Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Abwehr, Ego, „Antidiskriminierungsopferparty“

Ach, das bringt so schön auf den Punkt, was auch hier über die Jahre abging, das empfehle ich wärmstens:

„Was dann mit der Diskussion geschieht, hängt nur noch vom Moderationsverhalten der Verantwortlichen ab. Wenn sie so gnädig sind zu verhindern, dass sich die Erbosten vor aller Welt blamieren, löschen sie entsprechende Beiträge und Derailing kann vermieden werden. Wenn wir hingegen von einer größeren Tageszeitung sprechen, bricht an dieser Stelle die Apokalypse aus, denn alle, die einmal gedemütigt und verletzt wurden (sprich: auf Fehlverhalten oder Privilegien hingewiesen), kommen jetzt aus dem Unterholz und feiern eine große “Antidiskriminierungsopfer”-Party.

Dringende Lektüreempfehlung!

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25 Antworten zu “Abwehr, Ego, „Antidiskriminierungsopferparty“

  1. momorulez Mai 30, 2012 um 9:59 am

    Gerne geschehen – ist einfach sehr präzise!

  2. goodsoul Mai 30, 2012 um 4:43 pm

    Oh ja! Interessantes Thema! Die Abwehrmechanismen! Insbesondere die „Projektion“ ist in diesem Zusammenhang wohl der Topstar und auch mein persönlicher Liebling!
    Das schöne an den Mechnismen ist – wie ich finde – Ihre absolute Gerechtigkeit und Offenheit!
    Ihnen ist es egal wer du bist, woher du kommst, wie du aussiehst oder was du im Bett mit wem so anstellst!
    Sie kommen einfach zu jedem. JEDEM!
    Das gemeine hingegen ist, dass man sie bei sich nicht immer bemerkt. Insofern ist das mit dem „an der Tür abgeben“ so eine Sache.

    Aber in der Tat sehr erstrebenswert.

  3. momorulez Mai 30, 2012 um 5:16 pm

    Mir scheint ja aktuell der Topstar, immer irgendwelche „post-„-Szenarien anzunehmen – post-gender, post-rassistisch usw. -, um dann gegen jene zu keilen, die von Diskriminierungen betroffen sind und denen Rassismus, Sexismus und Heterophobie vorzuwerfen oder auch einfach nur Wichtigtuerei, Hauptsache, man weist jene permanent zurecht, die schon historisch diese Erfahrung machen durften, Objekt von Degradierung, Zurechtweiserei, ggf. Behandlung oder Strafrecht zu sein. Das funzt prima, und wenn das nicht reicht, sind sie wahlweise überempfindlich, haben eh schwere psychische Störungen oder verstehen die so wohlmeinenden whm einfach nicht, auf deren Kosten sie sich ja nur aufwerten wollen.

  4. goodsoul Mai 31, 2012 um 9:05 am

    Da hast Du recht! Angriff ist halt die beste Verteidigung. Das weiß (fühlt) jeder Vollspacko!

    Ein Klassiker aus dem näheren Umfeld bei mir ist die blonde Bekannte, die nach Ihrem Afrikaurlaub erklären wollte wo der Rassismus eigentlich herkomme und sie als Opfer doch
    auch locker bleibt und deshalb das Rumgeheule der Betroffenen hier bei uns nicht versteht.
    Wahnsinn!

    Whatever! Aber die Geschichte mit den Abwehrmechnismen sollte man auch bei sich selbst nicht unterschätzen!

    PS: Übermorgen Demo!!!!!!!

  5. momorulez Mai 31, 2012 um 10:59 am

    Nö, sollte man nicht unterschätzen, fällt ja auch manchmal schwer, manches anzunehmen. Wobei sich bei den klassischen Diskriminierungsformen schon einigermaßen trainieren kann, wenn man will, glaube ich zumindest.

  6. dangerousbeans Mai 31, 2012 um 4:45 pm

    @momorulez:
    Diese „Post-Szenarien“ sind in der Tat allerliebst. Dazu gehört dann auch zwangsläufig der Vorwurf, dass ja gerade diejenigen, die „heute noch“ auf rassistische Stereotypisierungen oder ungleiche Geschlechterverhältnisse hinweisen und diese kritisieren, den ganzen Schmuh ja damit erst reproduzieren, indem sie nämlich immer wieder darüber sprechen müssen. Dabei haben „wir“ das doch schon längst hinter uns, oder nicht? Deshalb: Schön ignorieren, dann entfällt auch die mühsame Reflexion der eigenen Privilegien.

  7. momorulez Mai 31, 2012 um 5:03 pm

    In der Tat. Und jeglicher Hinweis auf das Besetzen einer dominanten Position wird als ungerechtfertigter Angriff rezipiert, siehe den verlinkten Text. Hatte ich gerade wieder eineinhalb Stunden nach dem Mittagessen, auch nur, weil ich den Herren schon ewig kenne, das ist mir mittlerweile echt zu anstrengend – das ist wirklich hammerhart schwierig bei manchen, denen auch nur das Thema plausibel zu machen, weil sie ja so individuell sind, was sollen denn da diese Verallgemeinerungen wie „Weiß, hetero, männlich“, und sie wollten doch nur eine Gesellschaft, wo diese ganzen Unterschied nichts mehr zählen! Ja, ich auch, aber auf dem Wege „Ich als whm habe aber auch schlimme Erfahrungen gemacht!!!“ landet man da bestimmt nicht. Deutschland ist echt Entwicklungsland in solchen Fragen, und jetzt hat es auch noch den den passenden Präsidenten dazu.

  8. Alleficker Juni 2, 2012 um 7:47 am

    Postgender ist eine Erfindung des Vorsitzenden der Piratenpartei, um den seiner Partei aufgenötigten Genderdiskurs abzuwehren, auf den seine Genossen gerade keine Lust hatten. Dummerweise klingt Postgender wie No-Gender. So hat man sich etwas besseres einfallen lassen: Equali…li…li…ta..ti…tismus (oder so ähnlich). Dazu gründet man einen sogenannten Kegelklub und führt nur so zum Schein einen Genderdiskurs, achtet aber peinlichst darauf, daß den Piraten heilige republikanische Prinzipien hochgehalten werden wie Unschuldsvermutung, Gleichheit vor dem Gesetz etc. Das Ergebnis ist verkappter Antifeminismus, der noch viel antifeministischer ist als das frühere Post-Gender-Gemäkel. Raffiniert! Raffiniert deshalb, weil damit offengelegt wird, daß Genderisten ihren eigenen Genderismus nicht vollständig begriffen haben, und dem Treiben nichts besseres entgegenzusetzen wissen, als sich daran zu beteiligen, was diesen Equa…dingsbums aufwertet.

  9. momorulez Juni 2, 2012 um 10:15 am

    Danke! Aber seine Erfindung ist das nicht, weil das auf dem Diskurs der Anti-PC-Fraktion der US-Rechten aufbaut. Das kann man tatsächlich schon bei Milton Friedman und anderen Rechtsradikalen finden. Was eben wichtig ist, dass man der liberalen Ideologie nicht auf den Leim geht, dass diese gar nicht rechts sei. Ist sie in eben dem Sinne, dass sie reale, gesellschaftliche Verhältnisse verschleiert, die inegalitär sind.

    Das Schlimme ist ja, dass diese Ideologie unter WHM einfach in allen möglichen politischen Konstellationen aufzufinden ist. Auch und gerade bei jenen, die ein linkes Selbstverständnis haben. Was ein Mordserfolg der US-Rechtsradikalen ist.

  10. Alleficker Juni 2, 2012 um 2:49 pm

    Naja, nicht alles, was schlecht ist, kommt aus Amerika. Auch in Germanien gibt es eine liberale Tradition. Und dieser teutonische Liberalismus hat dieselben Fehler und Beschränktheiten wie der amerikanische Liberalismus.

    Außerdem muß man den religiös-konservativen vom liberalen Antifeminismus sorgfältig unterscheiden. Deine oft zitierten amerikanischen Evangelikalen gehören der ersten, die Piraten der anderen Gruppe an.

    Man erkennt den Unterschied in der Haltung zum Schwulsein. Die Toleranz gegenüber Schwulen stößt bei religiös-konservativen Antifeministen, also bei Salafisten, Katholiken und Evangelikalen immer irgendwo an eine Grenze. Liberalen Antifeministen sind Schwule gleichgültig. Darauf bilden sie sich etwas ein. Liberale haben kein Problem mit Schwulen. Die FDP hatte einen sich offen zu seiner Homosexualität bekennenden Vorsitzenden. Der Berliner Oberbürgermeister bekennt sich offen zu seiner Homosexualität. Alles kein Problem. Liberaler Antifeminismus geht daher auch für viele Schwule prinzipiell in Ordnung.

    Religiös-konservative Kräfte bringen es auf der anderen Seite manchmal fertig, die Interessen von Frauen politisch besser zu vertreten als liberale. Denn neben ihren republikanischen Dogmen sind Liberale die Menschen, unter ihnen die Frauen, und die Realitäten, in denen sie leben müssen, herzlich gleichgültig. So kommt es, daß ausgerechnet Erdogan die Institutionen in seinem Heimatland einführt, die Männerrechtler hierzulande gerne abschaffen möchten.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Bitte nicht zu dolle an Verschwörungstheorien basteln!

    —-

    Der Gerechtigkeit gegenüber der Piratenpartei zuliebe, möchte ich noch kurz anmerken, daß nicht nur liberaler Antifeminismus sondern auch Genderismus in dieser Partei zu finden ist. Das ist kein Wunder, denn auch Feministen machen denselben Fehler wie Liberale, wie Frau Schrupp, allerdings hier im falschen Zusammenhang, anmerkt.

  11. momorulez Juni 2, 2012 um 3:41 pm

    Für mich ist das ja alles zusammen der arisch-evangelikale Komplex 😀 – klar gibt es auch eine germanisch-liberale Tradition, aber ob nun Dahrendorf oder der spätere Habermas, das sind ganz andere Traditionsmuster als bei den eher sich auch aus libertären Töpfen bedienenden US-Rechten. Das wären nach dortigen Ordnungssystemen dann halt „Liberals“, als gerade nicht Friedman und solche. Und die mag ja idealtypisch von der religiösen Rechten zu unterscheiden sein, aber de facto läuft das häufig zusammen, und das ja aus systematischen Gründen.

    Dieses formale Anerkennen auf liberaler Seite, das bricht übrigens bei vielen – wie ja auch bei vielen Linken, die traditionell tatsächlich oft eher noch homophober als die Liberalen agierte – von denen ziemlich schnell zusammen, wenn man Bürgerliches im Allgemeinen und tatsächliche, homophobe Muster im Besonderen etwas offensiver thematisiert.

    Und gezielt von Think Thanks und bestimmten publizistischen Ecken gestreute Denkmuster und Instant-Argumente sind ja nun keine Verschwörungstheorie. Das ist empirisch so, und Leute wie Bolz, Poschardt, Fleischauer und dergleichen haben da schon Sachen aus den USA übernommen.

    Was nun freilich dieses Übernehmen liberaler und antifeministischer Motive durch Schwule betrifft hast Du völlig recht. Das ärgert mich auch regelmäßig. Die schwule Szene hat auch ein schweres Rassismusproblem, so weit ich das überhaupt noch mit kriege, bin da ziemlich raus.

    Die Links habe ich noch nicht gelesen, mache ich aber noch!

  12. momorulez Juni 2, 2012 um 4:12 pm

    Zu den Links noch kurz: Gaywest, von anderen schon mal nicht zu Unrecht als „Stahlhelmfraktion der liberalen Blogosphäre“ bezeichnet, sind tatsächlich typisch für bestimmte Übel in der schwulen Szene. Die merken gar nicht, wie sie sich mit ihren potenziellen Vernichtern gemein machen. Dieses Blog – bzw. seine Vorgänger – hat ja in seinen Anfangszeiten sehr intensiv die Auseinandersetzung mit damals zunächst noch mit PI paktierenden Liberalen gesucht, die eben nicht in der Dahrendorf, sondern in der US-Tradition argumentierten und im Zuge des Pro-Bush-Bloggens antraten, Antibuerokratieteam, Bissige Liberale, Waldorf und Statler damals. Und klar, viele der Muslimhasser unter denen sind dezidiert anti-religiös, das stimmt schon. Sie kommen trotzdem ständig mit dem Totalitarismusargument um die Ecke, sobald es darum geht, gesellschaftliche Ungleichheiten zu benennen und ändern zu wollen, ganz wie die Religiösen ja auch, die einem Faschismus, Zensur und Angriffe auf Freiheitsrechte unterstellen, wenn man sie auffordert, ihre homophobe Hetze doch mal bleiben zu lassen. Was dann analog zu dem „Feminazi“-Argument funktioniert. Und das Schlimme ist, dass diese Muster mittlerweile sogar von ehemaligen Autonomen angewendet werden.

    Hattest Du mit dem Link auf den Text zur Vaterschaftsfrage Antje Schrupp, die ich ja prima finde, nun unter religiös-konservativ oder liberal verbuchen wollen? Ihr Kommentar im Blog zum Gendercamp ist klasse 😀 – den Text hatte ich auch schon mal gelesen und mich ziemlich erschrocken, da hat die Autorin gar nicht verstanden, was Lantzschi meinte, glaube ich, und kam dann echt mit ziemlich gefährlichen Konservatismen um die Ecke.

  13. Alleficker Juni 2, 2012 um 4:36 pm

    Kann ja sein, daß Thinktanks Antifeminismus verbreiten. Bin aber der Meinung, daß Antifeminismus intrinsisch in den zugrundeliegenden Ideologien angelegt ist. Religion ist an und für sich schwulenfeindlich und möchte Frauen in die Küche sperren. Also sind auch religiös-konservative Kräfte schwulenfeindlich und möchten Frauen in die Küche sperren. Den „Gebt-das-Hanf-frei!“-Liberalisten der Piratenpartei sind die Schwulen und Frauen gleichgültig. Sie verstehen nicht, daß ihre heilige republikanische formale Gleichheit der Bürger den Interessen der Frauen nur begrenzt nützt. Darauf gründet sich eine andere Art Antifeminismus, der sich vom religiös-konservativen Antifeminismus inhaltlich unterscheidet.

  14. Alleficker Juni 2, 2012 um 4:48 pm

    Antje Schrupps Text habe ich wegen ihrer Kritik an Sabine Leutheuser-Schnarrenbergers Haltung zur Sorgerechtsfrage angefügt. Diese Haltung halte ich für recht typisch für den liberalen Antifeminismus. Antje Schrupps Kritik halte ich für konservativ und esoterisch, und leuchtet nur unter den gegenwärtigen Geschlechterrollenerwartungen ein. Interessant finde ich, daß die Kritik an Sabine Leutheuser-Schnarrenberger eben fast ausschließlich aus dem konservativen Lager, also zum Beispiel aus den Reihen der CSU kommt.

  15. momorulez Juni 2, 2012 um 5:18 pm

    An dieser Vaterschaftssorgerechtsfrage will ich mir gar nicht die Finger verbrennen; ich bekenne, da tatsächlich der Ignoranz schuldig zu sein und mir darüber nie Gedanken gemacht zu haben, vermutlich eines der wenigen Privilegien, die man als Schwuler hat (die Mittelschichts-, Bildungs- und männlichen und Weißen-Privilegien habe ich ja unabhängig davon). Und so im Zuge meines Bloggens versuche ich ja immer eher, die strukturellen Zusammenhänge zwischen Sexismus, Rassismus und Homophobie im Kontext eines mächtigen Rollbacks gegen die paar Errungenschaften, die Frauen, PoC, Schwule und Lesben nach ’68 zumindest dann erreicht haben, wenn sie über die „richtige“ Staatsangehörigkeit verfügten. Und manchmal ahne ich mich da eher an ökonomische Zusammenhänge heran, als dass ich sie ausreichend systematisch erfassen würde. Und das tritt immer irgendwie im Rahmen einer liberalen Totalitarismustheorie auf, die hinterrücks rassistisch, homophob und sexistisch ist als bürgerliche Ideologie, weil sie Machtkonstellationen und Deutungshoheiten und somit manifeste ökonomische Strukturen bewahren will, wozu auch das Verfügungsrecht über den Frauenkörper gehört. Was ja gerade die religiöse Rechte mit einer Vehemenz nicht nur in der Abtreibungsfrage beansprucht,das ist ja atemberaubend.

    Vermutlich verliere ich dabei häufig den Blick für die Differenzen zwischen Sexismus, Homophobie und Rassismus und peile deshalb auch manches aus feministischen Diskussionszusammenhängen nicht ausreichend.

  16. El_Mocho Juni 8, 2012 um 5:12 pm

    Also ich habe mir dieses Vorwort von Sartre nochmal durchgelesen; wirklich ein sehr schwacher text. Reines politisches Papmphlet, dass nicht mal den versuch macht, eine Argumentation zu entwickeln. Vielleicht kann man ihm ja zu gute halten, dass der Text von 1961 stammt, also aus der Phase der Entkolonialisierung, als noch nicht absehbar war, dass die antikolonialistischen Kämpfer im wesentlichen üble Diktaturen errichten würden, aber leider sidn soclhe fehleinschätzungen bei Sartre ja chronisch.

    Es gibt einen schönen Text von Octavio Paz anlässlich von Sartres Tod:

    http://www.pnreview.co.uk/cgi-bin/scribe?item_id=8112

    Paz war von 1945 bis 1951 an der mexikanischen Botschaft in Paris beschäftigt und hat Sartre gut kennen gelernt. Er schreibt:

    „Our last conversation was almost entirely about politics. Commenting on the discussions at the United Nations about the Russian concentration camps, he told me: ‚The British and the French have no right to criticize the Russians on account of their camps, since they’ve got their colonies. In fact, colonies are the concentration camps of the bourgeoisie.‘ His sweeping moral judgement overlooked the specific differences-historic, social, political-between the two systems. In equating Western colonialism with the repressive Soviet system, Sartre fudged the issue, the only one that could and should interest an intellectual of the left such as he was: what was the true social and historic nature of the Soviet régime? By evading the basic theme, he helped indirectly those who wanted to perpetuate the lies with which, up to that time, Soviet reality had been masked. This was a serious equivocation, if one can so describe an intellectual and moral fault.”

    Ist ja auch ein ziemlich irrer Vergleich, aber hat System bei Sartre. Weiter:

    “Time after time he supported the tyrannies of our century because he thought that the despotism of the revolutionary caesars was nothing but the mask of liberty. Time after time he had to confess that he had erred: what seemed a mask was the concrete face of the Chiefs. In our century, revolution has been the mask of tyranny. Sartre saluted each triumphant revolution with joy (China, Cuba, Algeria, Vietnam) and afterwards, always a little late, he had to declare that he had made a mistake: those régimes were abominable. If he was severe about the American intervention in Vietnam and the French policy in Algeria, he did not shut his eyes to the cases of Hungary, Czechoslovakia and Cambodia. Nonetheless, for years he insisted on defending the Soviet Union and its satelites because he believed that, despite everything, those régimes embodied, even if in a deformed way, the socialist plan. His criticism of the West was implacable and distills a hatred of his world and of himself; his preface to the book on Fanon is a fierce and impressive exercise in denigration which is, at the same time, a self-expiation. It is revealing that, in writing those pages, he did not perceive in the freedom movements of the so-called Third World the germs of political corruption which have transformed those revolutions into dictatorships.”

    Das ist ein entscheidender Punkt: die Antikolonialisten, die linken Revolutionäre und die “PoC”s aller Art sind natürlich nicht gefeit gegen ideologische Irrtümer. Oder vielmehr: sie finden Diktaturen ganz OK, wenn es nur die richtigen Luete sind, die die Macht haben. Nämlich wir und nicht die anderen.

    Dann fragt Paz nach den tieferen Gründen für Sartres politische Fehlurteile:

    “In a deeper layer of Sartre’s personality there was an antique moral fund marked, more than by dialectics, by the familiar inheritance of Protestantism. Throughout his life he practised with great severity the examination of conscience, axis of the spiritual life of his Huguenot ancestors. Nietzsche said that the great contribution of Christianity to the knowledge of the soul had been the invention of the examination of conscience and of its corollary, remorse, which is at the same time self-punishment and the exercise of introspection. The work of Sartre is a confirmation, yet another confirmation, of the precision of this idea. His criticism, whether of American politics or of the attitudes of Flaubert, follows the intellectual and moral scheme of the examination of conscience: it begins as a watchfulness, a tearing off of the veils and masks, not in search of nakedness but of the hidden ulcer, and it ends, inexorably, in a judgement. For the Protestant religious conscience, to know the world is to judge it and to judge it is to condemn it.
    By a curious philosophical transposition, Sartre substituted for the predestination and liberty of Protestant theology psychoanalysis and Marxism. But all the great themes which fired the reformers appear in his work.“

    Genau das ist es, und das läuft auch auf diesem Blog ab: es wird eine öde, protestantische Pastorenmoral gepredigt, mit Kategorien wie Würde, Respekt und Reflexion. Es wird von anderen gefordert, sie sollten in sich gehen und Buße tun. Und indem man das von anderen fordert, kann man sich selber sehr schön von der Schuld freimachen, self-expiation eben.
    Selbst wenn man sagt: “Alle sind rassistisch, ich auch, in einer durch und durch rassistischen Gesellschaft ist niemand von Rassismus frei”, stellt man sich noch über die anderen, denn man selber verfügt ja über die Einsicht, die gewöhnlichen Menschen abgeht.

    Und alles geschieht unter bewusster Außerachtlassung aller Faktoren, die dem einmal gefassten Bild entgegenstehen. Das gilt sowohl für Sartre wie auch für dich; es werden keinerlei historische Zusammenhänge in den Blick genommen, bei Sartre klingt es gradezu, als hätten die Afrikaner glücklich und zufrieden gelebt, bis die bösen weißen Kolonialisten kamen und sie versklavten. Weder wir die Geschichte vor dem 15. Jahrhundert betrachtet, noch stellt man sich die Frage, warum die Europäer das eigentlich gemacht haben? Und warum es die Afrikaner nicht gemacht haben? Wahrscheinlich wird hier einfach “Schuld” unterstellt, sprich: es wird essentialisiert. Und man fragt sich auch nicht, warum sie es überhaupt geschafft haben, die halbe Welt zu unterwerfen? Portugal hatte Anfang des 16. Jahrhunderts eine Million Einwohner, und die haben Brasilien, Angola, Mozambique, Guinea, Goa in Indien, Macao, die Molukken usw. Kolonialisiert. Wie konnten sie das schaffen? Zweifellos durch ihre technische Überlegenheit. Und wenn man sich mal fragen würde, woher die gekommen ist, käme man evtl. Zu einem realistischeren Bild des Kolonialismus.

    Dann wäre allerdings schluss mit der self-expiation, und das wäre ja ätzend.

    Übrigend noch ein schönes Zitat von Octavio Paz, aus einem anderen Buch (Itinerario), von mir übersetzt:

    “Die große Abwesende im Werk von Sartre ist die moderne Wissenschaft. Burham war erstaunt über die Unwissenheit Trotzkis bezüglich Physik, Mathematik und Logik, aber Sartres Lücken waren noch viel größer. Auf der einen Seite war er ein Ideologe, auf der anderen, wertvolleren, ein Literat. Das wertvollste seines Werkes sind seine literarischen Essays, nicht seine Philosophie.”

  17. schwules Mädchen Juni 8, 2012 um 6:53 pm

    @mocho: …jaja, die Bürde des Weißen Mannes und so…

    Sartre interessiert mich nicht. War halt ein Trottel. Trotzkis Kenntnisse in Naturwissenschaften und Mathematiker dürften umfangreicher sein als bei Seehofer. Seine Reden und Schriften überzeugender und logischer als die Stibers. Das ist aber alles unwichtig.

    Woher hatten die Portugiesen ihre technologischen Fertigkeiten? Weißt Du das? Wie sah es z.B. hundert Jahre vor der Zeit Heinrich des Seefahrers in Portugal aus? Immerhin muß man den katholischen Fanatikern auf der iberischen Halbinsel bescheinigen, daß sie gute Schüler waren und bei den ihnen so verhaßten Seefahrernationen ihrer Zeit alles gelernt haben, was man zur Weltherrschaft benötigt, also Mathematik, Astronomie, Geographie, Nautik etc.

    Warum werden die postkolonialen Staaten diktatorisch regiert, ist die falsche Frage. Sie müßte heißen: Warum wird der Westen in der Regel demokratisch regiert? Weshalb fehlt diesen postkolonialen Staaten die soziale Basis für bürgerlichen Liberalismus und Republikanismus? Sind Liberalismus und Republikanismus überhaupt geeignete Maßstäbe, um postkoloniale Staaten vernünftig zu beurteilen, und verwechselt man sie nicht mit einer paternalistischen Zwangsbefreiung?

  18. momorulez Juni 8, 2012 um 7:24 pm

    @El Mocho:

    Ich mache mir bei Gelegenheit gerne die Mühe, dieses Vorwort hier zum Gegenstand zu machen; wer da die Argumentation nicht findet, muss schon ziemlich borniert sein. Wenn meinem Kompagnon mit Vater aus Burundi das Thema begenet, kriegt der sich gar nicht mehr ein, weil es für ihn eines der wenigen Beispiele dafür ist, dass ein weißer Philosoph sich mit dem Thema beschäftigt hat und bereit war, selbst dabei einen Schritt zurück zu treten.

    Und was willst Du mit dieser Aussage nun sagen, dass danach die Diktatoren kamen? Sie hätten lieber kolonisiert bleiben sollen? Kannst ja bei Allende z.B. sehen, was jenen blühte, die mal ein bißchen ernster machten.

    Solche Statements wie das von Octavio Paz gibt es viele zu Sartre, von Derrida z.B. auch. Ich bin immer wieder eher verblüfft, wie radikal Sartre im Grunde genommen gedacht hat, trotzdem er sich später im Rahmen dessen bewegte, was Kurz den „exoterischen Arbeiterbewegungsmarxismus“ nannte.

    Hatte hier eigentlich schon irgendwer den groben Unfug Martensteins in der ZEIT erwähnt? Ein Text als Symptom – desinformiertes WHM-Geblubbber, das Nichtzusammengehöriges zu einer Art verbranntem Rührei verklebt und gar nicht schnallt, dass es eine richtige Pointe ahnt, die es dann völlig verfehlt. Bizarrer Text.

  19. momorulez Juni 8, 2012 um 7:27 pm

    @schwules Mädchen:

    Sartre war kein Trottel, aber die anderen Fragen sind spannend. Würde sich glatt lohnen, dazu einen eigenen Thread aufzumachen.

  20. T. Albert Juni 8, 2012 um 10:47 pm

    Ja, doof, dass der doofe Sartre nicht der Philosoph der Kolonialisten war. Der mittels Paz koplortierte Unsinn von Sartres wissenschaftlichen Lücken lässt sich ja leicht überprüfen, wenn man ihn einfach liest, zB „Die Transzendenz des Ego“-Aufsätze und als Begleitung Merleau_Ponty. Muss man aber nicht, man kann irgendwelche lustigen Zitate von Herrn Paz irgendwo herholen, der Sartre eben doof findet, und zu Bekräftigung wiederum jemanden zu Trotzki zitiert, anstatt Sartres Fehler zu zitieren.
    Die ganze „historische“ Argumentation von El Mocho führt zum Schluss, dass der Kolonialismus eine tolle Sache war, der halt auf technischer überlegenheit sozusagen natürlicherweise beruhte.
    Die von ihm selbst aufgeworfene Frage, warum die EUropäer kolonisiert haben, beantwortet El Mocho selbstverständlich nicht, kann aber Sartre protestantische Selbstentschuldung vorwerfen, wenn der gegen den Kolonialismus ist und sich sogar sehr persönlich in die französisch-algerischen und -afrikanischen Fragestellungen verwickeln lässt, was natürlich auf trotteligen Fehlurteilen beruhte, wofür er mit mehreren Attentaten bestraft wurde, der Stalinist Sartre.
    Das kommt davon, wenn man mit Würde, Respekt und Reflexion dealt.
    Das hat man davon, wenn man den Katholiken Paz liest?
    Gestern hat mir eine siebzehnjährige Schülerin erklärt, warum sie vermittels ihres Vaters Angela Davis gut findet; offensichtlich gibt es andere Erzählungen in anderen Familien, die ihre präzisen Gründe haben.

  21. Nörgler Juni 9, 2012 um 7:57 am

    Bei allem, was Willy nicht gefällt, kommt hinten stets und vollautomatisch ein totalitäres System heraus.

  22. momorulez Juni 9, 2012 um 5:19 pm

    Hier ein Link zu dem Text vom trotteligen Sartre, um den es u.a. geht:

    Ist ja aller Ehren wert, dass das jemand hochgeladen hat; dass das Buch von Fanon NICHT mit hochgeladen wurde, ist aber auch wieder typisch. Das kann man aber sogar noch auf deutsch kaufen, „Schwarze Haut und weiße Masken“ leider nur antiquarisch, dabei ist das für alle Diskussionen hier im Blog eigentlich wichtig, weil es sich explizit auf Sartres Intersubjektivitätstheorie bezieht, die für vieles hier den Hintergrund bildet.

  23. momorulez Juni 9, 2012 um 5:41 pm

    PS: Die englische Version gibt es allerdings sogar als eBook. In Deutschland hält man sich halt lieber unwissend in solchen Fragen und gleichzeitig für weltweit führend in Fragen des geläuterten Antirassismus.

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