibung glänzt und heilige Kühe grantelnd schlachtet. Katholizismus, Staat, Kunstbetrieb. Der lieber beobachtet als teilnimmt und den Kommentar vor die Sinnlichkeit schiebt, „ironische Distanz“ bewahrt, um Wut, immerhin, in die Tirade zu überführen. Kein wirkliches Gegenüber, Narzißmus und die Stilisierung als Denker, der seine Gedanken ins Absurde steigert und natürlich vorsichtshalber gar nicht meint, was er da sagt.

Habe gestern eineinhalb Dokumentarfilme, die im wesentlichen aus Interviews mit Thomas Bernhard bestanden, gesehen. Geradezu zwanghaft geistreich inszenierte er sich und machte sich zugleich über seine eigene Inszenierung lustig – ja, ich weiß um die Nöte und Entbehrungen in der Biographie Bernhards.

Was ich mich nur die ganze Zeit fragte, ist, wieso eigentlich immer unter Berufung auf Werke wie jenem Bernhards, das ja durch und durch auch politisch ist, gegen Autoren wie Sartre oder Brecht gewettert wird. Letzterer wahrte eher noch mehr Distanz als Bernhard in seinen Tiraden – Sartre proklamierte eine „Literature Engagé“ und wird kurioserweise von Menschen des „Ideentheaters“ – zum Beispiel – gescholten.

Warum? Bei ihm Mittelpunkt stand immer die Figur, ja, selbst bei „Die schmutzigen Hände“ oder „Huis Clos“. Seine Monumentalwerke zu Flaubert und zu Genet waren eine Durchdringung von den Figuren, die er analysierte. Und die Story in „Chemin de la Liberté“ mag auch den Weg von der „Freiheit von“ zur „Freiheit zu“ in Worte fassen – die Figuren sind schon stark, besonders die Klemmschwester Daniel als Effekt einer homophoben Gesellschaft.

Doch Sartre verharrte nicht in jenen Räumen jenseits der Sinnlichkeit, verbleibt nicht im Referat. Schrub Seiten über die Freude der Gattin angesichts der Impotenz des Angetrauten und wie niedlich sie sein rosiges Würstchen fände. Passagen in das Sein und das Nichts beschreiben unübertrefflich Körperempfindungen – vom Tragen eines Hemdes, zum Beispiel .- und widmen sich dem Drama der Intersubjektivität. Was ja etwas anderes ist, als wie in Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ sich innerlich in Rage hinein zu steigern, während man andere beobachtet, um dann irgendwann auf sie los zu gehen.

In den Dokumentationen gestern – es waren 2, die „Mallorca-Monologe“ und „Die Herausforderung“, beide aus den frühen 80ern – stand Bernhard vor den Bildern der spanischen Königskinder, offenkundig „geistig Behinderte“, sehr berühmte Bilder, im Prado und sinnierte so ableistisch wie lakonisch über die „Idioten“. Um zu lamentieren, dass die Künstler ja nur als Höflinge der Macht gedient hätten und die Herrscher die wahren „Idioten“ gewesen seien.

Großartige Bilder, die – zumindest in meinen Augen – die gemalten Subjekte nicht denunzierten, ihre „Seele“ virtuos in Farbe überführten. Eines griff diese – ich benenne das extra wie im Falle von Fotografien – Unschärfen der Linsenprojektion der Camera Obskura feinsinnig auf, ein durchscheinendes Leuchten wohnte dem Bild inne wie auch in vielen Bildern Rembrandts. Das, was wie „nicht zuende gemalt“ wirkt, was auch bei tatsächlich unfertigen Bildern Tizians die vollendeten in manchen Fällen beinahe überstrahlt, entzog sich der Gewalt der Identifikation, des Festnagelns, das Abbilden so häufig antreibt – Bernhard war die Malweise keine Bemerkung wert, oder Kommentare diesbezüglich wurden nicht hinein geschnitten.

Mich irritierte das so, weil die Malweise nicht fern des Vokabular des Schrifstellers sein muss oder kann. Das Unerzählte, Weggelassene, nicht Auserzählte erzeugt oft die Faszination – und klar, Bernhard in seinen Monologen arbeitet mit dem Subtext der Persönlichkeit des Geifernden, vermute ich, und seiner misanthropischen, intendiert übertriebenen und ins Absurde gesteigerten Haltung zur Welt. Aber …

In einer anderen Passage fällt ihm, auf, dass er Beschreibungen so gut wie gar nicht in seinen Texten auftauchen lassen würde.

In die zweite Dokumentation waren Zitate eingestreut aus seinen Werken, die wie Äußerungen Bernhards selbst montiert waren, obwohl es meines Wissens Auszüge aus von Figuren geschwungenen Reden waren. Darüber, dass es nur noch Künstlichkeit, jedoch keine Natur gäbe, dass Katholiken denken lassen, ihren Kopf bei der Kirche abgäben. Ersteres habe ich bei Warhol lustiger gelesen, zweiteres ist wohl schon die Position Luthers.

Auch sonst war ich frappiert, gegen Bernhard so gar nix habend, eher gegen die Positionen derer, die ganz verzückt von seinem Witz Dritte denunzieren, dass in mehr als einer Stunde Interview gerade mal zwei wirklich interessante Gedanken darunter waren – dass man ab 40 den Altersnarren spielen solle, das war so einer. Und dass es schön sei, in fremden Ländern die Sprache nicht zu verstehen, weil man dann imaginieren könne, das die Leute sich ausschließlich über interessante Fragen unterhielten.

Ich kenne das Werk Bernhards wirklich viel zu wenig bis gar nicht. Ich äußere mich hier über zwei Dokus und die Art, wie einer wie Thomas Bernhard in deren Kontext inszeniert wurde und an welchen Stellen das handverlesene Publikum gestern anerkennend kichernd Gewitzheit zu erkennen glaubte. Während ich eher das Gefühl hatte, der redet da irgendwas, um sich nicht zu langweilen – was sinngemäß von ihm auch als Antrieb zu seiner Literatur er nannte.

Und doch ging mir bei der Stierkampfszene die Geduld zur Neige, und ich verließ das kleine, wundervolle Kino in der Brigittenstraße. Gar nicht, weil er mir nun unsympathisch geworden wäre.

Sondern, weil mir die Wirkung auf all die Ironisch-Distanzierten, die Festlegungen meiden und Kapital daraus schlagen, dass man nie weiß, ob sie ernst meinen, was sie meinen, so deutlich wurde. Und auch auf diese ganzen bornierten Möchtegern-Bernhards in den Feuilletons, die Sätze wie „Die Linken haben kein Humor!“ für geistreich halten und glauben, dass ein Niedermachen und zu Tode ironisieren mittels permanenter Suffisanz den Mann zum Manne mache.

Und die das gegen genau jene wenden, die, wie Bernhard selbst Marginalisierung und Leid erfahren haben. Die die Polenwitze von Harald Schmidt zum Brüllen komisch fanden und Fleischauer amüsant. Und die nicht verstehen, dass die Bernhardsche Methode des Tabubruchs sich gegen die Mächtigen richtete.

Ich war genervt von jenen, noch im Kino sitzend, die gegen Formen des Engagements in der Kunst Referate und Monologe ins Feld führen und dabei vergessen, sich auf andere Menschen statt  nur auf sich selbst und auch auf die Sinne statt nur auf die Distanz zu beziehen.

Ich hätte die Geschichte in der Arena lieber aus Perspektive des Stieres erfahren als aus der von Thomas Bernhard.

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20 Antworten zu “Die Perspektive des Stieres

  1. T. Albert Juli 11, 2012 um 4:30 pm

    Das tat jetzt gut. Ich traue mich ja mein halbes Leben schon nicht, zu sagen, dass ich dem Bernhard nichts abgewinnen kann; alle mir befreundeten B.-Fans nutzten den auch, um sich irgendwann endgültig als rechte Säcke zu outen, um sich gut zu fühlen beim Grinsen über ihre eigenen schlechten Witze über andere Leute. Midland in Stilfs und Die Perserim konnte ich lesen, alles andere ging nicht, lag aber auch daran wahrsch., dass ich gleichzeitig damals H. Müller zu lesen begann und der ist für mich wirklich eine andere Nummer als dieser eigentliche Spökenkieker B. und seine Spiesserfreunde.

  2. momorulez Juli 11, 2012 um 4:42 pm

    „um sich gut zu fühlen beim Grinsen über ihre eigenen schlechten Witze über andere Leute.“

    Ja, eben. Ich bin auch bei jedem Versuch immer nur stecken geblieben, musste nun aber gestern einfach mal gucken gehen. Und ich will jetzt auch gar nicht über dessen mit Sicherheit brilliante Sprach-Technik mich äußern, wie auch, wenn man immer stecken bleibt – aber der Rezeptionsstrang zu den rechten Säcken hat mich geradezu angesprungen. Ich glaube auch nicht, dass man Bernhard selbst das ankreiden kann, der hat halt das beste aus dem gemacht, was man ihm angedeihen ließ, hat auch immer wieder gezielt die Interviewerin eingeschüchtert, weil er das wohl lernen musste. Aber die ganze Rezeption und wie sie gegen Andere gewandt wird, aaaaargh, das sind halt schlechte Imitationen.

  3. T. Albert Juli 11, 2012 um 5:45 pm

    Irgendwann war ich ja der Meinung, nachdem mir all die Nazisöhne und -Enkel wie ich ja auch einer bin, so vorgeschwärmt hatten, wobei immer „NAPOLA“ fiel, das beeindruckt irgendwie immer, wenn einer auf sonem Nazizuchtinternat war, also, irgendwann dachte ich, der gehört zu unserer deutsch-österreichischen Entschuldungsstrategie, wie I. Bachmann auch. je schlechtere Laune die zeigten, wie B. eben, um so mehr litten sie, um so mehr hatten sie Recht, oder umgekehrt, was weiss ich. War auch immer ein Garant dafür, dass wir doch der Hochkultur angehören, obwohl sie alle Lou Reed und R:E:M: und so hörten. Puh, ich höre hier gerade Curtis Mayfield, aber ich gehöre auch nicht zur Hochkultur.

  4. dangerousbeans Juli 11, 2012 um 7:11 pm

    Ich bitte euch ganz inständig: Beurteilt Bernhard nicht nach seinen grauenhaften Fans. Wie bei vielen anderen gilt auch hier: Nichts Schlimmeres als die Jünger. Und ja: Die Rezeption ist furchtbar und auch bei Bernhard selbst lässt sich viel Befremdliches finden. Als Verteidigung fallen mir jetzt auf die Schnelle auch nur die Jugenderinnerungen ein, die ich aber mit allem Nachdruck empfehlen kann. Besonders: Die Ursache – Eine Andeutung. Ich glaube, eindringlicher und brutaler hat (zumindest für mich) niemand über Disziplin, Zurichtung und Suizid geschrieben. In anderen Texten mag viel Verachtung zu finden sein, das gebe ich gerne zu. Aber es gibt eben auch noch die andere Seite; mit enorm viel Feingefühl für das konkrete Leiden der längst Abgeschriebenen.

  5. momorulez Juli 11, 2012 um 7:34 pm

    @T. Albert:

    Da ist was dran. Zudem ich gerade gestern im Zuge eines Förderantrages eine Auswahl meines Lebenswerkes auf Papier zusammen zu stellen hatte, mir das so anguckte und das völlig anders wirkt, als ich das empfunden habe, als ich es produzierte – weil für mich eben immer die Herangehensweise über Gesellschaft und Geschichte auf Pop zu das Maßgebliche war und wir uns irgendwann auch Hochkulturthemen auf diese Art annahmen. Und bei der Aufbereitung letzterer war, obwohl immer Kanon, doch verblüffend, wie weniges mir davon dann wirklich inspirierend erschien. Und fast nix aus dem deutschen Sprachraum. Das waren immer eher Camus, Sartre, Tschechow, Sachen wie Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Wolf“, auch Tenessee Williams – tatsächlich auch Eco, oder Manuel Puig, „Der Kuss der Spinnenfrau“ ist wohl das wichtigste Buch in meinem Leben. Und was da gestern vom Werke Bernhards aufschien, das habe ich mir lieber gleich bei Philosophen geholt. Und eben der angloamerikanische Kanon, Wildes „Bildnis des Dorian Gray“, Shakespeare, Ginsberghs Howl und so. Benn ist einer, mit dem ich dann auch was anfangen kann. Und saß dann auch auf einmal ganz eingeschüchtert vor Bernhard und fragte mich kurz „Bin ich würdig, bei dem Trash, den ich in die Welt setze, überhaupt Förderung zu beantragen?“, weil ich da auch ein neues Feld betrete. Und nachdem ich noch mal ein wenig rum gegoogelt habe legte sich der Effekt wieder 😉 …

    Das Obskure ist ja, dass Bernhards Wirkungsfeld die Popliteratur war. Das sind doch Typen wie Stuckrad-Barre, die von dem schwärmen, und alle, die ich aus Pop-Kontexten kenne, zerren den heran – während Tocotronic schlau genug sind, sich Lovecrafts „Necronomicon“ zurecht zu legen. Der zwar ein übler Rassist war, aber trotzdem ungemein prägend und im US-Kontext vieles geradezu konstituierte – und es war nicht sein Rassismus, der da wirkte, glaube ich zumindest. Was ja wieder auch die Amis besser schnallen, Michael Chabon schreibt dann halt über Comic-Zeichner, und Bret Easton Ellis will schreiben wie, na, wer wohl, Stephen King. Der in Autorenforen tatsächlich die häufigste Referenz ist, weil er als einziger die Traute hatte, gegen das „Plotten“ anzuschreiben. Den Schreibprozess nicht als irgendein Konstruktionsgeschehen mit Kalkül, sondern als das Freilegen eines Fossils, als Entdeckungsreise und Erfahrung begreift.

    Die Bernhard-Schwärmer sind oft solche, die sich durchaus affirmativ auf Pop beziehen, aber halt auf Oasis und nicht auf Curtis Mayfield, auf Hornby und nicht auf Stephen King. Um die Distinktion im Pop selbst nachzuvollziehen, was mir, je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto obskurer vorkam.

    Dieses ganze dylanisierte Musikhören, dass dann alles, was schwarz, schwul und campy ist, ausklammert, das ist ja auch so ein Dauerthema von mir. Da haut das schon hin, was Du schreibst.

    Habe neulich mal wieder einen Fassbinder-Film gesehen, die Douglas-Sirk-Linie ist ja auch nicht fort geschrieben worden. Das macht dann wieder Todd Haynes, während sie hier den Tatort für niveauvoll halten, weil der Volkshochschulpädagogik verbreitet. In den USA feiert man stattdessen neben dem Hollywood-Pomp die Outlaws 😉 …

    Was eben weder Sartre noch Brecht waren, Volkshochschulpädagogen. Hauptsache, alles, was links war, fliegt aus dem Kanon.als Unkunst. Und dann wird im vermeintlich apolitischen Raum der „l’art pour l’art“ die rechte Restauration betrieben.

    Superfly!!!

  6. momorulez Juli 11, 2012 um 7:44 pm

    @dangerousbeans:

    Ich habe ja versucht, das immer zumindest mit anzudeuten. Dass da auch viel Trauma in der Haltung wohnt, darüber hat er ja auch geredet, vor allem allerdings über seine Krankheit. Ich finde es nur aus selbst vielleicht biographischen Gründen mittlerweile schrecklich, wenn Leute über das, was ihnen Angst macht und sie leiden lässt, ständig rumwitzeln, was ja auch eine gesellschaftliche Nötigung ist. Gerade bei Traumatisierten und Marginalisierten freut sich das Mainstream-Publikum weg, wenn es auf „Selbstironie“ setzt, und wird hochgradig aggressiv, wenn sie von Verletzungen und Schmerz reden und schreiben. Es sei denn, es sind weiße Frauen, die von Russen vergewaltigt wurden, oder massakrierte und unterdrückte Muslima. Das liest sich jetzt zynischer, als es gemeint ist, ich meine nur die Rezeption und nicht die betroffenen Frauen.

    Es ist aber eben trotzdem so, dass der Monolog als Stilmittel, der des Literaten, Literatur nicht nur förderlich ist, weil da eine bestimmte patriachale und auch weiße Haltung sich restabilisiert. Hör Dir mal Gospel dagegen an, das ist dialogisch – die ganzen Formen der mündlichen Überlieferung, auch das Geschichten erzählen, ist dialogisch.

    Umgekehrt ist mir schon klar, dass eine solche, mir fällt das Wort nicht ein, fast im Vakuum agierende Form des Schreibens und Dozierens auch schlicht Resultat von eben solchen Zurichtungen ist. Vielleicht ist dann bei der Autobiographie auch wirklich der Monolog noch mal was anderes.

  7. momorulez Juli 11, 2012 um 8:17 pm

    PS: Vielleicht müsste ich „Wittgensteins Neffe“ lesen, das scheint ja ein wenig die Antwort auf das von mit hier Behauptete zu sein. Und vielleicht unterschätze ich auch das Sujet steter Todesnähe seit dem 16. Lebensjahr.

    Wenn ich mir hingegen und trotzdem die Zusammenfassung des „Kant“-Stückes bei Wikipedia durchlese, ja, ist nur Wikipedia – das würde ich weder lesen noch sehen wollen, glaube ich.

  8. Bersarin Juli 15, 2012 um 11:51 pm

    Zum Stierkampf sowie der Ernährung durch Fleisch: Massentierhaltung dient nicht der Ernährung, sondern ist schlichte Folter an Tieren. Fleisch zu essen, daß nicht aus einer guten Tierhaltung stammt, paart sich mit Grausamkeit. Und was die nötige Nahrungsaufnahme betrifft: Fleisch gehört nicht notwendig dazu , das geht auch vegetarisch. Der Stier einer Corrida hat – im Gegensatz zum Fleisch im Supermarkt – lange Zeit seines Stierlebens eine Weide gesehen, den nötigen Auslauf gehabt. Hätte er das nicht, bräche er in der Arena im Laufen und im Gehetztwerden nach fünf Sekunden zusammen, weil das Tier aus der Massentierhaltung auf den schnellen Fleischaufbau getrimmt ist.

    Was Du zu dieser Bernhard-Szene schreibst, ist eine Fehldeutung, weil Du den bösen Blick Bernhards als Affirmation verkennst. Und damit fällst Du und fällt auch T. Albert genauso in die Falle wie jener unsäglich-verquatschte Stuckrad-Barre. Bernhard läßt sich in gar keine Richtung vereinnahmen.

    Bernhard gegen seine Liebhaber verteidigt: Es geht nicht um Bernhard-Schwärmerei, sondern um den Text, um die vielfältige Epik, das Drama und die Lyrik Bernhards. Das läßt sich überhauptn nicht auf irgend einen Punkt bringen. Und Bernhard ist in etwa so sehr rechts oder links wie Kafka oder Handke – ebenfalls zwei österreichische Schriftsteller. In der Literatur gibt es kein rechts, kein links, keinen Agitprop und keinen Bitterfelder Weg, sondern gelungene, weniger gelungene und mittelmäßige Werke.

    Stuckrad-Barre ist wohl kaum der Maßstab für Literatur samt deren Kritik. Hoffen wir mal, daß Stuckrad-Barre irgendwann Sartre oder abstrakte Malerei gut findet.

    Und es geht eine Kritik, die ihr Maß an der Sache haben sollte, fehl, wenn sie Kunst nach politischen Maßgaben oder gefühlten Regungen beurteilt. Nur weil Schwachmaten und Fehldeuter Nietzsche in den Himmel lobten oder daraus eine Rechtfertigung für ihre brutalen Maßnahmen, die in der Vernichtung terminierten, herleiteten, ist der Text Nietzsches nicht im ganzen in die Tonne zu treten. Nur weil der CIA im Westen die abstrakte Malerei förderte, ist diese nicht im ganzen zu verwerfen,weil sie als Ideologie gegen einen kritischen Realismus ins Feld geführt werden sollte. Weil Marx von Stalin gelesen wurde, scheint mir der Text von Marx trotzdem nicht gar so falsch und veraltet zu sein.

    „Der Theatermacher“ und „Macht der Gewohnheit“ sind Stücke, die vom Zwang, vom Zwangscharakter handeln, darin übrigens Beckett sehr ähnlich. Es zeigt sich in diesen Texten, wie in vielen Stücken und in der Prosa Bernhards eine monologisch-monadologische Struktur des Denkens. Ein Raum des Solipsismus, der sich mit einer Sprache paart, die aufgrund des Rhythmus samt den Klang und Wiederholungsmomenten ins Musikalische gleitet.

    Die Darstellung einer Struktur bedeutet nicht die Affirmation derselben. Ganz im Gegenteil. Der Gospel ist in etwa so dialogisch wie diese Gesellschaft dialogisch ist. DerDialog im Gospel ist vorgegeben und ein religiöses Ritual.

    Warum eigentlich wird Literatur beständig an den subjektiven Regungen gemessen? Das Wesen von Kunst ist Distanz durch Nähe. Weil Kafka kalt die Strafkolonie schrieb, wäre es wohl schlechterdings ein Blödsinn, seinen Text als Plädoyer für Grausamkeit zu nehmen oder schlimmer noch: ihn als Folterer zu bezeichnen. Was wird solches?: Die Melusine-Barabarisierung der Literatur?

    Was Bernhards Interviews aus Spanien (Mallorca) betrifft: die sind ziemlich genial-provokant. Mögen darauf nun die Falsche oder die Richtigen rekurrieren und anspringen. Diese Bezugnahmen geben doch kaum den Maßstab dafür ab, Bernhards Text zu beurteilen. Und was spricht gegen die Verachtung?: sei das nun Godard, H. Müllers Monolog der Elektra in „Die Hamletmaschine“ oder Fernando Arabal: Viva la muerte!

    Aufgrund dieses Bernhard-Verrisses sehe ich mich fast schon genötigt, nach meinem Urlaub auf meinem Blog ein paar erhellende Zeilen zur Literatur Bernhards zu schreiben.

    „Das Obskure ist ja, dass Bernhards Wirkungsfeld die Popliteratur war.“ Bernhard hat mit Popliteratur in etwa soviel zu tun wie Heidegger mit Antifaschismus.

    Die schönste Heideggerbeschimpfung findet sich übrigens in „Alte Meister“. Dort auch: das Verhältnis von Liebe zu einem Menschen, der starb, und der Liebe zur Kunst.

    Ehrlich gesprochen: die ganze Literatur- und Kunstscheiße, die ich heute lese, ist ein Rotz gegen Thomas Bernhard. Nein: Bernhard betreibt keine Selbstfindungsonanie, sondern er geht in Distanz und macht das, was Schriftstellerinnen und Schriftsteller primär tun sollten: Schreiben: in Bernhards Falle: Schreiben im Staccato. Verwiesen sei hier auf seine Erzählung „Gehen“, die in den ersten Sätzen bereits diesen rastlosen Vorgang – die ergangenen Gedanken sind die besten, wie schon Nietzsche schrieb – in schwindelige Höhen treibt.

  9. momorulez Juli 16, 2012 um 12:20 am

    Ich schreibe da morgen noch mehr dazu; angesichts dessen, dass Du Dir ja stets eine geradezu ins Übermenschliche transzendierte Objektivität in der Lektüre von Texten zugestehst, was ich dann immer eher als Ausdruck subjektiver Befindlichkeiten lese, ist es es immerhin erstaunlich, wie eingeschränkt Deine Bereitschaft zur Lektüre ist. Dass ich Bernhards Werk nur sehr eingeschränkt beurteilen kann, habe ich nun mehrfach betont; es kann insofern auch keinen Verriss darstellen, was ich oben geschrieben habe. Allenfalls der Rezeption von Aufführungen wie diesen Mallorca-Monologen, die ja insofern schrecklich sind, dass sie eben den Schmidts und Stuckrad-Barres die Vorlage lieferten. Ansonsten könnte man die getrost vergessen.

    Aber bei den Kampagnen, Hartz IV-Haushalte darüber aufzuklären, dass sie Bio-Fleisch essen sollten, wirst Du Mitstreiter am Prenzlauer Berg ebenso finden wie bei Deiner Vorstellung von Gospel. Besser lässt sich „White Supremacy“ nicht vorführen, als Du es hier gerade tust. Und genau das sabottiert dann auch den Rest dessen, was Du schreibst.

    Ich hab mich dann ja selbst gefragt, ob ich mehr von so Leuten wie dem Bernhard lesen müsse – um eben doch wieder fest zu stellen, dass man,wenn man in Fragen der Ästhetik mit reden und Sinnvolles von sich geben möchte, Leute wie Kafka oder Bernhard getrost ignorieren kann und Beckett eher im Sinne seines Selbstverständnisses lesen sollte.

    Mit anderen Worten: Du liegst in annähernd allen Fragen der Ästhetik völlig falsch und bist in der Hinsicht einfach ein Symptom für das, was gesellschaftlich schief läuft.

  10. T. Albert Juli 16, 2012 um 9:57 am

    Es geht nicht um einen Bitterfelder Weg.
    Das ist hier völlig unverständlich.
    Wie das Ästhetische und das Politische allerdings so völlig getrennt voneinander betrachtet werden können, ist mir auch unverständlich.
    Wenn jemand nach Allem und vor allem, das politisch vor uns liegt, daran arbeitet, das Kunstwerk unbenutzbar zu machen, dann hat auch das konstituierenden Einfluss auf auf „die Form“ (, die es nicht gibt, es sei denn als Suche, es sei denn als Setzung, und die ist politische Behauptung).

  11. momorulez Juli 16, 2012 um 10:28 am

    Zudem es ein Aberwitz ist, angesichts von Breker und Speer und des RTL-Nachmittagsprogramms, die Redakteure sitzen dann ja auch Hallmackenreuther und diskutieren Thomas Bernhard, unpolitische Ästhetik zu behaupten. Greenberg hat sich noch am sozialistischen Realismus unter Stalin in einem ja durchaus politischen Sinne abgearbeitet – diese Perspektive ist im Zuge der Restauration der 80er dann aber zugunsten von unsinnigen Totalisierungen verschwunden und eine der Theologie analoge VWL der Form erwachsen, die noch „Heldenplatz“ als brechtschen Pfurz behaupten würde. Das ist ja die Groteske, wie noch die, die ganz anders an ihre Kunst gingen, vereinnahmt werden gegen den Gehalt ihres Werkes. Schon Beckett hat sich doch Unseld gegenüber über die Deutung Adornos einfach nur lustig gemacht. Nun schätze ich Adorno sehr, weil der noch versucht hat, Klassismus, Sexismus und Rassismus zumindest, den schwulen Golo Mann hingegendenunzierte er, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu brechen und zu unterlaufen und nicht einfach nurBeton anzurühren.

  12. momorulez Juli 16, 2012 um 10:45 am

    Hier läuft gerade „Gracias a la Vida“, Joan Baez und Mercedes Sosa im Duett 😀 – ich liebe es. Aber Bersarin wird uns vermutlich einen Vortrag halten, das „Bella Ciao“ und „Donna, Donna ..“ doch nur Kitsch seien. Das ist reines Klasseninteresse, das sich in einer solchen Haltung reproduziert, und auch das unterscheidet Bernhard von seinen Fans, übrigens, über die er sich ja auch ausgiebig lustig gemacht hat. Mir tun die im Grunde genommen leid, weil das einfach ein Scheißleben ist, das man führt mit so einer ego- betonten Haltung. Gracias a la Vida!

  13. momorulez Juli 16, 2012 um 12:41 pm

    Und, noch einer:

    „Weil Kafka kalt die Strafkolonie schrieb, wäre es wohl schlechterdings ein Blödsinn, seinen Text als Plädoyer für Grausamkeit zu nehmen oder schlimmer noch: ihn als Folterer zu bezeichnen.“

    Was sollen eigentlich immer diese Binsen? Wenn solche Selbstverständlichkeiten nun der Gipfel der Ästhetischen Theorie sein sollen … das ist die übliche Masche, auf einen Popanz einzudreschen.

    Der Gospel ist in etwa so dialogisch wie diese Gesellschaft dialogisch ist. DerDialog im Gospel ist vorgegeben und ein religiöses Ritual.

    Das sind immer die Sätze, aus denen einen der der „Hoochkultur“ inne wohnende Rassismus geradezu anspringt. Zunächst mal waren die Kirchen einer der wenigen Orte, wo schwarze Sklaven überhaupt miteinander kommunizieren durften – und die Wechselgesänge, die ja Obama noch zitiert, sind natürlich dialogsch. Nur dass Du über diese Geschichte nichts WEIßT, zeigt einfach nur, wie durch und durch verblödet der europäische Kanon ist, der sich auf „Distanz“ als Herrschaftsinstrument auch noch wer weiß was einbildet. Gospel war auch emanzipatorisch ausgerichtet, im Konzert der Weißen mitspielen wollen – und die „Exodus“-Geschichte war in der Rezeption der Bibel zentral, „Let my people go“. Da scheint Kunst als SOZIALE PRAXIS auf, als ein SOLIDARISCHES MITEINANDER und nicht der Blick des distanzierten Insektensammlers, der sich die aufgespießten Viecher hinter Glas anguckt. Ernst Jünger.

    Wie ein Joseph Beuys ja wusste. Das ist schon völliger Schwachsinn, das Setting des Theaters nicht als soziale Praxis zu denken, und weil God a DJ ist, wurde gerade im Dance immer die Auflösung dieses Getues bewirkt. Das Klatschen des Gospel-Chores hat das Vorbereiten geholfen, und auch im Blues hörst Du Gesänge der arbeitenden Bevölkerung.

    Nicht umsonst waren viele der Großen, Tschechow, Faulkner, ja solche, die in diesen Bezügen, auf Postämtern oder als Lohnschreiber für humoristische Zeitschriften, zu dem wurden, was sie sind, und auch Bernhard hat ja nicht diesen großbürgerlichen Hintergrund.

  14. T. Albert Juli 16, 2012 um 4:16 pm

    Naja, CIA und Abstraktion – das ist nun eine Marginalie, die historisch natürlich nicht so ein schlechtes Licht auf die abstrakte Kunst, der es um individuelle Freiheit, auch politische, nämlich in der Thematisierung der Wahrnehmung des Einzelnen, siehe Pollock, Newman, New York sSchool und die entsprechenden Europäer, wie der in Totalität umformende Gebrauch der repräsentativen Traditionen durch Nazis und Stalinisten, unterstützt von Künstlern, die das geil fanden, den Massenmord zu ästhetisieren. Wahrscheinlich hätte in dem Moment sogar ich als Ungegenständlicher mit der CIA zusammengearbeitet. Es sind Künstler auch in US-Uniform nach Deutschland zurückgekehrt. Es gab in der Schweiz Ungegenständliche, die aus dem Reich Leute rausgeholt haben, nur mal zur Einordnung.
    Es ist ja kein Wunder, dass immer dann, wenn die Verhältnisse autoritär werden, wie jetzt, abstrakte Kunst systematisch verdrängt wird. Auch gegen Linke bleibt sie links.

  15. T. Albert Juli 16, 2012 um 4:28 pm

    @momorulez
    Gott, dieser Zeit-Artikel: ja, so habe ich das als Uni-Lehrer erlebt. Nicht anders.
    Ich habe sozusagen die Kommentare, die der Autorin mit ihrem rassistischen Dreck Recht geben, täglich erlebt. Natürlich wird unter deutschen Uni-Leuten, wenn ich sie auf Parties treffe, so geredet.
    Es ist widerlich.

  16. momorulez Juli 16, 2012 um 4:38 pm

    Ich habe mir das mit der „Autonomie der Kunst“, die auch ein Autonomwerden von Farbe, Form etc. jenseits der Logik des Abbildes ist, auch immer in diesem Raum, den Du nun nennst, erschlossen – Greenberg stellt in „Kitsch und Avantgarde“ diesen Zusammenhang ja auch explizit her. Das ist dann aber immer auch explizit utopischer Raum, der das, was ist, verflüssigt und transzendiert, und somit so gar nix Unpolitisches. Ich glaube auch gar nicht, dass das geht, weil man zwar im Werk sozusagen gegen die Insekten-hinter-Glas-Sammler agieren kann, aber das ja immer noch als Künstler, der in einem System von Galerien, Museen und Kritikern unterwegs ist, von Kunsthistorikern und anderen akademischen Zirkeln, von Sammlern und Mäzenen – das bleibt dem Werk doch auch nicht völlig äußerlich. Und Du siehst nun mal im Werk von Pollock den BeBop, den er hörte, diese ganze Hipster-Attitude, die Norman Mailer beschrieben hat – und eben auch die Ambivalenz dieses Phänomens der Aneignung. Nicht umsonst nannten sich ja mal welche „Les Fauves“. Gerade WEIL man so tief in den sozialen Konstellationen steckt, ist das sich der Gegenständlichkeit und dem identifizierenden Denken Entziehende ja angestrebt, die reine Immanenz ist da als Betrachtungsweise einfach nur reduktonistisch.

    Was mich ja auch immer wundert, dass jemanden wie Kippenberger alle im Munde führen, aber völlig konträr zu dessen Herangehensweise. Über einen Titel wie „The Happy End of Kafkas America“ könnte ich mich ebenso weg schmeißen wie über die mit Drähten verbundenen Harzer Roller 😀 – das war ja wirklich noch lustig und erhellend, anders als diese distanziert-ironischen Kopien späterer Tage. Und es hat eben nicht verklebt mit falscher Thesenhaftigkeit, sondern erst mal wieder ein Feld geschaffen, auf dem agiert werden konnte.

    Und klar, das hat sich gegen das Expressive der „Neuen Wilden“ positioniert, aber da nun aktuell die zu finden, an denen man sich abarbeiten müsste, das sehe ich nicht.

    Kunstgeschichte ist doch auch ein Pool, der unter anderen Aktualitätsbedingungen immer neue Aneignungen ermöglicht, und vielleicht ist an Cézanne oder Van Gogh heute was ganz anderes interessant als 1955. Das, was Kunstwerke spannend macht, ist doch ihre Offenheit zu neuen Bezügen, und nicht die Versiegelung durch Interpretation oder Vollendung eines Formgesetzes.

    Und bei Musik oder Theater die Empfindung raus zu werfen, das ist geradezu absurd. Gerade die ewigen Shakespeare-Stoffe sind eben Kunst für Rampensäue, die die einen Saal in Wallung bringen können, und das ist doch sensationell bis heute. Und das konnte Bernhards Skandalkalkül, die ganze Auseinandersetzung mit Katholizismus und Nationalsozialismus, doch auch. Weiß gar nicht, wie man das unpolitisch hören oder lesen oder sehen können will.

  17. momorulez Juli 16, 2012 um 4:42 pm

    @T. Albert:

    Ich finde das auch super beeindruckend, wie Kübra das auf den Punkt bringt. Und ja, es ist so. Und ja, EXAKT DAS zeigt sich auch in Herangehensweisen an Kunstwerke.

    Passt auch zum Thema Abstraktion, die ganze islamische, bildende Kunst als Nicht-.Gegenständliche, Ornamentale, in Mosaiken Lebende halt, Matisse hat sich das ja auch irgendwo geholt.

    Das geht auch gar nicht anders, und dann macht man es doch lieber zum Sujet, als nun Reden zu schwingen, es gäbe keine linke oder rechte Kunst.

  18. T. Albert Juli 16, 2012 um 7:33 pm

    @Bersarin:“Und damit fällst Du und fällt auch T. Albert genauso in die Falle wie jener unsäglich-verquatschte Stuckrad-Barre.“
    Nee. Ich habe lediglich von mir festgestellt, dass ich mit Bernhard nicht so viel anfangen kann.
    Das ist erlaubt, denke ich.
    Zweitens habe ich von Lesern gesprochen, die ich kenne und die mit Bernhard ihr Rechts-Sein ästhetisch begründen. Die tun das halt und benutzen Bernhard und seine Verachtung zur Selbstbestätigung in ihrer Attitude des Spiessers als Herrenmensch. Mit Stalin und Marx hat das nichts zu tun. Es ist übrigens immer nur der Spiesser der Herrenmensch. Da kann man gegen „Verachtung“ durchaus was haben. Es kommt ja auch drauf an, wen man so verachtet und warum.
    Ästhetisch begründete Verachtung ist ein rechtes Schema der Selbstvergewisserung, was anderes als den Massenmörder und seine Schergen zu verachten.

  19. momorulez Juli 17, 2012 um 9:56 am

    Genau das ist doch der Grund, warum es einfach Sinn macht, sich mit fernöstlichen Übungen wie dem, was auf dem Eso-Markt „Achtsamkeit“ heißt, allerdings eine uralte hinduistisch-buddhistische Nummer ist, sich mal zu beschäftigen. Das ist nämlich eine wertfreie Haltung reinen Beobachtens, die zugleich Emphatie statt Verachtung ermöglicht. Im Grunde genommen ist das auch Sujet bei Sartre und Merleau-Ponty, das präreflexive In-Situation-Sein. Und das ist die Haltung, in die man automatische gerät, wenn man nicht mit dem Rechenschieber, sondern künstlerisch arbeitet, und das hat viel mit Adornos Mimesis-Konzeption zu tun. Das ganze Wissen, gesellschaftliche Prägungen usw. fließen eh ein, aber die Haltung zum Gegenstand und zu Personen ist eine prinzipiell offene – wie jeder weiß, der schreibt und sich über die Figuren wundert, die dabei entstehen, und das ist auch Kafka nicht anders gegangen, der ja im Grunde genommen oft einfach das Plot-Schema kommentiert hat bzw. dessen Zusammenbrechen (man will etwas unbedingt, kommt aber nicht an, weil die Welt immer undurchschaubarer wird), der Widerstand, auf den der Protagonist trifft, geht nicht fort, bis dieser stirbt, die Erfahrungen schreiben sich ein in den Körper, und dadurch verwandelt sich der Protagonist – und hat z.B. bei „Die Verwandlung“ auch nichts anderes gemacht hat als eine „Was wäre wenn?“-Geschichte durchzuspielen. Macht Stephen King auch so.

    Und dann geht es natürlich an die sprachlichen Formen, die selbstreferentiell-reflexiv sein können, oder aber mit Weltbezug, und während die selbstreferentiell-reflexiven Formen irgendwann ins Leere laufen und suggerieren, Kunst sei an einem Endpunkt angekommen, sind die welthaltigen im Modus der Achtsamkeit einfach die bessere Literatur. Weil sie eben nicht verachten. Was übrigens kein Plädoyer für gegenständliche Malerei ist, aber selbst Newmans Auseinandersetzungen mit dem Erhabenen und der Ausruf „Be!“ ist ja nix, was nicht in weltlichen Bezügen stünde.

    Die finale Form entsteht dann eher in der Überarbeitung, beim Schreiben wie beim Malen wie auch beim Filmen übrigens, die Postproduktion halt. Auch das Intermediale mag ja zu Tode gehyptet sein, aber der Einfluss der filmischen Techniken auf die Produktion von Literatur kann ja gar nicht unterschätzt werden und erklärt auch den Einfluss, den ein Dos Passos hatte. Während ja bei dieser ganzen Kanonisierung, die sich bei Theoretikern wie Bersarin findet, noch nicht mal mehr Joyce oder Virginia Wolf auftauchen. Und zum Beispiel die Autoren der Harlem Renaissance kennen wir doch alle nicht.

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