Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Postkoloniale Maßstabskonstruktionen

„nicht nur auf den ersten Blick eine westlich anmutende Oase.“

„Baku sieht westlich aus, Kopftücher bei Frauen sind rar“

„Baku verströmt überall den Charakter von Moderne“

„um sich der Öffentlichkeit als europäisch, modern und weltoffen zu präsentieren. Einiges in Baku ist verblüffend europäisch.

Doch viele europäische Werte und Ideale zählen hier nichts.“

Äh, ähem, ja. Also. Tja. Mit der Methode landet man auch bei Diagnosen wie jener, dass so called „Homosexualität“ unafrikanisch sei. Was ist denn das für eine krude Methode, nunmehr „westlich“, also jener Kulturkreis, der nicht nur Homophobie erfunden hat, sondern durch Kapitalismus, Kolonialgeschichte, Sklaverei, Rassismus, Sexismus und fortwährende Kriegsführung bis ins Jetzt geprägt wurde und wird, als positiven Wertmaßstab zu verkünden und es sich nicht nehmen zu lassen, das dann in Sprachbildern – Kopftuch – mit „dem Islam“ zu konfrontieren?

Ganz gewitzt auch Spiegel-Online:

„Hier ist Schwulsein ein Schimpfwort“

Meint er einen Schulhof in Eppendorf oder Teile der Fankurve von Hansa Rostock? Alles, was in dem Artikel beschrieben ist, galt noch in den 70ern in der BRD, gilt in nicht nur ländlichen Regionen Westeuropas wie auch der USA oder Brasiliens, und Gewalt gegen Lesben und Schwule in Berlin bringt auch nur dann Artikelfülle hervor, wenn Schmierfinken die Möglichkeit der Ethnisierung wittern.

Durch die Denunziation Eulenburgs als „homosexuell“ agitierte die politische Linke gegen Wilhelm Zwo, so mobbten auch Horkheimer und Adorno Golo Mann, und das berühmte „ist auch gut so!“ Wowereits ist meines Wissens aus der Angst vor einer Springer-Kampagne geboren. Die ihn mitsamt der anderen Medienmacht halt zum Party-Bürgermeister stilisierte, weil Schwule ja so sind in ihrer narzißtischen und lotterhaften Verantwortungslosigkeit.

Ich finde es ja im Gegensatz zu Alliierten in anderen Blogs schon richtig und auch nicht zum Fremdschämen, wenn identitäre Schwulen- und Lesbenpolitik im Lande des Grand Prix als Möglichkeit politisch gefordert wird und eine Kritik dortiger Verhältnisse völlig richtig.

Aber doch nicht im Namen „des Westens“. Das schreibt einfach die „Nach unserem Vorbild werdet ihr zu Menschen“-Motorik fort, die schon die Herrnhuter-Missionare auf den karibischen Sklavenhalter-Plantagen Schimmelmanns antrieb.

Wenn ich nicht fehlinformiert bin, ist die politische Ideologisierung „des Islam “ wie z.B. im Falle des Iran, wo verglichen mit Saudi-Arabien noch eine ziemlich ausdifferenzierte Gesellschaft existiert und Khomeni u.a. von den USA an die Macht gebracht wurde, letztlich eine Form der Verwestlichung. Nicht umsonst finden sich im Mullah-System samt Wächterrat mannigfaltige Parallelen zu vielen Katholiken und Evangelikalen, auch, was die ökonomische Absicherung der Besitzenden und Herrschenden betrifft.

Und das identitäre Modell ist immer eines, das den Abgrenzungszwang im Sinne der Heteronormativität befördert und zudem ein klinisches Produkt, genuin, das als eine Art Säkularisierung des Christentums funktionierte. Mit solchen postkolonialen Vorstellungen, wie sie von den Autoren im Sinne „des Westens“ proklamiert werden, agitiert man nun wirklich dafür, global Schwulen- und Lesbenhass hervor zu bringen, ironischerweise oft mit dem Geld der katholischen, evangelikalen und anglikanischen Kirchen.

Reicht doch, die Möglichkeit von Selbstbestimmung global und für jeden einzufordern und die ökonomischen und politischen Voraussetzungen gleich mit. Und deren Möglichkeit ist menschlich, nicht westlich.

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5 Antworten zu “Postkoloniale Maßstabskonstruktionen

  1. Janni Mai 25, 2012 um 9:40 pm

    Hey Momo,

    ich möchte mich mangels Zeit weder zu diesem, noch zum Kuttner-Text inhaltlich äußern. Hier gab es ja noch nicht so viel Feedback, aber die Diskussion um Frau Kuttners Äußerungen war wieder einmal sehr lesenswert – und das Posting von S. das Highlight.

    Und ich hatte schon befürchtet, Du hättest eine Sommerpause mit dem Blog eingelegt. 😉

    Danke!

    Janni

  2. momorulez Mai 25, 2012 um 9:50 pm

    Dankeschön – auch an S., sehe ich ja auch so und bin sehr, sehr froh, dass er das gepostet hat. Das ist ja immer eine zweischneidige Angelegenheit, da als Weißer so vorzupreschen, da war das echt wichtig, auch für mich, für die Diskussion, dass er sozusagen das „okay!“ gab und eindrucksvoll seine Perspektive dargelegt hat!

    Nee, keine Pause, manchmal fressen halt andere Lebensbereiche einen auf.

  3. Janni Mai 25, 2012 um 9:52 pm

    „ich möchte mich mangels Zeit weder zu diesem, noch zum Kuttner-Text inhaltlich äußern…“

    Schrieb ich oben. Ich habe gerade gedacht, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Also: Ich freue mich nicht nur über Diskussionen, sondern auch im besonderen über die den Diskussionen zugrunde liegenden Texte. Und ich teile in weiten Teilen die Meinung des Autors. So.

  4. Janni Mai 25, 2012 um 9:55 pm

    Ja, und das war ein Parallel-Posting… Ich bin jetzt raus – danke!

  5. Pingback: Fundstücke « Serdargunes' Blog

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