Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Eine Kultur der Gleichstellung, „in der Händchenhalten unter Männern (…) mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen.“

Wie kommen die eigentlich immer auf diesen Quatsch?

„ZEIT: In der deutschen Gesellschaft sind gleichgeschlechtliche Beziehungen heterosexuellen gleich-gestellt. Wie lebt man mit der öffentlichen Toleranz der »Sünde« als deutscher Salafist?“

Das ist schlicht und ergreifend nicht der Fall, auch wenn die höchstrichterliche Rechtssprechung das permanent anmahnt. Es ist auch nur deshalb möglich geworden, weil die „eingetragene Partnerschaft“, was für ein Wort überhaupt, als alternative Institution zur Ehe zwischen Mann und Frau betrachtet wurde, nicht etwa die lesbische oder schwule Ehe eingeführt worden wäre – in einem nicht-laizistischen Staat wie Deutschland ja konsequent.

Es ist zudem völlig unspezifisch, was „Beziehung“ hier meint – als Ole von Beust sich einen noch recht juvenilen Freund gönnte und ein recht juveniler Hamburger sich Ole von Beust, da tobte das Abendblatt. Als würden ökonomische Machtverhältnisse nicht auch jede so called „heterosexuelle“ Ehe durchdringen, hier werden sie plötzlich skandalisiert und als „stillos“ empfunden. Ja, Partnerschaftsfragen sind immer auch ästhetische.

Dass das als Abweichung zunächst Konstituierte und Zementierte nur dann oberflächlich Duldung erfährt, wenn es die heterosexuelle Norm kopiert, das ist ja das Problem der Pro-„Homo-Ehe“-Agitation. Und der Aberwitz solcher Fragestellung besteht unter anderem darin, dass „Beziehung“ in eben diesem Sinne nur verstanden wird.

Als gäbe es nicht in jedem Leben derart viele Beziehungsformen; nicht-sexuelle wie Freundschaften, Kollegen, die zu Hunden und Katzen, die zu Kindern, die zu Nachbarn; es gibt Sex in einer Partnerschaft, im Swinger-Club, One-Night-Stands, Affären – Beziehungen aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten, solche, die frei man wählt; das Hervorheben eben dieser Varianten von „Ehe“ als Mittelpunkt von allem und jedem und somit implizit die sexuelle Beziehung ist doch selbst schon Ideologie.

Gesellschaft wird zudem an rechtlichen Reglements und nicht am normativem Druck im Rahmen sozialer Kontrolle orientiert verstanden. Und selbst die auch unter so called „Heterosexuellen“ praktizierte serielle Monogamie z.B. kommt hier auch nur im Sinne ihrer rechtlichen Institutionalisierung in den Blick.

Dass zudem diese absurde Kontrastierung mit islamischen Reglements en vogue ist, die Hetze von Papst und Evangelikalen wie auch DCU-Politikern ebenso unter den Tisch fällt wie ganz alltägliche Lebensrisiken, die mit öffentlich gezeigter gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeit einher gehen, das hat einmal mehr Rhizom vortrefflich ausformuliert:

„Die ungewollte Ironie, dass die «Polittunte» Patsy ihre wütenden Tiraden gegen aserbaidschanische Badehäuser in der Rubrik «Darkroomgeflüster» veröffentlicht, ist zum Brüllen komisch. Denn die «Begrenztheit dieser Räume» ist leicht zu entziffern als die Begrenztheit der Saunen, Darkrooms und Klappen (gibt es sowas überhaupt noch?), in denen sich Patsys eigenes schwules Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft bewegt – einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliches Begehren in die Räume einer Subkultur verbannt ist; in der Händchenhalten unter Männern, anders als in Aserbaidschan, mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen.“

Gleichstellung. Ich lach mich scheckig.

Die Positionen von Lamya Kaddor im anfänglich verlinkten Streitgespäch bei DIE ZEIT ist trotzdem äußerst lesenswert, und der Salafist verglichen mit den Pius-Brüdern, an die Ratzinger sich gerade wieder ran robbt, annähernd moderat.

2 Antworten zu “Eine Kultur der Gleichstellung, „in der Händchenhalten unter Männern (…) mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen.“

  1. dangerousbeans Juni 8, 2012 um 12:19 pm

    Wobei ich in diesem Kontext wahrscheinlich auch das Konzept der Toleranz hinterfragen bzw. kritisieren würde, das der Mensch von der ZEIT hier so als große Errungenschaft preist. Im Grunde geht es da doch um die „Großzügigkeit“ des Mainstreams auch das „Andere“ zu erdulden; also ein Unterordnungsverhältnis, welches die heteronormative Verfasstheit der Gesellschaft nicht einen Deut in Frage stellt. Dass dieses Konzept dann wieder eine zentrale Rolle bei der Frage von In- und Exklusion spielt, zeigt ja eigentlich recht deutlich, worum es eigentlich geht: Um das saubere Selbstbild einer Gemeinschaft, die ihren eigenen Müll nicht sehen will und immer nur auf den fremden zeigt.

  2. momorulez Juni 8, 2012 um 2:22 pm

    Ja, da bin ich ganz bei Dir. Dieser „Toleranz“-Kram, über den rege ich mich auch regelmäßig auf, weil so klar ist, wer da toleriert und ggf. auch bereit ist, diese zu entziehen.

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