Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2012

Coverdesigns für etwas ausprobieren, das es noch gar nicht gibt

„So wird die Figur einer aktuellen Soapserie weder in einem intergalaktischen Krieg kämpfen, noch eine ganze Episode lang versuchen, eine Tür zu öffnen.“
Philip Parker, Die kreative Matrix, Konstanz 2005, S. 140

Wieso eigentlich nicht? Draußen auf St. Pauli tobt der intergalaktische Krieg – oder eben dessen Ausläufer, wobei der Kosmos des magischen FC durchaus galaktisch ist! -, und der Held oder die Heldin, nach denen ich gerade suche, die Hauptfiguren von ROAR!!!, sitzen in einer kleinen Wohnung in der Erichstraße fest und kriegen die Tür nicht auf.

Ich finde, dass das schon Potenzial hat, dergleichen zu verpassen ist ja auch eine Geschichte voller Emotionen. Da bearbeiten sie mit Hammer, Sichel, Schraubenzieher und Stemmeisen die antagonistische Tür, doch die gegen Werwolfangriffe verrammelte Stahlkonstruktion rührt sich nicht, steht felsenfest und kann nicht anders. Während draußen Riesenschaben und geringelte, quietschende Aliens sich eine Schlacht mit christlichen Fundamentalisten und schwer bewaffneten, privaten Sicherheitsdiensten liefern. Es gibt ja Leute, die gehen wegen so was ins Kino.

Der Ansatz freilich, soeben über Twitter übermittelt, dass ein gewisser Kriminaloberkommissar als Doppelagent aktiv ist und Babelsberger Dissidenten befreit, das hat ja schon mal was! Zudem mir als Schurke in der Soap der dank der KOMMISSION noch 2020 und darüber hinaus im Amt zementierte Innensenator heute gar nicht mehr aus dem Kopf geht, wegen dieser kaum noch kommentierbaren, weil es Beleidigungsklagen nach sich ziehen könnte, Roma-Abschiebung. Da bleibt mir einmal mehr die Luft weg.

Das wird eine Heidenarbeit, mich von solchen realen Personen der Zeitgeschichte so weit weg zu bewegen, dass ich mir keine Klagen einhandele.

Zudem sich prompt – ebenfalls bei Twitter – die Frage stellte, inwiefern in der gleichschalteten Welt von Glanz und Gloria, den Nachfolgeorganisationen (!!!) von DFB und DFL, die Spieler sich dem entziehen können und so die utopische Leidenschaft auf den Rängen entfesseln. Gut Frage. Ich nehme anonyme Hinweise aus dem aktuellen Kader jederzeit gerne entgegen! Die Mailadresse findet sich unter „Über“. An dramatischen Konflikten mangelt es im Grundsetting schon mal nicht.

Stephen King hat die These aufgestellt, in „Das Leben und das Schreiben“, man solle einfach drauflos schreiben, weil es die Geschichte schon gäbe. Das Schreiben würde wie das Freilegen eines Fossils verlaufen, das man in tiefem Sand entdeckt und dessen Pracht liebevoll und vorsichtig erst mit der Schaufel, aber Achtung!, zerdeppern darf man nichts, dann mit dem Pinsel zur vollen Sicht gebracht würde.

Mal gucken, was für Riesenschnecken, Säbelzähne und Urzeitpflanzen, mutmaßlich fleischfressend, mir begegnen werden … und wenn sie dann plötzlich zu Leben erwachen … Scheiße! Autsch! War zum Glück nur ein kleiner Steckling aus dem Lustgarten eines Neandertalers, dessen trübe Vorahnung, dass der Homo Sapiens sie eines Tages erledigen würde, sich aufs Schlimmste bewahrheitete …

Na, dranbleiben. Roar!!!:

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Mal eine Frage, ein „Markt-Check“ – bestünde an so was Interesse in der FC St. Pauli-Community (und darüber hinaus)?

ROAR!!! – Geschichten vom Millerntor

Eine dystopisch-utopische eBook-Soap – vielleicht demnächst im Kindle-Shop erhältlich?

 

DAS SZENARIO

 

Hamburg 2020. Wir leben nach dem „großen Schnitt“, jener Zäsur 2015, da die nur noch formal existierende Demokratie auch offiziell abgeschafft wurde. Von einem Tag auf den anderen wurde verordnet, dass alle zu diesem Zeitpunkt gewählten Regierungen für die nächsten 25 Jahre im Amt bleiben. Punkt. Für die Bevölkerungen ist zunächst gar kein Unterschied spürbar.

Die Regierungen sind weisungsgebunden an ein Konglomerat aus EU-Kommission, Finanzmarktsakteuren, Rating-Agenturen und christlichen Kirchen, kurz; DIE KOMMISSION – ohne Glaubens-Kitt nix los im Westen. Sämtliche große Medien sind gleich geschaltet und berichten vor allem über Promi-Klatsch und wahre Liebe, natürlich die zwischen Mann und Frau. Im Internet freilich zeigt sich unkontrollierbarer Wildwuchs.

Denn die gewünschte Gleichschaltung funktioniert nicht wirklich. Sämtliche Sicherheitsorgane haben ein Eigenleben entfaltet, Armee, Geheimdienste wie auch die Polizei, und bedrohen die Vertreter offizieller Macht ebenso wie Teile der Bevölkerung. Private Sicherheitsfirmen regieren ganze Bezirke und schützen die Trutzburgen der Reichen. Manche Bereiche europäischer Länder und Städte werden von Neonazi-Gruppen kontrolliert, in anderen sind Outlaws jeglicher Form und politischen Orientierung an die Herrschaft gelangt – Anarchosyndikalisten ebenso wie K-Gruppen, Ableger der Pius-Brüder direkt neben sich selbst ermächtigenden Behörden und Amtsgerichten, und ergänzend allerlei mafiöse Strukturen, die intern für ihre Mitglieder sorgen, extern durch Drohungen und Schutzgeld ihre Macht absichern. Christliche Milizen marodieren durch die Städte und machen Jagd auf Muslime und Schwule, stürmen die Praxen von Ärzten, die Abtreibungen durchführen und prügeln Frauen an den Herd. Deren Militanz betrachten auch viele Christen mit Schaudern; sie beginnen zunehmend, die Urchristen aus „Quo Vadis“ zu imitieren, bilden Communities in Katakomben und ziehen friedlich singend durch die Straßen, was regelmäßig zu Zusammenstößen mit privaten Sicherheitsdiensten führt, nähern sie sich den abgeschotteten Quartieren der Reichen. Denn nicht nur die sind von der Lautstärke, der schlechten Musik und Märtyrergehabe genervt.

Seitdem der Euro zusammengebrochen ist, existieren verschiedene Währungen parallel – in Schwarzmarkt-Zonen wie auf dem Hein Köllisch-Platz hat sich sogar wieder die Zigarettenwährung etabliert.

Die Anderswelt kann all das nicht mehr mit ansehen. Zunehmend lösen sich die Grenzen zwischen realer und „Geister“-Welt auf. Der Gott Pan wurde auf der Reeperbahn gesichtet, und der Heilige Geist unter dem gleichnamigen Feld bekommt manchmal Wutanfälle und nebelt die Hamburger Innenstadt ein. Der Volkspark wird von Werwölfen beherrscht, die die gleichnamige Schrift von Herrmann Löns zu ihrer Bibel erkoren haben – manchmal fallen sie in die Städte ein und sorgen für nackten Horror. Insbesondere dann, wenn sie „Junggesellenabschiede“ feiern. Immer bei Vollmond. Immer blutig. Immer bunt und feuchtfröhlich und einen flotten Schlager auf den Lippen. Kurz „Aniiiiiiiita“ gegröhlt und dann zugebissen.

Mitten in der zusammengebrochenen, sozialdemokratischen Moderne haben sich Formen etablierter Kulturen tradiert. Im Rheinland Karnevals-, in Niedersachsen Schützenvereine, in Bayern Volkstanzgruppen.

Und auch der Fussball strahlt in konservativer Pracht: Durch geschickte Bündnispolitik haben DFB und DFL ihre Macht bewahrt und  feiern Riten aus vergangenen Zeiten. Nur haben sie sich umbenannt in Glanz.org. und Gloria.net, also die Glanz-Organisation und das Gloria-Netzwerk – um dem Internet-Zeitalter gerecht zu werden. Die tatsächlichen Domain-Inhaber wurden aus Gründen des Eigentumsschutzes kurzerhand standrechtlich erschossen, schließlich halten sich auch die Glanz-Organisation und das Gloria-Netzwerk private Sicherheitsarmeen. Die Glanz-Organisations-Gerichtsbarkeit ist zudem von DER KOMMISSION mit exekutiver Gewalt ausgestattet  worden und hat Arbeitslager für „Störer“ und „Gewaltäter“ eingerichtet, wo sie gemeinsam mit „Asylanten“, „Asozialen“ und sonstwie Devianten schuften – die Großindustrie freut’s, der Deal ist profitabel für beide Seiten.

Und doch gruppieren sich um mache Vereine als Restbestände vergangener, demokratischer Ordnungen auch utopische Inseln des Freigeistes – natürlich so, dass die diversen Herrschenden es nicht merken. So spielt auch der FC St. Pauli weiterhin offiziell mit, statt Vereinslied muss jedoch, der Glanz-Organisation und dem Gloria-Netzwerk zufolge, das Vaterunser gebetet und „Lobe den Herren“ gesungen werden, womit zugleich der Glanz-Organsiations-Papst gemeint ist. Danach wird die Hymne „Der DFB ist gut und gerecht“ angestimmt, die unfreiwillig ein St. Pauli-Blogger initiierte.

Doch dann beginnt das Spiel, und dank der Leidenschaft, dem Kampfgeist und der Sexyness entfesselter Fussballer entsteht eine Gegenwelt der Utopie: Der ROAR!

 

DIE GESCHICHTEN

Aus dieser Community rekrutieren sich die Figuren der eBook-Soap  „ROAR – Geschichten vom Millerntor.“ Riot-Girls, Ultras, queere Kämpfer für das Gute und Neugründungen von Black Panther-Ablegern – WGs in sich gegen Gentrifzierung verschanzenden Häusern an der Seilerstraße, Veteranen mit Hafenstraßenkampferfahrung (mittlerweile wehrhaft zwischen 60 und 70 Jahre alt), die es ja schon immer gewusst haben, griechische Traditionskneipiers. Die Figuren müssten halt noch entwickelt werden.

99 Cent das Büchlein, eine Art Groschenroman in eBook-Form. Formales Vorbild wären die „Stadtgeschichten“ von Aminstead Maupin. Erscheinungsform unregelmäßig.

Es wären Fortsetzungsgeschichten mit Cliffhanger … Geschichten von Liebe und Wahnsinn, Macht und Ohnmacht, Abenteuer und Absurdität, Gefangenenbefreiungen und Leben in der Stadt der Zukunft – Geschichten rund Fussball zwischen Utopie und Dystopie. Ohne literarischen Anspruch; hier und da ein wenig Philosophie würde sich nicht vermeiden lassen.

Gäbe es Interesse an so etwas?

Wie im Film: Masterplots am Millerntor

Irrlichternd durch den Samstag blitzen und funkeln … auf der Suche sein. Der Suche nach dem, was der FC St. Pauli in der nächsten Saison sein wird.

7. Die Suche

– Die Figur bekommt eine Aufgabe, etwas/jemanden zu finden

– Die Figur nimmt die Herausforderung an

– Die Figur sucht dieses etwas/diesen Jemand

Philip Parker, Die Kreative Matrix. Kunst und Handwerk des Drehbuchschreibens, Konstanz 2005, S. 130

UVK Verlagsgesellschaft mbH

„Masterplots“, das sind Grundstrukturen filmischer Erzählungen, auf denen man aufzubauen, die man zu befolgen hat, damit das Publikum zuguckt. „Plot“ ist die Ereignis- und Handlungsfolge, und Figur der Held oder der Antiheld, der die Geschichte erlebt. In diesem Falle zumeist ich. Aber abwarten.

Damit das mit der Heldenreise, so nennen das die an C.G. Jung orientierten, mit dem Mythos operierenden Theoretiker des Films, auch funzt, müsste ich mich zunächst dem Ruf verweigern. Damit alle da sitzen und sagen „Hey, nimm die Herausforderung an, sonst gibt es doch gar keinen Film!“

Doch kein Abkömmling ferner Welten, kein Ufo mit quietschenden, geringelten Aliens, kein anonymer Brief, keine Drohungen und Erpressungsmanöver mafiöser Kreise erreichten mich – nur ein paar Tauben und Meisen auf dem Balkon, letztere haben wirklich eine, die fliegen manchmal verwirrt in die Wohnung und finden nicht mehr heraus, erstere werden verscheucht, welchen Masterplots entspricht das wohl? – um mir die „Quest“ zukommen zu lassen.

Das mit der Narratologie im eigenen Leben,

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Die Produktion des Defizitären – Normalisierungszweck erfüllt

„“Dass ich nicht ganz normal bin, habe ich zum ersten Mal in der siebten Klasse vermutet, als ich den achten Verweis innerhalb von drei Monaten kassierte. Jetzt habe ich es schwarz auf weiß: Meine Persönlichkeit ist im Arsch. Fast alle meine Eigenschaften sind im „nicht annehmbaren Zustand“. Sonja starrt mich an. „So kann es doch nicht weitergehen. Du bist orientierungslos, unsicher und du verschwendest deine Energie. Du lebst nicht effizient.““

Das Urteilen.

Die Rationalität, die der Verwertungslogik folgt und nicht der Emphatie, der Offenheit, der Akzeptanz.

Max Weber setzte kurioserweise die Wertrationalität der Zweckrationalität entgegen mit dem Argument, dass Selbstzweckhaftigkeit irrational sei, es irgendetwas geben müsse, woran sie sich orientiere, wolle sie vernünftig bleiben, die Rationalität. Horkheimer und Adorno geißelten wortgewaltig die instrumentelle Vernunft; Adornos Werk im Zeitraum der „Negativen Dialektik“ wie auch der „Ästhetischen Theorie“ lässt sich auch dahingehend lesen, dass er Praxen, die sich in Modi wie jenem der Mimesis als Versuche etablierte, dialektische Denkbewegungen als dynamisierte Formen der Vernunft zu vollziehen. Solche, die sich dem identifizierenden Denken, das so oft die Verurteilung gleich mit vollbringt, entziehen.

Liest sich schrecklich abstrakt, ist aber wichtig – auch das Gesamtwerk von Jürgen Habermas kann man als Unterfangen lesen, dem strategischen Vernunftgebrauch, der Menschen nur unterwerfen und benutzen will, das verständigungsorientierte Argumentieren entgegen zu stellen. Meiner Ansicht nach ist ihm das in der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ passagenweise und in Grundgedanken gelungen, später nicht mehr.

Warum das wichtig ist? Weil Praktiken wie jene der Scientology – ich kann da nur auf die Recherchen anderer verweisen wie eben jenes Stern-Autoren und bin da wirklich kein Experte, beziehe mich somit auf dessen Text und nicht auf diese Organisation – ja nichts wären, was nur in Sekten und anderen Kirchen praktiziert würde. Die zeitweise etablierte Therapeutokratie mit Mitteln der Psychoanalyse

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Dringende Leseempfehlung: Das Lichterkarussell wendet Michel Foucaults Machtanalytik auf die Diskurse und Praktiken rund um Fussballfans an

Etwas länger als gewöhnliche Blogposts, der Text hat es aber in sich. Er kann zugleich als Einführung in zentrale Aspekte der Machtanalytik Michel Foucaults gelesen werden wie auch in die gesellschaftliche Funktion der Diskussion über Fussballfans – und zeigt die Antworten der Disziplinar- und Normierungsmacht auf, die noch hinter jedem „Freiheit!“-Gebrülle von Leuten wie Joachim Gauck lauern:

Die Produktion von Delinquenz am Beispiel von Fußballfans

Wie Texte mal aussahen, wenn sie geschrieben wurden: On the Sofa

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Teile und herrsche

„Das Etappenziel dieser Marginalisierung ist erreicht. Die Fans zeigen nun gegenseitig mit Fingern auf sich. Der Tenor der moderaten Anhänger, die eine Sippenhaft befürchten: »Alles, weil ihr euch nicht benehmen könnt!« Der Tenor der Ultras, die sich zunehmend in die Enge gedrängt fühlen: »Alles, weil ihr die Verhältnisse abnickt!«“

11 Freunde bringt es auf den Punkt, sag ich als Haupttribünensitzer, und exakt das haben wir in der Fan-Community des FC St. Pauli schon ausgiebig durchlitten. Das ist wie bei schlechten Pädagogen, die ganze Klassen bestrafen, wenn sich der „Störer“ nicht meldet, und ungefähr auf diesem Schulhofniveau bewegt sich die Politik von Leuten wie Hape Friedrich: Paternalistische Heimtücke, die auf die niederen Instinkte autoritärer Charaktere im Sinne Adornos abzielt.

Dass sich da jemand hin stellt, dem gerade seine Geheimdienste um die Ohren fliegen und der, wenn ich das richtig verfolgt habe, diffamierende Auszüge aus Studien über „die Muslime“ an die BILD faxen lässt und angesichts all dessen noch den Moralisten spielt, das ist ja nun schon lächerlich genug. Solche Leute beschädigen das Amt des Innenministers nachhaltiger, als jeder Kritiker es könnte.

Dass er nun jenseits von Recht und Gerechtigkeit verortet Spielchen spielt, so meine Sicht der Dinge, das ist ja schlimm genug, aber bei so einer Partei auch nicht weiter erstaunlich. Freiheit ist für die nur Fliegenschiss, die freie Entfaltung der Persönlichkeit das zu Unterbindende und Drohen und Erpressung die Methode.

Sie erzeugen permanent die Gruppen, auf die mit dem Finger zu zeigen sei, erklären sie zum Freiwild für vermeintliche „Sicherheitsorgane“ und organisieren so den Spießer-Mob, der Anderen das Leben ganztägig zur Hölle macht. Und sie wissen mutmaßlich, dass sie dadurch jene Gewalt, gegen die sie zu agitieren vorgeben, allererst erzeugen – das funktioniert als eine Art Perpetum Mobile. DAS ist Gewalt, Herr Innenminister.

Ich finde Gewalt im Stadion auch Scheiße. Aber da werden Phänomene zur Gewalt stilisiert, die nur unter bestimmten Umständen welche sind, und es wird ohne ordentliche Gerichte sanktioniert, nur weil irgendwer ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat.

Und dieses Gerede dann von dem Vertreter einer Partei, die Gewalt gegen Schwule noch anstachelt mit ihrem Abstimmungsverhalten bei Gleichstellungsfragen, die Gewalt gegen PoC systematisch befördert mit ihren Islamdebatten, die gerade vom Verfassungsgericht bescheinigt bekam, dass sie Asylbewerber menschenunwürdig behandeln lässt und die für Gewalt in Griechenland die politische Verantwortung trägt – und damit das keiner merkt, bläst man die „Gewalt im Fussball“-Frage so weit auf.

Wie gesagt, nicht anders zu erwarten von solchen wie Hape Friedrich – dass sich dieser administrativen Nötigung (im mutmaßlich außerrechtlichen Sinne) dann aber Vertreter des FC St. Pauli beugen, das empfinde ich schon als vereinsschädigend im symbolischen Sinne:

„Es waren ja nicht nur die 36 Erst- und Zweitligisten, sondern auch die 20 Drittligisten zugegen, weil deutlich zu spüren ist, dass es einen sehr großen Druck der Politik gibt, jetzt überzureagieren und zum Beispiel ein generelles Verbot von Stehplätzen ins Auge zu fassen. Auch die Überwälzung der Kosten von Polizeiarbeit in und um Fußballstadien herum den Vereinen aufzubürden, wird immer wieder ins Rennen gebracht. Insofern ist es der richtige Schritt – auch von DFL/DFB – nach vorne zu gehen und mit diesem Verhaltenskodex zu sagen, es gibt ein Grundgerüst an Werten, die müssen eingehalten werden.“

Was ist denn „die Politik“, und was legitimiert die, da Druck auf Vereine auszuüben? Die Wahlbeteiligung wohl kaum, der Vertrauensverlust in die Legislative auch nicht – warum benennt man einen klaren Fallen von Machtmissbrauch nicht als solchen? Die Stehplatzfrage hat schlicht und ergreifend nichts mit der Gewaltfrage zu tun.

Pyro findet gar keine Erwähnung bei Meeske und Spies, dass Diktat statt Dialog die Agenda prägte, weil keine Fanvertreter anwesend waren, scheint auch egal, das Rumlavieren um die Stadionsverbotsfrage zeigt vor allem, dass da nur Willkürspielräume ausgelotet wurden wie bei DFL und DFB üblich – und wie kommen eigentlich Leute wie Friedrich dazu, die in Parteien sind, die die Bevölkerung durch Privatisierungen in den letzten 20 Jahren enteigneten und Hartz IV-Empfänger quälen, abstruse Drohkulissen hinsichtlich einer Regulierung der Körper auszusprechen, und der FC St. Pauli duckt sich weg, obwohl da in SEIN Stadion hinein regiert wird?

Während die in den großen Parteien Agierenden mit ihrer Entrechtungsstrategie bei gleichzeitiger permanenter Bedrohung von großen Bevölkerungsteilen durch immer neue Verbote und Sicherheitsgesetze die freiheitlich-demokratische Grundordnung einebnen? Weil sie Präventiv- an die Stelle von Individualrecht setzen und irgendwelche Verhandlungsmassen erfinden, die mit dem Gegenstand der Debatte gar nichts zu tun haben?

Nee, da nun auch noch deren Parameter in eigenen Entscheidungsfindungen zu übernehmen, das ist des FC St. Pauli nicht würdig.

Wehrt euch, leistet Widerstand wurde früher in solchen Fällen gesungen …

Mehrheitsentscheidungen, Demokratie, Minderheitenschutz – und die Religion

Ja, ich wollte mich da raus halten. Auch und gerade, weil ich weitestgehend dem Text von Ruth Berger bei Telepolis beipflichten kann.

Nun ist rund um diese Beschneidungsdiskussion von so vielen Seiten so viel Furchterregendes geäußert worden, dass es mich doch treibt, mal über Schwänze zu bloggen. Habe ich, glaube ich, noch nie.

Anlass nach viel Zähneknirschen und Zusammenreißen ist ein Text von Antje Schrupp, der mit klaren, mehrheitsgesellschaftlichen Drohungen arbeitet, die ich ziemlich gut kenne:

„Ich glaube, die Atheist_innen leben derzeit ziemlich in einer (Berliner?) Filterbubble, was dazu führt, dass sie die gesellschaftliche Relevanz ihrer Weltanschauung grandios überschätzen. Sie versuchen, einen Machtkampf gegen die „Religiösen“ zu führen und deren Befindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum konsequent zu verdrängen, übersehen aber, dass sie bei diesem Machtkampf aller Wahrscheinlichkeit nach unterliegen werden. Denn Recht haben nutzt überhaupt nichts, wenn die anderen – und in diesem Fall sehr viele anderen, nämlich die Mehrheit – die Sache anders sieht. Eine politische Ansicht lässt sich nicht „beweisen“, man muss dafür werben. Es gibt im Bereich des Politischen nicht „wahr“ und „falsch“, sondern nur „mehrheitsfähig“ oder „nicht mehrheitsfähig“.“

Da stockte mir dann doch der Atem. Weil eben das, was nun gerade auch als Argument für die Möglichkeit der Beschneidung, nämlich der Minderheitenschutz, der für jede Demokratie ebenso konstitutiv wie auch das Abstimmen und Überzeugen, Mehr von diesem Beitrag lesen

„… den Kakao, durch den man sie zieht, auch noch zu trinken …“ (Erich Kästner)

Vielleicht macht Tilman Gerwien, Prototyp der verantwortungslosen deutschen Journaille, ja dieses Jahr Urlaub in Griechenland. Sein als Tugendpamphlet getarnter Hass auf die Freiheit, die sich Andere nehmen, sein von Neid getränktes Geschreibsel ist einfach Symptom einer Gehirnwäsche ohnegleichen. Indem er sich am „Piraten Ponader“ abarbeitet, um sein eigenes Ego aufzublähen.

Würde mich mal interessieren, auf was für einer Basis der Herr denn arbeitet. Vermutlich als freier Autor für das Berliner Büro des Stern. Das sind ja für mich immer die allerschlimmsten – die gegen ihre eigenen Interessen auf jene eindreschen, die auf sozialen Leitern noch eine Stufe tiefer stehen. Teile und herrsche, wohin man schaut.

Bei denen in den großen Organisationseinheiten, in Verlagen, Krankenkassen, Fernsehsender, Gewerkschafts-, Behörden- und Parteienbüros, ist ja noch irgendwie verständlich, dass sie den Speichel der Herrschenden lecken, um drinnen zu bleiben. Obgleich der Druck, der auf ihnen lastet, all das Rumgekrieche und Angepasse an entmündigende Denkvorgaben, Flurfunkkämpfe um Plätze in der Hierarchie, Blick auf den Schreibtischstuhl gegenüber und nicht wissen, ob man traurig ist, dass der Kollege „frei gesetzt“ wurde oder froh, dass es einen nicht selbst traf, ja nun auch nix anderes tut als Charaktere deformieren.

Während drumherum um diese Zentren all die noch viel abhängigeren Prekären lungern; ein Kollege sprach neulich nicht zu Unrecht von „Apartheid“ zwischen denen drinnen und denen draußen. Sie fördert das Devote, diese Struktur, als würde das nicht beim wechselseitig einvernehmlichen Sex weit mehr Spaß machen.

Leute, die aber all die instrumentalisierte Scheinempörung, mit der seit Reagan und Thatcher, in Deutschland seit Gerhard Schröder, diesem Schwerverbrecher im außerjuristischen Sinne meiner Ansicht nach, tatsächlich als Moral internalisiert haben, obwohl sie damit ihren eigenen Interessen schaden – nee, da kriege ich so’n Hals, wie man so schön sagt und schreibt.

Ich verweise noch einmal auf den eingängig plausiblen Vortrag von Heiner Flassbeck, den ich gestern verlinkt habe. Hier einer der Texte, die seine Thesen zusammen fassen. Sehr verkürzt vertritt Flassbeck folgendes: Mehr von diesem Beitrag lesen

Flassbeck zur Genese der „Euro-Krise“ – und Wege hinaus

Schön wäre, wenn man das so als einzelner Unternehmer mal einfach so als Avantgarde machen könnte, geht leider nicht. Eben die Erfüllung der Forderung, 10 Jahre lang in Deutschland die Löhne für fast alle pro Jahr 4,5% anzuheben und Hartz IV ebenfalls deutlich.

Kann mir immerhin zugute halten, zu dem Thema schon oft gebloggt zu haben – empfehle dringend, sich den recht langen Vortrag von Prof. Dr. H. Flassbeck anzuhören, das ist äußerst erhellend. Ist keine Fundamentalkritik der Lohnarbeit, zeigt aber hervorragend auf, wie sich die Leute auch dank nationalistischer Tiraden seit Jahrzehnten schlicht und ergreifend verarschen lassen.