Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juni 2012

Grundsätzliches zur „deutschen Nation“

Da gerade alle dazu diskutieren, greife ich Mitläufer das auch mal auf 😉 – der Text derer vom Magischen FC liefert eine gute Vorlage:

„Liebe Leser, wir sind doch kritisch, was die Organisation von Menschen in Nationen angeht. Und das reduziert sich bei weitem nicht auf die deutsche Nation. No Borders, No Nations ist eine sehr schöne Utopie. Nun sind Nationen in ihrer Organisationsform in ihrer Verwaltungsform wohl leider notwendiges Übel des real existierenden Menschen.“

Mmmmh, ich stimme weitestgehend überein – mir gefällt nur die Gleichsetzung des deutschen Nationalismus mit jenem z.B. der Polen nicht. Letzterer kann genau so chauvinistisch und rassistisch werden, hat aber doch eine völlig andere Geschichte als der deutsche, was sich eben auch im Aktuellen zeigen kann.

Polen war als irgendwie „staatlich“ verfasstes Gebilde zeitweise nicht mehr existent, hier hat sich eine „Nation“ im vorstaatlichen Sinne gegen Unterdrücker und Besatzer

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Die Normalisierungsmacht der Neuen Rechten

Erstaunlich, wie der „Fall Kiyak“ bis in den Freitag weiter köchelt und Variationen von Kristina Schröders „Deutschenfeindlichkeits“-Rhetorik sich plötzlich mitten im „Freitag“ wieder finden. Und das auch noch mit der Conclusio „Wer antirassistisch agitiert, muss sich nicht wundern, wenn er Morddrohungen und wüsteste Beschimpfungen erntet“, wobei die Morddrohungen im „Freitag“ keinerlei Erwähnung finden.

Natürlich waren die ableistischen Äußerungen Kiyaks völlig daneben und wären das auch dann gewesen, wenn der Herr Sarrazin keine Gesichtslähmung hätte. Im Gegensatz zu ihm war Mely Kiyak aber in der Lage, um Entschuldigung zu bitten.

Die Beleidigungen und Herabwürdigen durch Sarrazin hingegen, die mittels mächtiger Springer-Presse und öffentich-rechtlichem Fernsehen verbreitet werden, akzeptiert der sich als links tarnende Neue Rechte hierzulande als Diskussionsgrundlage, mit der man sich gefälligst auseinanderzusetzen habe.

Einer selbstbewussten, unter „Migrantin“ verbuchten Journalisti jedoch, die gemeinhin über eine wirklich einzigartige Schreibe und originelle Denk- und Gedankengänge verfügt, stopft man stattdessen schon deshalb lieber das Maul, weil sie Individualität für sich beansprucht und nicht als Abziehbild weißer Vorurteile taugt und diese auch nicht fortwährend bestätigt.

Während es von langweiligen Autoren, die in Denkklischees agitieren wie Michael Ginsburg, in der deutschen Journaille nur so wimmelt. Sie verfassen Text als Vorkämpfer der Normalisierung dessen, was sie als „das Andere erleben“ und wollen offenkundig vor allem eines: Denen, die als „das Andere“ fortwährend produziert werden, die Gegenwehr austreiben. Das macht er wie folgt:

„Tenor: Jemandem, der andere würdelos behandelt, dem darf man auch die Würde nehmen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Im Saal wurde die Vermutung laut, 80 Prozent der Deutschen seien heimlich rechts. Ein „freies Land für freie Nazis“ eben, wie Kiyak schrieb. Kurz: Der Soli-Abend war ein voller Erfolg für die Profiteure einer Gesellschaftsspaltung.“

Die Kolumne über das „Freie Land für freie Nazis“ handelte davon, dass die mangelnde Aufklärung der NSU-Morde keinerlei Konsequenzen für die Ermittelnden und politisch Verantwortlichen hatte. Daraus nun die „Profiteure einer Gesellschaftspaltung“ zu basteln ist mehr als zynisch, meint er die NSU-Opfer?, erst recht, wenn es von einem geschrieben wird, der alle Privilegien des weißen, mutmaßlich heterosexuellen Mannes genießt und wahrscheinlich wenig Probleme damit hatte, dass Mordopfer zu Dönern erklärt wurden.

Er ist einfach der Vertreter einer Gesellschaft, die ständig Grenzziehungen reproduziert – mit und ohne Migrationshintergrund, schwarz und weiß, hetero und schwul, Mann und Frau -, um anschließend jenen, die so ausgeschlossen werden aus dem Allgemeinen, auch noch fortwährend unterzuschieben, die so Ausgegrenzten würden auch noch davon profitieren und ihnen die Exklusion vorzuwerfen.

Natürlich darf auch dieser alberne Hinweis, sie sei wohlauf und lebe in Freiheit, nicht fehlen, ja, da „wo die herkommt“, könnte es anders sein.

Zudem die Bewegungsfreiheit für Frauen in dieser Gesellschaft durch die permanente Androhung sexistischer Attacken eh schon nachhaltig eingeschränkt ist, PoC in manche Bereiche dieser Republik lieber nicht alleine fahren sollten, als Frau schon gar nicht, und man es sich gut überlegen muss, ob man als Mann öffentlich mit anderen Männer knutscht. Und Hartz IV-Empfänger sollen sich auch weder Anwälte noch öffentliche Verkehrsmittel leisten können.

Hier braucht es gar keine politische Unterdrückung, das erledigt die Bevölkerung selber.

Dieser Begriff von „Freiheit“ ist ebenso perfide wie die Vorstellung, man dürfe nicht zurück schlagen, sondern habe sich ungeahndet beleidigen zu lassen und müsse auch noch vornehm-bildungsbürgerlich und höflich antworten, während man mit Dreck beworfen wird.

Da ist der ausgeprägte Sadismus der Neuen Rechten einmal mehr mitten in ein vermeintlich „linkes“ Selbstverständnis vorgedrungen, und das natürlich mit den üblichen Zumutungen: Integrationsforderungen und dem Behaupten einer Symmtrie zwischen gesellschaftlichen Positionen, die nie und nirgends der Fall ist.

Wobei es schon sein kann, dass Herr Ginsburg auch gerne Kolumnen für die Frankfurter Rundschau schreiben würde – ich verstehe gut, dass man ihn nicht lässt. Da mangelt es schlicht an Qualität.

Eine Kultur der Gleichstellung, „in der Händchenhalten unter Männern (…) mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen.“

Wie kommen die eigentlich immer auf diesen Quatsch?

„ZEIT: In der deutschen Gesellschaft sind gleichgeschlechtliche Beziehungen heterosexuellen gleich-gestellt. Wie lebt man mit der öffentlichen Toleranz der »Sünde« als deutscher Salafist?“

Das ist schlicht und ergreifend nicht der Fall, auch wenn die höchstrichterliche Rechtssprechung das permanent anmahnt. Es ist auch nur deshalb möglich geworden, weil die „eingetragene Partnerschaft“, was für ein Wort überhaupt, als alternative Institution zur Ehe zwischen Mann und Frau betrachtet wurde, nicht etwa die lesbische oder schwule Ehe eingeführt worden wäre – in einem nicht-laizistischen Staat wie Deutschland ja konsequent.

Es ist zudem völlig unspezifisch, was „Beziehung“ hier meint – als Ole von Beust sich einen noch recht juvenilen Freund gönnte und ein recht juveniler Hamburger sich Ole von Beust, da tobte das Abendblatt. Als würden ökonomische Machtverhältnisse nicht auch jede so called „heterosexuelle“ Ehe durchdringen, hier werden sie plötzlich skandalisiert und als „stillos“ empfunden. Ja, Partnerschaftsfragen sind immer auch ästhetische.

Dass das als Abweichung zunächst Konstituierte und Zementierte nur dann oberflächlich Duldung erfährt, wenn es die heterosexuelle Norm kopiert, das ist ja das Problem der Pro-„Homo-Ehe“-Agitation. Und der Aberwitz solcher Fragestellung besteht unter anderem darin, dass „Beziehung“ in eben diesem Sinne nur verstanden wird.

Als gäbe es nicht in jedem Leben derart viele Beziehungsformen; nicht-sexuelle wie Freundschaften, Kollegen, die zu Hunden und Katzen, die zu Kindern, die zu Nachbarn; es gibt Sex in einer Partnerschaft, im Swinger-Club, One-Night-Stands, Affären – Beziehungen aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten, solche, die frei man wählt; das Hervorheben eben dieser Varianten von „Ehe“ als Mittelpunkt von allem und jedem und somit implizit die sexuelle Beziehung ist doch selbst schon Ideologie.

Gesellschaft wird zudem an rechtlichen Reglements und nicht am normativem Druck im Rahmen sozialer Kontrolle orientiert verstanden. Und selbst die auch unter so called „Heterosexuellen“ praktizierte serielle Monogamie z.B. kommt hier auch nur im Sinne ihrer rechtlichen Institutionalisierung in den Blick.

Dass zudem diese absurde Kontrastierung mit islamischen Reglements en vogue ist, die Hetze von Papst und Evangelikalen wie auch DCU-Politikern ebenso unter den Tisch fällt wie ganz alltägliche Lebensrisiken, die mit öffentlich gezeigter gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeit einher gehen, das hat einmal mehr Rhizom vortrefflich ausformuliert:

„Die ungewollte Ironie, dass die «Polittunte» Patsy ihre wütenden Tiraden gegen aserbaidschanische Badehäuser in der Rubrik «Darkroomgeflüster» veröffentlicht, ist zum Brüllen komisch. Denn die «Begrenztheit dieser Räume» ist leicht zu entziffern als die Begrenztheit der Saunen, Darkrooms und Klappen (gibt es sowas überhaupt noch?), in denen sich Patsys eigenes schwules Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft bewegt – einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliches Begehren in die Räume einer Subkultur verbannt ist; in der Händchenhalten unter Männern, anders als in Aserbaidschan, mit dem Risiko verbunden ist, die Zähne ausgeschlagen zu bekommen.“

Gleichstellung. Ich lach mich scheckig.

Die Positionen von Lamya Kaddor im anfänglich verlinkten Streitgespäch bei DIE ZEIT ist trotzdem äußerst lesenswert, und der Salafist verglichen mit den Pius-Brüdern, an die Ratzinger sich gerade wieder ran robbt, annähernd moderat.