Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Langsam wird es ein Zyklus: Über Klugscheißer, die NSU und was nur scheinbar ganz anderes

Abends liege ich oft auf dem Sofa, das iPad in der Hand, recherchiere, lese – gestern war ich zum Beispiel mit Kerstin Gier beschäftigt und ihrem Buch „Für jede Lösung ein Problem.“

Nicht, weil ich das für große Literatur hielte; ich denke nur auch weiterhin, dass populäre Kultur ja Indikator ist für soziale Prozesse und Haltungen von Menschen, die das massenhaft kaufen und lesen. Und dass es deswegen gar nicht schaden kann, da auf dem Laufenden zu sein.

Das Buch erzählt unverstellt, direkt und, na, ganz auf humorig gestrickt – eine sich als Versagerin im zwischenmenschlichen Bereich fühlende Autorin (bzw. eine, der das immer unterstellt wird)  von Groschenromanen beschließt, Selbstmord zu begehen. Daraufhin verschickt sie an alle, mit denen sie zu tun hat, Abschiedsbriefe, in denen sie nun endlich mal Tacheles redet – der Selbstmord geht schief, die Briefe jedoch sind verschickt, und es trennt sich die „Spreu vom Weizen“  in ihrem Beziehungsgeflecht.

Kerstin Gier arbeitet viel mit Karrikaturen statt mit Figuren und nimmt das Thema Suizid nicht ernst; trotzdem, es „menschelt“, die Probleme ihrer Hauptfigur – der einzige Single unter lauter Eltern, die „Übriggebliebene“, die das von ihrer Mutter ständig unter die Nase gerieben bekommt, dass sie „keinen abbekommt“ die, die „trotz guter Anlagen aus ihrem Aussehen nichts macht“, die, die glaubt, alle seien glücklich, nur sie nicht – wohl solche sind, die eben viele Frauen als die ihren sehen würden, vermute ich, und es steht mir nicht zu, mich darüber zu erheben, finde ich. Man wird sehr viele Ansätze feministischer Kritik daran entwickeln können (alleine schon am gesichtslosen Cover), ich lasse mich da auch gerne rüffeln, wobei ich die Einfühlung in die weibliche Hauptfigur und deren Perspektive auf männliche Ignoranz gar nicht so schlecht finde – nicht sprachlich, da ist das launig und verständlich ohne jeden doppelten Boden auserzählt und routiniert geschrieben. Es wird aber mit dem Medium einfach so berichtet, mit Gags durchsetzt, der Einsatz von Sprache als solcher wird nicht reflektiert – bis auf einen Ausnahme, dazu später.

Habe das eigentlich nur gelesen, um zu wissen, was sich gerade gut verkauft. Die Amazon-Rezensenten schilderten fast durchgängig, wie gut sie sich amüsiert hätten, ein bißchen die deutsche Bridget Jones. Eben solide Unterhaltung für breite Massen, was auch etwas ist, was man erstmal können muss. Da die Hauptfigur Groschenromanautorin ist, die vom Romantik-Genre auf Vampirromane umsteigen soll, kann man noch nicht mal behaupten, dass da einfach nur ein „Opfer“ dargestellt würde – eine Frau, die hart um ihren Unterhalt kämpfen muss. Ökonomische Umbrüche in einem Verlag, der von der Konkurrenz gekauft wird, skizziert Frau Gier auch, durch Einsprengsel von Groschenromansprache, abgehoben vom Rest, reflektiert sie an diesem Punkt doch die Sprache selbst, durchaus lustig zu lesen. Falls es mir gerade passiert, dass sich nun auch ein überheblicher Tonfall einschleicht, tut mir das leid, dann muss ich noch üben. Ich habe hehren Respekt vor solchen Sprach- und Unterhaltungshandwerkern, sehe aber schon noch eine Differenz zu Ingeborg Bachmann oder Simone de Beauvoir. Die Groschenromanschreiberin spiegelt freilich genau solche Perspektiven auf Kerstin Gier, die Dennis Scheck eben vermutlich nicht besprechen oder an seinem Laufband in den Müll schmeißen würde.

Und da ich immer nicht anders kann, als alles mit allem in meinem Kopf zu verbinden, fragte ich mich, ob folgende Polizistin wohl Kerstin Gier liest:

„Schon wirklich interessant, wie Menschen, die sich auf ein unglaublich hohes Ross setzen, so dummerhaft daher schreiben können. Aber Sie haben völlig recht, als Polizist sitzt man die ganze Zeit herum, langweilt sich oder plant die nächste Gelegenheit entweder Rechtsextremiaten den Weg durch Hamburg zu prügeln oder St. Pauli Fan zu verprügeln. Manchmal frage ich mich, warum ich einen Eid geschworen habe, Menschen wie diesen Klugsch…ern als Polizistin zu helfen. Gut ist nur, dass die meisten Bürger nicht so verblendet und bösartig sind. Und deshalb bin ich gern Polizistin!“

Weil ich mich der Perspektive nicht völlig verschließen kann, wenn ich sie mir als eine Figur wie die von Kerstin Gier vorstelle. Selbst wenn das die Vorzimmerdame von Herrn Neumann geschrieben haben sollte. Klar ist das für sie, die als Motivation „Helfen“ angibt, totaler Mist, diese St. Paulianer-Perspektiven zu lesen. Dass diese Situation entsteht, liegt in der Verantwortung der Politik.

Die Äußerung wird natürlich durch „dummerhaft daher schreiben“ selbst vom hohen Ross geäußert; sie vollzieht zudem, was sie vorwirft, nämlich sich nicht auf die Lebensrealität der jeweils anderen Seite einzulassen. Das ist so ein bißchen die Nummer, wenn irgendwelche Familienväter sich über Schwule ereifern, die Heteronormativität kritisieren, dass dann im Gegenzug Arroganz und Überheblichkeit denen gegenüber, die doch für die Rente sorgten und die Verantwortung übernähmen, während die Schwuppen nur Parties feierten, durchschlägt. Was Emphatie für die Situation von Familien unter Bedingungen des Neoliberalismus erzeugt; dass dieser es zugleich immer auch schafft, Minoritäten dann ins Visier zu bringen und nicht etwa die Strukturen selbst, ist das Problem.

Es ist auch ein Beleg dafür, wie die politische Strategie aufgeht, z.B. anzuweisen, den Nazis den Weg frei zu prügeln, dass Ganze dann aber so zu diskutieren, als wäre das Problem die irrationale Aversion irgendwelcher Klugscheißer gegen die Polizei als solche. Es geht ja eher um den politischen Unwillen, Polizeigewalt da, wo sie statt findet, auch zu sanktionieren und den politischen Willen, Personengruppen für Freiwild zu erklären für jene unter den Polizisten, die auch gerne mal hinlangen.

Und da geht ja gar keiner davon aus, dass das nun alle sind, geschweige denn, dass sie ganzen Tag nichts anderes machen; das Erschreckende ist, dass wie in Weimar dieses „gegen links“, das die Politik forciert, so vortrefflich aufgeht. Das werden frei nach dem Motto „Teile und herrsche“ Bevölkerungsgruppen aufeinander gehetzt, und Innensenatoren reiben sich die Hände und würden das von mir Geschriebene vermutlich als „ungeheuerliche Unterstellung“ abwehren. Aber warum passiert es denn dann ständig? Frau Polizistin, die da anonym im Internet unterwegs ist, kann ja in ihren Reihen dafür sorgen, dass sich was ändert, und ich in unseren.

Nun stelle ich mir zum einen vor, dass eine Person, die mit allen Befugnissen des Gewaltmonopols ausgestattet ist und die mich als „Klugscheißer“ sieht, übrigens ganz wie auch Autoren von Publikative.org 😀 , da in ihrer Wache unter der Gegengeraden lauert und mich beäugt mit der von ihr selbst geäußerten Sicht der Dinge, während ich die Fanräume besuche. Eine äußerst unangenehme Situation.Wäre für mich ein Grund, nicht in die Fanräume zu gehen – „verblendet“, „bösartig“, und dann Pfefferspray in der Tasche, oje.

Die Intellektuellenfeindlichkeit, die gehört halt auch zur Geschichte des Präfaschismus, der „jüdische Kaffeehausliterat“ bekam als erster die Zähne ausgeschlagen und wurde dann auf der Toilette aufgehängt, während man die Commerzbank vor den Kommunisten rettete. Ein Vorhaben, dass ich der individuellen Polizistin nie unterschieben würde. Der Politik in Teilen schon, unter Abzug des „jüdischen“, und aufhängen auch nicht – das geschieht allenfalls in Abschiebehaft als Selbstmord und hat in dem Fall auch nichts mit Intellektuellenfeindlichkeit zu tun. Weiße Deutsche sind da auf der etwas sicheren Seite. Im Anzug auf der noch sichereren. Außerdem löst man das Problem mit den Linksintellektuellen ja lieber über den Umbau der Universitäten, und Zähne schlägt man ohne Inhaftierung vor dem Jolly Roger aus. Und das war auch kein Politiker. Das Feindbild bleibt, die Praxen ändern sich. Immerhin.

Belegt wird dieses tatsächlich strukturelle Problem auch in DIE ZEIT:

„Wenn man länger mit CDU-Mann Schreiber redet, offenbart sich das ganze Problem. Aus ihm spricht eine zerrissene Partei. Aufrichtig sagt er einerseits: Der NSU-Terror sei wirklich schlimm. Was er aber gelernt habe in den vergangenen Monaten? »Dass Rechtsextremisten genauso schlimm sind wie die Linksextremen. Dass die sich, in der Gewaltbereitschaft, wirklich nicht viel nehmen.« Das sagt Patrick Schreiber wirklich. Auch dass er selbst schon Opfer linker Gewalt geworden sei. 2009 habe jemand an eine Mauer geschmiert: »Patrick Schreiber ist ein Schwein.« Schreiber sagt: »Ich hatte auch schon Hundekot im Briefkasten. Das ist psychische Gewalt.«

Damit hat Schreiber recht. Rechtfertigt aber Hundekot im Briefkasten das Gleichsetzen linker Gewalt mit der Mordserie der Terrorzelle? „

So ungefähr das, was dann in den Hirnen der Verantwortlichen vorgeht und zum Schweinske-Cup-Erlebnis führte. Hier nun freilich gegen eine andere Art des Klugscheißens gerichtet.

Nun endlich, nach einer systematischen Mordserie, reift die Erkenntnis. Allerdings eine, die den auch meiner Ansicht nach zu verurteilenden Pflastersteinen, bei denen es sich wohl um „linksextreme“ Gemäuer handelt, mit der gezielten Tötung von Menschen in Relation gesetzt wird. Mmmmh. Und was daran „linksextrem“ sein soll, das erschließt sich mir eh nicht. Bei den angezündeten Autos ist es meines Wissens nie gelungen, da einen Zusammenhang zu belegen, und was z.B. auf Schanzenfesten abgeht, hat doch ganz andere Dimensionen.

Man meint zudem zu spüren, dass bis dahin Rechtsextremismus als nicht weiter schlimm empfunden wurde, ging ja gegen links und somit um das, was linke politische Positionen so besonders macht, nämlich Hundekot in Briefkästen als Form der „psychischen Gewalt“.

Und das sagt einer, der in einer Partei sitzt, die jüngst die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe abgelehnt hat. Was von der NPD Sachsen vermutlich als „juchhu, gegen den Schwulenkult!“ gefeiert wurde. Auf die Idee, dass auch das eine Form struktureller Gewalt ist, die psychisch wirkt, kommt er wohl nicht; ebenso, wie er eine Einkesselung von Demonstranten wohl nicht als solche betrachten würde.

Einer, der mitverantwortlich ist für Praktiken des „Racial Profilings“, was die NSU auf ihre Art ja auch betrieben hat.

Einer, der feist im Netz der Staatsmacht sitzt, während in Abschiebeknästen rechtsextreme Politik betrieben wird. Dass die NSU gerade deshalb nicht entdeckt wurde, weil sie einfach nur radikaler, gleich umbringen, macht, was Teil offizieller Politik ist, das ist ihm wohl nicht aufgefallen. Dass Akteure und Profiteure struktureller Gewalt fürchterlich empfindlich reagieren, wenn sie mal „psychische Gewalt“ erleben, also das, was für Deklassierte, z.B. Hartz IV-Empfänger, für Frauen, so called Homosexuelle und PoC in Deutschland schlicht Alltag ist – auch nicht neu. Gegen die permanente Diskreditierung Schwuler durch die CDU und Teile der Kirchen alleine schon ist das bißchen Hundescheiße im Briefkasten nun aber wirklich ein Witz, so falsch und kindisch das auch sein mag.

Aber zurück zur Frau Polizistin, wenn sie denn eine ist. Ich glaube, das wäre wirklich gut, sich in der Stilistik einer Frau Gier mal derer Lebensprobleme anzunehmen, und das ja nicht in Form des „Krimis“. Mich Kluscheißer würde das wirklich interessieren, was Sie alltäglich erleben. Auf dem Revier, mit Kollegen, mit der Politik. Wollen sie nicht mal damit loslegen, und der Herr Neumann gibt Ihnen dafür frei?

Was unsere Perspektive zum Beispiel im Falle des Schweinske-Cups betrifft: Sie wurde ja eindrucksvoll und wissenschaftlich untermauert auch hinsichtlich persönlichen Erlebens zur Darstellung gebracht. Vielleicht einfach das ganze noch mal aus Polizistenperspektive schildern? Ich fände das spannend.

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Eine Antwort zu “Langsam wird es ein Zyklus: Über Klugscheißer, die NSU und was nur scheinbar ganz anderes

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